NZZ Folio 01/95 - Thema: Prognosen   Inhaltsverzeichnis

Vor einem ökologischen Pearl Harbour?

Ein Gespräch mit Lester Brown.

Von Walter Schiesser

Was in der im Januar 1993 erschienenen Ausgabe von «Current Biography» über Lester R. Brown nachzulesen ist, klingt nach amerikanischer Bilderbuchkarriere: bescheidenste Herkunft, Aufstieg und Erfolg aus eigener Kraft. Der Gründer und Präsident des Worldwatch Institute - sechzehnfacher Ehrendoktor und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet - kam 1934 in New Jersey als Sohn von Kleinbauern zur Welt. Weder der Vater noch die Mutter hatten die Elementarschule ganz absolviert. Mit 14 Jahren erwarb Lester Brown ein Stück Land und begann in der Freizeit mit seinem jüngeren Bruder Tomaten anzupflanzen. Als er mit 21 Jahren an der Universität sein Diplom als Agronom erhielt, war die Jahresproduktion auf 1,5 Millionen Pfund geklettert.

Nach dem Hochschulabschluss lebte Brown im Rahmen eines Jugendaustauschs sechs Monate in einem indischen Bauerndorf. Unter dem Eindruck der Sorgen und Nöte dieses Landes wurde für ihn die Entwicklung der landwirtschaftlichen Produktion vor dem Hintergrund demographischer Prognosen zum zentralen Thema. 1965 kehrte Brown als Berater des amerikanischen Landwirtschaftsministers nach Indien zurück. Seine Berichte über die drohende Hungerkatastrophe haben dazu beigetragen, dass die USA 1965 einen Fünftel ihrer Weizenernte nach Indien verschifften und eine Neuorientierung von Delhis Landwirtschaftspolitik verlangten.

1973 erörterte er mit dem Direktor des Rockefeller Brothers Fund die Gründung eines Instituts zum Studium internationaler Probleme. Mit einem Startbeitrag von 500 000 Dollar konnte im folgenden Jahr das Worldwatch Institute seine Tätigkeit aufnehmen. Heute wird das Institut mit seinen 30 Mitarbeitern zu mehr als 50 Prozent mit den Publikationen finanziert, die im Jahr über zwei Millionen Dollar einbringen. Die wichtigste, das Jahrbuch «State of the World», erzielt jeweils Auflagen von weltweit 300 000 Exemplaren.

Mit Lester Brown sprach Walter Schiesser, der als freier Publizist in Küsnacht und Beride TI lebt.

Lester Brown, das Worldwatch Institute (WWI), dem Sie vorstehen, geniesst Weltruf. Was ist der Grund dafür?

Ich sehe zwei Gründe: Unsere Forschung ist erstens global und zweitens interdisziplinär. Wir sind weder ein nur ökologisches noch ein nur ökonomisches oder ein nur auf Aussenpolitik spezialisiertes Institut. Wichtig sind für uns die Zusammenhänge. Wir wenden uns an die ganze Welt, gewissermassen an alle ihrer 5,6 Milliarden Bewohner. Unsere jährliche Publikation «State of the World» wird in 27 Sprachen übersetzt. Und was mir besonders wichtig erscheint: Wir bemühen uns um eine klare Sprache. Man muss nicht unbedingt Wissenschafter sein, um unsere Schriften zu verstehen.

Kennzeichnend für das WWI ist die Kontinuität der Forschungsarbeit. Sie befinden sich in einem «permanenten Dialog» mit den Problemen, analysieren die Trends, ermitteln die Risiken und zeigen Lösungsansätze.

Wir betreiben seit der Gründung vor zwanzig Jahren ein kontinuierliches «Monitoring» der Erde, was uns einen besseren Überblick verschafft, als dies ein einmaliges, zu einem bestimmten Zeitpunkt durchgeführtes Forschungsprojekt vermöchte.

Zu Beginn der siebziger Jahre erregte der Club of Rome mit der Veröffentlichung von «Die Grenzen des Wachstums» grosses Aufsehen. Obwohl er weitere Berichte publizierte, ist er heute so gut wie vergessen. Warum?

Der Erfolg des Club of Rome beruhte darauf, dass er erstmals die gewaltigen Dimensionen der ökologischen Herausforderung offenlegte. Das Vertrauen in ein unbeschränktes und sorgloses Wachstum wurde mit einem Schlag radikal in Frage gestellt. Doch damit liess man es bewenden. Vor zwei Jahren gab das gleiche Autorenteam zwar «Die neuen Grenzen des Wachstums» heraus. Doch es fehlte die Kontinuität in der Auseinandersetzung mit der globalen ökologischen Problematik. Ausserdem war der Club of Rome stark von seinem Gründer, Aurelio Peccei, geprägt; mit seinem Tod ist der visionäre Geist verblasst.

Sie haben in den zwanzig Jahren seit der Gründung des WWI eine Reihe grundlegender Botschaften vermittelt. Sahen Sie sich im Laufe der Zeit gezwungen, die eine oder andere zu revidieren oder zu widerrufen?

An den Themen und an den Grundzügen der Argumentation hat sich nicht viel geändert. Es sind indessen neue Probleme hinzugekommen. Wir hatten unsere Tätigkeit eben erst aufgenommen, als zwei kalifornische Wissenschafter die Hypothese veröffentlichten, wonach die Anreicherung von FCKW in der Atmosphäre zur Zunahme der ultravioletten Strahlung auf der Erdoberfläche führen könnte. In der Folge wurde das Ozonloch entdeckt. Die meisten anderen Probleme blieben mehr oder weniger die gleichen, einige bekamen grösseres Gewicht. Ich denke da vor allem an die Überfischung der Weltmeere. Hier hat sich die Situation verschlimmert, und wir haben die Grenzen der nachhaltigen Bewirtschaftung erreicht, wenn nicht schon überschritten. Die Erträge lassen sich nicht mehr steigern, in den steigenden Preisen zeigen sich die ökonomischen Konsequenzen. Früher war Fisch ein beliebtes Nahrungsmittel für Leute, die sich kein Fleisch leisten konnten. Heute gehört der billige Fisch der Vergangenheit an - nicht nur in den USA, sondern weltweit.

Wo sonst sehen Sie Engpässe?

In der Wasserversorgung beispielsweise. Das äussert sich im Absinken der Grundwasserspiegel, so etwa im Südwesten der Vereinigten Staaten, ferner in Indien und neuerdings besonders rasch in China, wo namentlich im Norden der rasant steigende Wasserbedarf nur durch massive Übernutzung des Grundwassers befriedigt werden kann.

Das WWI verzichtet auf computergestützte Modellierung von Szenarien, wie sie der Club of Rome entworfen hat; Sie konzentrieren sich auf das Aufdecken von Zusammenhängen zwischen ökologisch bedingter Verknappung und Preisentwicklung.

Diese Zusammenhänge sind äusserst wichtig, werden aber oft schlecht verstanden - sowohl von den Ökologen wie auch von den Ökonomen. Man begreift entweder die ökologischen oder die ökonomischen Aspekte, erkennt aber zu wenig die Wechselwirkungen zwischen den beiden Bereichen.

Sie sind von Haus aus Agronom, und Ihre Aufmerksamkeit gilt in erster Linie der Ernährungsfrage.

Tatsächlich komme ich von der Ernährungsproblematik her, und ich bin überzeugt, dass sich darin der Konflikt zwischen uns, den 5,6 Milliarden Menschen, und den natürlichen Systemen, von denen wir abhängen, zuerst und am deutlichsten manifestieren wird.

Im Vorfeld des Umweltgipfels in Rio haben Sie in «Saving the Planet» geschrieben, dass die Erde acht Milliarden Menschen zu ernähren vermöchte, auf die Dauer und ohne irreparable ökologische Schäden - vorausgesetzt, dass wir vorhandenes Wissen optimal nutzten.

Ja, sofern wir uns in den reichen Ländern dazu durchringen, unsere Ernährungsgewohnheiten zu ändern. Wenn von «Carrying Capacity» die Rede ist, von der Tragfähigkeit der Erde für den Menschen und seine Wirtschaft, muss man immer hinzufügen, von welchem Konsumniveau man ausgeht. Es ist nicht gleichgültig, ob der Getreidekonsum pro Person und Jahr wie in den USA 800 Kilo beträgt oder wie in Italien 400, in China 300 und in Indien bloss 200. Von allen das Wachstum limitierenden Faktoren ist die Obergrenze der möglichen Nahrungsproduktion die wichtigste. Wenn wir heute Szenarien für die Zukunft entwerfen, so müssen wir die Sturmzeichen beachten, die uns aus China erreichen. Das dortige rasche Wirtschaftswachstum - rund 40 Prozent innerhalb von nur drei Jahren - dürfte schon bald den Weltgetreidemarkt, der seit dem Zweiten Weltkrieg, wenn man 1972/74 ausklammert, ein Käufermarkt war, in einen Verkäufermarkt verwandeln: die Nachfrage wird grösser als das Angebot. Indem sie nicht nur mehr, sondern auch mehr tierische Produkte essen, klettern die 1,2 Milliarden Chinesen ziemlich rasch an der Nahrungskette empor. So etwas hat es bisher in diesen Dimensionen noch nie gegeben.

In Ihrem kürzlich erschienenen Buch «Full House» haben Sie gezeigt, wie Japan, Taiwan und Südkorea infolge ihres wirtschaftlichen Aufstieges immer stärker von Getreideimporten abhängig geworden sind und die Konsequenzen berechnet, die eine analoge Entwicklung in China zeitigen dürfte. China gilt offensichtlich Ihre Hauptsorge?

Das Problem ist deshalb alarmierend, weil in China der Wandel zum modernen Industriestaat zu einem Zeitpunkt eingesetzt hat, da wir in bezug auf verfügbare Ackerfläche, auf Fischereiressourcen, Süsswasser usw. weltweit an Wachstumsgrenzen stossen. China rückt die Probleme, mit denen wir uns schon bisher auseinandergesetzt haben, unvermittelt in ein grelleres Licht.

Weltweit ist die Energie eine Schlüsselgrösse. Ihre Verfügbarkeit zu tiefen Preisen hat das gewaltige wirtschaftliche und demographische Wachstum ermöglicht, ist aber gleichzeitig eine Hauptursache der Umweltzerstörung. Ist die Energie zu billig?

Wir haben immer wieder die Einführung einer Kohlenstoffsteuer verlangt. Wir sind überzeugt, dass wir unser Steuersystem restrukturieren sollten, nicht um den Steuerzahlern mehr Geld aus der Tasche zu ziehen, sondern um uns von der Besteuerung der Einkommen zur Besteuerung der Umweltbelastung hin zu bewegen.

In den WWI-Publikationen ist seit Jahren zu lesen, man könne schon bald mit der Konkurrenzfähigkeit der erneuerbaren Energien rechnen. Doch schlüssige Zahlen fehlen. Wie begründen Sie Ihren Optimismus?

Wir haben vor wenigen Wochen ein neues Buch zu diesem Themenkreis herausgebracht: «Power Surge - Guide to the Coming Energy Revolution». Darin finden Sie jede Menge Zahlen. Wir haben die Entwicklung von drei Formen direkter und indirekter Nutzung alternativer Energien unter die Lupe genommen: die solarthermischen Kraftwerke, die Photovoltaik und die Windenergie. Zunächst hielten wir die solarthermische Nutzung für besonders aussichtsreich, doch nun hat sich gezeigt, dass es mit der Windenergie viel rascher vorangeht. Letztes Jahr habe ich die ersten zehn Jahre der Kernenergienutzung nach der Inbetriebnahme des ersten kommerziellen Reaktors graphisch dargestellt und das gleiche für die ersten zehn Jahre der Windenergienutzung seit der Fertigstellung der ersten Windgeneratorenfarm in Kalifornien getan. Dabei hat sich gezeigt, dass die beiden Kurven - wenn auch zeitverschoben - vom Experiment über die Pilotphase bis zur kommerziellen Reife ganz ähnlich verlaufen. Das lässt eine gewisse Gesetzmässigkeit bei der Einführung neuer Energieversorgungssysteme vermuten, mit einer unvermeidlichen Anlaufzeit, bis sich der Durchbruch abzeichnet.

Wo wäre denn ein solcher Durchbruch zu erwarten?

In bezug auf die Windenergie scheint dieser Punkt erreicht zu sein, wobei Indien die entscheidende Rolle spielen dürfte. Was die USA betrifft, so liesse sich - rein theoretisch - bei Verwendung neuster Technologie der ganze Elektrizitätsbedarf aus der Nutzung des Windes decken, der über die beiden Staaten Nord- und Süddakota weht. Gelingt es, mit Windenergie Elektrizität zu konkurrenzfähigen Preisen zu erzeugen, so wird sich künftig über die Umwandlung in Wasserstoff auch das Speicher- und das Transportproblem lösen lassen. In Kalifornien wird bereits heute so viel Elektrizität aus Windkraft erzeugt, dass man damit den Haushaltbedarf von San Francisco und Washington DC decken könnte.

Die Anforderungen an die Konkurrenzfähigkeit sind sehr hoch. In Europa kann man zurzeit auf dem Spotmarkt Elektrizität zu einem Kilowattstundenpreis zwischen umgerechnet 2 und 4,5 US-Cent kaufen, und es wird damit gerechnet, dass das Preisniveau auf Jahre hinaus tief bleiben wird.

Im Buch «Power Surge» begründen wir unseren Optimismus: Wir halten es für möglich, den Preis für photovoltaische Elektrizität bis zum Jahr 2000 auf 10 Cent pro Kilowattstunde zu senken.

Es fehlt nicht an Leuten - nennen wir sie Optimisten -, die die Sorge um unsere Umwelt mit dem Argument in den Wind schlagen, die menschliche Intelligenz sei eine unerschöpfliche Ressource. Vorhersagen unüberwindbarer Engpässe, wie sie Malthus vor zweihundert Jahren machte, oder gar Weltuntergangsprophezeiungen hätten sich stets als grundlos erwiesen. Man werde Mittel und Wege finden, selbst zehn oder mehr Milliarden Erdenbewohner zu ernähren, bis schliesslich die demographische Wachstumskurve von selber abflache. Was sagen Sie dazu?

Haben Sie kürzlich Meerfisch gekauft?

Nein, warum?

Es gibt Anzeichen dafür, dass es nun tatsächlich zu den von Malthus in Aussicht gestellten Verknappungserscheinungen kommen wird. Über den Zeitpunkt für deren Eintreten hat er ja nichts gesagt; er hat lediglich darauf hingewiesen, dass unbeschränktes Bevölkerungswachstum früher oder später zu Schwierigkeiten führen werde. Mit dem technologischen Fortschritt gelang es, diesen Zeitpunkt immer weiter hinauszuschieben, doch für viele Menschen könnte heute der Vorrat an hinzugekaufter Zeit schwinden.

So hatte also Malthus recht?

Ich würde lediglich sagen: Beerdigen wir ihn noch nicht! Zu den Bereichen, wo von 1995 an vermehrt Wachstumsgrenzen spürbar werden dürften, gehört neben der Hochseefischerei und dem Wasser auch die Landwirtschaft: die physiologisch begrenzte Fähigkeit heutiger Pflanzensorten zur Verwertung von noch mehr Dünger ist ein Aspekt, der oft übersehen wird.

Sie sprechen von den heutigen Pflanzensorten. Können nicht neue Sorten gezüchtet werden?

Gewiss, aber seit mehr als zehn Jahren sind keine neuen Sorten mit höherer Düngerverwertungskapazität zum Einsatz gelangt - im Unterschied zur Entwicklung von 1950 bis Mitte der achtziger Jahre, als man den Punkt erreichte, wo man nicht mehr weiterkam. Dazu ein etwas simpler Vergleich: Wir essen dreimal am Tag; würden wir sechsmal essen, nähme deswegen unsere Produktivität auch nicht zu.

Lassen sich denn die physiologischen Grenzen nicht hinausschieben?

Möglicherweise schon, doch nicht ohne weiteres und jedenfalls nur langsam.

Nach neusten Meldungen wird in Indien eine Reissorte gezüchtet, die eine Verdoppelung der Ernten ermöglichen soll. Wie beurteilen Sie diese Nachricht?

Es gibt in der Tat den Prototyp einer neuen Reissorte, der zwar nicht gerade eine Verdoppelung der Ernten verspricht, aber immerhin eine Erhöhung um 20 bis 25 Prozent. Es wird indessen noch Jahre dauern, bis die kommerzielle Verfügbarkeit erreicht sein wird. Auf keinen Fall ist mit Produktivitätssprüngen, wie sie früher erzielt worden sind, zu rechnen. Dass wir die absehbaren Engpässe in der Versorgung überwinden, ist um so weniger zu erwarten, als in Asien, auf das 90 Prozent der Weltreisproduktion entfallen, die Anbaufläche seit 1990 jedes Jahr um zwei Prozent schrumpft. Das hat zur Folge, dass die jährliche Produktivitätssteigerung, die ebenfalls bei zwei Prozent liegt, negativ kompensiert wird und das Produktionsniveau unverändert bleibt. In China sinkt die Reisproduktion sogar.

Ein weiteres Argument der Entwicklungsoptimisten lautet, früher oder später werde Energie aus Kernfusion verfügbar sein. Damit werde die Menschheit über eine praktisch unbegrenzte und mehr oder weniger sichere Energiequelle verfügen. Was meinen Sie dazu?

Nun, viel Glück! Doch zu einer solchen nuklearen Zukunft wird es gar nicht erst kommen. Es mag zwar möglich sein, dass sich Fusionskraftwerke technisch realisieren lassen. Ich bin jedoch überzeugt, dass Kernenergie, einschliesslich der heute gebräuchlichen Spaltreaktoren, ohne staatliche Subventionen auf einem freien Markt keine Chancen mehr hat.

Ökologisch sinnvolle Lösungen bedingen, dass wir mit weitem Horizont denken und - was nicht minder wichtig ist - langfristig planen und handeln. Dem steht die Tatsache entgegen, dass unser politisches und wirtschaftliches System immer mehr zu Kurzatmigkeit neigt.

Weitblickendes Handeln scheint tatsächlich immer schwieriger zu werden. Es fehlt den Regierungen an Visionen und am Führungswillen. Ich denke da beispielsweise an Grossbritannien, Deutschland, Frankreich und Italien - etwas weniger an die USA, wo es seit den letzten Präsidentschaftswahlen an der Spitze Leute gibt, die wie etwa Vizepräsident Al Gore oder Staatssekretär Tim Wirth die drängenden Probleme durchaus erkennen. Allerdings ist es unter dem Druck kurzfristiger Sachzwänge auch für sie nicht einfach, ihren Einsichten gemäss zu handeln. Immerhin hat die Administration Clinton Erfolge zu verzeichnen. Der wohl wichtigste ist der Kurswechsel in der globalen Bevölkerungspolitik. An der Umweltkonferenz von Rio waren die USA noch ein Hindernis. Nun haben sie, wie die Weltbevölkerungskonferenz in Kairo gezeigt hat, ihre unter Reagan und Bush preisgegebene Führungsrolle zurückgewonnen und messen dem Problem wieder die Bedeutung zu, die es hat.

Massnahmen zur Dämpfung des Bevölkerungswachstums sind zweifellos wichtig. Doch sonst? Ist nicht das meiste, was wir tun, nur «relativer Umweltschutz», indem lediglich das Verhältnis zwischen Nutzen und ökologischen Kosten verbessert wird? Was braucht es für einen wirklichen Kurswechsel?

Menschliche Verhaltensweisen können sich aus zwei Gründen ändern: entweder als Reaktion auf neue Informationen oder auf Grund eigener Erfahrungen - möglicherweise von Katastrophen. Ein Beispiel: In diesem Land gab es einst sehr viele Zigarettenraucher. Als in den Zeitungen immer häufiger Artikel über die gesundheitlichen Risiken des Rauchens erschienen, hörten manche Leute damit auf. Andere rauchten weiter, bis sie eines Morgens Blut husteten und zur Kenntnis nehmen mussten, dass sie in ernsthafter Gefahr waren. An unserem Institut tun wir eigentlich nichts anderes, als dass wir die Welt davon zu überzeugen suchen, mit Rauchen aufzuhören, bevor sie Blut hustet. Ob das gelingen wird, bevor sich die Lebensbedingungen spürbar verschlechtern, ist ungewiss. Blicken wir nach Afrika: Dort hat in manchen Ländern das Bevölkerungswachstum in Wechselwirkung mit der Umweltzerstörung den Stress für das gesellschaftliche System derart anwachsen lassen, dass das soziale Gefüge auseinanderzubrechen droht. Beispiele sind Liberia, Somalia, Zaire oder Rwanda. Vielerorts gibt es keine funktionierenden Verwaltungen mehr, die Lebensmittelversorgung und die Gesundheitsdienste sind in Frage gestellt. Bemerkenswert erscheint, dass in Rwanda in den Jahren vor dem Ausbruch des Bürgerkrieges die Bevölkerung besonders rasch gewachsen ist und die Verfügbarkeit von Ackerland und Wasser pro Kopf entsprechend rasch abgenommen hat.

Der Schweizer Unternehmer Stephan Schmidheiny meinte in Rio, es gelinge, die ökologische Krise zu meistern, wenn sich die Menschen als Individuen und als Gesellschaft vernünftig verhielten; er sei allerdings nicht so sicher, ob sie dazu imstande seien. Wie sehen Sie das?

Es gibt in der Tat keine Garantie dafür, dass der Mensch als Spezies fähig sein wird, mit den Problemen fertig zu werden, die er selber geschaffen hat - zum Beispiel mit der Überbevölkerung, der Zerstörung der Artenvielfalt, dem Treibhauseffekt. Vielleicht werden wir mehr darüber wissen, wenn die Notwendigkeit tiefgreifender Veränderungen in der Gesellschaft manifest wird. Ich glaube, dies wird noch vor Ende dieses Jahrhunderts der Fall sein. Nötig wäre wohl eine Art Mobilisierung, wie im Falle eines drohenden Krieges. Es könnte sich ähnliches abspielen wie in diesem Land im Zweiten Weltkrieg nach dem Überfall der Japaner auf Pearl Harbour. Fast über Nacht hat sich damals unter diesem Schock vieles entscheidend verändert: Amerika mobilisierte nicht nur die Streitkräfte, sondern auch die Wirtschaft, die unter Mitwirkung des ganzen Volkes auf eine völlig veränderte Situation umgelenkt wurde. Ohne Pearl Harbour wäre das undenkbar gewesen.

Sie sind also doch Optimist geblieben? Wird sich die Menschheit zu kraftvollem Handeln aufraffen, mit Aussicht auf Erfolg?

Ich weiss es nicht, die Frage ist für mich offen.


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