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NZZ Folio 02/10 - Thema: Das Ehrenamt Inhaltsverzeichnis
Das Experiment -- Der Hund, das Taschentuch und die Zwillinge
© H. Armstrong Roberts/Corbis
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| Zwillinge sehen gleich aus. Riechen sie auch gleich? |
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1875 stellte sich Francis Galton die Frage, ob Hunde Zwillinge am Geruch unterscheiden können. Es dauerte achtzig Jahre, bis jemand sie beantwortete.
Von Reto U. Schneider
Wir wissen nicht, warum der englische Gelehrte Francis Galton das Experiment, das er sich 1875 ausgedacht hatte, nicht selbst durchführte. An den Voraussetzungen kann es nicht gelegen haben, denn was er dazu gebraucht hätte, gab es schon zu seiner Zeit: einen Hund, ein Taschentuch und ein Zwillingspaar. «Es wäre ein interessantes Experiment, wie weit Hunde Zwillinge […] anhand ihres Geruchs unterscheiden können», schrieb Galton in seiner «History of Twins». Erst 1955, achtzig Jahre später, setzte Hans Kalmus vom Galton-Labor am University College in London Galtons Idee in die Tat um. Dann eilte es aber offenbar plötzlich. Wie lässt sich sonst erklären, dass der Biologe Versuche bei Nieselregen am Tag nach Weihnachten und bei klirrender Kälte an Silvester durchführte?
Kalmus hatte sich zwei Aufgaben ausgedacht: Die Hunde sollten ein Taschentuch mit dem Geruch eines Zwillings apportieren und der Spur eines Zwillings folgen. Zwei 14jährige eineiige Zwillingsschwestern klemmten sich für zehn Minuten je ein Taschentuch in die Achselhöhle. Kalmus legte diese Tücher dann in eine Reihe mit sechs anderen, die von ihrem Vater, ihrer Schwester und vier weiteren Personen auf dieselbe Art parfümiert worden waren. Eine Zwillingsschwester hielt nun für eine halbe Minute beide Hände vor die Schnauze der drei Jahre alten Schäferhündin Cloë. Cloë ging los und brachte das Taschentuch der anderen Zwillingsschwester zurück – es war das erste Taschentuch der Zwillinge in der Reihe, auf das sie gestossen war. Kalmus erkannte schnell, dass darin ein Mangel in der Versuchsanordnung lag. Schickte er Cloë nämlich ein zweites Mal los, so dass sie als erstes auf das Taschentuch der richtigen Zwillingsschwester stiess, brachte sie dieses zurück. Die Gerüche der Zwillingsschwestern mussten also ähnlich sein, aber um herauszufinden, ob ein Hund sie wirklich nicht unterscheiden konnte, mussten sie ihm gleichzeitig dargeboten werden.
Das versuchte Kalmus mit einer Fährtensuche auf einer fussballfeldgrossen Wiese. In Abwesenheit des Hundes spazierten 33jährige Zwillinge von einer Ecke diagonal auf das Feld. Kurz bevor sie die Mitte erreichten, liess der eine Zwilling einen Handschuh fallen und ging dann in einer leichten Kurve weiter, bis er die gegenüberliegende Hecke erreichte, hinter der er sich versteckte. Der andere Zwillinge bog beim Handschuh ab und ging im Zickzack mehrmals zum Handschuh zurück und wieder davon weg, bevor er das Feld verliess. Vom Handschuh führten nun sechs Spuren weg: die richtige, die zum Geruch des Handschuhs passte, und fünf weitere vom zweiten Zwilling.
Ein Geruch wird geboren
Der 18 Monate alte Polizeihund Kim liess sich dadurch nicht verwirren: Er ging bis zum Handschuh, schnupperte daran und folgte dann zielsicher der Spur des ersten Zwillings. Weitere Versuche – jeder auf einem neuen Feld – verliefen etwas weniger eindeutig, was Kalmus aber dem immer schlechter werdenden Wetter zuschrieb. Fünf Tage später wiederholte er die Experimente erfolgreich mit 32jährigen Zwillingsschwestern.
Kalmus vermutete, dass die kleinen Unterschiede im Geruch von Zwillingen umweltbedingt waren, zum Beispiel vom unterschiedlichen Essen herrührten, beweisen konnte er es nicht, denn dazu hätte er Zwillinge gebraucht, die genau dasselbe assen.
Es dauerte noch einmal gut dreissig Jahre, bis ein Forscher 1988 solche Zwillinge fand: Es waren mehrere Babies, zwei bis drei Monate alte eineiige und zweieiige Zwillingspaare. Peter G. Hepper von der Queen’s University in Belfast sammelte mehrere T-Shirts, die die Säuglinge 24 Stunden getragen hatten. Er liess die Hunde jeweils an einem schnuppern und dann unter zweien auswählen: vom gleichen Baby und von seinem Zwillingsgeschwister. Wie bereits Kalmus vermutet hatte, konnten die Hunde eineiige Zwillinge, die ja genetisch identisch sind, nicht auseinanderhalten. Erstaunlicher war, dass sie zweieiige Zwillingsbabies problemlos identifizierten. Mit jedem Menschen, der auf die Welt kommt, wird auch ein nie da gewesener neuer Geruch geboren. Dieser genetisch festgelegte Körpergeruch wird zu einem grossen Teil vom sogenannten MHC-Komplex bestimmt, einer Familie von Genen, die für das Immunsystem wichtig sind: sieben Milliarden verschiedene Körpergerüche, die ein Hund erschnüffeln könnte!
Und wie steht es mit unserer Nase? Die ist zwar deutlich schlechter als jene des Hundes, aber immerhin erkannten Hundebesitzer in einem Versuch aus dem Jahr 2000 die Hundedecke ihres Vierbeiners am Geruch – ob sie Zwillingshunde auseinanderhalten könnten, blieb unerforscht.
Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ Folio.
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