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NZZ Folio 02/10 - Thema: Das Ehrenamt Inhaltsverzeichnis
Leihväter
© Tobias Kruse, Berlin
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| «In meinem Berufsalltag geht es technokratisch zu, Emotionen sind eher selten. Mit Robert dagegen ist alles emotional»: Der Rechtsanwalt Ulrich Krauter ist jeden Sonntagnachmittag für den neunjährigen Robert da. Er ist sein Pate im Projekt Big Friends for Youngsters (Biffy). |
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Patenschaften für Kinder in Entwicklungsländern kennt man. Ungewöhnlicher sind Paten für Kinder in Berlin: Männer, die als grosser Freund abwesende Väter ersetzen.
Von Mikael Krogerus
Ein junger Mann sitzt in einem Café und schaut in das schneeverwehte Berlin. Ulrich Krauter, so heisst er, ist normalerweise bei der Deutschen Bank zuständig für die Bekämpfung von Geldwäscherei. Plötzlich steht ein Junge im Schnee vor dem Café, winkt heftig, ruft etwas. Die gläserne Front schluckt den Ton, aber sein Mund, das sieht man deutlich, formt sich zu dem Wort: Ulrich! Ulrich Krauter winkt freudig zurück: «Das ist Robert.»
Die Szene könnte ein Werbevideo sein für Biffy – ein Akronym für Big Friends for Youngsters (grosse Freunde für junge Leute). Der Berliner Verein vermittelt seit 2001 Patenschaften zwischen Erwachsenen und Kindern. Robert und Ulrich sind eines von 110 Patenpaaren in der Stadt.
Jeden Sonntag um 13 Uhr holt Ulrich Robert ab. Sie gehen ins Schwimmbad, in einen Freizeitpark oder einfach nur spazieren – Dinge, die Robert mit seiner gehbehinderten Mutter nicht unternehmen kann. Aber was ist Ulrich für Robert? Zweitvater? Taufpate? Eher ein grosser Freund, vielleicht ein Mentor. Anfangs nannte Robert seinen Paten «Herr Ulrich». Inzwischen Ulrich. Und vor seinen Freunden in der Schule spricht er stolz von «mein Pate».
Wenn man die Diskussion über die sich zersetzenden Familienstrukturen, die durchindividualisierte Gesellschaft besser verstehen will, dann lohnt sich ein Besuch bei Biffy. Die Kernidee hinter der Vereinsgründung vor zehn Jahren war, eine gesellschaftliche Lücke zu füllen: Wenn Eltern sich aus verschiedenen Gründen nicht angemessen um ihre Kinder kümmern können, sollte das nicht Privatsache sein, sondern von der Gesellschaft mitgetragen werden. Da der Staat das nur ungenügend tut, müssen Ehrenamtliche einspringen. Biffy ist Vorreiter in diesem stark wachsenden Feld. Deutschlandweit gibt es heute weit über 200 Initiativen: Grosselterndienste, Mentorenprogramme für Migranten oder für Kinder psychisch kranker Eltern, die alle in den letzten Jahren entstanden sind.
In den USA ist Mentoring eine Massenbewegung, so selbstverständlich wie bei uns Skilager. Die Zahl der Jugendlichen in Mentorenprogrammen hat sich in der Zeit von 2000 bis 2005 fast um einen Drittel erhöht. Heute haben über 4 Millionen, also 10 Prozent der Jugendlichen, eine erwachsene Bezugsperson ausserhalb der Familie. Die Ergebnisse sind beeindruckend: Mit einem Mentor steigen die Chancen, die Schule abzuschliessen, um 50 Prozent. Auch in der Schweiz – wo jährlich über 800 Millionen Franken für humanitäre Zwecke gespendet werden – gibt es Patenschaftsprogramme, für Strassenkinder in Liberia, für Frauen in der Wissenschaft. Und für Ausländerkinder gibt es das Projekt «Mitten unter uns» des Roten Kreuzes, das Jugendliche mit Schweizer Familien in Kontakt bringt.
Es ist Sonntag: Ulrich Krauter spaziert mit seinem Patenkind am Kanal. Als Robert ihn aus dem Nichts heraus fragt, warum die Mauer nicht mehr stehe, erklärt sein Pate, dass Deutschland früher geteilt war und dass… Die sprunghafte Aufmerksamkeit des neunjährigen Robert hat bereits etwas anderes entdeckt, ein altes Verkehrsflugzeug, das über dem Technikmuseum hängt. «Was ist das für ein Flugzeug?» Als der Pate zu einer kindergerechten Überleitung vom Mauerbau zur Geschichte der Luftfahrt ansetzt, sagt Robert plötzlich: «Ich wünschte, du wärst mein Vater.» – «Ja», antwortet Krauter. Und mit der gleichen ruhigen Entschiedenheit, mit der er sich unter der Woche seinen Aufgaben bei der Bank widmet, sagt er: «Aber das kann ich nicht werden.» – «Ich weiss», antwortet Robert, «aber ich wünsche es mir trotzdem.»
Der 31jährige Ulrich Krauter, der genau zuhört und seine Worte sorgsam wählt, ist Rechtsanwalt und schreibt an seiner Doktorarbeit über Wirtschaftskriminalität. Sein soziales Engagement ist – wie bei vielen Paten – autobiographisch begründet. Sein Vater verliess die Familie, als Ulrich zwölf war, seine Mutter versank in ihren Problemen, Krankheiten isolierten den Jungen zeitweise von seiner Umwelt, er war einsam. Heute denkt Krauter, dass er gern jemanden gehabt hätte, der ihn einmal in der Woche aus seiner Isolation herausgeholt hätte. Jemand, der ihm etwas zugetraut, ihn ernst genommen und auf Fehler angemessen reagiert hätte.
Dass dies nicht nur Kindern guttut, die aus «schwierigen» Verhältnissen kommen, weiss jedes Kind. In Deutschland hingegen nehmen vorerst sozial Bedürftige das Angebot von Biffy in Anspruch, die wenigsten wollten sich interviewen lassen, aus Unsicherheit oder auch aus Scham, hilfsbedürftig zu sein. Die Mutter von Robert schämt sich nicht, sie ist stolz, dass ihre Kinder bei Biffy sind. Die gebürtige Polin hat zwei Buben von zwei verschiedenen Vätern. Aufgrund einer Multiple-Sklerose-Erkrankung ist sie arbeitsunfähig. Als ihr vor einigen Jahren das Jugendamt eine Broschüre von Biffy zeigte, ahnte sie, dass ihre Söhne hier die Möglichkeit bekämen, Dinge zu erleben, die sie ihnen nicht bieten konnte.
In vielen Kulturen sind die leiblichen Eltern für das Kind bis heute nur Bezugspersonen unter anderen. Auch in Mitteleuropa gab es im frühen Mittelalter eine Zeit, in der leibliche Eltern und Pateneltern gleichberechtigt waren. Wie sehr Paten als Teil der Familie galten, zeigt das 530 n. Chr. erlassene Gesetz, gemäss dem Pateneltern und -kinder keinen sexuellen Kontakt pflegen dürfen, weil sie verwandt seien. Das Gesetz war in Frankreich bis 1982 gültig. Erst im 19. Jahrhundert etablierte sich in Westeuropa das Ideal der biologischen Kleinfamilie. Mit der Industrialisierung wurde die Grossfamilie zur Kernfamilie, in der die Mutter sich um die Kinder kümmerte und der Vater arbeiten ging. Seither hält sich hartnäckig die Vorstellung: Nur die leibliche Mutter sorgt optimal für ihre Kinder; und wenn sie es nicht schafft, springt der Staat ein. Vielleicht aber, vermuten Soziologen, sind Patenschaften Teil einer dauerhaften Veränderung. Neue Familienformen führen dazu, dass Nichtverwandte wie der Lebenspartner, der Mitbewohner, ein Lehrer oder der Mentor so wichtig werden wie ein Familienmitglied.
Im Zug von Berlin nach Hamburg sitzt Kitane, ein schmales, hübsches 12jähriges Mädchen. Kitane lebt mit ihren beiden jüngeren Geschwistern bei der Mutter im Südosten Berlins. Heute ist sie auf dem Weg zu ihrer Patin Carola in Hamburg. Die 52jährige Carola verbrämt ihr Engagement nicht: Das sei purer Egoismus, sie kompensiere ihre Kinderlosigkeit. Im Restaurant fragt sie Kitane behutsam aus: Schule? Musikunterricht? Hausaufgaben? Kitane antwortet gerissen, sie habe sie in Berlin vergessen. Carola sei viel strenger als ihre Mutter, hatte sie vorher im Zug verraten, also sei es besser, ohne Hausaufgaben hinzufahren.
Carolas Interesse für Kitane ist unübersehbar. Ihre Begeisterung auch. Wie gelingt es ihr, ein Kind, das nicht ihr eigenes ist, so liebevoll zu behandeln? «Da ist dieses Gefühl, das hinterher befriedigt ist.» Was für ein Gefühl? «Ich nenne es Liebe. Es ist wohl ein wenig das Gefühl, das man hat, wenn man Mutter ist.» Gibt es Konkurrenz zwischen ihr und der Mutter? «Nein, nein, Kinder wollen ja immer zu ihren Eltern.» Und Uneinigkeiten? «Ich versuche, sie nicht zu erziehen, aber ich denke, man kann nicht nicht erziehen», antwortet Carola vorsichtig.
Biffy hat hierzu eine Regel: Es sei nicht Aufgabe der Paten, Hausaufgaben zu kontrollieren oder vermeintlich vernachlässigte Erziehungsmassnahmen durchzuführen. Vielmehr gehe es darum, den Kindern einmal in der Woche «eine kleine Sonne zu sein». Die meisten Paten sind kinderlose Akademiker, eine wachsende Gruppe bilden Homosexuelle. Alle drei Monate treffen sich die Paten zur «Paten-Pasta». Da können sie sich austauschen, ehrlich erzählen, wie es läuft. Die drei häufigsten Probleme eines Paten: die komplizierte Beziehung zur Mutter des Kindes; übertriebene Erwartungen des Kindes; das schattenhafte Verhältnis zu den abwesenden biologischen Vätern, die sich plötzlich beschweren, dass das Kind einem Fremden anvertraut werde. Die Betreuung der Patenschaften, die akribische Auswahl (ausführliche Interviews, Vorlegen eines Führungszeugnisses) und die klaren Bedingungen (eine Patenschaft läuft mindestens ein Jahr, die Paten sollen regelmässig die Kinder treffen) sind die Erfolgsfaktoren. Trotz der grossen Nachfrage nach Patenschaften steht der gemeinnützige Verein aber vor dem Aus. Es fehlt an Fördergeldern. Die Rücklagen decken nur noch das laufende Jahr.
Wenn man Ulrich Krauter fragt: Warum sind Sie Pate? begleitet ein leises Lächeln seine Antwort. «In meinem Berufsalltag geht es technokratisch zu, Emotionen sind eher selten.» Mit Robert dagegen sei alles emotional. Der Junge zeige unmittelbar, wie es ihm gehe, was er denke und wohin er wolle. Krauter vergleicht seine Sonntage mit der «Glücksdefinition» des US-Psychologen Mihály Csíkszentmihályi: Glück oder Flow, wie der Forscher es nannte, stellt sich ein, wenn man konzentriert einer selbstbestimmten Arbeit nachgeht, die einen weder unter- noch überfordert, die ein klares Ziel hat und für die es unmittelbares Feedback gibt. «Das beschreibt ungefähr einen Tag mit Robert.»
Als Ulrich Krauter letzten Herbst in die Karibik reiste, um für seine Doktorarbeit zu recherchieren, fielen mehrere Sonntage aus. Irgendwann rief Roberts kleiner Bruder an, hinterliess die Nachricht: «Robert vermisst dich, du musst zurückkommen.» An einem Sonntag flog Krauter von Guadeloupe über Puerto Rico, Boston und London zurück nach Berlin. Um 13 Uhr landete er. Um 16 Uhr war er mit Robert im Schwimmbad.
Mikael Krogerus ist freier Journalist; er lebt in Berlin.
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