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NZZ Folio 07/10 - Thema: Grandios gescheitert   Inhaltsverzeichnis

Editorial -- Das richtige Gefälle

© Arni Torfason, Reykjavik, Isla...
Eine Handvoll Wikinger führte Island fast in den Ruin Linktext
Niederlagen können uns nichts anhaben, solange wir uns im Kern nicht ­anfechten lassen: das Leben lieben, den Tod nicht fürchten.

Von Anja Jardine

Nachdem Englands Torhüter Robert Green in der Vorrunde gegen die USA ein harmloser Ball durch die Finger geflutscht war und er dem Leder noch hinterher zu robben versucht hatte, so vergeblich wie demütigend, stand er einen Moment später im Tor, die Hände in die Hüften gestemmt, und starrte ins Nichts. Auf seinem Gesicht Fassungslosigkeit, Unglauben. Seine ganze Gestalt seltsam reglos im Vergleich zu dem Trubel um ihn herum. Grad so, als fiele man im Moment des Scheiterns aus der Zeit.

Meist agieren wir weiter wie auf Autopilot, während innerlich eine Art Totalrevision stattfindet. Vorbei. Chance vertan. Im schlimmsten Fall: Ich bin eine Null. Bin nicht der, der ich dachte zu sein. Nichts wirft uns dermassen auf uns selbst zurück wie das Scheitern. Nichts stellt uns dermassen in Frage – je höher der Einsatz, desto absoluter die Zweifel. Und sollte Green sich nach diesem Fehlgriff nun für eine Null halten, so geben die Medien ihm recht.

Vielleicht liegt die Kunst darin, nur einen Teil von sich zum Scheitern freizugeben. So wie Alexis Sorbas, der weltbeste Verlierer. Wer grad durch eine Prüfung gefallen ist, einen Termin beim Scheidungsrichter hat oder drauf und dran ist, konkurszugehen, der sollte sich unbedingt die Verfilmung des Romans von Nikos Kazantzakis anschauen. Sorbas und sein Freund Basil bauen auf Kreta Braunkohle ab. Der Stollen stürzt ein, und um einen neuen bauen zu können, benötigen sie die Fichtenstämme von der Bergkuppe. Basil investiert sein letztes Geld in eine Drahtseilbahn, Sorbas’ kühne Konstruktion, an deren richtigem Gefälle er monatelang tüftelt. Am Tag der Einweihung ist das ganze Dorf feierlich versammelt. Es geht um alles – für die Menschen im Ort, für Basil, für Sorbas.

Schon als der erste Stamm herabbrettert, schwanken die Masten verdächtig, beim vierten knicken sie dominoartig weg, als seien es Streichhölzer. Das war’s. Sorbas und Basil bleiben allein am Strand zurück, da bittet Basil Sorbas, ihm zu zeigen, wie man tanzt. Und Sorbas tanzt. Plötzlich fällt sein Blick auf die kläglichen Überreste ihres grossen Plans und – vollkommen ungetrübt in seiner Lebensfreude – ruft er: «Boss, hast du jemals etwas so prächtig einstürzen sehen?»

Anja Jardine ist NZZ-Folio-Redaktorin.




Leserbriefe:

Zu Editorial -- Das richtige Gefälle - NZZ-Folio Grandios gescheitert (07/10)

Ein treffendes Editorial von Anja Jardine, das wunderbar bildlich über Thema, Wahl der Aspekte sowie Substanz der Beiträge schwebt. Der Redaktion ein Kränzchen für die Folio-Ausgabe "Grandios gescheitert".
Peter Sidler, Zürich



Zu Editorial -- Das richtige Gefälle - NZZ-Folio Grandios gescheitert (07/10)

Hervorragend! Ich habe das Heft in einem Zug gelesen, eine schöne Wundertüte, gehaltvoll, unterhaltend, sehr gut geschrieben. Machen Sie weiter so!
Marianne Graber, per E-Mail



Zu Editorial -- Das richtige Gefälle - NZZ-Folio Grandios gescheitert (07/10)

Den Absturz des Spaceshuttles Challenger 1986, den Untergang der Titanic 1912 und den kürzlichen Kollaps der isländischen Banken kann man nicht als „grandioses“ Scheitern bezeichnen. Es waren Katastrophen, die alles andere als „grandios“ waren. Viele Katastrophen nehmen wir hier kaum wahr, etwa dass heute jeder sechste Mensch auf der Welt unter Hunger und Unterernährung leidet; Insgesamt 100 Millionen Menschen mehr als 2008. Die Zahl der Hungernden stieg 2009 als Folge der Krise auf 1,02 Milliarden an - den höchsten Wert seit 1970. Daneben stiegen 2008 die Rüstungsausgaben um 6 Prozent, und seit dem Jahr um 40 Prozent, laut dem Stockholmer Internationalen Friedensforschungsinstitut SIPRI. Im letzten Jahr wurden weltweit 1‘531 Milliarden Dollar für das Militär und die Rüstung vergeudet, auch laut SIPRI. Laut Unicef könnte die Welt die Grundbedürfnisse aller Menschen auf Erden decken, wenn lediglich 70–80 Milliarden US Dollar – das sind etwas mehr als 5 Prozent der Weltmilitärausgaben – dafür eingesetzt würden. Aber auch die Waffenexporte der Schweiz werden grösser, wie wenn den Hungernden dieser Welt Kanonen, Bomben, Granaten und Panzerwagen Helvetiens essen könnten.
Heinrich Frei, Zürich



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