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Scheich Mo hat einen Traum
© Emaar Properties PJSC, Dubai, ...
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| Der höchste Turm der Welt, Hochhäuser, so viel man will, künstliche Inseln mit Hotels und Villen, Vergnügungsparks und Geschäftsviertel: Der «Dubai Strategic Plan 2015» erfindet die Stadt der Zukunft. |
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Generalstabsmässig holt der Herrscher von Dubai Menschen und Milliarden in sein Wüstenreich, um es zu der Metropole des Jahrhunderts zu machen.
Von Victor Kocher
Der iranische Kapitän im alten Hafen von Dubai ist sich seiner Sache sicher: Seine Eltern sind einzig deshalb bei bester Gesundheit 125 Jahre alt geworden, weil sie in einer natürlichen Umwelt lebten und sich von Fisch und Datteln ernährten. Wir sitzen auf den Holzplanken auf dem Deck des kleinen Handelsschiffs und trinken Tee – nur einen Katzensprung entfernt vom höchsten Turm und der grössten Baustelle der Welt.
Das Gesicht des Mannes ist so zerfurcht wie die Deckplanken, doch sein Vertrauen in die Zukunft des jahrhundertalten Handwerks – der kleine Güterverkehr zwischen den Ufern des Persischen Golfs und des Indischen Ozeans – ist intakt. Eben rollen schwitzende Männer in dreckigen Lendentüchern in Goldfolie verpackte Autoreifen in den Frachtraum. Und aufs Vorderdeck passen später noch ein halbes Dutzend Personenwagen mit kleinen Blechschäden, die in einer iranischen Werkstatt in Bushehr oder Bandar Abbas wiederhergestellt und verkauft werden.
Der Handel läuft auf allen Drehscheiben von Dubai auf Hochtouren, sei es in den Freihäfen von Deira, Rashid, Jebel Ali, sei es auf dem internationalen Flughafen. Jeder findet hier eine Nische für seine Geschäfte, so unterstreicht es auch Scheich Mohammed bin Raschid Al Maktum, der Herrscher des Emirats, in seiner Zukunftsstrategie bis zum Jahre 2015. Der rührige Scheich hat allerdings zu einem Quantensprung in der Entwicklung angesetzt, dessen Dimension sich nicht nur der persische Kapitän schwer vorstellen kann. Selbst die Hochglanzsprache von Scheich Mohammeds PR-Beratern ist den hochfliegenden Plänen nicht gewachsen. Es heisst lapidar, das Wirtschaftswachstum von 13,4 Prozent der letzten fünf Jahre soll sich auf absehbare Zeit mit mindestens 11 Prozent jährlich fortsetzen.
Da Dubais Einkünfte aus der Ölförderung zur Neige gehen – sie machen mittlerweile nur noch 3 Prozent des Bruttoinlandprodukts aus –, will der Scheich seinen Stadtstaat als Drehscheibe für überschüssiges Petrokapital aus der ganzen Region etablieren. Dubai pflegt sein Handels- und Investitionsklima, es schafft Sonderzonen für globalisierte Dienstleistungsbereiche wie Hochfinanz, Warentransit, Medien und Werbung. Es lanciert Masterpläne für Hotelkomplexe und Themenparks, Golfresorts und Geschäftsviertel, baut Megaprojekte.
Doch erst, wer sich ins Auto setzt und vom alten Zentrum mit seiner schon ganz ansehnlichen Skyline am Creek eine halbe Stunde südwestwärts fährt, der ahnt allmählich, welch unglaublicher Boom hier entfacht worden ist. An der gut 30 Kilometer langen Strecke bis nach Jumeirah, wo noch vor zehn Jahren einzig das Dubai World Trade Center in den Himmel ragte, reihen sich heute ein halbes Dutzend Megabaustellen mit vielen Hunderten Wolkenkratzern, Shopping-Malls, Büro- und Wohnkasernen. Vor der Küste von Jumeirah sind die künstlichen Inseln The Palm und The World aufgeschüttet, sogar die Astronauten im Weltraum sollen sie bereits erkennen können. Bis 2011 werden 200 000 neue Wohneinheiten gebaut. Die Bevölkerung des Stadtstaates soll bis 2020 von knapp 2 Millionen auf 5 Millionen anwachsen. Der Wert der in Dubai derzeit geplanten Projekte beläuft sich nach Schätzungen auf mindestens 500 Milliarden Dollar. Dubai will die erste Nicht-Erdöl-Wirtschaft der Region aufbauen und die ganze Welt in Atem halten.
Was in Dubai gebaut ist und was noch geplant wird: Zur Karte
Die unter der Hitze dösende Handelsniederlassung am Creek war schon vor fünfzig Jahren das einzige bekannte Emirat am Persischen Golf. Der damalige Herrscher Scheich Raschid diskutierte mit seinem Volk die Zukunft des Landes. Oft mit dabei waren seine beiden Söhne Maktum und Mohammed.
Die Händler von Dubai kamen seit je in der Welt umher, waren offen für Einflüsse aus Iran, Indien, Asien und Afrika. Und dank einem Beschluss aus dem Jahre 1894, der die fremden Handelsleute in Dubai von Abgaben befreite, florierte die Wirtschaft. «Das waren die Zeiten, als wir noch im engen Kontakt mit unseren Nachbarn in den Stadtvierteln Bastakia, Deira und Shindagha lebten», schwärmt ein wohlhabender Geschäftsmann. «All das ist nun vorbei, wir sind aus dem behaglichen Zentrum in grosse Villen am Stadtrand gezogen, und wir bewegen uns in klimatisierten Autos auf den Schnellstrassen.»
Scheich Raschid entwickelte ab 1958 den Fernhandel und förderte den Import und Wiederexport von Gold. Erst mit der Ölförderung, die in den 1960er Jahren begann, setzte ein radikales Wachstum ein. Hafen, Flughafen und Strassen wurden mit den Petrodollars ausgebaut. Doch Dubais Ölvorkommen erwiesen sich als gering im Vergleich zu Abu Dhabi oder Saudiarabien. Deshalb war Scheich Raschids Leitsatz, dass aus dem vorübergehenden Geldsegen eine Wirtschaftsstruktur entstehen müsse, die sich selber tragen könne. Scheich Mohammed, nun ein junger Mann, besuchte 1966 die Bell Language School in Oxford, dann erwarb er militärischen Schliff in der Mons Officer Cadet School in Aldershot. 1968 setzte ihn der Vater und Herrscher, Raschid bin Said, als Polizeichef von Dubai ein.
1971, als Scheich Mohammed im Alter von 32 Jahren zum General aufrückte, zählte der Stadtstaat etwa 300 000 Einwohner. Im gleichen Jahr reichten sich die Herrscher von Abu Dhabi und von Dubai die Hand zum Bunde, der bald mit Sharjah, Ajman, Fujairah, Ras al-Khaimah und Umm al-Qaiwain zur Föderation der Vereinigten Arabischen Emirate erwuchs. Scheich Zayed von Abu Dhabi, der als Beduine in der Oase Al Ain aufgewachsen war, wirkte als Integrationsfigur und natürlicher Präsident der Föderation; er band die eigenwilligen Emire mit feinen Ränken und grosszügigen Geldgeschenken in die Gemeinschaft ein. Scheich Raschid von Dubai wurde Vizepräsident, sein ältester Sohn Maktum Ministerpräsident. Sie brachten Dubais Weltläufigkeit und Geschäftserfahrung ein.
Dubai lancierte mit dem künstlich ausgebaggerten Handelshafen von Jebel Ali und der damit verbundenen Freizone für Handel und Industrie sein erstes, vermeintlich total überdimensioniertes Grossprojekt. Die einheimischen Arbeitskräfte reichten längst nicht mehr aus, weshalb ein Heer von Wanderarbeitern vom indischen Subkontinent gerufen wurde. Aber auch für Planung, Berechnung, Umsetzung und Betrieb der komplexen Projekte musste Dubai Spitzenkräfte und Kaderleute aus dem Westen, aus arabischen Bruderstaaten und aus Indien ins Land holen.
Scheich Mohammed übernahm, wie sein Hofbiograph betont, nach und nach die Verantwortung für die meisten dieser zukunftweisenden Grossunternehmen: Er leitete die Trockendocks, ab 1977 lenkte er das Verwaltungskomitee des internationalen Flughafens, den er zu einer interkontinentalen Verkehrsplattform ausbaute, er überwachte die Erdölförderung und später auch die Freizone von Jebel Ali. Nach aussen hin blieb er im Schatten seines herrschenden Bruders und pflegte sein Image als Pferdenarr, der selbst an Endurance-Wettkämpfen mitritt, weltweit ein Dutzend eigene Trainer beschäftigte und über 200 Spitzenrenner in den besten Stallungen hatte. Erst als Scheich Maktum 2006 starb, wurde Scheich Mo, wie ihn vor allem die Ausländer nennen, zur auch politisch bestimmenden Figur des Landes.
Wie kein anderer verstand es Mohammed, den staatlichen Verwaltungszweigen und Unternehmen Effizienz und Zielstrebigkeit einzuimpfen und sie zu einem grenzenlosen Ehrgeiz anzutreiben. Aus dem Club palavernder Händler am Creek wurde ein Rennstall galoppierender Manager mit scharfen Sicherheitskohorten, die ganze Armeen von eingewanderten Fachleuten und Arbeitskräften kommandieren und überwachen. Unter den Einwohnern machten die Einheimischen in den 1970 er Jahren noch einen Viertel aus, heute sind es ein Zehntel. Und wenn Dubai im Jahre 2020 wie geplant auf 5 Millionen Einwohner angeschwollen sein wird, dann sind die Söhne des Landes wohl nur noch ein Prozent unter ihnen.
Mehrere Entwicklungen spielen Dubai in die Hände: Die rasante Anhäufung von Petrodollars infolge des jüngsten Preisanstiegs schafft ein dringendes Bedürfnis der Nachbarn, Milliardenbeträge an einem sicheren Ort zu parkieren. Die gesamten Guthaben der Golfstaaten für das Jahr 2008 werden auf über 2 Trillionen Dollar geschätzt. Zudem hatte schon die brüske Reaktion der USA auf den Septemberterror von 2001 eine mächtige Welle der Rückführung arabischer Erdölkapitalien ausgelöst, weil sich die Investoren aus dem Golf in Amerika nicht mehr willkommen fühlten. Entsprechend stieg die Marktkapitalisierung der Börsen von Dubai und Abu Dhabi seit 2001 um 700 Prozent.
Die Dauerkrise in Libanon und der nicht enden wollende Krieg im Irak haben die Golfemirate als zuverlässige Finanzzentren in den Vordergrund geschoben, und Dubai sitzt dank seinem lauten Marketing im Rampenlicht. Iraner haben seit je, und erst recht seit dem Amtsantritt des neokonservativen Präsidenten Ahmadinejad, bedeutende Anlagen in Dubai, das gewissermassen die freie Lunge ihres rundum eingeschränkten Wirtschaftssystems darstellt. Ein Ökonom in Teheran schätzt die iranischen Fluchtkapitalien auf 400 Milliarden Dollar.
Für die Saudis bietet die freizügige Sittenordnung des Emirats die Gelegenheit für den Aufbau einer Zweitresidenz zum Ausspannen von den Zwängen einer erzkonservativen Gesellschaft. Und die Strategie der expansiven Entwicklung hat auch bei den Nachbarn Schule gemacht. So propagiert Abu Dhabi eine «Vision 2030», welche die Bevölkerung verdreifachen und Projekte für 190 Milliarden Dollar umsetzen soll.
Umso energischer steuern die Herrscher von Dubai selbst den Trend mit ihrem eigenen Grosseinsatz. Auf den Baustellen der Hochhäuser von Jumeirah flattern über Kilometer die Fahnen einiger weniger Grossunternehmen, deren Zügel alle direkt oder indirekt in den Händen von Scheich Mohammed liegen. Das Bauunternehmen Nakheel gehört gänzlich dem Staate Dubai, gehorcht mithin dem Herrscher, Scheich Mohammed; Emaar, eine der weltweit grössten Immobilienfirmen, ist eine Aktiengesellschaft mit einem Regierungsanteil von 32 Prozent; Dubai Properties ist eine Tochterfirma der Dubai Holding, die ihrerseits einzig das Privatvermögen von Scheich Mohammed (schätzungsweise 16 Milliarden Dollar) verwaltet. Also fahren letztlich alle mit auf einem Gespann, das Scheich Mohammed sowohl mit den staatlichen Ressourcen von Dubai als auch mit seinen eigenen Mitteln unentwegt in die kühne Zukunft treibt.
Wer, wie viele Europäer, in alten Mauern aufgewachsen ist und mit gewöhnlichem Wasser kocht, der vermutet in Dubai einen faulen Zauber. Zwar ist der Beweis erbracht, dass sich das Emirat der Superlative in der Wirtschafts- und Finanzwelt als strategische Position halbwegs zwischen der Alten Welt und Asien aufdrängen konnte. Doch das erklärt sich zunächst einmal durch die grossen Standortvorteile: Dubai erhebt – mit wenigen Ausnahmen – traditionell keine Steuern, in den vielen Freizonen sind alle Auflagen und Zölle aufgehoben, die Energie kostet nahezu nichts, und die Arbeitskräfte sind relativ billig. Doch im Laufe der nächsten zehn Jahre geht nach den meisten Schätzungen das Erdöl in Dubai aus, und dann muss sich das Emirat wie alle anderen Staaten sein Geld anders beschaffen. Was geschieht, wenn das Tax-free-Emirat anfängt, fremde Unternehmen und Personen zu besteuern? Und wer kann sich in diesem Hitzeklima, wo während drei Vierteln des Jahres die Klimaanlagen rund um die Uhr laufen, wo jeder für die Fortbewegung auf das Auto angewiesen ist, wer kann sich dort eine Strom-, Trinkwasser- und Benzinrechnung zu unverfälschten und ununterbrochen steigenden Weltmarktpreisen noch leisten?
Beamte kündigen an, dass bereits im kommenden Frühjahr in der Emirateföderation eine Warenumsatzsteuer eingeführt werden soll. Und Spezialisten des Internationalen Währungsfonds haben in ihrer Analyse des Haushalts von Dubai auf eine undurchschaubare Einkommenssituation hingewiesen. Nach diesen Zahlen stammten im Jahr 2006 fast 60 Prozent der insgesamt 5,4 Milliarden Dollar Einnahmen Dubais aus «anderen», nicht genauer erkennbaren Quellen. Erdöl und Erdgas machten gerade 816 Millionen Dollar aus und der Profit aus Prestigegesellschaften wie den Emirates Airlines oder dem Dubal-Aluminiumschmelzwerk nur 361 Millionen Dollar. Die Wirtschaftspresse spekuliert darüber, ob diese obskuren Einnahmen eine diskrete Finanzspritze des grossen und viel reicheren Bruders Abu Dhabi darstellten oder Einnahmen aus den staatlichen Investitionsgesellschaften von Dubai oder aber ein verstecktes Schuldenloch. Gewiss scheint vor allem, dass der Staatshaushalt von Dubai auf weniger sicheren Füssen steht, als sich das ein derart florierendes Gemeinwesen schuldig wäre.
Die grösste Fallgrube versteckt sich im schwindelerregenden Immobilienboom. Dubai hat im Jahr 2002 mit der Tradition der anderen Golfmonarchien gebrochen, die aus Sorge um die nationalen Reichtümer den Ausländern jeglichen Grundstückerwerb versagen. Seither können Fremde in besonderen Zonen wie den Palmeninseln und im Dubai International Financial Centre (DIFC) Wohnungen und Büros kaufen. Die mächtige PR-Maschinerie des Emirats übt sich im Namedropping: Im DIFC sind neben Credit Suisse und UBS auch fast alle anderen Grossen der Bankenwelt ansässig geworden. Stars wie Roger Federer, David Beckham und Rod Stewart sind angeblich Besitzer einer Villa oder eines Appartements mit einmaligem Blick auf den Persischen Golf.
Dieser künstlich ausgelöste Goldrausch hat rasch ungeheure Ausmasse angenommen. Die Wohnungskäufer stammen nach Angaben eines grossen Immobilienhändlers zu nahezu 70 Prozent aus dem Ausland. Aber- und Abertausende von Vertretern der asiatischen und europäischen Oberklasse haben sich in Dubai eingekauft. Aber lediglich 30 Prozent der Käufer sind auch wirklich die endgültigen Eigentümer. Das deutet auf eine überaus lebhafte Spekulation, weil die rasch steigenden Preise Renditen bis zu 40 Prozent ermöglichen. Meist sind die Spekulationsobjekte noch gar nicht gebaut: Die Unternehmen verkaufen die Häuser direkt vom Reissbrett – oder vom Computerbildschirm –, und erst mit den Zahlungsraten der Kunden wird die Bautätigkeit finanziert. Nach Berichten in der Lokalpresse haben sich die Bauarbeiten auch schon öfter massiv verzögert, die Bauqualität liess zu wünschen übrig, oder die Unternehmer kauften überhaupt ihr Projekt unter Auszahlung eines Bonus wieder zurück, weil die betreffende Parzelle unterdessen an Wert gewonnen hatte.
«Was in diesem Wirbel genau mit meinem Geld gebaut wird und wann ich meine Wohnung beziehen kann, ist kaum mehr zu durchschauen. Alles ist auf den guten Glauben aufgebaut und auf Geld, das vielleicht gar nicht greifbar ist», sinniert ein Journalist. Damit der Sog anhält, muss der Boom der Einsätze immer weitergehen, und Scheich Mohammed ist ja ganz vorne mit dabei. Doch seriöse Analytiker wie die Nahost-Website «Zawya» machen den Vergleich mit einem klassischen Schuldenturm: ein Geschäft, das die ersten Investoren begünstigt, indem es deren Gewinne aus den Kapitalanlagen später angeworbener Partner ergaunert.
Inzwischen wirkt das 321 Meter hohe Burj-al-Arab-Hotel am Strand von Jumeirah, das vor ein paar Jahren noch als der «Mount Everest der Luxushotel-Aficionados» galt, in der Kulisse der rundum emporwachsenden Residenztürme von bis zu 50 Stockwerken fast bescheiden. «Jumeirah Beach», Dubai Marina und Jumeirah Lakes Towers stellen es in den Schatten. Die Phantasie der Planer kennt keine Grenzen mehr: Was das heisse Klima und die öde Wüstenlandschaft von Dubai verbieten, das schaffen die Bulldozer in Form von lauschigen Lagunen und Palmenhainen, von luftgekühlten Wandelhallen mit Marmorböden, von Skiliften auf Indoor-Schneehügeln, Kunsteisbahnen und Wasserparks mit maschinengetriebener Surfer-Brandung. Dass Dubai von jeder Sorte Anlage die weltweit grösste haben muss, gilt mittlerweile als selbstverständlich. Und der Umsatz im Snowboardgeschäft neben dem «Ski Dubai» ist, wie der Verkäufer beteuert, hervorragend.
Doch ist es mit Blick auf die explodierenden Treibstoffkosten sinnvoll, diese ungeheuren Kapazitäten hier draussen in der Wüste aufzubauen, voll von dem Glauben an die prosperierende Zukunft, in der man die Benutzer aus aller Welt wird herbeikarren können? Die geplanten drei Palmeninseln, von denen erst eine und auch die nur teilweise bewohnt ist, sollen bis 2015 fast 2 Millionen Bewohner anziehen. Der Vergnügungspark Dubailand sieht einem Besucherstrom von täglich 40 000 Personen und einer ansässigen Bevölkerung von 2,5 Millionen Menschen entgegen. Für das Zieljahr 2015 projektiert das kleine Emirat, das letztes Jahr fast 6 Millionen Touristen verbuchte, insgesamt 15 Millionen Besucher. Ein arabischer Architekt zuckt nur mit den Schultern: «Als sie damals den internationalen Flughafen im Stadtteil Garhoud bauten, da sagten wir voraus, er würde eine nutzlose Neubauruine mit ein paar herumirrenden Ingenieuren werden. Heute ist die ganze Anlage auch nach mehreren Erweiterungen bis weit über die Kapazität hinaus ausgelastet, und man muss wegen des riesigen Andrangs überall Schlange stehen, sogar vor dem Pissoir. Mittlerweile plant Dubai den ‹weltweit grössten› Flughafen Jebel Ali, der fünfmal so gross wie derjenige in Heathrow werden soll. Die Scheichs mit ihrem kühnen Gigantismus haben unsere Ermahnungen bisher immer Lügen gestraft.»
Was suchen alle die westlichen Ausländer, die in Dubai leben oder regelmässig Urlaub machen? Allein die ansässigen Briten wiegen schon die Zahl der Einheimischen auf. In der Emirates Mall bummeln hellhäutige Käufer hinter hochgepackten Wägelchen durch die Regale bei Carrefour, als wären sie zu Hause in Frankreich. Doch auf wundersame Weise scheinen sie sich der ästhetischen und modernen Bauweise anzupassen. Es ist ein Volk wie in einem Utopia-Film: keine müden Gesichter der überalterten europäischen Gesellschaften. Nur junge und ehrgeizige Menschen drängen hier zur Kasse.
Viele loben die besseren materiellen Lebensumstände in Dubai. Eine junge französische Immobilienagentin schwärmt vom Paradies für steuerfreie Gelder mit traumhaften Renditen. Man hat mit den Füssen gegen das System zu Hause abgestimmt, gegen die Lasten, die es seinen Bürgern auflädt. Protestieren die Dubai-Emigranten aber auch gegen soziale Fürsorge, gegen demokratische Mitsprache und Verantwortung? Ist Dubai der Ausdruck einer Wertekrise in Europa? Leben diese Leute lieber in einer Monarchie, in der sie die entscheidenden Neuerungen jeden Morgen als Überraschung erleben?
Der Generaldirektor der Immobilienfirma Nakheel, Chris O’Donnell, hat neulich in der Zeitung «Gulf News» erläutert, wer die Leitbilder für Dubai gestaltet: «Die Tourismusindustrie formt ihre Destinationen in aller Welt und als Resultat davon auch die Gesellschaften, die dort leben. Nirgends ist dies klarer ersichtlich als in dem phänomenalen Wachstum von Dubai. Dubai ist eine Stadt, die für den Tourismus gebaut ist. Zu den weissen Sandstränden haben wir vorzügliche Hotels und Speiselokale hinzugefügt, weltberühmtes Shopping, ein pulsierendes Nachtleben sowie führende Freizeit- und Unterhaltungsanlagen. Dubai bietet eine reiche Mischung von Alt und Neu, hier vermählen sich Spitzenarchitektur und -design mit Oasen, traditioneller Falknerei und Pferderennen.»
Der Herrscher von Dubai, Scheich Mohammed, führt seinen Stadtstaat wie eine Grossfirma. Und viele Bürger sprechen gezwungenermassen viel besser die englische Geschäftssprache als Arabisch. Der «Dubai Strategic Plan 2015» nennt trotz alledem als Eckwerte einer Gesellschaftsordnung die «Bewahrung eines demographischen Gleichgewichts» und die Stimulierung eines Zugehörigkeitsgefühls. Der Staat soll Sicherheit und öffentliche Ordnung garantieren, Rechte und Freiheiten schützen und die Gleichheit vor dem Gesetz wahren.
Von politischer Mitsprache ist allerdings keine Rede. Die freie Marktwirtschaft, die Sittentoleranz und der Freiraum für nichtmuslimische Gläubige dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Scheich alle wesentlichen Entscheide fällt. Er zieht zwar die besten Fachleute der Welt bei, die für teures Geld anheuern, aber er ist es, der bestimmt. Insider bangen, wie lange der Scheich-Generaldirektor in seiner zusehends ausufernden Staatsfirma den Überblick behält und die Befehlsstrukturen anpassen kann.
Zur Kontrolle des öffentlichen Geschehens hat der Herrscher sich mit modernster Technologie ein umfassendes Videoüberwachungssystem bauen lassen, das jeden beliebigen Platz in Dubai unmittelbar auf einem Monitor sichtbar machen kann. Das Herrscherhaus wacht auch genau darüber, dass strategische Besitztümer nicht in die falschen Hände geraten. Die grossen Familien der Stadt werden mit Handelsmonopolen, etwa Importlizenzen für Luxuswagen, abgespeist. Die einheimische Bevölkerung geniesst kostenlos Schulbildung und Gesundheitsversorgung. Eingewanderte Bewohner hingegen können, wie Leserbriefe in der «Gulf News» klagen, weder das Bürgerrecht noch eine unbefristete Aufenthaltsbewilligung erhalten: «Nicht einmal die Dishdasha, die weisse Kleidung der Emirati, dürfen wir tragen!»
Ist es das, was sich die alten Bürger von Dubai versprechen? Ein einheimischer Kunstmäzen, der im neusten Modell eines deutschen Geländewagens umherfährt, meint dazu: «Ich kann mich ohnehin nicht gegen die Entwicklung stemmen. Also mache ich sie eben mit. Aber wir müssten die Jungen dazu hinführen, den ganzen Prozess auch wirklich zu begreifen, anstatt einfach im Konsumrausch mitzulaufen. Unser ganzes Erziehungssystem ist wertlos, solange es der nächsten Generation nicht die nötigen eigenständigen Wertbegriffe vermittelt, um diesen brutalen Sprung in die Zukunft zu überstehen. Bisher sind lediglich die islamischen Fundamentalisten in die Lücke gesprungen, und die machen die Konflikte noch viel schlimmer. Unterdessen zieht hier mancher bloss mit seiner Kreditkarte Geld aus dem Automaten und gibt es spektakulär wieder aus! Wo das Geld herkommt, dafür interessiert er sich gar nicht.»
Ein westlicher Banker sagt: «So viele Einheimische sehen in ihrem Land eher ein Geschäft als eine Heimat.»
Victor Kocher ist Korrespondent der NZZ; er lebt in Nikosia, Zypern.
Leserbriefe:
Zu Scheich Mo hat einen Traum - NZZ-Folio Dubai (07/08)
Wann platzt der Traum? Der überstürzt realisierte Traum vom Ausbügeln fehlender Erdölvorräte, auf die Beine gestellt von einem kindlichen Visionär, gepaart mit zu viel Geld, der das Bild der Realität verloren oder nie gesehen hat. Bei genauerem Hinschauen erkennt jedoch der aufmerksame Betrachter, dass diese Stadt alle Angriffsflächen von kommerziellen Problemen der Vergangenheit aufweist. Tsunami und Fluten (mit Änderung der Meeresströme durch Klimawandel) sind sehr realistisch in dieser Gegend. Ebenfalls Angriffe radikal islamischer Organisationen, die sich in ihrer Heimat vom abendländischen Mann gestört fühlen und die Prostitution ihres Bodens anprangern. Nicht zu vergessen sind die Klimaaspekte. Dubai, die Stadt in der Wüste und am Salzwasser, soll gedeihen, während der Rest der Welt sich mit der Umweltverschmutzung auseinandersetzt? Es gibt auch positive Aspekte, wie die Ausdehnung der Menschheit auf bisher beinahe unbesiedelten Raum und dass Dubai eine Art Versuchskaninchen in der Architektur darstellt und Errungenschaften aufweist, die später schon erprobt in die westliche Welt gelangen werden. (http://www.dynamicarchitecture.net) In diesem Sinne behalten wir Dubai lieber wachsam im Auge, bevor der Traum eskaliert und zum Albtraum mutiert. Oliver Schneider, Oberrohrdorf
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