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NZZ Folio 02/10 - Thema: Das Ehrenamt   Inhaltsverzeichnis

Beim Coiffeur -- «Ich fühle die Kundenwünsche im voraus»

© Paul Flückiger, Warschau
Ryszard Paczynski, Warschau, Polen Linktext
Ryszard Paczynski wurde Coiffeur, weil er Hunger hatte. Seit 65 Jahren ­frisiert er im Warschauer Viertel Praga. Einmal Haareschneiden, bitte!

Von Paul Flückiger

Ryszard Paczynski, Warschau, Polen, ist 81 Jahre alt, verwitwet. Er hat zwei Kinder, das dritte ist vor vier Jahren gestorben. Er arbeitet seit 65 Jahren als Coiffeur. Mit seinem jüngsten Sohn (46) teilt er eine 55 m2 grosse Dreizimmerwohnung im Stadtteil Praga und zahlt dafür 185 Franken Miete. In seiner Freizeit ruht er sich zu Hause aus. Paczynski arbeitet im Salon eines guten alten Berufskollegen auf Kommission. Er arbeitet an fünf Tagen nachmittags und verdient rund 500 Zloty (185 Franken). Dazu hat er eine Rente von 390 Franken.

Welcher Schnitt ist zurzeit angesagt?

Seit ein paar Jahren wollen es alle kurz. Seit die elektrischen Schneidmaschinen so billig geworden sind, können das viele selber machen.

Haben Sie eine spezielle Methode?

Ich schaue einen Kunden an und sehe gleich, was für eine Frisur er will. Ich diskutiere nicht lange, sondern beginne mit meiner Arbeit.

Warum sind Sie Coiffeur geworden?

Weil ich hungrig war. Das war im Krieg, 1943. Meine Eltern waren ungebildet, mein Vater hatte keinen Beruf. Sie waren mit der Situation überfordert. Wenn ich Geld nach Hause brachte, konnte meine Mutter etwas zu essen kochen, wenn nicht, dann nicht. Ich musste die Grundschule abbrechen, um Geld zu verdienen. Es gab einen Coiffeursalon in der Nähe, in dem ich manchmal aushelfen konnte.

Wie haben Sie Ihr Handwerk erlernt?

Zuerst durfte ich den Kunden nur die Tür öffnen, den Mantel abnehmen und später die Haare vom Boden aufwischen. Doch dann erkannte der Meister mein Talent, und ich durfte selbst schneiden. Ich erlernte alles in der Praxis.

Was sind Ihre Zukunftspläne?

Ein leichter Tod.

Wer schneidet Ihre Haare?

Mein junger Kollege oder mein Chef. Wir kennen uns seit fast 50 Jahren. Früher haben wir gemeinsam für unsere nicht besonders fleissige Chefin gearbeitet, dann hat er den Salon übernommen. Er ist Witwer wie ich, heisst Ryszard wie ich, und unsere Ehefrauen hatten auch fast die gleichen Namen.

Welche Kunden sind die grösste Herausforderung?

Die Besserwisser. Sie sind ungeduldig und beschweren sich, bevor ich fertig bin. Zum Glück gibt es wenige davon. Sehr schwierig sind auch betrunkene Kunden. Deshalb frisieren wir keine Betrunkenen.

Haben Sie auch prominente Kunden?

In den 1950er Jahren habe ich im Coiffeursalon des Sejms, des Parlaments, ­gearbeitet. Damals kam der Landwirtschaftsminister alle zwei Wochen zu mir. Auch den damaligen Kulturminister habe ich frisiert, solange er noch Haare hatte.

Wem würden Sie gern die Haare schneiden?

Meinem Präsidenten Lech Kaczynski.

Haben Sie auch schon Besonderes erlebt?

Normalerweise sind die Kunden zufrieden. Aber einmal, noch im Kommunismus, hat einer das Reklamationsheft verlangt, ein paar Seiten herausgerissen und damit einen Fisch eingewickelt. Im Fischladen sei das Papier ausgegangen, beklagte er sich.

Haben Sie sich schon einmal geweigert, einen Wunsch zu erfüllen?

Rasieren dürfen wir seit der Aidsgefahr nicht mehr. Das bedauere ich sehr.

Was gefällt Ihnen an Ihrer Stadt?

Ich bin hier in Praga aufgewachsen. Auf dieser Seite der Weichsel sind mehr Häuser erhalten geblieben, weil der Aufstand 1944 bei uns nur ein paar Tage dauerte. Nachdem sich die Aufständischen der deutschen Übermacht hatten beugen müssen, bin ich mit meinem Meister nach Zeran geflüchtet. Doch bald wurde ich zur Zwangsarbeit nach Hannover verschleppt, zuerst in eine Zuckerfabrik, dann zu einem Bauern. Nach dem Krieg bot mir der Bauer an, bei ihm zu bleiben. Doch mein Herz wollte zurück. Hören Sie zu, ich singe Ihnen ein Lied über Warschau: «Wie das Lächeln der Liebsten, wie blühender Flieder im Frühling, (…) rufst du mich voller Sehnsucht (…) du mein erträumtes Warschau.» Die Stadt war wunderschön und wird es heute wieder.

In Praga gibt es allerdings noch viele unbewohnbare Häuser…

Aber vieles hat sich zum Besseren gewendet. Der Vilnius-Bahnhof gegenüber war jahrelang eine Ruine. Heute ist dort ein schönes Einkaufszentrum über den Geleisen. Mir fehlt allerdings das Geld zum Flanieren. Wenn ich daran denke, dass einstige Geheimdienstler fünfmal mehr Rente kriegen als ich, überkommt es mich. Doch das verdränge ich.

Wo verbringen Sie Ihre Ferien?

1981, im Sommer vor dem Kriegsrecht, war ich mit meiner Frau am Roznowskisee bei Nowy Sacz. Wir hatten es sehr schön. Das waren meine letzten Ferien.

Paul Flückiger ist Journalist; er lebt in Warschau.


«Ul. Bialostocka 6»
Der Salon hat keinen Namen, nur eine Adresse. Er liegt in der noch vor wenigen Jahren als unsicher geltenden Bialostocka-Strasse im Quartier Praga. Doch mittlerweile ist das ehemalige Kriminellenviertel Warschaus «in».

Preis pro Haarschnitt:
Männer zahlen 5 Franken, Kinder und Jugendliche zahlen 3 Franken 70.

Polen
Einwohner: 38 Mio.
BIP pro Kopf: 14 250 Fr.
Milch: 1 Liter 0.90 Fr.
Brot: 1 kg 1.50 Fr.
Kinobillett: 7 Fr.
Zigaretten: 2.80 Fr.
Taxi: 10 km 7 Fr.

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