|
|
Duftnote -- Noch besser als Sex
© Fabienne Boldt
Opium ist ein Meilenstein der Parfumerie – und Yves Saint Laurent hat damit vorgemacht, was perfekte Präsentation heisst.
Von Luca Turin
Opium ist dreissig Jahre alt! Eigentlich 33, denn es kam 1977 heraus, aber beim Alter darf man schon mal flunkern. Obwohl, wenn ich’s genauer bedenke, scheint es mir ganz und gar unnötig. Als Opium auf die Welt kam, war es schon in den besten Jahren, vom ersten Tag an das provozierend einladende Parfum einer sonnengebräunten Frau im Pelz, die um Längen besser auszusehen beginnt als ihr Gatte. Natürlich war der Duft unter jungen Frauen sehr beliebt, weil er eine Vergangenheit suggerierte, die sich nicht in zwei Sätzen resümieren liess.
Ich erinnere mich genau an den Moment, als ich es zum ersten Mal roch. Es war am Ende der öden 1970er, als eine Französin von vielleicht 24 Jahren mit dem wohlklingenden Namen Josette an der muffigen Londoner Universität auftauchte, an der ich arbeitete. Sie hatte kurzgeschorenes Haar und dunkelrote Lippen, trug smaragdgrüne Samthosen und sprach mit einer Stimme, die heute, wo Rauchen aus der Mode ist, Seltenheitswert hat. Sie war der lebende Beweis, dass Glamour nicht nur existierte, sondern beängstigende Ausmasse angenommen hatte, während ich mich noch mit Schlaghosen und einem rotzgrünen Pullover herumschlug.
Ein verräterischer Zufall wollte es, dass Opium wenige Monate vor einem sehr ähnlichen, jedoch verblüffend wirkungslosen Parfum namens Cinnabar auf den Markt kam. Beide verwiesen auf China, beide benutzten dasselbe Rot auf der Verpackung. Cinnabar wurde von Bernard Chant komponiert, dem Mann, der für die Parfums verantwortlich war, die Opium unvermeidlich machten: Cabochard, Aramis, Aromatics Elixir. Obschon wunderbar reich und komplex, spielten sie alle mit einer Herbstlaubpalette von Umbra bis Dunkelbraun.
Doch Opium stand nicht für Herbst, sondern für Weihnachten. Unvergesslich lebendig und farbsatt erschien es als eine olfaktorische Quadratur des Kreises, die Frische, Medizin und Süsse miteinander verband. Vor allem jedoch war Opium unheimlich anders. Chant und seine Mitarbeiterin Josephine Catapano hatten ganz offensichtlich danach gesucht, aber Jean-Louis Sieuzac hatte es gefunden.
Der Vergleich mit Cinnabar lässt ausserdem die Bedeutung einer weiteren Zutat ahnen, die Opium gross machte und die sich nicht in der Flasche befindet, sondern darum herum: perfekte Präsentation. Da ist zunächst der Name, skandalös genug, um Aufsehen zu erregen, aber nicht so sehr, dass er Kundinnen vergrault. Der Werbespruch lautete «Pour les femmes qui s’adonnent à Yves Saint Laurent» (die sich YSL hingeben).
Die Frauen in den Anzeigen, obschon vollständig bekleidet, wirkten so, als habe das grosse schwule Genie etwas entdeckt, was noch besser sei als Sex. Überall auf der Welt kam es zu Protesten, und in China und den Golfstaaten wurde das Parfum verboten. Die Chinesen konnten es sich ohnehin nicht leisten, und die Kundinnen vom Golf flogen zum Einkaufen nach Paris.
Saint Laurent erhöhte im Jahr 2000 den Einsatz durch ein Bild der nackten Sophie Dahl, die sich dem Unsichtbaren hingibt, doch die ursprüngliche Werbung war zugleich witziger und treffender.
Opium hatte ein kometenhaftes erstes Jahrzehnt, dann fiel es in den 1990ern in Ungnade, weil die Leute lieber blasse, dünne, überbelichtete Düfte wollten – das ist, als zöge man eine Zweizimmerwohnung dem Arc de Triomphe vor. Ob Sie es mögen oder nicht, Opium ist ein Meilenstein, der uns alle überleben wird.
Luca Turin ist Duftforscher bei MIT; er lebt in Boston.
Teilen
Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.
Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.
|
Wer ist Luca Turin?
"The Emperor of Scent" von Chandler Burr ist eine spannende Darstellung von Leben und Arbeit Luca Turins, der eine faszinierende Theorie entwickelt hat, wie unser Geruchssinn eigentlich funktioniert.
Buch kaufen
Das neue Buch von Luca Turin
Was ist das Geheimnis des Geruchsinns? "The Secret of Scent" ist eine spannende Einführung von Luca Turin in die wundervolle Welt der Düfte.
Buch kaufen
Der Parfumführer von Luca Turin.
Der NZZ-Folio-Duftkolumnist Luca Turin hat zusammen mit der Parfumkritikerin Tania Sanchez fast 1500 Parfums getestet und in pointierten Kurzkritiken beurteilt: "Perfumes. The Guide", erschienen im Viking-Verlag.
Buch kaufen
Read Luca Turin in English
You can read the original versions of all of Luca Turins legendary columns here.
Interview mit Luca Turin
NZZ-Format, das Fernsehmagazin der NZZ, hat im November 2006 einen Special zum Thema Parfum ausgestrahlt. Die Sendung ist auf DVD erhältlich und enthält als Bonusmaterial unter anderem ein Interview mit Luca Turin (in Englisch).
DVD bestellen
|
|