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NZZ Folio 02/10 - Thema: Das Ehrenamt   Inhaltsverzeichnis

Editorial -- Gutes tun tut gut

© Andy Mettler/swiss-image.ch
Engagierte Seniorin: Verpflegungsposten am Engadiner Skimarathon. Linktext
In Amerika erlebt die Freiwilligenarbeit ein Revival. Der Schweiz steht eine solche Trendwende noch bevor – worauf warten wir?

Von Andreas Heller

Aus Amerika kommen wieder einmal gute Nachrichten: Nach Dekaden der Gier und des Egoismus erlebt der Gemeinschaftssinn ein unerwartetes Revival. Denn markant gestiegen ist in den letzten Jahren die Zahl jener, die gratis Freiwilligenarbeit leisten, also Obdachlose verpflegen, Highways putzen, Betagte zum Arzt chauffieren. Verstaubte Werte wie Solidarität sind wieder im Trend – vor allem bei den Jungen und den oft als «Ich-Generation» verschrienen Babyboomern. Wer befürchtet hatte, in der Wirtschaftskrise schwinde die Bereitschaft, anderen zu helfen, sieht sich eines Besseren belehrt.

Wie in den Vereinigten Staaten ist die ehrenamtliche Tätigkeit auch in der Schweiz weit verbreitet. Der Milizgedanke ist das Fundament unseres Staates, ja es gibt kaum einen Lebensbereich, der nicht von Freiwilligen massgeblich mitgestaltet würde: von der Schulpflege und politischen Ämtern und Kommissionen über Justiz und Feuerwehr bis zu Sport-, Kultur- und Freizeitvereinen, karitativen Institutionen und kirchlichen Organisationen. 1,5 Millionen Freiwillige halten dieses System aufrecht und leisten dabei ein jährliches Pensum von über 700 000 Stunden. Ein Boom wie in den USA ist diesen beeindruckenden Zahlen zum Trotz nicht auszumachen, eher das Gegenteil ist der Fall. Seit Jahren klagen ­Vereine und Organisationen, dass es immer schwieriger werde, Leute für ein Ehrenamt zu gewinnen. Das freiwillige Engagement nimmt ab, vor allem in traditionellen Organisationen, in den Vereinen.

Aber vielleicht erweist sich Amerika auch diesmal als Trendsetter. An ehrenamtlichen Aufgaben herrscht jedenfalls auch hierzulande kein Mangel; in Zeiten, in denen der Sozialstaat mehr und mehr an seine Grenzen stösst, ist Freiwilligenarbeit nötiger denn je. Es fehlt auch nicht an fähigen Leuten, zumal unter den Senioren, die Zeit und Musse hätten, etwas Sinnvolleres zu tun, als nur in der Welt herumzureisen und Golf zu spielen. Wie dieses Heft zeigt, kann Frei­willigenarbeit durchaus ein Vergnügen sein. Gutes tun steigert nicht nur die ­Lebensqualität der andern, es tut einem auch selber gut. Wissenschafter wissen es bereits: Altruismus ist nichts anderes als eine höhere Form des Egoismus.

Andreas Heller ist NZZ-Folio-Redaktor.




Leserbriefe:

Zu Editorial -- Gutes tun tut gut - NZZ-Folio Das Ehrenamt (02/10)

Es ist unverständlich und beeinträchtigt den Wert des Heftes erheblich, dass die Institutionen, die ganz besonders von ehrenamtlicher und freiwilliger Arbeit leben, nämlich die Kirchen, bis auf winzige Nebenbemerkungen unerwähnt blieben. Alle drei christlichen Landeskirchen könnten ihren Auftrag der Gemeinschaftsbildung für Kinder, Jugendliche, Erwachsene und ältere Menschen, der Hilfstätigkeit, des Gemeindeaufbau, und auch der Seelsorge ohne die zahlreichen ehrenamtlichen und freiwilligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht erfüllen. Für die Evangelisch-reformierte Kirche Basel-Stadt wurden kürzlich 175‘000 Stunden freiwilliger und ehrenamtlicher Tätigkeit pro Jahr ermittelt; das entspricht ziemlich genau dem Stundenaufwand der bezahlten Angestellten der Kirche. Die Kirchen tragen mit Ihren Freiwilligen wesentlich zu öffentlichen Gemeingütern wie soziale Stabilität und sozialer Friede, Bildung und Kultur, Gesundheit und Bewusstseinsbildung bei. Schade – eine verpasste Gelegenheit!
Dr. iur. Verena Trutmann, Kirchenrätin, Ev.-ref. Kirche Basel-Stadt




Zu Editorial -- Gutes tun tut gut - NZZ-Folio Das Ehrenamt (02/10)

Freiwilliges Engagement hat überraschende Seiten: Gutes tun tut gut, eine neu-alte Erkenntnis. Trotz Klagen über zunehmenden Egoismus engagieren sich erstaunlich viele Personen. Ohne private Initiative kann unsere Gesellschaft einpacken. Das Engagement verändert sich und hat unzählige Formen. Im Folio werden einige Beispiele gezeigt. Leider mehr aus Amerika als aus der Schweiz und Verstaubtes wie der sterile Blumenstrauss auf dem Titelbild. Es fehlen neue Forschungsergebnisse (z.B. zum stärkeren Engagement in ausgebauten Sozialstaaten) und praktische Tipps für interessierte Freiwillige. Im europäischen Jahr des freiwilligen Engagements 2011 bietet sich nochmals die Gelegenheit, die Freude und Kraft der Freiwilligenarbeit sowie ihre Bedeutung für die Gesellschaft darzustellen.
Jeannette Behringer, Studienleiterin, Studienzentrum Boldern
Lotti Isenring, Fachstelle Freiwilligenarbeit, Reformierte Landeskirche Zürich





Zu Editorial -- Gutes tun tut gut - NZZ-Folio Das Ehrenamt (02/10)

Als treue Folio-Leserin in Australien fiel mir etwas auf an Ihrem Februarheft. Die grossen Freiwilligenorganisationen - ROTARY und LIONS - werden nicht einmal erwaehnt. Ich bin mir bewusst, dass Rotary in der Schweiz an erster Stelle vor allem ein Statussymbol ist. Aerzte, Juristen, wohlbetuchte Geschaeftsleute brauchen Rotary, um Beziehungen zu knuepfen. Als Nebenprodukt werden auch wohltaetige Projekte finanziell unterstuetzt. Rotary als Statussymbol ist auch im uebrigen Europa und Asien ziemlich verbreitet. Nicht so in Australien und Amerika. Bei uns ist Rotary eine gemeinnuetzige Organisation mit Mitgliedern aus allen Schichten der Bevoelkerung. Wir leisten viel Freiwilligenarbeit, organisieren Anlaesse, um Geld fuer unsere Aktionen zu sammeln. Sei es Altershilfe, Unterstuetzung von Jugendlichen, Hilfe bei Katastrophen (Haiti) oder finanzielle Unterstuetzung bei teuren Operationen mittelloser Patienten - wir sind dabei. Daneben gibt es wie in der Schweiz Tausende von Freiwilligen in jeder Lebenssparte. Ohne Freiwillige wuerde auch hier die Wirtschaft zusammenbrechen.
Christina della Valle, Australien




Zu Editorial -- Gutes tun tut gut - NZZ-Folio Das Ehrenamt (02/10)

Kürzlich las ich bei meiner Ärztin in einer Zeitschrift namens "Neon", dass heutzutage das Ehrenamt dazu genutzt wird, um die Biografie aufzupeppen und weil es schick ist und dazugehört, damit die Aufstiegschancen steigen. Angehende Politiker oder Banker engagieren sich beispielsweise in Afrika, lassen sich dort in verstaubten Designer-Safari-Klamotten ablichten, um bessere Aufstiegschancen zu haben. Gleichzeitig klage die Diakonie, dass eben diese Menschen große Probleme hätten, hier in Deutschland für kranke, behinderte oder ausgegrenzte Menschen tätig zu werden. Da gäbe es ein großes Defizit an Freiwilligen.
Ich glaube das. Allerdings glaube ich auch, dass das Ehrenamt (auch von der kirchlichen Diakonie - und das beschämt mich als Gläubige besonders) heute sehr missbraucht wird. Viele Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren, tun das, weil sie arbeitslos sind und ihrem Leben einen Sinn, einen Halt geben wollen. Sie brauchen Selbstbestätigung, wollen das Gefühl haben, das ALG oder HartzIV nicht geschenkt zu bekommen, Schmarotzer zu sein. Mir ging - geht - es genauso! Schlimm ist es dann aber, wenn die Vorgänger dieser Möchtegernehrenamtler - also die an der Macht befindlichen Politiker - herausposaunen, die Arbeitslosen sollen sich besser mit Bewerbungen beschäftigen, als ehrenamtlich tätig zu sein. Was denn nun? Das Ehrenamt ist mit der Arbeitslosigkeit enorm angestiegen - so hörte ich oft in Nachrichten und Dokus. Gleichzeitig werden Menschen entlassen an Stellen wo Ehrenamt herrscht, bzw. werden Stellenpläne nicht mehr bewilligt. Wird einmal eine Stelle frei (z.B. durch Umzug), darf sie nicht mehr neu besetzt werden. Das ist z.B. auch in der Kirche so! Die Arbeit muss aber getan werden. Wer soll sie tun? Es müssen Ehrenamtliche gefunden werden. Und sie werden gefunden! Wir sprechen sie gezielt an, vor allem bei der Klientel, die Arbeit für das eigene Selbstbewusstsein braucht, und wir finden dankbare Helfer !
Ich schreibe "Wir", weil ich da mitmache. Ich bin in der Leitung einer ev. Kirchengemeinde tätig und wir machen es nicht anders als alle anderen. Was ist dann aber Ehrenamt? Ich selbst musste wegen Krankheit umschulen und habe seitdem keine vernünftige Anstellung gefunden, von deren Bezahlung ich mich am Leben halten kann ! Ich habe einen recht guten Abschluss hingelegt - egal! Natürlich wurde ich im Laufe der letzten zehn Jahre nicht gesünder, sondern kränker. Aber auch die Situation der Arbeitslosigkeit hat mich noch kränker gemacht. Was mich am meisten umtreibt, ist die Tatsache, dass die Menschen, die Schuld haben an der Misere, über die Arbeitslosen herziehen, sie beschimpfen und ihnen das Nötigste zum Leben verwehren. Ich versuchte, trotzdem aktiv zu bleiben. Aber es wurde immer schwerer. Am Ende musste ich mir eingestehen, dass ich fast soviel ehrenamtlich arbeitete, wie in einem richtigen Job - allerdings ohne einen Cent! Meine Gesundheit litt sehr darunter. Erst im Laufe von 4 Jahren (mit einer Pause von 1,5 J. nach den ersten 2 J. ) Psychotherapie lernte ich, einigermaßen damit zurecht zu kommen, dass ich meine Leistungsfähigkeit verloren habe und auch ehrenamtlich nicht mehr so kann wie ich will. Noch immer beschämt es mich, wenn ich einen Termin absagen muss, weil es mir nicht gut geht. Welche Bedeutung hat also heute das Ehrenamt ? Sollten die Soziologen nicht doch noch mal genauer hinschauen? Oder sollten sie sich nicht doch weniger von politischen Vorgaben leiten lassen?
Andrea T., Berlin




Zu Editorial -- Gutes tun tut gut - NZZ-Folio Das Ehrenamt (02/10)

Vor Zeiten schon habe ich festgehalten, wie sehr ich mich während der quasi ehrenamtlichen, jedoch durchaus egoistischen Folio-Lektüre diszipliniert auf die Folio Folies zu freuen pflege. Ich tue es, erneut heiter-schmunzelnd, wieder: Welch ein Glück mit Gerhard Glück! Möge er doch noch lange diesbezüglich erste Hilfe leisten...
Gustav A. Lang, Brissago TI




Zu Editorial -- Gutes tun tut gut - NZZ-Folio Das Ehrenamt (02/10)

27000 Sportvereine in der Schweiz (Seite 30), 1,5 Millionen Freiwillige mit einem jährlichen Pensum von über 700000 Stunden (Seite 3): Da muss ja mehr als eine Null verschwunden sein!
Peter Baur, Interlaken
Drei Nullen sind verschwunden: Die 1,5 Millionen Freiwilligen in der Schweiz leisten ein Pensum von 700 Millionen Stunden pro Jahr.
Die Redaktion




Zu Editorial -- Gutes tun tut gut - NZZ-Folio Das Ehrenamt (02/10)

Gutes tun tut gut – besser noch in einer internationalen Gruppe. Vielen Dank, dass Sie den Freiwilligen ein Folio gewidmet haben. Ein schöner Auftakt in einem wichtigen Jahr für unsere Freiwilligenorganisation: Der Service Civil International (SCI) feiert heuer sein 90jähriges Bestehen. 1920 wurde die Organisation von Bundesratssohn Pierre Ceresole gegründet. Seither organisiert sie internationale Freiwilligeneinsätze. Über kulturelle und sprachliche Barrieren hinweg arbeiten die Freiwilligen zusammen, probieren aus, nehmen ungewöhnliche Ideen auf, um „ihre“ Projekte tatkräftig zu unterstützen. Auch hier gilt für die Freiwilligen: Spass muss es machen. Und durch die gemeinsame freiwillige Arbeit entsteht ausserdem ein Zusammengehörigkeitsgefühl über Grenzen hinweg zwischen Menschen, die in anderen Kontexten einander fremd sind. Dies ist das Schöne und Spannende an dieser Art der Freiwilligenarbeit.
Mirjam Zbinden, Bern




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