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NZZ Folio 04/07 - Thema: Heiraten   Inhaltsverzeichnis

Arrangiertes Glück

© Julian Salinas
Alphonse Lawrence (34), Koch aus Jaffna City, Sri Lanka, und T. Jude Renuka Thiruchelvam (31), Kassiererin aus Tellippalai, Sri Lanka. Das Hochzeitsfest feierten sie mit 300 Gästen in der Kirche Wiedikon, wo öfter srilankische Feste stattfinden. Es ist für beide die erste Ehe; sie sind seit drei Jahren zusammen. Linktext
In Indien herrscht längst freie Partnerwahl, doch viele sind überfordert. Junge Männer lassen sich mittlerweile die Braut wieder aussuchen. Eine Mutter berichtet.

Von Shobhaa Dé

Der junge Mann, der mir gerade in einem hippen Nachtclub namens Privé in Mumbai vorgestellt wurde, hat seine Hände in den Vordertaschen seiner Designerjeans stecken und wirkt insgesamt ziemlich verloren. Er ist 36 Jahre alt und alleinstehend. Mit einem MBA aus Wharton und einer sicheren Karriere als Investmentbanker vor sich, müsste der hübsche, grossgewachsene Navin einer der begehrtesten Junggesellen der Stadt sein. Aber er hat auch am Valentinstag kein Rendez-vous und trägt sich in seiner Verzweiflung mit dem Gedanken, es mit Speed-Dating zu probieren. Heirat? «Das überlass ich Mama», meint er, ohne dass es ihm im geringsten peinlich wäre.

Seine Mutter lebt weit weg in Chennai und ist wild entschlossen, die «richtige Partie» für ihren geliebten Sohn zu finden, was ungefähr so viel heisst wie: ein Mädchen aus ihrer eigenen Kaste, besser noch Unterkaste. Im Idealfall ist sie zehn Jahre jünger und eine begabte Tänzerin oder Musikerin, die gleichzeitig kochen und den Haushalt sauberhalten kann. Ein Zusatzbonus wäre es, wenn sie als Jungfrau in die Ehe käme. Kurzum: Die junge Frau sollte sich nicht wesentlich von Mama unterscheiden.

Ich frage Navin, weshalb er eine so gewichtige Entscheidung, die sein gesamtes Leben umkremple, seiner Mutter überlasse. «Weil ich ihr vertraue. Ich vertraue ihrem Urteil. Und wer kennt mein wahres Ich besser als sie?» Abertausende junger indischer Männer nehmen wie Navin Zuflucht in der altehrwürdigen Tradition der arrangierten Heirat. Die meisten dieser Männer sind weltgewandt, gebildet, kultiviert und auf der Höhe der Zeit. Und doch haben sie die traurige Erfahrung machen müssen, dass es im liberalisierten, globalen Indien viel schwieriger ist, eine heiratsfähige Frau zu finden, als sie sich hätten träumen lassen. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass die finanziell unabhängig gewordenen Frauen es sich zum ersten Mal in Indiens 5000-jähriger Geschichte leisten können, einen Bewerber abzuweisen. Diese gesellschaftliche Veränderung ist so dramatisch, dass sich mancher schwer damit tut. Also wendet er sich wieder an Muttern.

Die «neue», «bessere» arrangierte Ehe hat allerdings kaum etwas mit der alten Version gemein. Als mein Vater meine Mutter heiratete, war sie 17 Jahre alt und gerade mit der Oberschule fertig. Nachdem die Astrologen und verschiedene Gemeindemitglieder konsultiert worden waren, fädelten die Familienältesten die Heirat ein. Das junge Paar sah sich vor der Hochzeit nur ein einziges Mal im Haus eines Grossonkels und im Beisein von über 25 Leuten. Da es sich für die Braut in spe nicht schickte, ihrem künftigen Gatten direkt ins Gesicht zu sehen, starrte meine Mutter während des ganzen Treffens auf den Boden.

Die «Zustimmung» war völlig einseitig. Wenn meine Mutter meinem Vater äusserlich nicht gefallen hätte, hätte er die Verbindung abgelehnt und der Familie meiner Mutter diese Entscheidung innert 48 Stunden mitgeteilt (diese Frist gilt übrigens noch heute). Die Frage, ob mein Vater meiner Mutter gefiel, stellte sich nicht. Da er Gefallen an ihr fand, wurde die Heirat vollzogen. Basta! Zum Vorteil der beiden (und von uns vier Kindern) verstanden sie sich bestens und führten sechzig Jahre lang eine glückliche Ehe. Aber nicht alle Verbindungen gehen so glücklich aus. Weder damals noch heute. Weshalb also entscheiden sich so viele junge Leute zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch immer für diesen Weg in den heiligen Ehestand?

Zunächst einmal sind die heutigen Arrangements viel offener und flexibler. Zumindest im städtischen Indien wird keinerlei Zwang mehr ausgeübt. Familien entscheiden einvernehmlich, dass es an der Zeit ist, dass die Kinder heiraten. Man kontaktiert gute Freunde und sorgt dafür, dass alle Welt davon erfährt. Es gibt immer jemanden, der jemanden kennt, dessen Sohn beziehungsweise Tochter den Vorgaben entspricht. Sobald die passende Partie entdeckt wurde, wird ein gemeinsamer Bekannter gebeten, für eine informelle Zusammenkunft zu sorgen.

Zu diesem «Treffen zum Tee», das traditionellerweise um fünf Uhr nachmittags stattfindet, werden der junge Mann und die junge Frau häufig von ihren Eltern, Geschwistern oder sogar Cousins begleitet. Die Atmosphäre ist förmlich, aber nicht steif. Der Junge trägt Anzug und Krawatte wie zu einer geschäftlichen Verabredung, das Mädchen einen Sari oder einen Salwarkameez (Tunika und weite Hosen). Beide sind gehalten, sich rege an der dezidiert unpersönlichen Unterhaltung über Themen wie das Wetter, die Politik, Filme oder Musik zu beteiligen.

Nachdem das Eis gebrochen ist, geleitet der Familienälteste die Anverwandten diskret in einen Garten oder Salon. Die beiden jungen Leute können nun zum ersten Mal unbeaufsichtigt miteinander sprechen. Dieses Tête-à-tête darf nicht länger als eine halbe Stunde dauern. Dann verabschiedet man sich zügig und unverbindlich. Die vermittelnde Person sichert beiden Parteien zu, dass die Entscheidung binnen zweier Tage übermittelt wird, und beide Parteien halten sich strikt an diese Vorgabe. Sowohl die Frau wie der Mann können ihre Meinung frei äussern.

Ist ihr Interesse geweckt worden, wird sofort ein weiteres Treffen anberaumt – diesmal in einem Restaurant. Es bleibt ihnen freigestellt, bei diesem Treffen auf Begleiter zu verzichten. Diese zweite Begegnung ist entscheidend. Danach erwartet man von dem Pärchen, sich festzulegen. Ja oder nein. Das ist kein Problem, denn in Indien geben wir viel auf Schicksal und Intuition; den Rest überlassen wir Gott. Falls also ja, wird öffentlich der förmliche Verlobungstermin bekanntgegeben, und man beginnt mit den Hochzeitsvorbereitungen. Aber auch ein Nein wird problemlos akzeptiert, und die beiden jungen Leute beginnen erneut mit ihrer Suche nach einem passenden Partner.

Ich persönlich bin von diesem sonderbaren, doch höchst wirkungsvollen System überzeugt, obwohl ich es bei keinem meiner fünf Kinder in heiratsfähigem Alter bisher angewandt habe. Ich hätte aber Lust dazu, weil ich glaube, dass es funktioniert! Meine Söhne sind beides Junggesellen in ihren Dreissigern. Sie haben Beziehungen mit einer Reihe von attraktiven jungen Frauen unterhalten, aber keine Braut gefunden. Es ist bei uns schon zu einem Familienscherz geworden, dass die Jungs mich anbetteln, ihnen endlich eine Frau zu besorgen. Wenn ich auf einer Party eine charmante, kluge junge Frau erspähe, halte ich Augen und Ohren offen. Aber bis jetzt ohne Erfolg.

Auch die Freunde meiner Söhne stecken in einer ähnlichen Situation. Nicht verzweifeln, sage ich ihnen. Das Problem besteht weltweit. Manchmal witzle ich, dass Indien als Weltmeister im Outsourcing bestimmt demnächst seine Formel für arrangierte Ehen in alle Welt exportieren wird, nebst den dazugehörigen Dienstleistungen.

Im Internet sind zahllose Heiratsportale und Eheanbahnungsseiten entstanden, die dieselben Leistungen erbringen wie einst die Heiratsvermittler. Die meisten unserer Tageszeitungen machen mit den Heiratsanzeigen von Möchtegernbräuten und -bräutigamen satte Gewinne. Diese «matrimonials» genannten Anzeigen vermitteln einen hervorragenden Einblick in den rasanten gesellschaftlichen Wandel. Die heiratswilligen Männer von heute suchen samt und sonders «gebildete, berufstätige Frauen». Früher waren überwiegend «häusliche, willige Jungfrauen mit gutem Benehmen und hellem Teint» gefragt. Man könnte meinen, dass die unabhängigen, gebildeten jungen Frauen von heute es sich verbäten, auf diese Weise schubladisiert zu werden, oder sich dem sozialen Druck widersetzten, vor ihrem dreissigsten Lebensjahr in den Hafen der Ehe einzulaufen – doch mitnichten. Sogar die schicken, attraktiven Frauen, die man in den noblen Loungebars einen Cosmopolitan schlürfen sieht, erklären einem ungerührt, dass sie gegen eine arrangierte Ehe nichts einzuwenden hätten, solange es eine Kündigungsmöglichkeit gebe.

Die Scheidungsrate in Indien ist niedrig, unter zwei Prozent, aber in den Städten steigt sie seit zehn Jahren stetig. Selbst die moderne Liebesheirat, bei der die Partner einander selbst auswählen, hält im Schnitt nicht länger als eine arrangierte. Die jungen Leute, die sich dieser Tatsache wohl bewusst sind, erwidern achselzuckend: «Wie man es macht – es bleibt ein Risiko. Warum soll man es also nicht den Eltern überlassen?» Und vielleicht haben sie recht. Da Scheidungen viel von ihrer gesellschaftlichen Anrüchigkeit verloren haben, betrachten die Paare eine schlechte Ehe nicht mehr als Urteil auf Lebenszeit. Insbesondere Frauen trösten sich mit dem Gedanken, dass sie nicht mehr auf ewig bei einem Partner ausharren müssen, den sie vielleicht längst überflügelt haben.

Dasselbe hört man von Männern wie zum Beispiel Sunny, einem Jungen mit Pferdeschwanz, der im Geschäft seines Vaters arbeitet und als gutaussehender, erfolgreicher Unternehmer gilt. Seine Eltern sind meine Nachbarn, und jedes Mal, wenn wir uns im Aufzug begegnen, kommt das Gespräch automatisch auf den Punkt, der uns am meisten beschäftigt: «Haben Sie schon jemanden für Ihren Sohn gefunden?» Inzwischen sind wir so weit, dass wir Informationen austauschen und eine gemeinsame Datenbank anlegen. Wenn mir ein Mädchen unterkommt, das besser zu Sunny passen würde, gebe ich ihre Daten weiter, und vice versa. Im Grunde bereitet es uns grosses Vergnügen. Wir reissen Witze über das triste Leben unserer Söhne und lehnen uns selbstgefällig in unserem Eheglück zurück. Wir schieben die Schuld auf die Hektik der heutigen Zeit: «Es ist der Stress des modernen Lebens – die armen Jungs haben ja nicht einmal mehr Zeit, sich zu verlieben!» Aber in Wahrheit liegt es nicht am Tempo, am Stress oder an der fehlenden Zeit, sondern an den veränderten Erwartungen.

Wie ihre Geschlechtsgenossinnen weltweit wollen und verlangen auch die indischen Frauen mehr als früher. Sie geben sich nicht mehr mit dem Zweitbesten zufrieden. Doch die Männer in den asiatischen Gesellschaften sind auf Zurückweisung nicht eingestellt. Jahrhundertelang hat man ihnen eingeredet, die Welt – und die Frauen darin – gehörten ihnen. Sie brauchten nur mit dem Finger zu schnippen und auf eine zu zeigen: Das ist die Braut. Bingo. Und die Auserwählte werde vor Dankbarkeit überfliessen. «Träum weiter, Junge», erwidern heutige Frauen mit Nachdruck. «Du bist nicht der Richtige.» Das ist eine gewaltige kulturelle Umwälzung, an der die Männer schwer zu kauen haben. An diesem Punkt kommt Mama ins Bild. Sie ist zur Hauptunterhändlerin geworden, zur Maklerin in Beziehungsfragen. Und die Jungs sind heilfroh darüber.

Seit dem Auseinanderbrechen der Grossfamilie muss die Braut nicht mehr fürchten, ihren Bräutigam mit einer ganzen Sippschaft zu teilen. Sie weiss, dass die Schwiegermutter ihre beste Bündnispartnerin, ja manchmal sogar Freundin ist. Es sind die Männer, die es ziellos durchs Leben treibt. Von den neuen, zeitgemässen Frauen mit eigenem Kopf (und Einkommen!) überfordert, flüchten sie in die Arme der Frau, von der sie intuitiv annehmen, dass sie auf ihrer Seite stehe: Mutter! Lang lebe die arrangierte Ehe! Oder wie man in Indien sagt: Shaadi Zindabad!

Shobhaa Dé ist Journalistin in Indien; sie lebt in Mumbai.
Übersetzung: Robin Cackett , Berlin.

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