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NZZ Folio 12/08 - Thema: Geschwister   Inhaltsverzeichnis

Männer hatten es nicht leicht bei mir

© Franziska Frutiger, Biel.
Verena Dürrenmatt, 85, Schwester von Friedrich Dürrenmatt: «Das Private war ihm heilig.» Linktext
Sie führte ihr Leben scheinbar unabhängig von ihrem älteren Bruder – und doch war er immer gegenwärtig. Verena Dürrenmatt über Friedrich Dürrenmatt.

Von Michèle Wannaz

Wir hatten eine schöne Kindheit, der Fritz und ich. Er war ein lieber Bruder. Vielleicht würden das manche nicht denken, weil sie finden, er wirke so negativ, sarkastisch, vielleicht sogar grob. Aber das war er nicht.

Er hat ja sowieso fast immer nur gelesen. Auch, als er es noch gar nicht konnte. Dann hat er eben Bücher angeschaut. Sich Geschichten zu den Bildern ausgedacht. Manchmal wurde mir dann langweilig, und ich habe ihn angegriffen, oben in seiner Hütte. Mit Pfeil und Bogen. Denn bis zehn mussten wir ein Zimmer teilen. Und zum Ausgleich hatte jeder seine Baumhütte. Er in der Linde, ich im Buchsbaum vor dem Haus. Ich war dann da mit meinen Puppen und er mit seinen Büchern. Klar spielten wir auch mit den Kindern im Dorf ab und zu. Murmeln, Verstecken auf dem Friedhof. Aber richtig dazugehört haben wir eigentlich nie. Als Pfarrkinder lebten wir wie in einem Glashaus. Ausgestellt, beobachtet von allen. Die Bauernjungen waren oft roh, die haben den Fritz auch mal verprügelt. Eigentlich war er immer schon ein Einzelgänger. Ich finde aber, ich habe Glück gehabt mit meinem Bruder.

Sicher – als er später dann so in der Öffentlichkeit stand, als dieser ganze Trubel kam, mit dem «Besuch der alten Dame» oder den «Physikern», das war nicht immer einfach für mich. Im Gegenteil, es hat mein Leben wohl mehr beeinflusst, als ich wahrhaben wollte. Das sehe ich aber eigentlich erst heute. Das Buch «Schwestern berühmter Männer» von Luise F.?Pusch hat mich beeindruckt. Von denen blieben auch viele unverheiratet, hatten psychische Probleme – wie ich. Vielleicht hat das schon etwas damit zu tun, dass da neben einem halt immer jemand ist, der viel Aufmerksamkeit bekommt und neben dem man sich irgendwie unbedeutend fühlt. Obwohl: Psychische Probleme hatten diese Männer oftmals selber. Das kennt man ja von Künstlern, beim Fritz war das nicht anders. Wir hatten beide Zeiten, in denen das Leben ziemlich dunkel war. Wie unser Vater auch. Nur hatte der Fritz mit der Kunst eben ein Ventil, um das etwas abzufedern. Mir hat so etwas gefehlt.

Überhaupt waren wir grundverschieden. Mein Bruder hat früh schon die Schule geschwänzt und jahrelang nichts gelernt, weil es ihn gelangweilt hat. Bis er dann schliesslich vom Gymnasium flog und die Eltern sich Sorgen machten, ob jemals noch was aus ihm werde. Sie forderten natürlich, dass er die Matura doch noch mache. Ich sass dann mit ihm in seiner Mansarde oben, hörte mir seinen Kummer an und vermittelte bei den Eltern. Man sagt ja, normalerweise sei der Ältere der Angepasste und der Jüngere der, der sich auflehne. Bei uns war das umgekehrt.

Der Fritz konnte sehr schlecht allein sein, schon in der Jugend. Später war er dann ja auch fünfunddreissig Jahre lang verheiratet. Als Lotti starb, hatte er eine furchtbar schwere Zeit. Und dann heiratete er ziemlich bald wieder. Ich glaube, irgendwie brauchte er ein Nest. Einen Ort, von dem aus er über die Welt schreiben konnte. Ich bin da ganz anders. Ich habe immer allein gelebt, mich auch nie nach Kindern gesehnt. Ich war Sozialarbeiterin, anfangs mit Leib und Seele, später dann nicht mehr so sehr. Ich habe gern mit Menschen zu tun, habe auch einen grossen Freundeskreis. Nach der Pensionierung habe ich mit einer Freundin den «Kiosk am Egge» geführt hier in Bern. Wir hatten auch linke Zeitungen im Sortiment und solche aus dem Osten, die es sonst nirgends gab. Das war zwar eine Heidenbüez, aber es hat mich mit dem Quartier noch einmal ganz anders in Kontakt gebracht. Eine sehr schöne Zeit war das.

Warum ich nie geheiratet habe? Ich weiss es nicht. Ich glaube, ich hatte einfach einen Riesenrespekt davor. Ich dachte immer, nein, Scheidung liegt nicht drin. Dafür bin ich zu religiös erzogen worden. Und vielleicht hat es ja tatsächlich auch ein bisschen etwas mit meinem Bruder zu tun. Es war nicht einfach, neben ihm zu bestehen. Die Männer hatten es jedenfalls nicht leicht bei mir. Ich war es von klein auf gewohnt, einen Gesprächspartner zu haben, der mich herausgefordert hat, der einen unglaublichen Reichtum an Gedanken hatte. Der zwar auch launisch war und schwierig und manchmal fast etwas autistisch, aber immer, immer interessant. Vielleicht hat das mehr Auswirkungen auf mein Leben gehabt, als mir damals bewusst war.

Trotzdem: Es war gut so, wie es war. Ich hatte ein schönes Leben. Ich habe es unabhängig von Fritz geführt. Das war mir wichtig. Meinen eigenen Kreis zu haben, in dem ich nur die Vroni bin, nicht die Schwester Dürrenmatts. Denn ich muss zugeben: Als er berühmt war, da wurde mir das Ganze eine Nummer zu gross. Eigentlich wurde mein Bruder mir eine Nummer zu gross. In der Zeit hatten wir ja auch nicht mehr so viel Kontakt. Er war sehr beschäftigt. So vier-, fünfmal im Jahr bin ich zu ihm gefahren nach Ligerz, später nach Neuenburg und habe das Wochenende da verbracht. Weihnachten haben wir natürlich auch immer zusammen gefeiert und seine Uraufführungen. Das waren oft herrliche Abende. Wenn der Fritz gut gelaunt war, konnte er ja ganze Tischrunden unterhalten. Im Alleingang. Aber ehrlich gesagt, hatte ich oft das Gefühl, ich genüge ihm nicht, bin nicht interessant genug für ihn. Ich weiss nicht, ob er das auch so gesehen hat. Wahrscheinlich nicht, nicht wahr? Er war ja nie arrogant. Dennoch: Es war so ein Gefühl, das ganz von innen kommt. Vermutlich habe ich meine eigenen Talente zu wenig wahrgenommen. Weil sie mir im Vergleich zu seinen einfach zu nichtig vorkamen.

Obwohl: Eigentlich war er nie wirklich ein Massstab für mich. Sein Leben war derart ausserhalb der Norm, dass er aus dem Massstab ausgeschert ist. Immer haben alle gefragt: «Und? Schreibst du auch? Malst du auch?» Dadurch hatte ich gar keine Lust, es auch nur auszuprobieren. Der Druck war einfach zu gross. Das ging schon los, wenn ich nur einen Brief verfassen musste, beruflich, fürs Sozialamt zum Beispiel. Da hatte ich eine regelrechte Schreibhemmung. Trotzdem würde ich nicht sagen, dass ich es schwerer hatte als der Fritz. Rein gesundheitlich zum Beispiel, da ging es mir schon immer besser. Und beruflich musste er ja auch enorme Rückschläge einstecken. Er wurde phasenweise richtig angefeindet. Dazu kommt, dass er einfach unglaublich viel nachgedacht hat. Und dadurch Dinge sah, die ihn wahnsinnig deprimiert haben. Nein, man kann nicht sagen, dass mein Bruder ein besseres Leben gehabt hat als ich. Er lebte ein Leben der Extreme.

Als er dann gestorben ist, war das ein harter Schlag für mich. Schon der Tod der Eltern ist ja ein grosser Einschnitt im Leben. Aber wenn ein Geschwister stirbt, wird man sich der eigenen Vergänglichkeit noch einmal viel mehr bewusst. Und er fehlt mir schon, der Fritz, auch heute noch. Manchmal wundern sich die Leute, warum er so wenig über Privates geschrieben hat. Über unsere Eltern, über mich, seine Kinder, seine Frauen. Auch gesprochen hat er über uns eigentlich nie. Aber ich verstehe das sehr gut. Das Private war ihm heilig. Die Familie war für ihn ein sicherer Ort, an den er sich zurückziehen konnte. Und der nicht so verhängt war mit der Welt der Öffentlichkeit.

Was ich dem Fritz bedeutet habe? Schwer zu sagen. Im Alter hatten wir wieder mehr Kontakt, er rief oft an. Aber so wunderbar er auch schreiben konnte: Gefühle ausdrücken konnte er sehr schlecht. Erst nach seinem Tod hat mir ein Freund von ihm gesagt, dass der Fritz immer sehr liebevoll von mir gesprochen habe. Dass ich ihm wichtig gewesen sei. Ich weiss es nicht. Ich konnte es erst fast nicht glauben. Aber vielleicht war es ja tatsächlich so?

Michèle Wannaz ist freie Journalistin in Zürich. Sie hat eine jüngere Schwester.


Leserbriefe:

Zu Männer hatten es nicht leicht bei mir - NZZ-Folio Geschwister (12/08)

Ihr Artikel "Männer hatten es nicht leicht bei mir" von Michèle Wannaz ist ausgezeichnet geschrieben! Man kann ihrer Redaktorin zum Inhalt, zum Thema und zum Stil nur gratulieren!
R. Töndury, per E-Mail



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