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NZZ Folio 04/07 - Thema: Heiraten   Inhaltsverzeichnis

Hallo Taxi -- Ich bin bewaffnet, um die Fahrgäste zu beschützen

© David Vogel
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Von David Vogel

Ehud Nagdai, Rimonim, Israel,
ist 36 Jahre alt, verheiratet, hat drei Kinder. Sein Hobby ist das Schreinern. Er fährt einen Mercedes E-Klasse, Jahrgang 2006, Zählerstand 33 000 Kilometer. Nagdai hat vor neun Jahren ein Haus in der Siedlung Rimonim gebaut. Die Siedlung mit 150 Familien liegt nördlich von Jerusalem hinter der grünen Linie, also in den besetzten Gebieten.
Ehud Nagdai verdient 1110 Franken netto im Monat; davon lebt die fünfköpfige Familie. Die Hypothek für das Haus mit vier Zimmern beträgt 560 Franken im Monat.
Nagdai ist selbständiger Taxifahrer im Westjordanland und in Jerusalem. Für die Fahrten im Westjordanland wird er telefonisch gebucht. In Jerusalem arbeitet er im orthodoxen Stadtteil Meashearim.


Wie viele Stunden pro Woche fahren Sie Taxi?

Ich fahre 10 bis 12 Stunden am Tag, sechs Tage die Woche. Am Sabbat ist mein Ruhetag.

Wann haben Sie das letzte Mal Ferien gemacht?

An den Pessach-Feiertagen im April bin ich mit meiner Familie zum Camping in den Norden Israels gefahren. Herrlich!

Wie kam es, dass Sie Taxifahrer wurden?

Ich war Busfahrer, wollte aber selbständig arbeiten, vor allem wegen meiner Kinder. Im Westjordanland gibt es ausserhalb der Schule wenig für sie zu tun. Alles findet in Jerusalem statt. Also lade ich zwischen zwei Fahrten kurz die Kinder ein und bringe sie in den Musikunterricht oder in den Sportclub.

Wären Sie nicht Taxifahrer, was wären Sie dann?

Ganz sicher wäre ich Schreiner geworden. Ich liebe dieses Handwerk.

Welches war Ihre längste Fahrt?

Eine Familie wollte alle historischen Stätten orthodoxen Lebens in Israel aufspüren. Wir begannen in Jerusalem, sind von dort nach Tiberias und dann weiter nach Safed gefahren. Es war der Abend des Lag-Baomer-Festes, an dem zu Ehren von Rabbi Shimon Bar-Jochai ein grosses Lagerfeuer stattfindet. 700 000 Menschen waren dort.

Gibt es Stau im Westjordanland?

Ja, wegen der Kontrollen an den Checkpoints im Westjordanland und an der Trennungsmauer. Alle Eingänge nach Jerusalem werden bewacht. Wenn die Armee Hinweise auf einen Attentäter hat, wird jeder Wagen strengstens kontrolliert.

Wie verhalten Sie sich im Stau?

Ich warte geduldig. Ich darf gegenüber meinen Fahrgästen keine Anzeichen von Nervosität oder Angst zeigen.

Gab es Fahrgäste, die Sie nie vergessen werden?

Ja. Ich hatte einmal einen Amerikaner als Fahrgast, der sich ein Bild vom Westjordanland machen wollte. Er wollte alles sehen: die Siedlungen, die Checkpoints, die Trennungsmauer und so weiter. Mir war wichtig, ihm klarzumachen, wie eng hier alles ist. Die Menschen glauben immer, zwischen Jerusalem und Ramallah liege eine Strecke von fünf Stunden. Dabei wäre sie in fünf Minuten zu schaffen, wenn keine Kontrollen wären.

Wie hoch war Ihr höchstes Trinkgeld?

100 Dollar von dem Gast aus den USA.

Was blieb in Ihrem Taxi schon liegen?

Fotokameras, Handys, Babywagen.

Sprechen Sie mit den Fahrgästen?

Bei den längeren Fahrten immer. Und wenn ein Attentat war, werden die neusten Informationen ausgetauscht.

Wie hoch war Ihre teuerste Busse?

138 Franken. Das war in Jerusalem. Eine Mutter musste so schnell wie möglich ihr Kind aus dem Kindergarten holen. Ich habe eine durchgezogene Linie überquert; während ich die Busse zahlte, hat sie sich ein anderes Taxi geschnappt.

Welches ist der schönste Ort im Westjordanland?

Die Terrasse meines Hauses. Von dort blickt man auf der einen Seite auf das Tote Meer hinunter und auf der anderen Seite nach Jerusalem hoch. Ein herrlicher Ort. Die Fahrt vom Flughafen zu mir nach Hause kostet 100 Franken.

Was macht einen guten Taxifahrer im Westjordanland und in Jerusalem aus?

Das Wichtigste ist Geduld. Ausserdem braucht man gute Ortskenntnisse. In bestimmten Ecken des Westjordanlands besteht die Gefahr, aus Versehen in ein palästinensisches Gebiet zu geraten. Es ist wichtig, dann nicht nur auf den Verkehr zu achten – die Palästinenser werfen manchmal Steine. Es wurde auch schon geschossen. Ich bin bewaffnet, um die Fahrgäste beschützen zu können.

Wie regeln Sie Ihre Altersvorsorge?

In Israel gibt es keine gesetzlich geregelte Altersvorsorge. Zurzeit brauche ich alle Einnahmen zum Leben. Ich bleibe aber Optimist. Mit der israelischen Wirtschaft geht’s ja wieder aufwärts. Auch mit dem Tourismus.

Was würden Sie tun, wenn Sie viel Geld hätten?

Ich würde meine Familie verwöhnen. Ich würde Taxifahrer bleiben, weil ich den Kontakt mit den Menschen liebe, aber ich würde meine Arbeitszeit reduzieren, um in der übrigen Zeit als Schreiner zu arbeiten.

Wie verwöhnen Sie sich?

Indem ich den ganzen Sabbat mit meiner Familie verbringe.


Taxameter
Für die Strecken zwischen den Siedlungen im Westjordanland und für die Fahrt nach Jerusalem gelten fixe Preise. In Jerusalem selber beträgt die Grundgebühr 2 Franken 50, jeder weitere Kilometer kostet 85 Rappen.


Israel
Einwohner: 7 Millionen
BIP pro Kopf: CHF 22 586
Benzin: 1 l CHF 1.75
Milch: 1 l CHF 1.25
Brot: 1 kg CHF 1.60
Reis: 1 kg CHF 2.–
Kinobillett: CHF 10.–
Zigaretten: 1 Packung CHF 4.–
Falafel: 1 Portion CHF 3.50



Leserbriefe:

Zu Hallo Taxi -- Ich bin bewaffnet, um die Fahrgäste zu beschützen - NZZ-Folio Heiraten (04/07)

Seit 2003 haben Sie Taxifahrer und -fah­rerinnen aus aller Welt porträtiert. Dafür möchte ich mich bei Ihnen bedanken. Ich fahre selber seit 16 Jahren Taxi und war begeistert von Ihrer Serie. Da wir Taxichauffeure von der Allgemeinheit leider oft belächelt werden und häufig nicht über das beste Ansehen verfügen, hat es mich natürlich umso mehr gefreut, dass ein so renommiertes Magazin wie das Folio während so langer Zeit und gänzlich ohne schnippisch-despektierliche Bemerkungen über Leute meines Berufsstandes berichtete. Deswegen beklage ich mich auch nicht über das Ende der Portraitserie, sondern freue mich auf die Friseure und Coiffeusen.
Roman Bühlmann, Schaffhausen



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