NZZ Folio 12/08 - Thema: Geschwister   Inhaltsverzeichnis

Der letzte Ramone

1974 gründeten vier New Yorker eine Punkband, die Geschichte schreiben sollte: The Ramones. Sie waren nicht verwandt, gaben sich aber alle den gleichen Namen und benahmen sich auch sonst wie Brüder. Der letzte Überlebende, Tommy, über seine «Familie».

Von Mikael Krogerus

Anfang der 1970er hatte der Rock’nRoll seinen Zorn verloren. Die Songs wurden länger, die Texte zeichenhafter, die Alben konzeptueller. Bis 1974 vier Jungs mit drei Akkorden den Rock’nRoll aus seinem Wachkoma rissen. Sie trugen den New Yorker Stricherlook: Röhrenjeans, Lederjacken, Turnschuhe. Sie schrien mehr, als dass sie sangen, beherrschten ihre Instrumente nicht und hatten alle den gleichen Nachnamen: Ra­mone. Ihre Songs verhandelten die grossen Jugendthemen: unerwiderte Liebe, ätzende Langeweile, mentale Störungen. Ein typischer Song wie «I dont wanna walk around with you» hatte vier Zeilen, von denen drei identisch waren. Ihre Botschaft: Du musst nicht gut sein, um Musik zu machen. Sie waren die ersten Punks.

Die Ramones spielten mit ernster Miene ohne Pause, die Übergänge zwischen den Songs bildete ein heiseres «One, two, three, four». Wer sie live erlebt hat, zweifelt keinen Moment: Es gab nach ihnen nur Punkbands, die von ihnen inspiriert wurden (Sex Pistols), die sie kopierten (The Strokes) oder die an sie erinnern (White Stripes). Nach vier Jahren verliess das einzige psychisch stabile Mitglied, der Drummer Tommy, die Band. Bassist Dee Dee verlor sich im Heroin, Johnny (Gitarre) und Joey (Gesang) zerstritten sich, nachdem der eine dem anderen die Freundin ausgespannt hatte. Die verbliebenen drei spielten noch 12 Jahre zusammen – angeblich ohne ein Wort zu wechseln. Nach 14 kommerziell erfolglosen Alben und 2263 Konzerten lösten sich die Ramones 1996 auf. Joey starb 2001 an Lymphknotenkrebs, Dee Dee 2002 an einer Überdosis, Johnny 2004 an Prostatakrebs. Tommy wurde Bluegrassmusiker. Der als Tamás Erdélyi geborene Ungar ist vielleicht die einzige Rocklegende, die im Telefonbuch steht. Anruf in seiner New Yorker Wohnung an einem Montagmittag.

Tommy Ramone, bei was störe ich Sie gerade?

Ich packe. Morgen fliege ich mit meiner Bluegrass-Band Uncle Monk nach Finnland.

Bluegrass? Lassen Sie uns über Punk sprechen. Warum trugen die Ramones alle den gleichen Namen?

Dee Dee war ein Paul-McCartney-Fan, und der nannte sich angeblich Paul Ramon, wenn er in Hotels abstieg. Dee Dee fand, das sei ein guter Witz. Als wir dann bekannt wurden, beharrte Johnny, der Gitarrist, darauf, dass wir immer gleich aussahen, alle den gleichen Namen trugen und jedes Konzert gleich ablief. Er sagte: «Jede Band, die sich verändert, verändert sich zum Schlechten.»

Aber wieso diese Idee mit der Brüderschaft?

Es war keine Idee, wir haben das ja nie besprochen. Wir benahmen uns einfach wie Brüder. Vielleicht geht es jeder Band so, aber bei uns war es extrem: Es gab einen grossen Zusammenhalt, aber auch diese gnadenlose geschwisterliche Rivalität. Johnny und Joey konnten sich nicht ausstehen – trotzdem blieben sie 18 Jahre lang zusammen. Das gibt es sonst nur in Familien, dass Leute miteinander leben oder in Kontakt bleiben, obwohl sie sich nicht mögen.

Können Sie Ihre Brüder charakterisieren?

Johnny war rigide und militärisch, er schubste die Leute umher. Er war der Anführer, aber auch ein sehr disziplinierter Arbeiter. Johnny sagte nie «Gigs», er nannte die Konzerte «Jobs». Aber er konnte auch sehr charmant sein. Er mochte es, im Mittelpunkt zu stehen, mochte es, wenn Leute sich um ihn scharten.

Und Joey, der Sänger, war er das Nesthäkchen?

Joey war sehr still und schüchtern. Ein introvertierter Schlaks, der sich anfangs kaum ausdrücken konnte. Zudem hatte er eine zwangsneurotische Störung, er musste immer alle Dinge anfassen – wir hielten das für eine Macke, erst später verstanden wir, dass er wirklich krank war. Aber auf der Bühne verwandelte er sich in diesen coolen, unnahbaren Frontmann. Joey lebte in der romantisierten Welt der Popmusik, er glaubte an die grosse Liebe.

Und Dee Dee, der Bassist?

Dee Dee war auch ein Romantiker, aber von einem ­anderen Schlag. Er glaubte an das harte Leben eines Rock’n’Rollers. Es war nur konsequent, dass er als Junkie endete. Aber er war ein sehr gewissenhafter Musiker. Er schrieb die meisten Songs, er lebte für die Musik. Dee Dee war ein Rebell, ein wütender, exzessiver, aber sehr liebenswürdiger Mensch. Er war ein genuiner Punk.

Wer waren Sie?

Ich war vielleicht der mittlere Bruder. Der Vermittler, der Organisator. Ich war der Einzige, der kein Egoproblem hatte. Mir war es wichtig, dass wir eine gute Band wurden.

Sie waren aber auch derjenige, der am meisten herumgeschubst wurde. Nach vier Jahren verliessen Sie die Band.

Sosehr ich unsere Songs liebte, die drei Jungs waren die Hölle, sie haben mich wahnsinnig gemacht mit ihren ständigen Egotrips und Rivalitäten. Viele Bands haben eine, höchstens zwei Leaderfiguren. Bei uns waren es vier.

Was hielt die Band zusammen?

Als ich das erste Mal den Song «Judy is a Punk» hörte, wusste ich sofort: Das ist etwas ganz Neues. Jeder spürte das. Um dabei zu sein, hat man viel in Kauf genommen.

In späteren Interviews sagten Johnny und auch Joey, Sie hätten nie eine grosse Rolle gespielt.

Sie waren nicht sehr grosszügig…

Dabei haben Sie die wichtigsten Alben produziert und den grössten Hit komponiert, «Blitzkrieg Bop».

Ja, der ist von mir.

Erinnern Sie sich, wie Ihnen der Song einfiel?

Ich kam vom Einkaufen, da hatte ich plötzlich diese Melodie im Ohr: «Hey ho, let’s go.» Bei der nächsten Bandprobe spielte ich den Song. Dee Dee fand den Titel – «Animal Hop» – idiotisch und änderte ihn in «Blitzkrieg Bop», und auch die Zeile «They’re shouting in the back» änderte er in «They shot ’em in the back». Er war ein guter Texter.

Erklären Sie uns bitte Ihren Ramones-Schlagzeug-Stil.

Ursprünglich spielte Joey, der Sänger, Schlagzeug. Er spielte viel härter als ich, so hart, dass die Bespannung der Basstrommel riss. Ich hatte einen jazzigeren Stil und gab den Songs einen weicheren, geschmeidigeren Ton. Ich wollte, dass der Schlagzeugsound sich um die Songs legt.

Woher kam dieses ungeheure Tempo der Lieder?

Das war Johnny, der Gitarrist. Er war unglaublich ungeduldig. Ich glaube, seine Ungeduld und das Bedürfnis, seine Virtuosität zu beweisen, führten zu diesem Tempo.

Man vergisst häufig, dass die Ramones musikalisch verschiedene Stile ausprobierten, wie kam es dazu?

Sie erlebten, was jede Band kennt: Man macht tolle Alben, wird gelobt, aber man verdient kein Geld. Irgendwann kam Joey mit einer Platte der «Sex Pistols» und sagte: Die kopieren uns, und machen es besser als wir. Wir dachten, was soll’s, wir müssen auch kommerzieller werden. So entstand das Album «End of the Century».

Das auch floppte. Sie kamen 1984 für «Too tough to die» als Produzent zurück. Wie hatten sich Ihre Brüder in der Zwischenzeit verändert?

Sie sprachen nicht mehr miteinander. Sie spielten zusammen, lebten praktisch zusammen, aber wechselten kein Wort miteinander.

Johnny hatte Joey die Freundin ausgespannt.

Ja, darüber kam er nie hinweg. Er glaubte wirklich an die eine grosse Liebe. Aber Joey und Johnny konnten sich eh nicht ausstehen. Johnny war ein Pünktlichkeitsfanatiker, Joey immer verspätet. Johnny war robust, Joey oft krank.

Joey war ein Hippie, Johnny ein Reagan-Rechtsaussen.

Die Ramones waren aber nie politisch. Joey und ich waren Liberale, Dee Dee war mal dies und mal das, Johnny wurde erst reaktionär nach dem Tod seines Vaters.

Inzwischen sind alle tot. Gab es Aussprachen?

Mit Johnny hatte ich immer wieder Kontakt. Er war mit dem Alter sanfter geworden. Dee Dee?… er hatte schon so lange ein Drogenproblem. Ich dachte nach all seinen Abstürzen, der stirbt nie. Und dann war er eines Tages tot.

Und Joey?

Ich telefonierte lange mit ihm kurz vor seinem Tod 2001. Es war ein warmes, versöhnliches Gespräch. Ich hatte das Gefühl, dass nichts unausgesprochen blieb. Später erfuhr ich aus seiner Biographie, dass er sein Leben lang mit mir ein Problem hatte. Er hatte das Gefühl gehabt, ich hätte ihn in den Anfangsjahren nie zu Wort kommen lassen.

Mikael Krogerus ist NZZ-Folio-Redaktor. Er hat eine ältere Schwester.

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