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NZZ Folio 08/06 - Thema: Lügen   Inhaltsverzeichnis

Lügen wir uns glücklich!

Die grosse Liebe, der vergangene Urlaub, das tolle Auto: Weite Teile der Realität sind enttäuschend und unserer permanenten Aufschönung bedürftig.

Von Wilhelm Genazino

Als Kind hatte ich mir einen Rummelplatz als etwas ganz Wunderbares vorgestellt. Ein zweistöckiges Karussell würde ich dort sehen, mit schaukelnden Pferdchen, von Hunderten Glühbirnen erleuchtet und von schöner Musik in Schwung gehalten. In einem Sensationszirkus würde ich endlich die Dame ohne Unterleib antreffen, ausserdem einen finsteren Messerwerfer. Ferner eine Pony-Reitbahn, in der jedes Kind für ein paar Groschen umhertraben durfte. Und natürlich ein fabelhaftes Kasperletheater mit richtigen Puppen und bunten Kostümen.

Als ich dann zum ersten Mal auf einem richtigen Rummelplatz umherging, sah ich ein paar einsame Losbuden mit ihren traurigen Hauptgewinnen, Plasticbären und Tüllpuppen, etliche Biertheken, wo melancholische Trinker standen und auf den Boden starrten und nichts mehr sagten. Ferner eine gnadenlose Boxerbude, wo sich betrunkene Arbeitslose für ein bisschen Geld eine blutige Nase schlagen liessen, und natürlich einen billigen Jakob, der nicht mehr ganz frische Bananen verkaufte.

Ich war enttäuscht und desillusioniert. Als ich nach Hause zurückkehrte und meine Mutter mich fragte, wie es denn war auf dem Rummelplatz, habe ich flott von dem Kasperletheater erzählt, von dem sich drehenden Karussell und von den umhertrabenden Ponies, von denen ich auch noch behauptete, dass sie mich angeschaut hätten wie verliebte kleine Mädchen.

Nach den strengen Massstäben von Augustinus und Kant war ich, trotz meinem kindlichen Alter, ein Lügner. Für sie gab es keine Ausnahme von der Pflicht zur Wahrheit – gleichgültig, welchen Schaden eine Wahrheit anrichten mag. Nach dem nicht ganz so rigiden Urteil des Literaturwissenschafters Peter von Matt war ich nur ein Intrigant. Denn die «Intrige», so schreibt von Matt in seinem gleichnamigen Buch, ist «zielgerichtete Verstellung vor anderen Menschen». Ich selbst würde mir heute sogar die Zielgerichtetheit meines kindlichen Lügens absprechen. Ich hatte, soweit ich mich erinnere, nur ein vages Unbehagen vor der komplexen Darstellung der Rummelplatz-Wahrheit. Ich hätte umfangreich erklären müssen – was ich als Kind nicht gekonnt hätte –, warum ich ein so phantastisches Bild von Rummelplätzen verinnerlicht hatte, und ich hätte erklären müssen – was ich ebenfalls nicht zustande gebracht hätte –, warum ich die Erwartung meiner Mutter nicht habe enttäuschen wollen. Der Soziologe Niklas Luhmann hätte mein Ausweichmanöver eine «Reduktion von Komplexität» genannt. Darum handelte es sich tatsächlich. Ich hatte geflunkert, weil mir die Darstellung der Wahrheit zu kompliziert, zu langweilig, zu unergiebig oder gar nicht verfügbar war.

Dieser «Methode» des erfinderischen Ausweichens vor irgendeiner lausigen Wahrheit bin ich bis heute treu geblieben, obwohl es ein Unterschied ist, ob man als Erwachsener oder als Kind lügt. Es gibt, zum Glück, auch für Erwachsene mildernde Umstände. Ich lüge manchmal nur, weil ich nicht sprechen will. Vor kurzem wurde ich zur Hochzeit eines mir seit langen Jahren unsympathischen Bekannten eingeladen. Der Mann ist vierundsechzig Jahre alt, heiratet zum dritten Mal und wird anlässlich dieses Ereignisses all sein Geltungsbedürfnis, seine Redesucht, seine Besserwisserei, sein Glänzenwollen, kurz: seine ganze Egomanie, ausleben. Ich sagte ihm, ich könne nicht kommen, weil ich an diesem Tag eine unaufschiebbare Besprechung in München hätte, was er mir wahrscheinlich nicht glaubte.

Oft lügen wir nicht, weil wir etwas vertuschen wollen, sondern wir lügen, weil wir nicht sagen können oder wollen, wie merkwürdig und sonderbar die Wirklichkeit für uns ist. Weite Teile der Realität sind enttäuschend und unserer permanenten Aufschönung bedürftig. Es gibt kaum einen Lebensbereich, in dem wir nicht die Erfahrung machen müssten, dass wir Opfer unserer selbsterfundenen Glückspropaganda werden. Die grosse Liebe, der neue Job, das tolle Auto, der vergangene Urlaub, der treue Gatte – kaum etwas hält, was es verspricht. Aber die grosse Mehrheit der Menschen klagt nicht über die Mängel der Schöpfung. Die grosse Mehrheit macht etwas anderes: Sie drückt ein Auge zu und setzt die Propaganda der übertriebenen Erwartung fort, deren Opfer sie selbst so oft ist. Das heisst: Die grosse Mehrheit lügt. Und bringt ihren Kindern und Kindeskindern gleichzeitig das Lügenverbot bei.

Aus diesem Grundwiderspruch besteht das, was wir die Lebenslüge nennen, die Fadenscheinigkeit der Doppelmoral. Das Problem ist, dass es in unseren Gesellschaften kein freimütiges Bekenntnis zur Notwendigkeit des Lügens gibt. Wir sollten unseren Kindern natürlich nicht das Lügen beibringen; aber wir sollten sie darauf vorbereiten, dass sie ohne Lügen nicht durchs Leben kommen werden. Das wissen sie zwar schon, aber sie würden sich durch ein Eingeständnis ihrer Erzieher eine Menge Seelenpein ersparen. Denn im Lügen und Lügenmüssen liegt für das Kind der erste Zusammenstoss mit der Welt der Erwachsenen.

Der Zwang zum Lügen bei gleichzeitigem Lügenverbot ruft tiefes Misstrauen hervor und, bei vielen Kindern, einen unaufhebbaren Affekt gegen die Moral derer, die ihnen dieses Taktieren durch Erziehung aufnötigen. Nicht das Lügenmüssen ist schwerwiegend, sondern das allmähliche Sicheinleben in eine Struktur, in der dauerhafte Zweideutigkeit einen höheren Daseinswert beanspruchen darf als irgendeine Wahrheit über dieses Dasein selber. Hermann Melville hat unsere missliche Lage in diesen Seufzer verpackt: «Denn in dieser Welt der Lügen ist die Wahrheit gezwungen, wie eine verschreckte weisse Hündin durch die Wälder zu fliehen …»

Ich erinnere mich gut, als mich meine Mutter zum ersten Mal zum Lügen zwang. Ich war acht oder neun Jahre alt, und sie hatte sich gegen den Willen ihres Mannes entschlossen, heimlich ein wenig Geld hinzuzuverdienen. Mein Vater durfte nicht merken, dass das von ihm verdiente Geld zum Leben nicht ausreichte, und er sollte ausserdem nicht erfahren, dass seine Frau heimlich mitarbeitete.

In den 1950er Jahren war eine arbeitende Ehefrau noch ein «Verstoss» gegen die Ehre des Ehemannes, der sich als sogenannter Alleinernährer fühlen wollte. Ich sollte darauf vorbereitet sein, mit Lügen zu antworten, falls mein Vater mich einmal fragen würde, was die Mutter tagsüber so treibe. Natürlich habe ich dieser Anforderung nicht standhalten können, es waren zu viele Lügen auf einmal. Und meine Mutter machte keine Anstrengungen, mir den Sinn der Lügen klarzumachen. Mein Ausweg war: Ich floh in das Verstummen und in die gespielte Ahnungslosigkeit. Wenn mein Vater fragte, tat ich so, als würde ich seine Fragen nicht verstehen. Ich wollte meine Mutter nicht verraten, obwohl ich auch nicht lügen wollte. Genau dieser doppelte Boden ist das Gift, mit dem die bürgerliche Welt seit ihrer Erfindung kämpft.

Nach meinen Beobachtungen nimmt die Lust am Schwindeln mit dem Lebensalter noch zu. Das Lügen, in der Kindheit eher ein Ausdruck von Lebensnot, wird in späteren Jahren eine virtuos gehandhabte Technik.

Der Grund für die Beliebtheit des Lügens ist jetzt: der erfahrene Schwindler lügt sich phasenweise in eine andere Welt. Es ist eine Art Hochstapelei des Redens, die im Kern niemanden betrügt und auch keinen Schaden anrichtet. Nur der Lügner blüht momentweise auf, weil er sein Leben redend zurechtrückt. Es hat einen tiefen Grund, warum das Lügen von Psychoanalytikern neutralisierend «Phantasieren» genannt wird. In dem Wort «Phantasieren» steckt die Anerkennung der Sehnsucht, dass viele Menschen konventionelle Lebenslauf-Schemata hinter sich zurücklassen wollen, wenigstens phasenweise; es ist bedrückend, dass wir eine einzige, unverrückbare Biographie hervorbringen, der wir dann auch noch einen Sinn unterlegen müssen.

Gegen die Übermacht des Biographischen hilft oft nur das Anfabulieren gegen das Schicksal. Wie wir uns das Lügen als Notausgang vorstellen können, hat uns der verständige Aufklärer Michel de Montaigne in seinem Essay «Von den Lügnern» so erklärt: «Es ist eine schwierige Kunst, eine Rede aufzuhalten oder zu unterbrechen, wenn man einmal unterwegs ist … Unter den Einsichtigen sogar sehe ich solche, die ihren Schwall aufhalten möchten und nicht können … Und wenn man der Zunge einmal diese falsche Gewöhnung gegeben hat, ist es zum Erstaunen, wie aussichtslos es ist, sie wieder davon abbringen zu wollen. So kommt es denn, dass wir im übrigen rechtschaffene Menschen diesem Laster unterworfen und hörig sehen.»

Das Lügen und Lügenmüssen ist so sehr in unser Reden eingesunken, dass die Lüge als Lüge auch für sie selbst nicht mehr kenntlich ist. Der innere Kampf gegen die Gewalt der Biographie – und mehr noch, gegen das Scheitern eines bestimmten Biographie-Entwurfs – wird dann zum Hauptschauplatz des Redens überhaupt.

Um das Scheitern einer Biographie anzunehmen, müssten wir trauern können, und trauern wollen wir nicht können. Das Trauern gilt in unseren Breitengraden als Niederlage, und als Verlierer will niemand dastehen. In dieser Lage ist Lügen allemal billiger als Trauern. Ich gedenke an dieser Stelle der vielen Menschen, die unbedingt Künstler haben werden wollen und es immer noch werden möchten, obwohl die gefürchtete Realität und das fortgeschrittene Lebensalter diese Möglichkeit nicht mehr zulassen. Diese Menschen leben völlig «normal» als Angestellte, Mütter, Lehrer, Ehefrauen, Ärzte, Juristen, Beamte. Sobald sie aber zu reden anfangen, tritt eine seltsame Verzerrung ans Tageslicht, eine schmerzliche innere Verbiegung, die man natürlich als unauthentisch, neurotisch oder als krank bezeichnen kann – wenn man denn ein sicheres moralisches Fundament für derartige Urteile hat. Es klingt immer gut, sich für das Ende des Lügens auszusprechen. Es kostet nichts und ist hoffnungslos realitätsfern. Der Mensch ist auf diesem Gebiet zu sehr mit seinen Fehlern verschwistert.

In Wahrheit behandeln sich die Dauerlügner, indem sie lügen, mit der einzigen Selbsttherapie, die für ihr Leiden angemessen ist. Der sich frei entfaltende Lügenzwang ist natürlich nicht hilfreich im Sinne einer Aufhebung des Zwangs. Er hilft nur als Leidensminderung derjenigen, die sich nur in lügenden Reden eine Satisfaktion verschaffen können. Max Frisch, der ein paar wichtige Texte über das Umlügen von Lebensläufen geschrieben hat, bemerkt in den Anmerkungen zu seinem Theaterstück «Biografie»: «Es wird gespielt, was ja nur im Spiel überhaupt möglich ist: wie es anders hätte verlaufen können in einem Leben.»

Das ist der Punkt. Man sollte Alltagslügner als Spieler begreifen, die die kritische Einstellung zu sich selbst verloren haben. Nur im Lügen übersteigen sie ihren Schmerz und das «bösartige Ressentiment gegen die Wirklichkeit», wie Natalia Ginzburg sagte. Die Dauerlügner tun so, als hätten sich ihre Wünsche heimlich erfüllt. Nur in dieser Umlügung des Lebens ist noch eine Art von Glück zu haben. Auch Baron Münchhausen, einen fürchterlichen Aufschneider und Lügner, müssen wir uns als glücklichen Menschen vorstellen.

Wilhelm Genazino ist Schriftsteller und lebt in Frankfurt am Main.

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