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Los Angeles in den Alpen
Erstmals kann eine Formel die Zersiedlung in Zahlen belegen. Die Ergebnisse sind schlimmer als erwartet.
Von Gudrun Sachse
Sie ist schön: langgezogene Haken, die an Notenschlüssel erinnern, Wurzeln und klitzekleine Pfeile. Kann, was so aussieht, Unheil verkünden?
Zur Formel
Im Januar 2009 fanden Christian Schwick und Jochen Jäger vor Glück kaum in den Schlaf. Nach vier Jahren Arbeit spuckte der Computer die Formel aus, an der so viele Kollegen vor ihnen gescheitert waren. Sie gingen ins Pub und tranken Bier, «mindestens zwei Grosse», sagt Schwick. Die Formel, mit der sich die Zersiedlung eines Gebiets erstmals mathematisch belegen lässt, ist zwar nicht so gewichtig wie die Entdeckung des Penicillins, dennoch: Ohne exakte Daten gibt es in Politik und Gesellschaft erfahrungsgemäss keine Massnahmen zur Veränderung. Und die brauchte es dringend. Gemäss Schwick ist die Schweiz auf dem Weg, Los Angeles oder Tokyo zu werden: eine grosse Agglomeration mit Millionen herumwuselnder Bewohner, die Berge bleiben das einzige unverbaute Erholungsgebiet. «In hundert bis zweihundert Jahren kann es so weit sein, und sagen Sie jetzt bloss nicht: Hundert Jahre, das ist ja noch lange hin.» Schwick spricht ohne Pathos, kämpferisch zwar, aber sachlich. Vor seinem Geographiestudium sass er in Vorlesungen zu Astronomie, Mathematik und Physik. Er mag Zahlen. Zahlen geben ihm Sicherheit und Rückendeckung bei persönlichen Angriffen als Nestbeschmutzer und Blockierer des Fortschritts. Seine Zahlen wurden in Fachzeitschriften publiziert, vom Bundesamt für Raumplanung überprüft, und seit kurzem ist die Formel staatlich anerkannt und beim Bundesamt für Umwelt im Einsatz.
Christian Schwick ist 36. Viermal jährlich fliegt er zu seinem Kollegen Jochen Jäger nach Kanada, der dort einen Lehrstuhl hat, um sich mit ihm Gedanken zur Zersiedlung zu machen. Erst gestern ist er aus Montréal zurückgekehrt. Er ist selbständig, seit er sein Studium abgeschlossen hat. Sein Büro befindet sich in seiner Wohnung im Zürcher Kreis 4. Ein Altbau, der auch eine Szenebar beherbergen könnte. Dunkelrote Wände, eine weisse Couch, unter dem Fuss des Esstischs liegen Marc Aurels «Selbstbetrachtungen», damit er nicht wackelt.
In den USA, erzählt Schwick, während er an seinem Bergtee nippt, begann die Zersiedlung der Landschaft bereits in den 1920er Jahren, in der Schweiz und den meisten europäischen Ländern dreissig Jahre später. Die Menschen wollten hinaus aus der lauten Stadt, wenn möglich in ein Einfamilienhaus im Grünen. Dank einer Fülle statistischen Datenmaterials konnte Schwick errechnen, dass ab 1950 bis 2002 in der Schweiz gleich viel Fläche überbaut wurde wie in den 2000 Jahren zuvor. 2008 waren in der Schweiz 2500 Quadratkilometer überbaut, 6 Prozent der gesamten Fläche. Wenig? Nein, das sei viel, sagt Schwick. Denn 60 Prozent der Fläche der Schweiz sind nicht bebaubar: 30 Prozent sind Wälder und 30 Prozent Berge. Natürlich gäbe es noch Kapazität, doch er warnt davor, sie auszuschöpfen.
Die Hochrechnung in die nahe Zukunft offenbarte dann Schwicks Horrorvorstellung von Los Angeles in den Alpen. Die Folgen davon sind logisch und schmerzhaft: Landschaftsfläche lässt sich nicht vermehren, Kulturland verschwindet, der Lebensraum von Tieren und Pflanzen ist bedroht. Dafür breiten sich fremde Pflanzenarten in Vorgärten aus, Erschliessungskosten für Verkehrs- und Energieversorgung steigen überproportional, wegen des Lärms kann sich niemand mehr erholen. «Die alarmierende Rate, mit der Land und fruchtbarer Boden in der Schweiz knapper werden, wird noch immer unterbewertet.» Bei einer unkontrollierten Überbauung verlagerten sich die Energie- und Landwirtschaftsproduktion vollständig ins Ausland. Man machte sich noch abhängiger vom Umland. Für Schwick ist klar: Plant man weiter wie bisher, wird die Schweiz bald eine andere sein.
Für seine Berechnungen gab Schwick jede Siedlung, jedes Haus in den Computer ein. Mehrere Hunderttausend Gebäude hat er erfasst – eine Plackerei. Der Grundgedanke hinter der Forschung war die Frage: Was macht Zersiedlung aus? Man einigte sich auf drei Anteile: die bebaute Fläche, die Streuung der Gebäude und ihre Auslastung. Diese drei Teile, mathematisch miteinander verknüpft, führten zur Formulierung: gewichtete Zersiedlung = urbane Durchdringung (Siedlungsfläche) * Gewichtung (Dispersion/Streuung) * Gewichtung (Flächeninanspruchnahme pro Einwohner oder Arbeitsplatz).
Auf die Schweiz angewandt, zeigte diese Formel: Die Zersiedlung hat zwischen 1935 und 2002 um 155 Prozent zugenommen, wobei der stärkste Anstieg in den Jahren 1960 bis 1980 erfolgte – in den goldenen Zeiten des intensiven Bauens; allein im Jahr 1973 wurden in der Schweiz über 80?000 neue Wohnungen erstellt, ein seither unerreichter Wert.
Die Wissenschafter betrachteten zudem die einzelnen Landesregionen: In der Region Chur nahm die Zersiedlung seit 1935 um 126 Prozent zu, im Mittelland um 144, um Lugano um 416, im Zentralwallis um über 700. Solche Ergebnisse hatte Schwick nicht erwartet: «Ich war geschockt.»
Vor allem von den Ergebnissen aus seiner Heimat, des Wallis. 1935 war die Zersiedlung im Zentralwallis noch so hoch wie in der Schweiz insgesamt, es dominierten unverbaute oder nur schwach zersiedelte Gebiete, einzig bei Siders gab es eine Ausnahme. Bis ins Jahr 2002 stieg der Wert um 703 Prozent, er liegt nun 44 Prozent über dem Vergleichswert der Schweiz. «Unkontrolliert», kommentiert Schwick das Treiben in seinem Heimatkanton. Kein Wunder eckt er dort oft an. Dass es auch anders geht, zeigen gemäss seinen Berechnungen die Zuger, unabhängig von der fragwürdigen ästhetischen Qualität mancher Überbauungen, die dort in den letzten Jahren entstanden sind.
Um 1935 waren die Siedlungsflächen der Zuger Gemeinden noch klar voneinander und vom Umland abgegrenzt. Bis 1980 haben sich diese Flächen aber so stark ausgedehnt, dass einige ehemals getrennte Gemeinden, etwa Steinhausen und Cham oder Baar und Zug, zusammengewachsen sind. Die Politik handelte. Mit einem Richtplan, den die Regierung Ende der 1980er Jahre beschloss, konnte sie die Zersiedlung nicht nur stoppen, sondern sogar verringern. An wichtigen Verkehrsknotenpunkten wurden hohe Baudichten zugelassen.
Wichtiger aber noch: das Siedlungsgebiet wurde klar definiert. «Seitdem dehnten sich die Siedlungsflächen zwar noch aus, aber zwischen den einzelnen Gemeinden blieben klar definierte Freiflächen erhalten», sagt der Geograph. Und obwohl die Zahl der Einwohner und Arbeitsplätze zwischen 1980 und 2002 um 241 Prozent anschwoll, nahm die Siedlungsfläche nur um 121 Prozent zu; dank dem verdichteten Bauen.
Das ist die eine Seite – die andere: Die Beschränkungen des Neubaugebietes machen den Wohnraum knapp und damit entsprechend teurer. Das müsste nicht sein, meint Schwick und schlägt folgende Regelung vor: «Wird die Ausnutzungsziffer, die maximal zulässige Überbauung eines Grundstücks, um beispielsweise 50 Prozent erhöht, könnte man per Gesetz verlangen, dass 30 Prozent der Wohnungen von Gesetzes wegen günstiger angeboten werden.» Das wäre eine Win-win-Situation für Spekulant und Mieter.
Der wichtigste Grund für die Zersiedlung, meint der Forscher, ist das Bedürfnis jedes Einzelnen nach immer grösseren Wohn- und Büroflächen. Waren wir 1980 noch mit 34?Quadratmeter zufrieden, müssen es heute im Schweizer Durchschnitt bereits 50?Quadratmeter pro Person sein. Ungefähr 70 Prozent der Zunahme der Zersiedlung sind auf unser Platzbedürfnis zurückzuführen; weitere 20 auf die steigende Wohnbevölkerung; 10 auf Faktoren wie zum Beispiel falsche Planung. Dass die Ausländer entgegen den Behauptungen der SVP kaum zum Problem beitragen, möchte Schwick bald wissenschaftlich belegen. Die Schweizerische Volkspartei hat seiner Meinung nach in der Zersiedlungsfrage ohnehin einen schweren Stand. Einerseits wolle sie die heile Schweiz bewahren, andererseits möchte sie die eigene Klientel nicht verscheuchen – mit einer Umzonung von Landwirtschafts- in Bauland wurden etliche Bauern zu Millionären.
Bis 2050 werde die Zersiedlung weiterhin zunehmen. «Ein Ende des Trends ist nicht zu erwarten», weiss Schwick dank seiner Formel, es sei denn, es würden gewichtige Massnahmen beschlossen.
Schwick denkt an eine Quote. Sie sei die Lösung, sagt er und erinnert an den einst verschmutzten Zürichsee, der nur dank Grenzwerten wieder zum Badesee wurde. Überschreiten künftig Kantone und Gemeinden vorgegebene Grenzwerte, sind sie zum Handeln aufgefordert: dichter bauen, Streuung reduzieren, ein altes Haus abreissen, aus einem Einfamilienhaus ein Mehrfamilienhaus machen. Wie genau er sich die Quote vorstellt und wie hoch sie sein müsste, kann er noch nicht sagen; er arbeite daran. Das Projekt ist erst zu einem Teil finanziert.
Die Revision des Raumplanungsgesetzes und die nahende Landschaftsinitiative, die unter anderem festlegt, dass die Gesamtfläche der Bauzonen während 20 Jahren nicht vergrössert werden darf, sind für Schwick wichtige Schritte, doch nicht ausreichend, um ein Los Angeles in der Schweiz abzuwenden.
Noch sei der Leidensdruck in der Bevölkerung nicht hoch genug, sagt er. In zehn Jahren werde ein Umdenken stattfinden. Doch dann sei es zu spät.
Gudrun Sachse ist Folio-Redaktorin.
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