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NZZ Folio 03/07 - Thema: Radio   Inhaltsverzeichnis

Duftnote -- Schockgefrostete Verheissung

© Fabienne Boldt
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Von Luca Turin
Als ich letztens für den Preis eines Biers von London nach Italien flog, fiel mir jener gefällige, wenn auch etwas nichtssagende Duft auf, den der Flugbegleiter auf der ganzen Länge des Gangs verbreitete. Zweihundert Seemeilen später hatte ich endlich heraus, was es war. Der Ablauf ist immer derselbe: 1. Hmm, wie angenehm! 2. Was zum Teufel ist das? 3. (mit Verspätung): Natürlich, CK One!

Auf dem Rückflug machte ich im Dutyfree-Shop die Probe und staunte über das stille Genie dieses Dufts. CK One ist im Grunde kein Parfum, sondern eine chemische Zeitmaschine. Die meisten Düfte arbeiten mit einer logarithmischen Zeitskala, auf der die nachfolgende Phase etwa zehnmal so lange dauert wie die vorangegangene: sechs Minuten Kopfnote, eine Stunde fürs Herz, der Rest des Tages gehört dem Fond. Während des Bühnenwechsels können viele aufregende Dinge passieren, wie etwa in der ersten halben Stunde von Patous EnJoy oder in den ersten drei Stunden von Guerlains Insolence. Andere Düfte, wie zum Beispiel J’Adore oder DK Gold, verschmelzen gleichsam mit der Zeit, indem sie über Stunden hinweg unmerklich von einem Akkord zum nächsten, ähnlichen hinüberschweben.

CK One geht einen eigenen Weg: Es bringt die Zeit zum Stillstand. In den 1980ern nannte man dies lineare Parfumerie. Sie wurde bevorzugt auf voluminöse Haarkonvolute appliziert, die am Samstagabend um elf die Welt zum Stehen brachten. Die übrige Zeit wirkten sie wie hohe Absätze und Goldlamé im Morgengrauen auf dem Weg zur Arbeit.

CK One dagegen beginnt mit einer seifigen, frischen Kopfnote, die durch ein Ensemble von hautfarbenen Herz- und Basisstoffen eine fleischliche Gestalt bekommt. Jede Substanz wurde aufgrund ihrer Ausstrahlungskraft ausgewählt, so dass man denselben Akkord in dreissig Schritt Entfernung genauso gut hört wie nahebei. Dann bringt irgendetwas sämtliche Komponenten von CK One dazu, sich die Hand zu reichen und im Geschwader davonzufliegen. So bleibt das Gemisch in der Luft stets unverändert und die Zeit für immer um acht Uhr früh stehen: die Verheissungen eines Tages, am Morgen schockgefrostet.

Es gibt ein vergleichbares Beispiel brillanter Ingenieurskunst im Bereich des Geschmacks. Ein Experte erklärte mir, dass das Geheimnis von Coca-Cola nicht etwa in irgendeiner magischen Zutat bestehe, sondern darin, dass sich zwar die chemische Zusammensetzung zwischen der Herstellung des Getränks in Atlanta und seinem Konsum in Bangalore sechs Monate später auf dramatische Weise ändert, niemals jedoch sein Goût. Wäre es denkbar, dass der chemische Schlüssel zum Erfolg von Coke wie von CK One in ein und derselben Flüsterbotschaft liegt, mit der sie unsere Nase umschmeicheln: dem Versprechen einer ewigen Jugend?

Luca Turin ist Forschungsleiter beiFlexitral Inc.; er lebt in London.



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