Ottho Heldringstraat 5, Amsterdam, Niederlande
Den Eingang zur Zentrale von Greenpeace International weist nur ein kleines Schild. Hier im Westen von Amsterdam, weit weg vom Flair der Grachten und dem Leben der Coffeeshops, reihen sich verglaste Hochhäuser an graue Apartmentblocks. Im Erdgeschoss der Ottho Heldringstraat 5 warten Besucher auf einen Termin beim Sozialamt. Im ersten und zweiten Stock versucht man, die Welt zu retten.
Das geht nicht ohne Rebellion: «Ihr kämpft darum, eure Kinder ins 21. Jahrhundert zu bekommen. Zur Hölle mit den Regeln.» So begrüsst das Bild der verstorbenen Greenpeace-Galionsfigur David McTaggart die Besucher am Empfang. Das Grossraumbüro schmückt sich mit Fotos aus vierzig Jahren Kampf gegen Umweltzerstörung und Tierquälerei.
Regelverletzung und straffe Organisation, Zurückhaltung und Medienmacht – Greenpeace ist heute die mächtigste Umweltorganisation der Welt. Seit vierzig Jahren demonstrieren die «Regenbogenkrieger» als schlechtes Gewissen der Industriegesellschaft ihren Widerstand gegen Naturzerstörung und Atomkraft. Nach herkömmlichen Organisationsmustern dürfte es den grünen Riesen gar nicht geben: Greenpeace hat keine Zwangsmittel wie ein Staat, kein Profitversprechen wie ein Unternehmen und keine Heilsideologie wie eine Religion. Trotzdem sind die Umweltschützer zu globalen Akteuren aufgestiegen, finanziert und bewundert von Millionen Menschen.
Die eigenen Widersprüche haben daran nichts geändert: Die PR-Experten steuern ihre Arbeit aus einer unscheinbaren Zentrale. Sie fordern für Gebäude Energieeffizienz, die das eigene Hauptquartier nicht erfüllt. Sie wollen weltweit Demokratie, aber ihre Unterstützer haben kein Mitspracherecht. Sie tragen den Frieden im Namen, kümmern sich aber nur noch um das «Grün» im Logo.
Königlicher Palast, Kopenhagen, Dänemark
Donnerstagabend, 17. Dezember 2009. Durch den Schnee rollt die schwarze Mercedes-Limousine mit Juan López de Uralde und Nora Christiansen im Konvoi der Staatsoberhäupter vor das Schlossportal. Das Blaulicht auf ihrem Mietauto wurde im Internet gekauft, die Akkreditierung am Wagenfenster ist mit Socken festgezurrt, sie präsentieren sich als «Staatschef der Natur» und passieren ohne Problem alle Sicherheitskontrollen. Uralde im Frack, Christiansen im roten Abendkleid steigen aus und schreiten zum Saal, wo sich 120 Staatsoberhäupter zum Galadiner aus Anlass des UN-Klimagipfels treffen. Als sie die wartenden Kameras der Weltpresse erreicht haben, ziehen die Aktivisten aus ihren Kleidern zwei grosse gelbe Transparente: «Politiker reden, Anführer handeln.» Die überrumpelten Sicherheitsbeamten drängen sie ab. Für drei Wochen verschwinden die Umweltschützer ohne Anklage in dänischen Gefängnissen.
Die «Aktion roter Teppich» war typisch für Greenpeace: eine spektakuläre und gewaltfreie Konfrontation mit den Mächtigen mit hohem Symbolwert. Seit ihrer Gründung 1971 im kanadischen Vancouver praktizieren die Umweltschützer eine Aktionsform, die sie von der christlichen Gemeinschaft der Quäker übernommen haben: «Bearing Witness», von Missständen öffentlich «Zeugnis ablegen». Die Umweltschützer haben die Strategie erweitert – Unrecht soll nicht nur dokumentiert, sondern möglichst verhindert werden, indem man gewaltfrei den eigenen Körper zwischen die bedrohte Natur und die Bedrohung stellt. Mit dem Schiff ins Atombombentestgebiet segeln, mit dem Schlauchboot zwischen Wale und Harpune navigieren oder einen Atomtransport durch einen Sitzstreik blockieren. Inzwischen haben die Pazifisten aufgerüstet. Heute verbreiten sie auch eigene Fachgutachten, betreiben Lobbying, kooperieren mit der Industrie bei der Lösung von Problemen, etwa beim FCKW-freien Kühlschrank, oder organisieren die Macht der Verbraucher, etwa beim Kampf gegen die Gentechnik.
Greenpeace ist die Avantgarde der Umweltbewegung, das räumen auch Gegner ein. Was die Umweltschützer an finanziellen Mitteln zur Verfügung haben, ihr strategisches Geschick, ihre Erfahrungen aus fast vierzig Jahren machen sie unbestritten zur «besten Kampagnenmaschine der Welt», wie es anerkennend bei anderen Umweltverbänden heisst. Die sind zwar manchmal neidisch auf die Medienpräsenz von Greenpeace, profitieren aber auch davon und haben viel gelernt. Greenpeace hat die Regeln gemacht, wie man die Regeln bricht. Jedenfalls in Europa und Nordamerika.
Avenida Joaquim Nabuco 2367, Manaus, Brasilien
In Ländern wie Brasilien sieht das anders aus. Vor der Tür des Greenpeace-Büros in Manaus versperrt eine zweieinhalb Meter hohe Mauer den Eingang. In einem vergitterten Häuschen sitzen Wächter, die Besucher nach Waffen durchsuchen. In der Garage des Hauses stehen gepanzerte Pick-up-Trucks, im Schrank hängen schusssichere Westen. Die Greenpeace-Aktivisten in Manaus nehmen die Morddrohungen ernst, die sie bekommen. Denn wer am Amazonas gegen die Zerstörung des Regenwaldes kämpft, lebt gefährlich. Hunderte von Morden hat es in den letzten Jahrzehnten wegen Landstreitigkeiten gegeben. Auf den Tischen im Büro liegen Satellitenfotos und Karten des Regenwalds. Sie sind die beste Waffe der Umweltschützer.
«Was wir hier in der letzten Zeit gemacht haben, war, überhaupt festzustellen, wem welches Land gehört», sagt Tatjana de Carvalho. Die Strategie ist im Regenwald anders als in den Industriestaaten: engere Kooperation mit den Behörden, Rechtssicherheit herstellen, Vorsicht bei der Konfrontation mit der Holzmafia. Und trotzdem Flagge zeigen. Und es gibt Erfolge: Auf Druck von Greenpeace haben die Soyafirmen eingewilligt, den Regenwald zu schonen.
Die Globalisierung der Umweltprobleme stellt die Organisation vor neue Herausforderungen. Zu Beginn kümmerte man sich um Walfang, Robbenschlachten, Atomkraft oder Chemieindustrie – Probleme vor der Haustür, die mit erprobten gewaltfreien Mitteln angegangen wurden. Seit sich die grossen Umweltprobleme in den Süden verlagert haben, ist ihnen die Arbeit dorthin gefolgt. Inzwischen gibt es weltweit 28 Greenpeace-Büros, Südostasien gilt als Schlüsselregion. 2009 füllte Greenpeace einen weissen Fleck auf der Landkarte mit Büros in Südafrika und Kongo, Westafrika soll folgen.
Damit steht auch die Aktionsweise von Greenpeace auf dem Prüfstand. Ohne Polizei, die gewaltfreien Protest gewohnt ist, ohne Medien, die ihn aufgreifen, ohne Politiker, die sich so unter Druck setzen lassen, läuft diese Strategie ins Leere. «Wir entwickeln für verschiedene Kulturen verschiedene Aktionsformen», sagt Gina Sanchez, in Amsterdam zuständig für die Verbindung zu den Regionalbüros. «In Thailand und Japan etwa hängen wir statt Transparenten viele bunte Schleifen mit unseren Slogans an die Schornsteine.»
In Indonesien, wo es keine Tradition des gewaltfreien Konflikts gebe, haben sie die «Greenpeace-Universität» gegründet, an der Aktivisten in den Theorien von Ökologie und Gewaltfreiheit geschult werden. Und es gibt auch einfach Tabus: Eine Sitzblockade vor einem chinesischen Atomwaffendepot etwa kommt nicht Frage, weil sie die Demonstranten für lange Zeit ins Gefängnis brächte. «Es gibt Länder, in denen auch friedlicher Protest tödlich sein kann», sagt der neue Chef von Greenpeace International, Kumi Naidoo. «Wir müssen hohe Risiken eingehen, aber sie müssen kalkulierbar sein.»
Ottho Heldringstraat 5, Amsterdam, Niederlande
Naidoo sitzt in einem nüchternen Konferenzraum, ein grosser Tisch, ein Flipchart, ein Foto vom Amazonasregenwald und eine triste Aussicht auf den Hof des Nachbargebäudes. Er ist neu im Job, er leitet den Ökomulti erst seit November 2009; zuvor war er Aktivist für Menschenrechte. Vor ein paar Tagen sass er im Fernsehstudio der BBC und machte nicht den besten Eindruck. Er war in der Defensive, denn beim Klimagipfel in Kopenhagen hat Greenpeace sein Ziel nicht erreicht: einen ehrgeizigen, bindenden völkerrechtlichen Vertrag. Aber wenn man ihn danach fragt, spricht er erst einmal über die Erfolge von Kopenhagen. Er klingt dann wie ein Umweltminister. Aber Naidoo hat auch eine Vision: «Wir brauchen neue Bündnisse mit Gewerkschaften und Kirchen, die gegen die Folgen des Klimawandels kämpfen.»
Er will wieder vermehrt auf der Strasse präsent sein und auf die Politiker Druck ausüben. Die Organisation stehe an der Schwelle zur nächsten Entwicklung. Erst sei man rasant gewachsen, hatte ungeahnte Erfolge, dann kam die Konsolidierung, Büros wurden geschlossen, Mitarbeiter entlassen. Schliesslich der Aufbau eines globalisierten Unternehmens, in dem die Umweltschützer in Ländern wie Brasilien, Indien, China oder in Naidoos Heimat Südafrika an Einfluss gewinnen müssten. Ein Projekt, das die französische Tageszeitung «Libération» Blackpeace nannte.
Auf der Homepage von Greenpeace findet sich eine eindrucksvolle Liste der Erfolge: vom Ende der Atomtests in Alaska und Mururoa über das Aus für die Robbenschlächterei in Kanada, die Errichtung des Weltparks Antarktis, das Verbot der Atommüllverklappung im Meer, das Montréal-Protokoll zur Rettung der Ozonschicht, das Ende des kommerziellen Walfangs oder den Stop der Treibnetzfischerei bis zu Siegen im Kampf gegen die Gentechnik oder für verschärfte Chemikaliengesetze. Fragt man nach Fehlschlägen, legen die Greenpeace-Aktivisten die Stirn in Falten. Manchmal steht so etwas im Jahresbericht – wie 2008 die Einführung von Gensoya in Brasilien oder die schwachen Abgasnormen für die europäische Autoindustrie, wo nur «das Schlimmste verhindert» wurde.
Kampagnen enden dann mit Teilerfolgen: Wenn man den Walfang nicht stoppen kann, tröstet man sich damit, die Walfänger während zweier Wochen an ihrer Arbeit gehindert zu haben; wenn Atomtests nicht beendet werden, feiert man die Millionen von Unterschriften, die gesammelt wurden. Der Erfolg von Greenpeace beruht auch darauf, dass die Umweltschützer selbst definieren, was ein Erfolg ist. Was nicht in den Jahresberichten steht, ist das Dilemma aller Umweltverbände: Trotz ihren Erfolgen greift die Umweltvernichtung immer schneller um sich. Seit es Greenpeace gibt, hat sich weltweit die Artenvielfalt massiv reduziert, der Bestand des Regenwalds ist stark geschrumpft, die Ozeane sind inzwischen in vielen Gegenden leergefischt, das Klima wandelt sich in rasantem Tempo.
Kumi Naidoo sieht weltweit eine Systemkrise, die Umwelt, Wirtschaft, Finanzen, Bürgerrechte und Ernährung umfasst – aber Kritik am Kapitalismus kommt von seiner Organisation nicht. Wenn andere Umweltverbände fordern, man müsse die «Interessen hinter dem Wirtschaftskrieg mit der Zukunft» analysieren, der «von der Finanzgier des Kapitalmarkts» getrieben werde und eine «breite Debatte über das Wachstum» bei Umweltschützern nötig mache, bleibt Greenpeace stumm. «Da fehlen uns die Kompetenzen», gibt Ex-Greenpeace-Chef Gerd Leipold offen zu. «Wir müssen die planetarischen Grenzen bei Klima, Wasser und Land debattieren, und die Gelegenheit ist günstig. Noch vor ein paar Jahren wollte niemand Wachstumskritik hören. Heute wissen alle: So geht es nicht weiter.»
Fussgängerzone, Zürich, Schweiz
«Man hört als Reaktion häufig: ‹Geht doch arbeiten!›» erzählt René Gasser. Es gebe aber auch viele positive Rückmeldungen. Wenn er als Freiwilliger im Greenpeace-T-Shirt Fussgänger anspricht, wenn er im Stau vor dem Gotthardtunnel zu Ostern Schokohasen mit Infoblättern verteilt oder vor Schulklassen Umweltthemen debattiert, dann tue er das, «weil ich will, dass sich etwas ändert», sagt der 35jährige Soziologe. Die Freiwilligen sind das Rückgrat der Organisation. Zu Hunderten verteilen sie Flugblätter und sammeln Informationen, verbreiten grünes Gedankengut und organisieren Aktionen: Oft sind es Freiwillige und nicht Hauptamtliche, die an einem Schornstein hängen oder Plakate in die Kameras halten.
Auch hier herrscht Disziplin: Obwohl die meisten Amateure sind, hat es in vierzig Jahren weltweiter Konfrontationen kaum Probleme mit der Gewaltfreiheit gegeben – und wenn, dann durch die Gegner: 1985 versenkte der französische Geheimdienst das Schiff «Rainbow Warrior» im Hafen von Auckland. Der Greenpeace-Fotograf Fernando Pereira starb bei dem Anschlag.
Gasser und seine Freunde stehen mit gutem Grund in der Fussgängerzone in Zürich. Die Schweiz ist eine wichtige Geldquelle für Greenpeace: Pro Kopf spenden die Schweizer so viel wie kein anderes Land, 2008 waren es knapp 2 Euro. In absoluten Zahlen sind die Deutschen am grosszügigsten: Greenpeace sammelt dort jährlich Spenden in Höhe von etwa 43 Millionen Euro, davon gingen 2008 etwa 14 Millionen nach Amsterdam.
Der Gesamthaushalt von Greenpeace International (etwa 50 Millionen Euro) kommt zu zwei Dritteln aus Deutschland, den Niederlanden, Grossbritannien, den USA und der Schweiz. Weltweit nimmt der Ökomulti jedes Jahr etwa 200 Millionen Euro ein. Nationale Büros werden angehalten, sich selbst zu finanzieren. Wo die solvente Mittelklasse und die Umweltprobleme gross genug sind, gelingt das auch im Süden, etwa in Argentinien, aber niemand erwartet, dass sich etwa ein Büro in Kongo selbst trägt.
Entscheidend ist auch, woher das Geld kommt. Greenpeace lehnt, anders als andere Umweltverbände, Spenden aus der Industrie ab und nimmt auch kein Geld von staatlichen Stellen. Die Einkünfte der Organisation beruhen zu 90 Prozent auf regelmässigen Beiträgen von etwa 5 Euro im Monat, die die weltweit knapp 3 Millionen Förderer zahlen, sagt Fundraiserin Juli Verhaar. Das garantiert eine hochprofessionelle Fundraisingabteilung, die zu den Besten ihrer Branche gehört. Und doch hat auch Greenpeace mit seinen Förderern ein Problem: denn das Geld kommt von der Mittelklasse aus den Industriestaaten oder den Schwellenländern – also von den Leuten, deren Konsummuster die meisten globalen Umweltprobleme erzeugen oder verschärfen. Der Umweltverband wird also von denen finanziert, die er eigentlich bekämpft.
Warum spenden die Menschen so bereitwillig für Greenpeace? Es sei die Mischung aus Abenteuer und Weltrettung und die Einsicht, dass diese Arbeit notwendig sei, sagt Ueli Mäder, Soziologe an der Universität Basel. «Viele Menschen täten das auch gern, haben dazu aber weder Zeit noch Mut. Und das Ausbrechen aus dem Links-rechts-Schema der Politik macht Greenpeace zusätzlich attraktiv.» Zu dieser Form des Stellvertreterkriegs für eine gute Sache kommen für Mäder die Verlässlichkeit über viele Jahrzehnte, die anerkannte Expertise und die weitgehend überzeugende Arbeit ohne grosse Skandale.
Hilfreich für die grüne Glaubwürdigkeit ist auch die Transparenz: Im Jahresbericht ist nicht nur nachzulesen, wo welches Geld herkommt und wo es hingeht, sondern auch, dass der Geschäftsführer 2008 genau 139 969 Euro verdiente. Wie professionell der Umgang mit den Finanzen ist, zeigt sich darin, dass die Spendensammlungen auf einzelne Länder exakt zugeschnitten sind: «Am besten funktionieren Themen, die den Menschen am nächsten sind», sagt Fundraiserin Verhaar. «In China ist das sauberes Wasser, in Indonesien und Brasilien der Wald und in Deutschland, den USA und Australien sind es Robben und Wale.»
Prydz Bay, Antarktis
Blutiger Schaum spritzt aus dem Blasloch des Buckelwals. Die Harpune hat sich in seinen Körper gesprengt, und jetzt zieht ihn die starke Winde des japanischen Walfangschiffs «Yushin Maru» unerbittlich heran. Das mächtige Tier zappelt wie ein kleiner Fisch am Haken, wird aber schliesslich mit offenem Maul blutüberströmt über die Rampe auf das Schlachtschiff gezogen. Das zeigt der Dokumentarfilm «Jagdzeit» der deutschen Regisseurin Angela Graas. Sie hat 2009 auf dem Greenpeace-Schiff «Esperanza» die Jagd auf die Jäger rund um die Antarktis beobachtet und dokumentiert, wie die Mannschaft von Freiwilligen wochenlang die japanischen Walfänger sucht, die sich jedes Jahr gegen internationale Abkommen eine Quote von 1000 Walen «zu wissenschaftlichen Zwecken» genehmigen. Als sie die Flotte in den Weiten des Südpolarmeeres endlich findet, geht der Sprit zur Neige.
Die Walfänger ordern ein Tankschiff und nehmen neuen Brennstoff an Bord – was in antarktischen Gewässern eigentlich verboten ist. In einem riskanten Manöver zwängen sich die Aktivisten mit einem Schlauchboot zwischen die Schiffe, um das Auftanken zu behindern. Doch am Ende müssen sie frustriert aufgeben und abdrehen. Diesen Kampf haben sie verloren – weil sie sich an die Regeln gehalten und nicht nachgetankt haben. «Es geht nicht nur um die Wale», sagt Sarah Holden, die an Bord der «Esperanza» war – auch wenn dort Buckel- und Finnwale gejagt wurden, die vom Aussterben bedroht sind. Es gehe auch darum, dass sich Japan an internationale Verträge halten müsse – so wie Greenpeace immer darauf hingearbeitet habe, dass globale Umweltprobleme durch internationale Abkommen geregelt werden, etwa beim Ozonloch oder beim Klimaschutz. «Der Walfang steht auch dafür, wie wir das Leben in den Meeren vernichten.»
Wale sind nicht nur wichtig für Spenden, sondern waren es auch für den spirituellen Hintergrund der Greenpeace-Gründer. Sie griffen eine Weissagung der Cree-Indianer auf, die es zu einem berühmten Aufkleber – ironischerweise gern auf Autoheckscheiben – gebracht hat: «Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fisch gefangen, der letzte Fluss vergiftet ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.» Die Aktivisten stellten sich selbst in die indianische Tradition der «Regenbogenkrieger», die die Welt vor dem Kollaps retten sollten.
Ottho Heldringstraat 5, Amsterdam, Niederlande
Heute sitzen die Regenbogenkrieger um eine mobile Freisprechanlage. Es tagt die Kohlekampagne, Kollegen aus Brüssel, Hamburg und Indien sind zugeschaltet. Kein Palaver am Lagerfeuer, sondern eine globale Strategiediskussion. Wie kann man global den Klimakiller Kohle zurückdrängen? China lässt sich kaum beeinflussen, aber kann man vielleicht einen Kurswechsel in Indien erreichen? Oder in den USA? Welche Rolle spielt die Weltbank? Die Kampagnen haben genau definierte Ziele. In 1-, 3- und 10-Jahres-Plänen sind Ziele festgesetzt, die einmal im Jahr im November auf einem Treffen aller Büroleiter abgestimmt werden. Die Zentrale in Amsterdam leitet und koordiniert, plant den Einsatz der Schiffe, sorgt für die Corporate Identity. Sonst sind die nationalen Büros eigenständig.
Nach einer Viertelstunde wird der Journalist aus dem Raum gebeten. Die Organisation, deren Arbeit ohne die Medien unmöglich wäre, ist vorsichtig, wenn es um Berichte über ihr Innenleben geht. Schlechte Erfahrungen mit Journalisten, heisst es, und Angst vor dem Verrat geheimer Pläne, was Aktionen und Aktivisten gefährden könnte. Man kann offen reden, aber bei Zitaten wollen die Umweltschützer gern kontrollieren, welches Bild von ihnen in der Öffentlichkeit entsteht. Imagekontrolle ist alles, das haben die PR-Profis gelernt. Wirtschaftsunternehmen sind bei Berichten über Interna allerdings wesentlich restriktiver.
Ist Greenpeace undemokratisch? Die Förderer haben keine Mitsprache über die Finanzen – aber sie spenden munter weiter. Greenpeace sei mit Schiffen gross geworden, sagt eine Mitarbeiterin, deshalb «hat irgendwann der Kapitän das letzte Wort». Daniel Mittler, der jahrelang internationale Kampagnen leitete, erinnert sich an «extreme Kontroversen in der Diskussion und extremen Konsens bei der Entscheidung». Man brauche einen starken Charakter und Durchsetzungsfähigkeit. Ehemalige nennen ihre Zeit bei Greenpeace bereichernd, aber auch fordernd. Und man muss es sich leisten können, für die Rettung der Welt zu arbeiten, sagt Inge Wallage aus der Presseabteilung. Vorher war sie beim norwegischen Ölkonzern Statoil. «Jetzt verdiene ich 70 Prozent weniger. Aber das ist es wert.»
Carel van Bylandtlaan 16, Den Haag, Niederlande
«Das Bild von David gegen Goliath stimmt nicht mehr», sagt Rainer Winzenried. Der Sprecher des Shell-Konzerns rührt in seiner Kaffeetasse und wägt seine Worte genau ab. 1995 hat Winzenried die Macht der Umweltschützer, der Medien und einer entfesselten Öffentlichkeit kennengelernt. Damals besetzten Greenpeace-Aktivisten die Ölplattform «Brent Spar» im Atlantik, um ihre geplante Versenkung zu verhindern.
Politik und Öffentlichkeit in Deutschland solidarisierten sich mit einem Boykott. Shell musste klein beigeben und die Plattform an Land abwracken. Greenpeace England hingegen musste sich bei Shell für einen Messfehler entschuldigen, sie vermuteten auf der Plattform mehr Ölrückstände, als tatsächlich dort waren. Die Bitterkeit von damals sei vorbei, sagt Winzenried. Heute treffe man sich ab und zu, etwa um über unterschiedliche Vorstellungen bei erneuerbaren Energien zu sprechen. «Grundsätzlich sind Umweltgruppen wichtig, um den Staat und Unternehmen herauszufordern.»
War Greenpeace damals in der Kontroverse fair? Winzenried verzieht das Gesicht: «Kampagnen sind nie fair.» Ein bisschen wundert er sich immer noch, dass Greenpeace eine so gute Presse bekommt. «Wir sind in hundert Ländern aktiv, nur in wenigen davon ist Greenpeace überhaupt bekannt.» Shell arbeite oft mit Nichtregierungsorganisationen zusammen, etwa in der Landwirtschaft, aber die Kampfbereitschaft von Greenpeace mache die Kooperation nicht einfach. «Sie haben eben nur das ökologische Anliegen. Wir müssen immer auch soziale Folgen, die nationalen Gesetze, die Interessen der Politik und unserer Aktionäre in die Entscheidung einbeziehen.»
Und wirklich ungerecht sei, sagt der Shell-Sprecher, dass eine 200-Millionen-Truppe einen Ölkonzern mit einem Jahresumsatz von 328 Milliarden Euro strategisch ausbremsen könne: «Greenpeace kann sich aussuchen, wo es gegen was protestiert, um den grössten Erfolg zu haben. Der Protest gegen den Ölsand aus Kanada ist im Land selbst nicht sonderlich attraktiv. Deshalb verlagern sie den nach Europa.»
Das genau sei das Erfolgsrezept von Greenpeace, sagt Monika Griefahn. Sie gehörte zu den Gründern von Greenpeace Deutschland. «Man zeigt die globale Kette von der Quelle des Problems bis zu seinen Auswirkungen. Von der Waldzerstörung in Kongo über das Verladen im Hafen bis zum Gartenstuhl im Supermarkt.» Für Griefahn ist es wichtig, dass ihre ehemaligen Mitstreiter Ursachen und Wirkungen zusammenbringen, die teilweise Tausende von Kilometern auseinanderliegen.
Bezirksgericht Aomori, Präfektur Aomori, Japan
So haben es auch Junichi Sato und Toru Suzuki gemacht. Am 15. Mai 2008 legten die beiden Greenpeace-Aktivisten der Staatsanwaltschaft Tokio ein Paket mit 23,5 Kilo Walsteak auf den Tisch. Sie hatten das Fleisch nach vier Monaten Recherche sichergestellt. Es stammt nach ihren Angaben von der «wissenschaftlichen» Walfangexpedition 2007/2008, wurde von Matrosen von Bord geschmuggelt und für 3000 Dollar auf dem Schwarzmarkt gehandelt. Nach einem Insidertip griffen Sato und Suzuki zu. Die Konsequenz: Das Verfahren gegen die Matrosen wurde eingestellt. Und gegen die Umweltaktivisten wurde ein Verfahren wegen Diebstahls und Einbruchs eröffnet.
«Wir reden hier von Japan, einem Land, das die Demokratie predigt», empört sich der Greenpeace-Chef Kumi Naidoo. Friedlicher Protest werde auch in klassischen Demokratien immer stärker kriminalisiert. Zur Greenpeace-Strategie gehört es aber auch, Prozessen nicht auszuweichen, sondern sie als politische Bühne zu nutzen: Die Regeln respektieren, um sie zu verändern. Wie das geht, hat sich zum Beispiel 2008 gezeigt: Die «Kingsnorth 6», sechs Aktivisten, wurden nach der spektakulären Besetzung des Kohlekraftwerks Kingsnorth in Grossbritannien von einer Jury freigesprochen – weil die Aktion gerechtfertigt sei angesichts des Schadens, den die CO2-Emissionen des Kraftwerks weltweit anrichteten. Die Klimaschützer jubelten.
Es war eine dieser Überraschungen, die den Weg von Greenpeace säumen. Die Aktivisten haben gelernt, auf die Kraft der Argumente zu vertrauen, auf die Mobilisierung von Menschen und die Angst vor der Blossstellung bei ihren Gegnern. Sie nutzen auch ihre Möglichkeit zum Improvisieren und die Chancen, die sich manchmal unerwartet auftun, wenn man aktiv wird. Und eine gehörige Prise Grössenwahn hat bei der Rettung der Welt noch nie geschadet. «Als wir damals die Kampagne für den Weltpark Antarktis begannen, hat niemand daran geglaubt», sagt Brian Fitzgerald, der seit 28 Jahren bei Greenpeace dabei ist. Und ein anderes Urgestein, Rex Weyler, erinnert in seinem Buch «Greenpeace» daran, wie utopisch und realistisch zugleich die Geschichte immer war: «Wir müssen die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass sich Wunder ereignen.»
Bernhard Pötter ist freier Journalist und Autor; von ihm erschien das Buch «Tatort Klimawandel», Oekom-Verlag. Er lebt in Paris.