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NZZ Folio 08/10 - Thema: Patriotismus Inhaltsverzeichnis
Perverse Liebe
© Jon Jones / Sygma / Corbis
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| Schluss mit Brüderlichkeit und Einigkeit: Jugoslawien zerfällt im Bürgerkrieg, August 1995, Krajina, Kroatien. |
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Die erste Heimat, Jugoslawien, verlangte Hingabe; die zweite, Kroatien, forderte die Auslöschung der ersten; die dritte, Holland, verlangt keine Liebe – und verspricht auch keine.
Von Dubravka Ugrešic
Heimatliebe gehört zur Psychopathologie des menschlichen Verhaltens. Ihre Perversität kann sich nur mit der Liebe zu Gott messen. Die Paraphilie wird unter anderem als «Liebe zu einem nichtmenschlichen Objekt» definiert. In diesem Fall bezeichnet der Begriff Liebe eine impulsive und obsessive sexuelle Erregung, ausgelöst durch ein bestimmtes, nichtmenschliches Objekt. Allerdings lehnen heute viele Psychiater das Wort Paraphilie als negativ besetzt ab und benutzen lieber die neutrale Bezeichnung mentale Störung.
Die Liebe zur Heimat ist ein auf ein «nichtmenschliches Objekt» gerichtetes Gefühl. Wieso hat es ausser der Heimatliebe keine andere psychopathologische Neigung geschafft, als normal angesehen zu werden? Wieso wurde ausser dieser keine andere legalisiert und institutionalisiert? Wieso besitzt keine andere eine solche gesellschaftliche Macht, warum kann keine auf eine so lange und reiche Geschichte der eigenen Macht zurückblicken? Wie ist es also zu der Umkehrung gekommen, dazu, dass sich etwas in seinen Grundvoraussetzungen Abnormes in etwas Normales, ja Wünschenswertes verwandelt? – Ganz einfach. Es genügt, unser nichtmenschliches Objekt zu humanisieren, und unsere Liebe zu ihm wird normal und verständlich. Deshalb übrigens schlucken die Gläubigen die Hostie, den mehligen Ersatz für den abstrakten Leib Christi, und trinken den Wein als flüssigen Ersatz für das abstrakte Blut Jesu. Gibt man uns die Möglichkeit, an ihm zu schnuppern, zu knabbern oder zu lecken, ist uns der unerreichbare Geist Gottes nahe.
Dies ist der erste und der einzige Grund, weswegen in der populären Ikonographie die abstrakte Heimat so oft als Mutter dargestellt wird. Daher so viele Gemälde, auf denen die Mutter/Heimat mit der Milch ihrer üppigen Brüste ihre zahlreichen Kinder ernährt. Daher die überall anzutreffenden Skulpturen, welche die Mutter Heimat darstellen. In jeder Hauptstadt jeder ehemaligen sowjetischen Republik gab es eine solche gigantische Mutter: Mutter Russland, Mutter Armenien, Mutter Georgien und so weiter. Allerdings erinnerten diese Mütter der ehemaligen sowjetischen Republiken eher an Amazonen oder, in der Sprache der Populärkultur ausgedrückt, an die Kriegerprinzessin Xena. Während wir der Heimat in der Gestalt einer kollektiven Mutter begegnen, wird der Staat meistens als Vater dargestellt. Das Ganze endet fast immer im metaphorischen Sex: in der untrennbaren Legierung von Mutter und Vater.
An der Vermenschlichung, Humanisierung oder Familiarisierung des nichtmenschlichen Objekts Heimat haben im Laufe der Jahrhunderte nicht nur Maler und Bildhauer, sondern auch Schriftsteller fleissig gearbeitet. Daher der Wust an Lyriktexten, in denen die Heimat gepriesen wird sowie ihre Stammväter, Gründer, Grossväter, Väter, Verteidiger, Helden, Märtyrer, eine ganze Familie, angeführt von der Mutter (Motherland) und dem Vater (Fatherland), die dazu da sind, ihre Söhne und Töchter zu beschützen, zu ernähren und zu verteidigen. In der Heimatrhetorik schwören die Söhne, sie seien bereit, für die Heimat ihr Leben zu opfern. Die Aufgabe der Töchter ist es, die verwundeten Heimathelden gesundzupflegen und neue Helden zu gebären, die, wenn nötig, bereit sein werden, für die Heimat ihr Leben zu opfern.
Eins möchte ich hier klarstellen. Nicht ich bin zynisch – falls der aufgeregte Leser aufgrund des bisher Gesagten zu diesem Schluss gekommen sein sollte –, zynisch ist vielmehr das Konstrukt der Heimat. Ich weiss gut, wovon ich spreche, denn ich habe, wenn auch keine theoretische, so doch einschlägige Lebenserfahrung.
Gleich beim Eintritt in die Grundschule erteilte man mir die Heimatweihe. Dunkelblaues Röckchen, weisses Blüschen, blaue Schiffchenmütze mit rotem Stern, rotes Halstuch – das war meine Weiheuniform. Im vollen Glauben an ihren Inhalt sprach ich die heiligen Worte des Pioniereides. («Heute, da ich ein Pionier geworden bin, gebe ich mein Pionierehrenwort, dass ich fleissig lernen und arbeiten und ein guter Kamerad sein werde; dass ich meine Heimat, die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien, lieben werde; dass ich ihre Errungenschaften hüten, die Brüderlichkeit und Einigkeit pflegen…») Der Pioniergruss «Für die Heimat mit Tito! Vorwärts!», mit dem der Eid endete, war der sozialistische Ersatz für das heilige Wort Amen!
In der Tat gibt es keine grösseren Patrioten, keine leidenschaftlicheren Gläubigen, keine eifrigeren Umweltschützer und keine loyaleren Konsumenten als die Kinder. Das wissen die Staatsideologen, Politiker, Priester und nicht zuletzt die Industrie. Bei Schulfesten habe ich eine ganze Latte patriotischer Verse vorgetragen, kann mich aber nicht erinnern, einen einzigen selbst verfasst zu haben.
Die Floskel, dass ich die Errungenschaften meiner Heimat wahren und die Brüderlichkeit und Einigkeit wie einen Augapfel hüten werde, blieben für immer in mein Gedächtnis eingemeisselt. Bei der jugoslawischen Hymne «Hej Sloveni» bekomme ich jedes Mal eine Gänsehaut. Ich habe sowohl die lateinische als auch die kyrillische Schrift bewältigt, ich habe slowenische, kroatische, bosnische, serbische, mazedonische, montenegrinische Volkslieder gelernt und viele Witze über die Vertreter der jugoslawischen Völker und Volksgruppen gehört. Ich lernte die Geographie, entwickelte ein Gehör für alle jugoslawischen Sprachen und Dialekte und machte mir die Überzeugung zu eigen, dass die Faschisten (immer und überall) schlechte Kerle, die Antifaschisten hingegen gute Kerle seien. Ich erlebte auch die Beerdigung Titos. Der Trauerzug war eine grossartige, noch nie da gewesene Seifenoper, an der alle damaligen politischen «Spieler» beteiligt waren. Tito wurde wie ein politischer Popstar zu Grabe getragen. Alle waren gekommen, um sich vor dem Tod einer Utopie zu verneigen.
So sieht in kurzen Zügen mein erstes Heimatbündel aus. Doch meine kindlichen Gefühle gegenüber der Heimat waren gestört. Meine Mutter hatte eine andere Heimat als ich. Meine erste Begegnung mit ihrer Heimat und einer anderen Sprache – ich war damals sieben – zeigte mir die beunruhigende Möglichkeit, dass es mehrere Heimaten geben kann und dass sie ersetzbar sind. Meine Mutter hatte zwei davon, die eine, in der sie geboren und gross geworden war, die andere, für die sie sich aus Liebe entschieden hatte. Aus Liebe zu der Heimat? Nein, zu meinem Vater. Auch war ein Kind (die spätere Ich) unterwegs…
Hatte mir Jugoslawien dazu verholfen, meine jugoslawische Identität zu begründen, so haben sein Zerfall, der Krieg und meine neue kroatische Identität dazu geführt, sie auszulöschen. Die Floskel aus dem Pioniereid, wonach man die Brüderlichkeit und Einigkeit wie einen Augapfel hüten sollte, kehrte sich in ihr Gegenteil um: in eine Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beisst, in eine bedrohliche Schlinge, in einen Galgen, an dem viele aufgehängt wurden, in eine Peitsche, mit der man die ehemaligen Brüder geisselte, in ein silbernes Geschoss, mit dem das Vampirherz des föderativen Jugoslawien zerschmettert wurde.
Die ehemaligen Brüder beeilten sich, einander die Augen auszustechen. Die Heimatliebe offenbarte sich als ein göttliches Versprechen, man brauchte sich nur zu entscheiden, und die meisten haben die richtige Entscheidung getroffen. Alle wurden zu Patrioten. Kroate zu sein hiess, die Serben zu hassen. Serbe zu sein hiess, die Kroaten zu hassen. Für weniger Geschickte war die Heimatliebe nur eine Gewähr, den bisherigen Posten behalten zu können, den Geschickteren brachte sie enorme Vorteile. Die Heimat war eine Goldgrube, und diejenigen, die dieses Bild wörtlich begriffen, konnten sich auch handfester Gewinne erfreuen.
Aufgrund eines zum Ruhme der Heimat verfassten Verses wurde mancher über Nacht zum Botschafter, aufgrund einer öffentlichen Erklärung zum Ruhme der Heimat zum Minister. Einen Nachbarn wegen mangelnder Liebe zur Heimat anzuzeigen konnte die Vergrösserung der Wohnung, um die des Nachbarn natürlich, bewirken. Engagierte Heimatliebe bescherte denen, die sich engagierten, Hotels, Unternehmen, Ministersessel, Direktorenposten. Heimatliebe wurde zu klingender Münze: Für ein warmes, patriotisches Wort konnte man ganze Fabriken bekommen. Es genügte, die Hand in der Herzgegend auf die Brust zu legen, eine Träne kullern zu lassen, die Staatshymne anzustimmen, den Feind zu verdammen, und schon war man mächtig: Der eine wurde Intendant, der andere Chef eines Krankenhauses, der dritte Botschafter in Malaysia, der vierte in Washington. Aus Fröschen wurden über Nacht Prinzen.
Man begriff, dass sich eine solche Chance nur einmal bietet, und begann, die Heimat anzubeten und sie vor den Feinden zu beschützen. Mit kleinem Einsatz erzielte man grossen Gewinn. Dank der magischen Kraft der Heimatliebe konnten Menschen ohne Hauptschulabschluss Universitätsprofessoren werden, öffentliche Denker, die über alles und jeden ihr Urteil abgaben, lokale Stars, begehrte Liebhaber, Eigentümer von Villen mit Swimmingpool.
Es war nicht leicht, sich der Heimatliebe zu widersetzen, sie wirkte wie Viagra. Die Heimatliebe war so etwas wie das Zauberhemd, das in den russischen Märchen den Helden vor jedem Übel bewahrt und ihm den Sieg über den Drachen, die Hand der schönen Zarentochter, das Kaiserreich und die Krone sichert. Zwar verloren manche, die des Goldes wegen die Heimatehre verteidigten, ihr Leben. Dafür wurden die Überlebenden reich belohnt. Laut den in der Presse veröffentlichten Statistiken gibt es in Kroatien 500 000 Kriegsveteranen, deren Bezüge die Durchschnittsrente um das Zehnfache übersteigen.
Ich wollte bei diesem patriotischen Goldrausch nicht mitmachen, wurde allerdings dazu auch nicht aufgefordert. Folglich habe ich auch nichts gewonnen. Im Gegenteil, meine Heimat hat mich wegen öffentlich bekundeten Mangels an Heimatliebe bestraft.
Mein drittes Heimatbündel ist leer. In ihm befindet sich ausser dem Reisepass und der Steuernummer nichts. Meine neue Heimat verlangt keine Liebe von mir und verspricht mir auch keine. Bezüglich der Liebesfrage hegen wir also keine Illusionen. In letzter Zeit sollen die neuen niederländischen Staatsbürger einem bescheidenen Einweihungsritual unterzogen werden, bei dem man ihnen ausser dem Pass auch eine Kartoffel aus Delfter Porzellan aushändigt. Ich bekam meinen Pass ohne die Kartoffel. Im Unterschied zu den ersten beiden habe ich mir meine neue Heimat selbst ausgesucht. Schon diese Tatsache allein ruft bei mir ein Verantwortungsgefühl hervor.
Manchmal, meist kurz vor der Landung, wenn ich den Boden meiner neuen Heimat erblicke, der sich als schmaler Streifen an das Meer schmiegt, verspüre ich eine vage Zärtlichkeit. Dann stecke ich in Gedanken meinen Finger in das Loch im Deich, um eine imaginäre Überschwemmung meiner Wahlheimat zu verhindern.
In den Wäldern Neuguineas leben die sogenannten Laubenvögel. Vor der Paarungszeit beginnen die Männchen kunstvolle Nester zu bauen, wobei sie verblüffende Phantasie beweisen. Sie bauen ihre Nester in unterschiedlichen Formen, schmücken sie mit Waldbeeren, kleinen Federn und Blättern. Jedes ist ein kleines architektonisches Meisterwerk. Wenn die Nester fertiggestellt sind, werden sie vom Weibchen begutachtet, das sich schliesslich für eines entscheidet. Der so auserwählte «Architekt» bekommt damit die Genehmigung zur Paarung oder anders ausgedrückt: zum Fortbestand seiner Art. Ähnlich sollte man in einer idealen Welt mit den Heimatländern verfahren. Man sollte in jedes wie in ein Nest hineinschauen dürfen, alles abwägen und in Betracht ziehen und sich schliesslich für das beste entscheiden.
Die Heimatländer sollten sich wie touristische Ziele anpreisen, was viele auch tun. So haben die Kroaten ihre Heimat zum Paradies auf Erden und zu einem kleinen Land für grosse Erholung erklärt. Die Reiseveranstalter lügen natürlich. Man bucht ein Fünfsternehotel und findet ein wackeliges Bett vor, eine kaputte Dusche und einen Swimmingpool, aus dem man als Souvenir einen Fusspilz mit nach Hause bringt. Viele Staaten sind schlau, sie wissen, dass die freie Wahl der Heimat ihnen schaden würde, und haben sich deshalb Gesetze, Visa, Pässe, ein ganzes System erschwerender Umstände ausgedacht, die eine freie Begutachtung und eine freie Wahl unmöglich machen. Auf diese Weise werden die Bürger vieler Staaten zu Geiseln. Auf diese Weise paart sich die Mehrzahl von uns Bürgern in dem Nest, das wir vorgefunden haben. Wir finden darin sogar unsere eigene Grösse, Besonderheit, Identität, Kraft und eine ruhmreiche Geschichte: Sieh, im gleichen Nest haben sich schon unsere Urgrosseltern gepaart! Wir empfinden eine perverse Befriedigung bei dem Gedanken, dass sich in demselben Nest auch unsere Kinder paaren werden. Wir zwitschern, denken uns Legenden aus, wonach das unsere das schönste Nest der Welt ist. Wir zwingen uns und die anderen um uns herum, unser Nest zu lieben. Wir erklären die Nachbarnester für schmutzig und feindlich. Wir schmücken unser Nest mit Wappen und Fahnen, umgeben es mit Stacheldraht, entwickeln Liebe zu ihm, zwingen unsere Kinder, es zu lieben, sind bereit, dafür zu sterben.
Auf die Frage, was Kommunismus sei, antwortete ein Kind: Ich habe keinen Kommunismus, weil ich regelmässig Milch trinke. Auf die Frage, was Heimatliebe sei, stutze ich zunächst, als wäre ich mir nicht sicher, obwohl ich die Antwort kenne: Ich habe keine Heimatliebe, weil ich regelmässig Milch trinke.
Dubravka Ugrešic ist Schriftstellerin; sie lebt in Amsterdam. Übersetzung aus dem Kroatischen: Mirjana und Klaus Wittmann, Bonn.
Leserbriefe:
Zu Perverse Liebe - NZZ-Folio Patriotismus (08/10)
Ich gratuliere Ihnen zu den allesamt hervorragenden Beiträgen zum Thema Patriotismus. Ganz besonders berührt hat mich der Artikel von Dubravka Ugresic. Die Klugheit ihrer Feststellungen, die messerscharfe Beschreibung des Ist-Zustandes ohne jede Larmoyanz und die unerbittliche Darstellung der fatalen Konsequenzen von Heimatliebe machten die Lektüre zu einem Erlebnis. Dafür danke ich Ihnen. Andreas Kuhn, Weggis
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