«Sie kamen in der Nacht, packten mich, zerrten mich hinaus und rissen mir das Hemd vom Leib. Das ärgerte mich – jeder weiss, wie schwer es ist, im Dorf ein anständiges Hemd zu bekommen. Dann drosch mir einer von ihnen mit scharfem Schilf auf den Rücken und stiess mich immer tiefer ins Riedgras hinein. Sie zerrten mich zu einer schlammigen Stelle am See hinunter, schubsten mich ins Wasser und schrien: ‹Die Krokodile kommen!› Sie drückten meinen Kopf unter Wasser, bis ich beinahe ohnmächtig war, und als sich etwas Spitzes an meinem Bein zu schaffen machte und ich einen hysterischen Anfall bekam, liefen sie lachend davon. Ich schleppte mich nach Hause und brach zusammen. Alle meine Wunden vereiterten, und ich konnte mich tagelang nicht von der Stelle bewegen. Ich hatte grauenhafte Schmerzen, und das Fieber stieg so hoch, dass ich fast daran gestorben wäre. Es war eine wunderbare spirituelle Erfahrung.»
Mit diesen Worten schildert ein Ethnologe seine Initiation in eine Maskengesellschaft der Männer in einem ostafrikanischen Stamm. Es geht dabei um den Schmerz des Forschers im Feld. Denn sein Leiden gilt sonderbarerweise als Mass für den Wert seiner Arbeit. Um Gedanken und Gefühle der Einheimischen besser zu verstehen, ist ein echter Ethnologe zu fast allem bereit: Er lässt sich schlagen, beschneiden, bespucken und mit Exkrementen beschmieren. Denn der geteilte Schmerz gilt als unschlagbarer Beweis für die Ernsthaftigkeit der ethnologischen Absicht, für Sympathie und Empathie mit den Gastgebern. Der geteilte Schmerz ist der Kern jener teilnehmenden Beobachtung, die gleichsam das einzige intellektuelle Kapital des forschenden Subjekts ausmacht.
Man geht einfach davon aus, dass Leute, die zum Studium exotischer Kulturen nach Afrika oder Asien reisen, Leid und Schmerz empfinden müssen, um wirklich dort zu sein – so, als müsste jeder ernst zu nehmende Ethnologe des Christentums absolut darauf bestehen, ans Kreuz genagelt zu werden. Doch man darf, wie die Beschreibung meines Kollegen zeigt, keinesfalls zu viel Aufhebens davon machen. Es war ja eine wunderbare Erfahrung.
Das Verständnis für die Erfahrungen, die man durchgemacht hat, bemisst sich daran, dass man sie nicht wie andere Sterbliche als Qual empfunden, sondern vielmehr genossen hat. Unter Fremden zu leben, bei ihnen Entbehrungen und Schmerzen zu erleiden und sie und ihre Lebensweise nicht zu lieben, würde bedeuten, dass man nicht besser wäre als ein undankbarer Tourist, der nicht begreift, wie die Welt in den Augen der Fremden aussieht.
Ich erforschte einmal ein Volk, bei dem der zentrale Ritus im Leben eines Mannes darin bestand, sich den Penis der Länge nach schälen zu lassen. Es war das Markenzeichen, das den Knaben vom Manne trennte. Wer sich dem Ritus nicht unterzog, war eine Heulsuse. Durch die Verwandlung wurde man zu einem richtigen Mann, dem Besten, was der Herrgott hervorgebracht hatte. Man durfte umherstolzieren und jeden beliebigen Eid auf das Beschneidungsmesser ablegen. Ich lag die ganze Nacht wach und fragte mich, ob ich wirklich ein echter Mann oder vielmehr: ein echter, hartgesottener Ethnologe werden müsse. Schliesslich bezahlte ich eine Strafe von sechs Flaschen Bier an die Männer, um als «ehrenhalber beschnitten» klassifiziert zu werden. Ich bin heute noch davon überzeugt, dass es das Geschäft meines Lebens war.
Aber es geht nicht nur um den Schmerz des Forschers, sondern auch um den der «Eingeborenen». Im Kontext der Dritten Welt denkt man an Folterer in Hinterzimmern, an die Handlanger von Militärdiktaturen und absolutistischen Regimen, die in loyalem Staatsdienst Knüppel schwingen und Elektroden anlegen. Eines schönen Tages, so reden wir uns ein, wird der Fortschritt sie alle hinweggefegt haben und jeder in den Genuss der universellen Menschenrechte kommen.
Doch der Schmerz ist nicht bloss eine Verirrung unvollkommener Nationalstaaten. Er wird auch traditionell eingesetzt, stolz und unverblümt, in Dörfern und Städten, in Hirtenlagern und Nomadenzelten. Knaben wird bei der Erektion der Penis aufgeschnitten, damit er sich öffnet wie eine Blüte. Oder sie treiben sich Nadeln durch Nase und Zunge. Erwachsene Männer schlitzen sich ihre Genitalien mit Glasscherben auf. Mädchen wird die Klitoris abgeschnitten, ihre Lippen werden durchbohrt oder ihre Füsse gefesselt. Rücken und Gesichter und Bäuche werden mit stumpfen Nägeln gestochen, aufgeschlitzt, tätowiert. Leute werden entstellt und verstümmelt und verkrüppelt. Die menschliche Kultur ist voll von Schmerz. Zum Teil wird er sogar freiwillig erlitten. Denn Schmerz ist eine wichtige kulturelle Ressource.
Sogar wir Westler wachsen in einer Ökonomie des Schmerzes auf. Als Kind erklärte man mir, dass Christus auch für mich gelitten habe. Auch ich würde durch Leiden erlöst, und falls ich einmal zu leiden hätte, sollte ich ihm meinen Kummer und Schmerz darbringen. Die Erklärung und Kolonisierung von Schmerz und Leid ist eine der wichtigsten Aufgaben jeder Religion. Unser Körper ist nicht bloss eine Hülle, in der wir uns eingerichtet haben, sondern er wird vielfach dazu benutzt, unseren sozialen und symbolischen Ort in der Welt zur Schau zu stellen.
Im Westen lernen wir, uns unseren Körper nach und nach anzueignen, bis wir schliesslich als Erwachsene anerkannt sind. Die Adoleszenz ist eine Reihe von Kämpfen um das Recht am eigenen Haar, Gesicht oder Geschlecht, und die jungen Erwachsenen haben die unausrottbare Neigung, diese neueroberten Territorien anzumalen, einzufärben oder zu durchlöchern. Und das erste, was man dann tut, ist, öffentlich damit anzugeben. Wenn wir unseren sozialen Status verlieren, in die Armee eintreten, ins Gefängnis kommen oder ins Krankenhaus eingeliefert werden, verlieren wir wieder einen Teil der Kontrolle über unseren Körper. Körper und symbolischer Status sind so eng miteinander verknüpft, dass wir mit dem Zerfall unseres Körpers im Alter auch unseren sozialen Ort verlieren.
Oft sind diese Übergänge mit öffentlichen Ritualen verknüpft, in denen der Schmerz eine wichtige Rolle spielt. Schmerz enthebt uns aller Anmassung und macht uns demütig. Er lässt die ganze Welt auf unseren Körper zusammenschrumpfen und die Zeit aufs Hier und Jetzt, auf die Sekunden, in denen wir die Qualen durchleben. Es ist behauptet worden, dass wir uns der Sprache nur in jenen Augenblicken wahrhaft bewusst seien, in denen sie uns undurchdringlich erscheine – wie etwa in der Lyrik. Der Schmerz leistet dasselbe im Bereich menschlichen Erlebens. Er ist das Gegenteil jener Auflösung des Selbst, die uns im Orgasmus oder im mystischen Nirwana zuteil wird, weil er die brutale Realität des Materiellen in jede Faser unseres Seins einschreibt. Aus diesem Grund ist er oft ein zentraler Bestandteil von Übergangsriten, bei denen Menschen von einem Zustand in einen anderen übertreten.
Nichts könnte den Unterschied zwischen Mitgliedern und Aussenstehenden dramatischer inszenieren als die Verabreichung von Schmerz, der umso demütiger ertragen wird, als der Gepeinigte weiss, dass er eines Tages selbst zum Peiniger der Novizen wird. Nichts könnte kraftvoller zum Ausdruck bringen, dass das, was man durch das Ritual erwirbt, von gewaltigem Wert ist, und keine Kluft ist grösser als die zwischen dem Peiniger und seinem (womöglich freiwilligen) Opfer. Indem die Veränderung ins Fleisch des Initianten eingeschrieben wird, wird sie zu einem dauerhaften Teil von ihm.
Schmerz ist ausserdem eine recht flexible Währung. «Hör auf zu weinen, oder ich geb dir einen Grund dafür!» pflegten unsere Eltern uns Kindern anzudrohen. Körperlicher Schmerz wird auf Bestattungen als Gegenstück zum seelischen Leid eingesetzt und bringt sicht- und fühlbar den Verlust zum Ausdruck, den die Überlebenden erlitten haben. Doch im Unterschied zur Initiation verabreicht man ihn sich hier selbst. Während wir Westler uns schwarz kleiden und ein wenig traurig dreinschauen, schlagen sich die Bewohner anderer Weltregionen den Schädel wund, hacken sich Fingerglieder ab oder blenden sich für immer, indem sie sich in den Rauch eines Feuers setzen.
Der Schmerz ist, wie der Geruch, ein machtvolles Ereignis, für das es jedoch allen Sprachen an Worten fehlt. Die Ärzte mühen sich ab, ihn zu begreifen und die tastenden Beschreibungen ihrer Patienten zu deuten. Der Schmerz
ist eine private Sprache, die sich nicht mitteilen lässt. Schmerz kann am ehesten noch durch Vergleiche mit Dingen ausgedrückt werden, die wir durch andere erleiden: Er ist «stechend», «hämmernd» oder «bohrend», und vielleicht wird er deshalb in den meisten Kulturen auf äussere Feindseligkeit zurückgeführt und als Folge einer böswilligen Einflussnahme durch Magie oder mutwillige Götter interpretiert. Wenn wir ihn haben, ist der Schmerz unsere ganze Wirklichkeit. Wenn er vergangen ist, ist seine Intensität sogar für uns, die wir ihn erduldet haben, nicht mehr zu greifen. Fragen Sie eine Frau, die ein Kind geboren hat. Der Schmerz muss fortwährend wachgehalten werden, sonst löst er sich auf, entwischt durch die Risse in unserer Wahrnehmung.
Vielleicht ist dies der Grund, weshalb die Reformer, die gegen die Brutalität schmerzhafter Rituale zu Felde ziehen, so wenig Erfolg haben. Die Abschaffung der Initiation ist ihr wichtigstes Anliegen, und die Initiation von Frauen (nicht von Männern) ihr bevorzugtes Ziel. Diese Einseitigkeit liegt vermutlich daran, dass sie jede Kultur als männliche Verschwörung begreifen und Mädchen als die Opfer ansehen, während Knaben schliesslich selbst wieder zu Unterdrückern heranreifen.
Vor einigen Jahren wurde ich nachts attackiert. Plötzlich tauchte ein Junge von vielleicht sechzehn Jahren hinter mir auf und zog mir mit dem Baseballschläger eins über. Ich muss aus dem Augenwinkel etwas bemerkt haben, denn ich drehte mich zur Seite, so dass mich der Schlag nur an der Schläfe streifte. Der Polizist nahm meine Aussage gelangweilt zu Protokoll. «Wir wissen, wer es war», sagte er mit einem Gähnen. «Aber wir werden es ihm nie beweisen können. Die halten zusammen, keiner wird als Zeuge aussagen. Es handelt sich um eine Gruppe Teenager, und das ist ihre Initiation. Man muss auf der Strasse einen Menschen zusammenschlagen, um dazuzugehören. Bei Ihnen hat er schlechte Arbeit geleistet, und wahrscheinlich muss er’s wiederholen.» – «Gut, dass wenigstens hier noch auf Qualität geachtet wird.» Aber offenbar war das keine Sache, über die man Witze reisst, denn der Polizist sah mich missbilligend an. «Falls es Sie tröstet: Man hat Sie völlig zufällig herausgepickt. Es hätte jeden treffen können.»
Allein ich wusste, dass es nicht so einfach war. Hatte ich mich nicht vor Jahren während der Feldforschung um meine Initiation als Ethnologe gedrückt und mich mit ein paar Flaschen Bier aus der Affäre gezogen, statt mich dem entsetzlichen Schmerz einer Beschneidung auszusetzen? Jetzt hatte ich die Quittung bekommen.
Ich kann mich heute nicht mehr an die Panik und den Schmerz erinnern, die ich damals auf der Strasse liegend empfand. Und in ein paar Jahren werde ich das Ganze vermutlich, wie mein initiierter Kollege, als wunderbares spirituelles Erlebnis ansehen.
Nigel Barley ist Ethnologe; er lebt in London.
Übersetzung: Robin Cackett , Berlin.
Das bellische Gericht: Kupferstich nach einer Zeichnung von F. T. Delius, 1698.