NZZ Folio 01/12 - Thema: Agglo   Inhaltsverzeichnis

Das zersplitterte Dorf

Wie Agglo und Einwanderung zusammenhängen, zeigt sich in Birr, das einst das industrielle Herz der Schweiz war.

Von Dominik Gross

Die «Linde» ist eine Trutzburg. Trotzdem ist die Gaststube der Beiz im Dorfkern von Birr, Kanton Aargau, verwaist. Daran ist das Rauchverbot schuld. Ob der Unannehmlichkeiten der Gegenwart hat sich der Stammtisch der «Linde» in der Scheune des Hauses verbarrikadiert. Mit vereinten Kräften haben die Wirtin und ihre Gäste dort einen Parkettboden ausgelegt, das Tor isoliert und die Wände getäfelt. Nun ist die Scheune ein amtlich beglaubigtes Fumoir, und auch die obligate Vitrine, gefüllt mit Trophäen von Schützenfesten und Jassturnieren, steht jetzt hier. Holzschilder an der Wand verkünden das hiesige Gedankengut: «Die ganze Welt ist ein Herrenhaus, und hier ist die Zentrale.»

Birr, 4000 Einwohner, verkehrstechnisch günstig gelegen an der Gabelung der Autobahnen Zürich–Bern und Zürich–Basel, ist ein zersplittertes Dorf. Im Oberdorf mit den alten Handwerkshäusern prägen die Geschäfte des Baugewerbes und die Sitzplätze der Einfamilienhäuser das Bild. Hier wohnen Gewerbler, Angestellte und die paar Bauern, die es noch gibt. Es sind «Eidgenossen» und «Schweizer», wie sie in der «Linde» sagen: Hier wird zwischen Inländern von Blutes wegen und Eingebürgerten unterschieden. Unten beim Bahnhof steht die Grossüberbauung «In den Wyden» aus den 1960er Jahren.

Um eine Wiese mit Spielplätzen reihen sich sechs Punktblöcke und zwei über hundert Meter lange und acht Stockwerke hohe Häuser, die sogenannten Bananenblöcke. Dort, im «Ghetto», sagt am Stammtisch ein Herr mit österreichischem Akzent, leben die «Ausländer». Es sind Putzfrauen, Angestellte und Arbeiter der Lebensmittel-, Bau- und Transportindustrie.

Südlich der Wyde steht die riesige Turbinenfabrik des französischen Industriekonzerns Alstom. Auf der anderen Seite liegt das Birrfeld, die «Kornkammer des Aargaus». Gerade wurde geerntet. Zuckerrübenberge säumen die Feldwege, und am Himmel kreisen die Kleinflugzeuge vom Flugplatz Birrfeld. In der Ferne sieht man die Türme der Grossbäckerei Hiestand in Lupfig, die hier Tiefkühlgipfeli für Tankstellen im ganzen Land herstellt.

Die Leute vom Stammtisch in der «Linde», die «Eidgenossen», fühlen sich in ihrem eigenen Dorf umzingelt: vom «Ghetto», den Reihenhäuschen der «Schweizer im Westen», den «bösen Buben» aus dem Berufsbildungsheim im Neuhof – einst der Gutshof des Sozialreformers Johann Heinrich Pestalozzi – und von «den Reichen» in der Nachbargemeinde Lupfig mit ihrem tiefen Steuerfuss. Im Fumoir rauchen auch die Köpfe.

Roswitha Amara nimmt all das gelassen. Die Kindergärtnerin pendelt schon lange zwischen den Welten. Sie wohnt mit ihrer Familie im Oberdorf und führt in der Wyde den kleineren von zwei Kindergärten. Jetzt steht sie vor der Telefonliste ihres Kindergartens und zählt die Namen durch: Die zwölf Kinder kommen aus sieben Nationen, keines ist deutscher Muttersprache. Sieben Elternpaare verstehen kaum Deutsch. Manchmal wünscht sie sich, dass sie mehr Interesse an Sprachkursen und mehr Einsatz in der Gestaltung der Zeit zeigten, die sie mit ihren Kindern verbringen. Wobei es auch genug Gegenbeispiele gebe.

Und ausserdem: «Wer meint, hier gehe alles mit Sprache, ist am falschen Ort. Mit ‹Distanz wahren› und ‹Abends bitte nicht anrufen› wird es schwierig.» Die Kindergärtnerin verfolgt eine Integrationspolitik der kleinen Schritte: Hat ein Kind Geburtstag, wird es vom ganzen Chindsgi zu Hause abgeholt, «da bilden sich dann richtige Empfangskomitees». Immer vor den Sommerferien macht Amara mit der halben Verwandtschaft der Kinder einen Ausflug in den Wald, «für viele zum ersten Mal». Und wenn sie durch die Wyde gehe, sage sie auch mal als erste grüezi, «zu mir muss niemand aufschauen».

Vielleicht falle ihr das leichter als anderen, sagt Roswitha Amara, weil sie selber in der Wyde aufgewachsen sei. Als sie acht war, zog die Familie, die Mutter Bündnerin, der Vater Italiener, aus einem Bündner Dorf in die Aargauer Grossüberbauung. Ein Schock für das Mädchen aus Untervaz. Wenn sie in den ersten Monaten allein durch die Laubengänge unter den Blöcken lief, fürchtete sie, den Heimweg nicht mehr zu finden. Dann aber sei sie in der Wyde glücklich geworden: «Die Wiese zwischen den Blöcken gab uns alle Freiheiten. Nie mussten wir pünktlich nach Hause, nie gab es Abmachungen mit den Eltern. Wenn etwas war, stand immer irgendwo ein Onkel herum.» Jede Fussball-WM spielten die Wyde-Kinder nach, Nationen gab es ja genug.

Schon Amaras Vater war ein Innerbirrer Grenzgänger. Als einer der wenigen in der Wyde der 1980er arbeitete er nicht in der Turbinenfabrik. Er war Schreiner im Oberdorf und ging bei den Fabrikarbeiterfamilien genauso ein und aus wie bei den Alteingesessenen im Dorf. Sonntags pilgerte die Familie in die katholische Kirche nach Lupfig, und Roswitha sah dort Gesichter, denen sie sonst nie begegnete. «Ein solcher Ort, der allen gemeinsam ist, fehlt heute in Birr.» Das sollen die neuen «Integrationsgruppen» nun ändern. Die Birrer Schule hat sie mit Eltern aus dem ganzen Dorf angestossen. In sechs Sprachgruppen (Deutsch, Albanisch, Serbisch/Kroatisch, Tamilisch, Italienisch und Türkisch) sollen die Eltern unter sich Themen besprechen, die Schule und Erziehung betreffen, erklärt der Schulsozialarbeiter Roger Frick. Man will den Austausch zwischen der Schule und den Familien fördern. Auch Roswitha Amara ist als Kindergärtnerin am Projekt beteiligt. Sie begrüsst die Initiativen der Schulsozialarbeit, zweifelt aber noch ein wenig an der konkreten Strategie. Sie vermutet, dass ihre Geburtstagsbesuche und Waldwanderungen mit weniger Organisation auskommen, aber mehr bewirken.

Schoggistengeli statt Wienerli

Vielleicht stehen die Integrationsprojekte der Schule für ein allgemeines Umdenken in Birr. Noch vor fünf Jahren gab es zum Beispiel keinen Schulsozialarbeiter, dafür beantwortete der Gemeinderat Fragen des Zusammenlebens im Vielvölkerdorf mit der «Charta von Birr». Sie stellte eine Art Manifest der ehrbaren Bürger dar und sollte die «Respektierung, Achtung und Einhaltung» von «Schweizer Sitten, Recht und Gesetz» sicherstellen. Im Frühling vor fünf Jahren stimmten die Birrer an einer Gemeindeversammlung dem Papier zu. Auch wenn es damals niemand laut sagte, war klar: Die ­«Charta» richtete sich vor allem an jene, die darüber nicht abstimmen konnten, die Ausländer im Dorf oder 45 Prozent aller Einwohner.

Mit der «Charta» brachte es Birr bis in die «Rundschau» des Schweizer Fernsehens. Dort zweifelte ein Staatsrechtler an der Verfassungsmässigkeit des rechtlich nicht bindenden Papiers, und die Fernsehschweiz sah, wie zwei Gemeinderäte durch die Wyde spazierten: als hätten sie gerade ein Indianerreservat betreten.

Was damals eigentlich der Anlass für die «Charta» gewesen war, kann heute niemand mehr so recht sagen. Daniel Hablützel, Mit­initiator und ehemaliger Gemeinderat der SVP, sagt, es sei einmal ein Auto zerkratzt worden. Es habe Littering gegeben. Und es sei darum gegangen, die Stimmung im Dorf ernst zu nehmen und öffentlich darüber zu reden. Hablützel findet die «Charta» auch heute noch richtig.

Ihre Aktualität habe sich etwa am Räbeliechtliumzug vor einem Jahr wieder gezeigt: «Dreissig Jahre lang gab es dort Wienerli. Letztes Jahr hat man wegen der muslimischen Kinder zum ersten Mal darauf verzichtet.» Stattdessen wurden Schoggistengel verteilt. Es war damals Roswitha Amara gewesen, die an vorderster Front gegen die Wienerli lobbyierte. Hablützel und die Seinen sagten: «Wir Schweizer wollen Wienerli.» Amara und die Ihren sagten: «So bringen wir die muslimischen Kinder in eine unangenehme Si­tuation.» Die Hablützel-Fraktion forderte Anpassung: «Es geht um die kleinen, schleichenden Dinge!» Amara und Co. gaben zurück: «Was haben ein Kind, ein Wienerli und ein Schoggistengeli mit Anpassung zu tun?» Dieses Jahr gab es am Räbeliechtliumzug dann Lebkuchen.

Es gab auch einmal eine Zeit, da ging es in Birr um Grosses. In den 1950er Jahren baute die Brown, Boveri & Cie., die berühmte BBC aus Baden, einen Teil der Kornkammer des Aargaus zu einem Hauptstandort der Maschinenindustrie um. Die Region wurde zum Inbegriff für eine neue Urbanität in der Nachkriegsschweiz, sie galt als Modell für Schweizer Industriestädte. Der Boom in Westeuropa, Nordamerika und Japan hatte der führenden Schweizer Herstellerin von Kraftwerkturbinen und Elektromotoren, schon damals ein Weltkonzern, ein riesiges Wachstum beschert. Bald platzte das Werk am Badener Hauptsitz aus den Nähten. Wegen der Tausende von Arbeitern, die noch nicht auf vier, sondern auf zwei Rädern zur Arbeit fuhren, kam es ständig zu Velostaus.

Die BBC brauchte also neue Fabriken. Im fünfzehn Kilometer entfernten Birr sollte die grösste entstehen. Die BBC kaufte dort und in Lupfig 67 Hektaren Ackerland. 1959 feierte man die Eröffnung der bis heute grössten Schweizer Fabrik. Mit der Fabrik kamen auch die Menschen: Zwischen 1960 und 1968 stieg die Einwohnerzahl in Birr von 730 auf 2500.

Möglich machte den Zuwachs die Siedlung «In den Wyden». Die BBC baute dort zwischen 1962 und 1966 500 Wohnungen für dreimal so viele «Bebecisten», gleich gegenüber der Fabrik. Die Wyde sollte auf einer Fläche von 6 Hektaren das Herz einer neuartigen «Gartenstadt» bilden. Die plötzliche Dynamik in der Region sorgte bei den Planern an den Architekturfakultäten für Euphorie: Sie rechneten mit der rasanten Verwandlung von Bauerndörfern in Industriestädte. 30?000 Menschen sollten hier schon bald die alte Kornkammer besiedeln. Ein Hauch von Le Corbusier wehte durch den Aargau. Die Architekturzeitschrift «Das Werk» verkündete: «Die Bewohner dieser Siedlung werden die Pioniere von Birrfeld sein.»

Aus den «Pionieren» wurden dann «Gastarbeiter»: Sie kamen aus Italien und Spanien, später aus der Türkei und Griechenland, dann auch aus Jugoslawien. Neun Monate durften die Saisonniers jeweils in der Schweiz bleiben, dann mussten sie wieder für mindestens drei Monate nach Hause. Weil die Schweizer Industrie in den 1960er Jahren unter Arbeitskräftemangel litt, trugen sie viel zum Schweizer «Wirtschaftswunder» bei, aber im Gegensatz zu ihren Schweizer Kollegen verfügten sie über so gut wie keine arbeitsrechtlichen Sicherheiten, geschweige denn über eine politische Stimme. Auch in Birr gingen sie tagein, tagaus von der Wyde über die Strasse in die Fabrik und wieder heim. Abgesehen vom korrekten Heruntertragen des Hausmülls wollte man vor allem eines von ihnen: ihre Arbeitskraft. Das Recht auf Niederlassung im Gastarbeitgeberland? Vielleicht später.

Unsichtbare Immobilienbesitzer

Die Brown, Boveri & Cie. ist schon lange verschwunden. Sie hat 1988 mit Asea aus Schweden zur ABB fusioniert. Die stieg zu Beginn der 1990er Jahre schnell zum globalen Maschinenindu­striestar auf, mit 220?000 Arbeitsplätzen in 140 Ländern, bevor sie just zum Millennium umso tiefer fiel: Das Management hatte sich bei der Entwicklung einer Gasturbine und Firmenübernahmen verspekuliert und machte Schlagzeilen mit Insidergeschäften und Schmiergeldzahlungen.
Die Fabrik in Birr, das Kerngeschäft der BBC, wurde an die Als­tom verkauft. Vorübergehend war diese mit 4500 Mitarbeitern in Baden und Birr der grösste Arbeitgeber im Kanton. Heute findet man unter den rund 600 Arbeitsplätzen bei Alstom in Birr nicht mehr viele Fabrikarbeiter in den alten blauen Overalls, den «Blue Collars». Digitalisierung und Rationalisierung haben die weniger werdenden Jobs in der Fabrik anspruchsvoller gemacht. Die Arbeit wird jetzt von Facharbeitern und Ingenieuren in weissen Kitteln erledigt, den «White Collars».

Mit der Fabrik verkaufte die ABB auch die Wyde. Sie wurde vom Heim der Birrer «Bebecisten» zum Zuhause der Leute, die bei der Tiefkühlbäckerei Hiestand in Lupfig an den Fliessbändern stehen, einen halben Kilometer von der Wyde entfernt. Auf dem Parkplatz der Alstom hingegen stehen heute Autos mit Kennzeichen aus der halben Schweiz und aus Baden-Württemberg.

Seit 2011 gehört die Wyde nun der UBS. Sie befindet sich dort im Portfolio eines Immobilienfonds, wo Pensionskassen und andere investieren, die risikoarme Anlagen suchen. Mit dem Cashflow, den zum Beispiel die Mieten der Wyde-Bewohner generieren, versprechen diese Fonds unspektakuläre, dafür aber solide und regelmässige Renditen. So sind Birr und die Wyde nicht nur ein Beispiel für die räumlichen und demographischen Entwicklungen der Schweiz in den letzten fünfzig Jahren, sondern auch für die Umschichtung der Besitzverhältnisse. Während die Eigentümer 1970 noch in leicht zu verortenden Badener Büros sassen, werden sie heute von ihrem Kapital anonym an der Börse vertreten. Als Anleger sind die Besitzer unsichtbar geworden.

Birr ist genau wie Bresalc

Einer der Garanten für regelmässigen Cashflow bei den Pensionskassen ist einer der wenigen Alstom-Mitarbeiter, die noch in der Wyde wohnen: der 47jährige Labortechniker Xhevdet Muji – vielleicht ohne es zu wissen ein Investor in sich selbst, schliesslich betreibt auch die französische Alstom eine Schweizer Pensionskasse. Er lebt mit seiner Frau Hasime und den Söhnen Lirim, Kujifim und Meriton in einer Wohnung mit fünfeinhalb Zimmern und einem Balkon im ersten Stock: Bananenblock, 97 Quadratmeter, 1800 Franken im Monat.

Wie Roswitha Amara beteiligt sich auch Xhevdet Muji am Integrationsprojekt der Schule. Bald wird er dafür das erste Treffen der albanischsprechenden Eltern leiten. Während mir Frau Muji fünf Limonaden zur Auswahl anbietet und einen paneuropäischen Dessertteller auftischt (Panettone, Baklava, Himbeerroulade), setzt sich Herr Muji auf das weisse Sofa und fährt den Ton des Fernsehers ­herunter. Das Wohnzimmer wirkt gross und hell. An der Wand hängt ein Bild des albanischen Nationalhelden Skanderbeg. «Er ist sehr wichtig für mich», sagt Muji, «wie für fast alle meine Landsleute.»

Der Adelssohn, sagt die Legende, kam als christliche Geisel an den Hof des Sultans, wurde Muslim und zog als Kriegsherr in osmanischen Diensten bis an die Donau. Als der Sultan Skanderbegs Vater umbrachte, wurde er wieder Christ und entfachte unter den Albanern einen Aufstand gegen die Osmanen. 1467 machten diese die albanische Herrschaft schliesslich zu verbrannter Erde, kurz darauf starb Skanderbeg. Muji bewundert ihn für seinen Widerstand gegen den Sultan, der die damals christlichen Albaner zum Islam zwingen wollte. Mehr sagt Muji zu religiösen Fragen nicht, erstens habe er dafür nicht genug in der Bibel und im Koran gelesen, zweitens sei er Atheist, und drittens «sind das Dinge, für die der Papst in Rom oder die Imame in Kairo zuständig sind. Bei uns in der Wyde geht es um anderes!»

Zum Beispiel darum, dass das hier kein Ghetto sei: «Ich sehe hier einen Ort voller Leben. So viele Kinder, so viele Spiele und Kulturen!» In den Fluren ist es zwar eng, und auf den Laubengängen im Erdgeschoss lastet die schiere Masse der riesigen Gebäude. Seltsame Farbmuster versuchen dort unten die Eingangsfoyers einladender zu machen. Dumpf schauen dem Besucher die runden Luken der schäbigen Lifttüren entgegen. Aber wenn die Mujis auf ihren Balkon treten, sehen sie auf einen Park: hohe Bäume, grosse Sandhaufen, sanfte Senken und Hügel, Fussballtore, ein Baumhaus. Gerade pustet ein Gärtner mit einem Bläser die Herbstblätter zusammen. Sie flattern zu Bergen nieder, und um sie herum tanzen die Kinder. Dröhnen und Geschrei.

Xhevdet Muji kann sich keinen besseren Ort zum Leben vorstellen: immer etwas los, immer Betrieb. Auch dass im verschachtelten Innern der Wyde kein Ton in den schlecht isolierten eigenen vier Wänden bleibt, stört die Mujis nicht: «Wer Ruhe will, muss halt woanders hinziehen. Aber wenn man das Leben mag, ist das hier ein wunderbarer Ort.» Seit zwölf Jahren leben sie hier, und nie, sagt Frau Muji, habe es ernsthafte Schwierigkeiten gegeben.

Dann will mir Herr Muji via Google Earth zeigen, weshalb er sofort wusste, dass die Wyde das Richtige für seine Familie sei, als er die Überbauung vor zwölf Jahren zum ersten Mal sah. Auf seinem Laptop erscheint das Satellitenbild des kosovarischen Dorfes Bresalc, vierzig Kilometer südwestlich von der Hauptstadt Priština. Dort ist Muji aufgewachsen. Der Satellit zeigt einander gegenüberstehende Häuser und in der Mitte eine grosse Wiese: «Genau wie hier.»

Muji stammt aus einer Lehrerfamilie, die in Bresalc lange den Dorfältesten stellte. «Gab es Streit, kamen die Leute zu meinem Grossonkel, er amtete dann als Schlichter.» In Mujis Jugend, in den 1970er und 1980er Jahren, gingen die jugoslawischen Behörden in Kosovo gegen die albanische Bevölkerung vor. Besonders die privilegierten Familien wurden oft zum Ziel von Schikanen und Verfolgungen. Das Regime wollte die etablierten sozialen Strukturen der Minderheit zerstören. In dieser Zeit starben auch Fami­lienangehörige Mujis in Militärgefängnissen. «Diese Geschichte ist schwer zu erklären. Jemand, der damals in der Schweiz gelebt hat, wo es solche Sachen nicht gab, kann das nicht verstehen.» Vielleicht ist es aber nicht unbedingt Mujis Geschichte, die es zu verstehen gilt, sondern eher, dass er sagt: «Diese Geschichte beschäftigt mich nicht. Sie bringt mich um.» Xhevdet Muji will nur ein bisschen Respekt, sonst nichts. «Bei der Toleranz gibt es einen, der tolerieren kann, und einen, der toleriert werden muss. Respekt aber ist immer gegenseitig.»

IV ja, Einbürgerung nein

1985 wurde es Muji in Kosovo zu ungemütlich. Der Biochemiestudent brach sein Studium in Priština ab und ging mit 22 in die Schweiz. Er arbeitete als Saisonnier auf dem Bau und war Chauffeur. Während sechs Jahren verbrachte Muji jeweils neun Monate in der Schweiz und drei in Kosovo, legte dabei insgesamt 15?000 Kilometer zurück. 1988 heiratete er in Bresalc Hasime Haxholli. Als er 1991 eine unbefristete Aufenthaltsbewilligung erhielt, kam auch sie in die Schweiz. 1999 erhielt Xhevdet Muji eine Stelle bei der Alstom in Birr, und die Familie zog in die Wyde. Hier wuchsen ihre Söhne auf. Lirim, der Älteste, ist 17 und, wie er sagt, stolz darauf, aus der Wyde zu sein.

Gerade hat er die Playstation abgeschaltet und winkt aus seinem kleinen Zimmer. Bald muss er zum Büffeln aufbrechen. In drei Jahren hat er den doppelten Sprung von der Realschule in die Bezirksschule geschafft, im Frühling will er an die Aufnahmeprüfung der Kantonsschule. Jeden Mittwoch brütet er mit anderen Schülern aus der Wyde in einer Kammer in den Katakomben eines Bananenblocks über Matheaufgaben. Sein Vater hat einen Freund aufgetrieben, der den Jugendlichen Nachhilfe erteilt. Draussen dämmert es schon. Das Licht aus Hunderten hellen Quadraten in den Fassaden fällt auf den Park zwischen den Blöcken. Und von der Bahnlinie her dringt das Geratter eines Güterzugs, voll mit Zuckerrüben. Auf dem Weg in seine Lernkammer sagt Lirim: «Als wir in der Schule Smartvote ausfüllten, hatte ich die Grünen auf Platz eins und die SVP auf Platz zwei. Ich stehe wohl genau in der Mitte.»

Nach der Kantonsschule will Lirim vielleicht in die Politik. Dies dürfte ihm mit einem Schweizer Pass leichter fallen. Noch aber hat er keinen. Eine Krankheit seiner Mutter kam dazwischen: Sie fand vor drei Jahren eine Stelle als Verpackerin bei Hiestand. Hasime Muji arbeitete anderthalb Jahre dort und sagt heute, sie sei mit der Arbeit zufrieden gewesen. Dann hatte sie einen allergischen Anfall und fiel ins Koma. Vier Monate später erwachte sie wieder, es folgten drei Operationen. Das Geld wurde knapp, Xhevdet Muji lieh sich bei Alstom Geld – «alles zurückbezahlt».

In dieser Zeit konnten sich Vater Muji und die drei Söhne auf ihre Nachbarn verlassen: «Immer wieder kochte jemand für uns, alle halfen, wo sie konnten.» Die guten Beziehungen in der Siedlung waren für die Familie damals viel wert. Vor allem unter der albanischen Nachbarschaft besuchen sich die Familien regelmässig: «Hier treffen sich schweizerische und albanische Bräuche», meint Xhevdet Muji lächelnd.

Dafür blieben die Einbürgerungsgesuche auf der Strecke. Man hatte Xhevdet Muji geraten, sie zurückzuziehen, weil wegen der Krankheit seiner Frau eine Ablehnung wahrscheinlich war. Heute bezieht sie eine Invalidenrente, so kommt die Familie wieder durch. Bald wollen sie es mit der Einbürgerung erneut versuchen. Denn es stört Frau Muji, dass ihre Söhne zwar hier zu Hause, aber keine Schweizer sind. Und ihr Mann sagt: «Dieses Land braucht alle diese jungen Leute. In der Zukunft vielleicht noch mehr als gestern und heute.»

Literaturhinweis: Werner Catrina: «BBC: Glanz, Krise, Fusion: 1891–1991, von Brown Boveri zu ABB» und «ABB – die verratene Vision».

Dominik Gross ist freier Journalist, er lebt in Zürich.



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