Er ist der Paradiesvogel der Branche: Hans-Hermann Weyer, der deutsche Titelhändler und Lebemann mit Wohnsitz an der Copacabana. Hans-Hermann Weyer, Konsul und Graf von Yorck, hat als Meister der Selbstdarstellung («Immer so tun, als sei man der Grösste, auch wenn es nicht stimmt») keine Mühe einzugestehen, wie sehr ein Titel dem Ego schmeichelt, und er geniert sich nicht, sich seiner vielfältigen Kontakte zu Diktatoren zu rühmen. Als Honorarkonsul vertritt Weyer Länder wie Liberia, Haiti und Mauritius, weil er ganz einfach Spass an dieser Rolle hat und «weil es angesichts der Weltlage stets nützlich ist, über mehrere Diplomatenpässe zu verfügen». Über 750 Honorarkonsulmandate will Weyer dank seinen Beziehungen gegen Honorar an Dritte vermittelt haben. Ein «blendendes Geschäft», das ihm über die Jahre 70 Millionen Dollar eingebracht haben soll.
Ein Fetischist des eitlen Scheins wie der «schöne Consul» ist unter den rund 180 Honorarkonsuln, die in der Schweiz einen ausländischen Staat repräsentieren, kaum auszumachen. Wer hierzulande das Amt bekleidet, tut dies in der Regel diskret, so wie es bei uns halt üblich ist. Kaum einer hängt den Titel an die grosse Glocke. Selbst Jürg Marquard, Honorargeneralkonsul von Ungarn für die Innerschweiz und den Aargau, zeigt sich in dieser Angelegenheit beinahe bescheiden. Er habe das Ehrenamt zuletzt wegen des Prestiges gesucht: «Ich bin auch so bekannt, und Glamour habe ich ohnehin genug.»
Marquard und Weyer kennen sich von Silvesterparties, die beide vorzugsweise im Hotel Palace in St. Moritz steigen lassen. Für seine Ernennung zum ehrenamtlichen Vertreter Ungarns bedurfte der Schweizer Prominente allerdings keiner Vermittlung; er verfügte selber über ausreichende Kontakte.
Marquard war der erste westliche Verleger, der in Ungarn nach der Wende zur Demokratie 1989 Zeitschriften und Zeitungen moderner Machart gründete. Dabei ergaben sich Beziehungen zu Politikern, und der Verleger signalisierte Interesse, Ungarn in der Schweiz als Honorarkonsul zu repräsentieren. Kurz nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten 1994 erfüllte Gyula Horn den Wunsch und leitete das notwendige Procedere ein. Das ungarische Aussenministerium sandte die sogenannte Bestallungsurkunde an das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten in Bern und ersuchte um das Exequatur, die Zulassung der auserwählten Person als Leiter einer konsularischen Vertretung.
In der Regel werden dann Leumund und finanzielle Verhältnisse der vorgeschlagenen Person überprüft. Bei Marquard jedoch – der Verleger erzählt’s nun doch mit Stolz – erbat der damalige Aussenminister Flavio Cotti ein persönliches Gespräch. «Die Ungarn hatten derart Druck aufgesetzt, dass er mich anrief und ein gemeinsames Mittagessen vorschlug. Er wollte wissen, warum ich angeblich so wichtig sei und was ein Honorarkonsul so alles mache.» Kurze Zeit später erhielt Marquard das Exequatur, das ihn unter anderem berechtigt, eine seiner Limousinen mit dem speziellen Kennzeichen CC für Corps Consulaire zu schmücken. Ist er in amtlicher Mission unterwegs, darf er nun damit rechnen, dass die Polizei ein Auge zudrückt, wenn er ein Rotlicht überfährt oder ein Glas zu viel getrunken hat.
Als Honorargeneralkonsul (der «General» wird je nach Land nach unterschiedlichen Kriterien verliehen) obliegen Marquard in seinem Konsularbezirk verschiedene Aufgaben, die im Wiener Übereinkommen über konsularische Beziehungen aus dem Jahr 1963 festgehalten sind. Dazu gehören administrative Angelegenheiten wie das Ausstellen oder Verlängern von Pässen oder die Zustellung von amtlichen Urkunden sowie die Repräsentation des Entsenderstaates an offiziellen Anlässen, das Knüpfen und Pflegen von Beziehungen im wirtschaftlichen, aber auch kulturellen und wissenschaftlichen Bereich. Der Leiter der konsularischen Vertretung soll ausserdem die Interessen seines Entsenderstaates wahren und Rechtsbeistand für dessen Bürger leisten, wenn sie im Empfangsstaat in Schwierigkeiten geraten, zum Beispiel verhaftet werden.
Die Aufgaben des Honorarkonsuls sind die gleichen wie jene des Karrierekonsuls, und wie der Karrierekonsul geniesst der Honorarkonsul in seiner Amtstätigkeit Immunität vor der Gerichtsbarkeit. Was den Honorarkonsul vom Karrierekonsul jedoch unterscheidet: Er muss nicht Bürger des Landes sein, das er vertritt; er zahlt Steuern wie alle andern auch; und er erhält für seine offizielle Mission nicht nur keine finanzielle Entschädigung, sondern muss in der Regel auch die Kosten seiner Infrastruktur übernehmen, die Miete des Konsulats, den Lohn einer allfälligen Sekretärin. Eine patente Einrichtung, welcher sich alle Staaten – mit Ausnahme arabischer Erdölländer, die immer eine eigene Klientel mit angenehmen Auslandposten zu versorgen haben – seit je gerne bedienen, um die Kosten der Auslandvertretungen nicht überborden zu lassen.
Selbst im Wirtschaftszentrum Zürich werden 59 der 70 konsularischen Vertretungen im Ehrenamt geführt, in kleinen Konsularbezirken sind gar ausschliesslich Honorarkonsuln mit der Wahrnehmung dieser Aufgabe betraut. Die gleiche Praxis verfolgt die Schweiz, die die grosse Mehrheit ihrer über 157 konsularischen Vertretungen ehrenamtlich besetzt hat, meist mit Schweizer Geschäftsleuten, die seit längerer Zeit im betreffenden Land leben. Sie wissen, wie ein weitgereister NZZ-Korrespondent lobt, oft mehr über ihr Land als die Karrierediplomaten, die in ihren Botschaften sitzen und alle vier Jahre den Posten wechseln.
Ohne Vertretungen im Ehrenamt wären die konsularischen Dienste für die meisten Staaten kaum finanzierbar. Pikant macht die Sache allerdings, dass offenbar auch einige Länder, vornehmlich afrikanische, für das Ehrenamt nicht nur Fronarbeit erwarten, sondern auch ein Entgelt, eine noble Spende für einen guten Zweck oder für die Privatschatulle eines Ministers. Die Verleihung des Titels gegen Bezahlung sei gängige Praxis, plaudert der deutsche Konsul Weyer daher.
Ob die Behauptung auch stimmt, ist naturgemäss schwer zu beweisen. Der Einzige, der offen zugibt, dass er sich die Ernennung zum Honorarkonsul mit grosszügigen Geschenken erkauft habe, ist der Küsnachter Übersetzer Jean-Paul Rochat. Mit dem Einsatz einer Viertelmillion Franken, sagt der Mann, der sich auch gern mit dubiosen Ehrendoktortiteln schmückt, sei es ihm gelungen, Bestallungsschreiben und Diplomatenpässe von Kamerun, Nigeria, Äquatorialguinea und den Komoren zu ergattern. Doch – zu seinem Leidwesen – fehlt ihm das Exequatur der Eidgenossenschaft, die offizielle Zulassung, seine Ämter in der Schweiz auch auszuüben. Somit geniesst er auch keine Privilegien wie Immunität. Das selbstgebastelte CC-Schild an seinem Wagen musste Rochat auf Geheiss des Dorfpolizisten wieder abmontieren.
So oder anders: Honorarkonsul ist ein Amt, das sehr viel kosten kann. Trotzdem scheint es nicht an Nachfrage zu fehlen. Kaum ein Land, das in der Schweiz nicht einen ehrenamtlichen Vertreter hätte, und attraktiv erscheint die Sache, so zeigt ein Blick ins Verzeichnis der konsularischen Vertretungen, vor allem für Geschäftsleute, mittelständische Unternehmer oder Kaderleute von Banken sowie für Rechtsanwälte oder Treuhänder. Höchst unterschiedlich sind jedoch die Motive der einzelnen Vertreter sowie ihr Weg zu Amt und Würden.
Otto C. Meier-Boeschenstein, hauptberuflich Rechtsanwalt in Zürich und nebenbei Honorarkonsul der Seychellen, schätzt das Amt, weil es ihm «einen völlig andern Blick auf die Weltpolitik» erlaubt. Kurz nach der Unabhängigkeit der Seychellen 1976 wurde er von einem Klienten mit Beziehungen zur Regierung des Inselarchipels für das Amt angefragt. Es war die Zeit des Kalten Krieges, die Seychellen waren als kommunistisches Land verrufen.
Das machte Meier-Boeschenstein erst recht neugierig. Er reiste hin und sah, dass in der Wirklichkeit alles ein bisschen komplizierter war, als man es in der Presse las. «Die Seychellen besassen zwar kein Staatssystem, wie ich es mir als Bürgerlicher gewünscht hätte, aber es war auch nicht einfach ein kommunistischer Staat. Die Seychellen sind Afrika. Und in Afrika läuft eben vieles anders, informell über Clans.» Das alles sei für ihn hochinteressant gewesen, und so habe er sich entschlossen, das Amt anzunehmen.
Zu seinen Aufgaben als Honorarkonsul zählen neben den administrativen Tätigkeiten vor allem die Promotion des Landes als Feriendestination, die Entwicklungszusammenarbeit sowie das Aufspüren von Schweizer Investoren. Ausserdem nimmt er ab und zu auch diplomatische Aufgaben wahr, begleitet Delegationen zu Verhandlungen bei der Uno oder der WTO in Genf.
Peter Buchmüller, Frühpensionär und Leiter des Honorarkonsulats von Togo, nennt das Amt «ein spannendes Hobby». Der joviale Basler, der gern dicke Zigarren raucht, arbeitete früher in leitender Stellung in einem internationalen Transportunternehmen. Er bereiste die Welt, viele Transporte führte er auch nach Togo aus. «Oft waren das Güter, die in der Schweiz nicht mehr gebraucht wurden», erzählt Buchmüller, «es war eine Art moderner Entwicklungshilfe.» Der Präsident des kleinen westafrikanischen Landes, General Gnassingbé Eyadema, habe ihn darauf einmal zu sich gebeten, um sich persönlich zu bedanken.
«Er fragte, ob er bei Gelegenheit meine Dienste auch in der Schweiz in Anspruch nehmen dürfe, und sagte: ‹Ich mache Sie dafür zum Konsul.›» Er sei doch kein Diplomat, entgegnete der Schweizer, aber der General meinte: «Das kann man lernen.» Buchmüller wurde auf die Botschaft in London geschickt und mit den konsularischen Aufgaben vertraut gemacht. 1989 ernannte ihn der General zum Honorarkonsul Togos für die ganze Schweiz ausser Genf.
Mit der Politik des Diktators hat Buchmüller keine Probleme: «Da bin ich strikt neutral.» Wichtig sind ihm als «Schweizer Papa der Nation» der Kontakt zu den Togolesen in der Schweiz sowie die guten Beziehungen zu den Kollegen des Basler Konsularischen Corps. Das Amt habe aber auch unangenehmere Seiten: Aufgabe des Honorarkonsuls ist es auch, abgewiesene Asylsuchende mit Passierscheinen zu versehen, damit sie über Paris wieder in ihr Heimatland zurückgeschafft werden können.
Jérôme Haegeli hielt neben seiner beruflichen Tätigkeit im Bankfach Ausschau nach einer Aufgabe, bei der es um internationale Beziehungen geht. Honorarkonsul schien dem damals 25-Jährigen genau das Richtige. Also machte er sich auf die Suche nach Staaten, die in der Schweiz noch nicht vertreten waren. Er stiess unter anderem auf Tuvalu, den neun Atolle umfassenden Zwergstaat im westlichen Pazifik, der zu jener Zeit in den Medien aufgetaucht war – als vom Meeresspiegel existentiell bedrohte Inselgruppe und als mausarmes Land, das mit dem Verkauf seiner nationalen Internetadresse .tv an Fernsehstationen ein paar Millionen machte. Haegeli schrieb einen Brief an die Regierung, in dem er sich anerbot, Tuvalus Anliegen in der Schweiz zu vertreten. Als diese Interesse zeigte, reiste er auf eigene Kosten um den halben Globus nach Funafuti, Hauptstadt von Tuvalu. Er wurde mit allen Ehren empfangen. Die Ernennung erfolgte kurze Zeit später, im Mai 2000 erhielt er aus Bern das Exequatur.
Als wichtigste Aktivität seiner bisherigen Amtstätigkeit nennt der junge Ökonom die Vertretung Tuvalus an der Sun 21, einem Forum für nachhaltige Energieentwicklung in Basel. Ausserdem habe er an Strategiepapieren für Kabinettsmitglieder mitgewirkt, und auch an Projekten mangle es nicht. Haegeli denkt dabei etwa an ein Ärzteaustauschprogramm oder an Abklärungen, ob sich auf Tuvalu, wie auf Tahiti, nicht Perlen züchten liessen.
«Das Schöne an diesem Amt ist, dass man eine gewisse Narrenfreiheit geniesst», sagt Werner Stauffacher, Honorarkonsul von Tschechien in Zürich. Der Rechtsanwalt ortet ein «gewisses Führungsvakuum», welches das Amt erst recht interessant mache: Der Honorarkonsul ist zwar kein Diplomat, trotzdem ist er Repräsentant eines Landes und gehört als solcher zur diplomatischen Entourage. Offiziell ist er zwar dem Botschafter oder dem Aussenminister unterstellt; welche Schwerpunkte er in seiner Arbeit setzt, ist ihm in der Praxis jedoch mehr oder weniger selbst überlassen.
Der umtriebige Zürcher Rechtsanwalt, selber nicht der tschechischen Sprache mächtig, hat die administrativen Arbeiten an ein Sekretariat delegiert. Umso intensiver widmet er sich der Pflege vielfältigster Beziehungen. Zu seinen Freunden gehört der ehemalige Minister- und heutige Staatspräsident Václav Klaus, dessen Nichte arbeitete eine Zeitlang in seiner Anwaltskanzlei. Auf der andern Seite rühmt sich Stauffacher seiner guten Kontakte zu Schweizer Konzernen, für die er in Tschechien im Rahmen der Privatisierung schon manches gute Geschäft eingefädelt habe.
Dass diese Geschäfte auch die eigene Kasse füllen, gibt Stauffacher unumwunden zu. «Wenn ein Konzern zu mir kommt, weil er in Tschechien investieren will, so ist das ein Mandat wie jedes andere auch. Also werde ich dafür bezahlt – für meine Beziehungen zur Politik und für meinen Wissensvorsprung, was für manches Geschäft eben entscheidend ist.» Diese Einkünfte erlaubten es ihm, wenigstens die Kosten für seine konsularische Vertretung zu decken, jährlich rund 300 000 Franken. Doch es gibt auch Deals, bei denen es um weit mehr geht: 24 Millionen plus aufgelaufene Zinsen fordert Stauffacher von der Swisscom für seine Dienste im Rahmen der Privatisierung der tschechischen Telefongesellschaft, an der 1995 die damalige Telecom PTT den Zuschlag für eine Beteiligung im Wert von fast 1,5 Milliarden Dollar erhielt. Das Geschäft, so Stauffacher, sei allein dank seiner Vermittlung zustande gekommen. Bei der Swisscom hingegen will niemand etwas von einem Vermittlungsauftrag wissen.
Es ist nicht die einzige Undurchsichtigkeit, die den Honorarkonsul umgibt. Sein Name – wie auch der seines Kollegen Heinz Egli, Rechtsanwalt und Honorarkonsul des Pazifikstaates Vanuatu – taucht auch auf im Rahmen der Ermittlungen der Kölner Staatsanwaltschaft wegen Schmiergeldzahlungen rund um den Bau des Müllofens Köln Riehl. Es geht um Geldwäscherei, um die Beteiligung an Bestechung von Beamten und von Politikern – Vorwürfe, die Stauffacher entschieden von sich weist. Auch diese Anschuldigungen würden sich in Luft auflösen, verspricht der Anwalt, der schon mehrfach als Angeklagter vor Gericht stand.
Nicht jeder Honorarkonsul ist ein Ehrenmann. Das zeigte sich in der Vergangenheit immer wieder. Anfang der neunziger Jahre war der damalige Honorar konsul von Honduras in Zürich in eine Atomschmuggel affäre verwickelt; 1994 entlarvte die amerikanische Drogenpolizei den Banker Karl G. Burkhardt, der in Zürich als Honorarkonsul von El Salvador amtete, als «Geldwäscher von Weltformat»; der Honorarkonsul von Paraguay entpuppte sich als Millionenbetrüger.
Für Rogelio Tribaldos-Alba, Honorargeneralkonsul von Panama und Sekretär des Corps Consulaire in Zürich, sind dies «schwarze Schafe», wie es sie in jedem Berufsstand gebe. «Im Grossen und Ganzen sind wir jedoch eine grosse, wohlerzogene Familie.»
Im Hauptberuf ist Tribaldos-Alba Geschäftsführer der Finanzdienstleistungsgesellschaft Panazur, die steuergünstige und diskrete Offshore-Geschäfte in Panama anbietet. Bevor er nach Zürich zog, war er Botschafter in Bonn, und als solcher hat er gelernt, wie man Beziehungen knüpft. Sein nächster wichtiger Termin ist der 17. September, wenn seine Exzellenz Harmodio Arias, Aussenminister von Panama, für Panamas Hundertjahrfeier zu Besuch kommt. Der Honorargeneralkonsul hat dazu alle seine Bekannten ins Dolder Grand Hotel eingeladen. Auch den Journalisten, der in der Briefanrede bereits zum «sehr geehrten Freund» geworden ist.