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NZZ Folio 03/10 - Thema: Alles öko!   Inhaltsverzeichnis

Wer wohnt da? -- Frische Leere

© Heinz Unger
Im Mittelpunkt des Wohnzimmers steht ein schwerer Nussbaumtisch. Wird das Obst gegessen, oder dient es nur der Zierde? Linktext
Eine begüterte Dame mit Stil? Ein Paar mittleren Alters mit einem ausgeflogenen Sohn? Wen eine Psychologin und ein Innenarchitekt anhand der Bilder in diesen Räumen vermuten.

Aufgezeichnet von Gudrun Sachse

Die Psychologin

Eine Ansammlung von individuellen ­Einzelstücken, schöne Sachen, gezielt im Raum placiert, opulent von prächtigen Lampen bestrahlt. Hier lebt eine Person, die sich «bewusst leben» zum Ziel setzt. Nichts Überflüssiges, Unnötiges oder Zufälliges steht im Weg.

Gradlinig und schnörkellos mit einem Touch Grandezza hält man es hier mit sich und der Einrichtung. Das Ganze ist sehr persönlich gestaltet, mutet aber noch etwas frisch und neu an, die Menschen sind in dieser Einrichtung noch nicht ganz angekommen. Die Räume sind schön möbliert, aber noch nicht wirklich mit Leben und Geschichte gefüllt.

Profane Alltagsdinge sind – man weiss nicht, wohin – verbannt, wer da was macht, bleibt trotz hellen Räumen im Dunkeln. Immerhin scheint der Sohn seine Kleider auf dem Hocker zu parkieren, das Maximum an Unordnung in diesem adretten Jugendzimmer. Man liebt es, viel Raum zu haben, leistet sich das Privileg des Weglassens, Weite fürs Auge und für die Seele scheint wichtig. Haben die Bewohner vielleicht einen vollbepackten Alltag im Leben draussen und geniessen daheim die Grosszügigkeit ihres Hauses?

Die Kuschelecke der Hausherrin mit Buch und Teeschale findet in der Holznische statt, trotz vielen Einzelstücken kann über die Bewohner nur gerätselt werden, sie halten sich bedeckt – durch viel Leere. Vielleicht wohnt hier ein Elternteil mit jugendlichem Sohn? Eine begüterte Dame mit Stil, die gerne Abstand hält zwischen den Möbeln und zu den Menschen? Ein Paar, das nur hin und wieder diese Wohnfluchten besucht? Vielleicht wohnt da gar niemand dauernd, oder umgekehrt: dauernd mehrere, aber noch gar nicht so lange?

Ein Hauch von gebündelter Üppigkeit lagert in der Fruchtschale auf dem massiven Holztisch, warme Farben und ebensolches Licht in den Räumen – die Bewohner selber mögen sich noch nicht so recht zeigen.

Ingrid Feigl

Der Innenarchitekt

Im Herzen der Wohnung steht ein massiver Tisch in Nussbaumholz, eingerahmt von acht dunklen Stühlen. Die prall gefüllte Früchteschale ist nicht für das Foto arrangiert, hier verspeist tatsächlich jemand jeden Tag zwei bis drei Äpfel.
Im Hintergrund findet man verschiedene Antiquitäten. Möbel aus längst vergangenen Zeiten gibt es in jedem Raum. Die Architektur des Hauses hingegen scheint noch jung zu sein. Die Qualität des Grundrisses fällt auf. Der leichte Knick an der Aussenwand, die Stufe ins Wohnzimmer und die raffinierte Gestaltung des Ofens mit der rückseitigen Nische zeugen von Sorgfalt. Hier wird gewohnt und nicht nur übernachtet.

Auf den ersten Blick überrascht die Ordnung. Und dennoch sind Lebens­zeichen unübersehbar: die Pflanzen, die Kissen in der Nische, ein offenes Buch. Die kleinen Dinge, die man von überall her nach Hause schleppt und liegen lässt, scheint es hier nicht zu geben.

Wohnt hier ein Paar mittleren Alters? Aber wem gehört die Carrera-Autorennbahn? Ist sie ein Relikt des Sohnes, der nicht mehr regelmässig zu Hause wohnt, nur hin und wieder sein Zimmer mitbenutzt? Das Bett unter dem Fenster übrigens liesse einen Feng-Shui-Experten erschaudern. Die Wände im Haus sind noch alle weiss – ist das gewollt, oder hängen die Bilder noch nicht? Klar ist: Jedes Ding hat hier seinen Ort, der Zufall hat es schwer in diesen Räumen.

Jörg Boner


Edi Baumann und Marie Gabrielle von Weber, Biobauer und Hebamme

«An der Fasnacht gab ich ihr den ersten Kuss. Das war vor fast dreissig Jahren. Wir kannten uns aber schon lange davor. Ich wuchs in Ibach auf. Mein Vater ist ein Urner, im Meiental aufgewachsen, und war Bergbauer. Schon Mitte der 1960er Jahre wollte keine Frau hinauf in das karge Bergland. Für die Brüder meines Vaters war es unmöglich, eine Frau zu finden, mein Vater hatte mehr Glück. Meine Eltern lebten und arbeiteten in Schwyz. Ich wohnte immer im Talkessel, genau wie Marie Gabrielle. Ihre Familie stammt mütterlicherseits aus der Urenmatt, das ist der Name des Gehöfts, das wir als Hofgemeinschaft bewirtschaften.

Wir begannen mit Milchwirtschaft, merkten aber rasch, dass das viel Arbeit macht und wenig Ertrag bringt. Heute haben wir eine Rindermast und bauen Gemüse an. Seit 1992 wirtschaften wir biologisch, wir wagten diesen Schritt, weil die Nachfrage nach Biogemüse im Talkessel gross war. Wir vermarkten unter der Knospe und werden jedes Jahr mindestens einmal von der Bioinspecta kontrolliert. Früher pöbelte man uns gerne an, ob unsere Kühe nicht kalt hätten? Mittlerweile sind Freilaufställe üblich. Wir besitzen 20 Rinder, eine Hektare Freilandgemüse und 15 Aren in Treibhäusern mit Stangenbohnen, Gurken, Tomaten, Melonen.

Unser Hofladen hat zweimal in der Woche geöffnet, samstags verkaufen wir auf dem Wochenmarkt. Marie Gabrielle ist immer dienstags im Laden, es sei denn, es stehe eine Geburt an, die hat natürlich Priorität. Als freie Hebamme macht sie Schwangerenbetreuung, Hausgeburten und Wochenbett. Heute haben wir einen 4 × 4, früher musste sie, selbst hochschwanger, Schneeketten montieren, wenn sie in die entlegenen Gebiete fuhr. Für ihre abgelegenste Schwangere muss sie mit dem Auto nach Vitznau, dort umsteigen in die Zahnradbahn und dann noch eine Viertelstunde zu Fuss gehen.

Marie Gabrielle hätte gerne alle unsere drei Kinder zu Hause zur Welt gebracht, aber beim ersten mussten wir kurz ins Spital. Da stand ich als Mann dumm herum. Zu Hause konnte ich da mehr tun, hatte irgendwie den Eindruck, immerhin ein klein wenig gebraucht zu werden. Die Buben kamen in unserem alten Haus zur Welt, einem teilweise 300jährigen Bauernhaus mit dunklen, niederen Räumen.

Vor zwei Jahren beschlossen wir, das Haus abzureissen und ein Minergie-P-Haus zu bauen. Wir wohnen hier auf einer Hangkante, eine Toplage. Die Grundkosten für so ein Haus mögen höher sein, der Unterhalt aber ist gering. Wir haben uns auf wenig Materialien und klare Formen beschränkt. Wir mögen keinen Firlefanz, darum stehen bei uns auch keine Nippsachen herum. Während der Bauzeit wohnten wir ein Jahr lang bei Freunden. Das war eine sehr schöne Erfahrung. Der Kontakt zu anderen ist uns wichtig, und obwohl wir voll ausgelastet sind, laden wir oft Gäste ein oder sind Gast.

Wir kochen natürlich gesund, nicht nach den fünf Elementen oder so, aber wir haben fast keine Halb- und Fertigprodukte und frieren sehr wenig ein. Bei uns gibt es zweimal täglich warmes Essen. Es kocht der, der gerade da ist. Geheizt wird mit Holz. Unser Holzvorrat reicht noch vier bis fünf Jahre. Jetzt, wo es so kalt ist, braucht das Haus 20 bis 25 Kilo Holz pro Tag. Der Ofen misst die Zu- und Abluft, das ist alles gesteuert, ich muss deshalb nicht morgens einheizen, um warmes Wasser zu bekommen. Im Sommer speisen wir das Netz aus Solarenergie.

Die Inneneinrichtung hatten wir ruck, zuck beisammen. Wir treiben uns nicht tagelang in Warenhäusern herum – dafür fehlt uns die Freizeit. Aber all das alte Zeug aus dem Bauernhaus wollten wir auch nicht mitnehmen. Also gingen wir einen Nachmittag in ein Möbelhaus einkaufen – das war’s.

Heute haben wir manchmal das Gefühl, unser Zuhause könnte etwas einge­richteter sein. Sicher sind die Bubenzimmer ungewöhnlich leer, aber ihnen gefällt es so.

Der Esstisch wurde aus einem Nussbaum gezimmert, der unterhalb unseres Hauses stand. Der Baum war so gross, dass wir daraus auch noch unser Ehebett haben machen lassen. Marie Gabrielle und ich harmonieren gut, wir finden häufig einen gemeinsamen Weg und ziehen an einem Strick. An die Fasnacht gehen wir nach wie vor – dieses Jahr an eine Oldieparty nach Brunnen.»

Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin.



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