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Wer wohnt da? -- Versteckter Protest
© Heinz Unger
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| Gibt es hier mittags Knorr-Suppe und Knäckebrot? |
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Ein Kochmuffel? Ein Jurist mit Erinnerungen an stürmische Studententage? Wen eine Psychologin und ein Innenarchitekt anhand der Bilder in diesen Räumen vermuten.
Von Gudrun Sachse
Die Psychologin
Fischposter und Gugelhupfform sind der Küche Zier, die sich sonst eher bieder, mit Teekrug, Knorr-Suppen und Knäckebrot bestückt, präsentiert. Kochen und Essen stehen hier nicht zuoberst auf der Wunschliste, die Küche ist wohl der ungeliebteste Raum in dieser Wohnung. Zwar ist der Tisch nett gedeckt, der Besuch muss sich zur Suppe aber auf Blechhockern einrichten. Hier wohnt vermutlich ein Paar, das auf seinen zwei guten Stühlen gerne den Morgentee zusammen trinkt. Im Zimmer nebenan Bücher ohne Ende – hier lebt man mehr von geistiger Nahrung als von kulinarischen Höhenflügen.
In dieser luftig hellen Wohnung mit hohen Räumen gefällt es unseren Bewohnern. Sie erweitern ihr Reich im Sommer unters gestreifte Sonnendach; ein Balkon mit Grünzeug und Fliederstrauss, ihre kleine romantische Outdoor-Oase.
Vielleicht sind sie nicht mehr so jung, gerne häuslich und haben ein Daheim, in dem sich die ganze Welt im Büchergestell versammelt hat. Die Bücher wirken, als wären sie Mitbewohner. Hier vereint ein Akademiker Arbeit, Studium und Liebe zu seinen Büchern unter einem Dach. Parliert er vielleicht von Designersessel zu Corbusier-Liege mit seinem Vis-à-vis über Gott und die Welt? Könnte sein Beruf etwas mit Schreiben zu tun haben? Wie auch immer: Unser Büchermensch versteht es, seinen Arbeitsbereich von Designlampe über Laptop bis zu bibliophilen Ausgaben als sinnlichen und stimmigen Raum zu gestalten.
Weiter oben im Dachstock lebt man reduzierter: Bilder, Stahlrohrbett, ein aufgeräumtes Pult. Der schöne Bugholzstuhl ist vielleicht ein Lieblingsstück. Hat die Dame des Hauses hier ihr privates Refugium, übersieht sie grosszügig den Holzbalkencharme und erfreut sich an ihren eigenen Bild- und Gedankenwelten, statt sich am Herd heimisch zu fühlen?
Ingrid Feigl
Der Innenarchitekt
Die Verzierung der Stukkatur an der Decke, die halbrunden Fenster des Dachgeschosses: Dieses Haus wurde Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut. Die Terrasse mit den grosszügigen Sonnenstoren deutet auf eine schöne Aussicht hin, vielleicht auf einen See.
In allen Räumen sind Wände, Decken, Vertäfelung und selbst die Küchenfronten in Weiss gehalten. Die Einrichtung im Innern ist konservativ, gespickt mit Möbelstücken der klassischen Moderne. Wohnt hier ein älteres Ehepaar, dessen Kinder längst ausgeflogen sind? Ist der Hausherr womöglich studierter Jurist? Juristen mögen Glastische, sie wollen sehen, was sich unter dem Tisch abspielt.
Die punktuell gesetzten Klassiker: ein Eileen-Gray-Fauteuil, die Corbusier-Liege, der Zeus-Barhocker, der Spaghetti-Chair von Alias weisen verschiedene Altersstufen auf, verweben sich aber selbstverständlich mit der übrigen Einrichtung, auch mit den traditionellen orientalischen Teppichen. Das zeigt, dass Gegenstände, die eine innere Gesetzmässigkeit besitzen, verwandt sind und – selbst wenn sie aus unterschiedlichen Zeiten und Kulturen stammen – bedenkenlos kombiniert werden können.
Der einzige Bruch in der Einrichtung sind die Konstruktion und der Finish der Schlosserarbeit des Glastisches in der Bibliothek. Die aufgesetzte Eckverstärkung und die Schleifspuren der Schweissstellen erinnern an ein Relikt aus Studententagen. Ein versteckter Protest oder eine sentimentale Erinnerung?
Stefan Zwicky
Irene Candinas, Ulrich Riklin und Tochter Barla, Buchhändler
«Die Wohnung entdeckte ich vor fünfzehn Jahren, als ich mittags ein Buch auslieferte, ich wusste sofort: Sie ist es. Die Länggasse in Bern war früher ein Arbeiterquartier, unser Haus ist aus dem Jahr 1902.
Den Lieferdienst für Bücher machte ich von Beginn an. Ich habe mit dem Velo vermutlich eine komplette Buchhandlung durch Bern gefahren. Ich wollte immer schon Buchhändlerin sein, am Herd fühle ich mich nicht heimisch. Wenn ich koche, dann mittelgut. An Wochenenden und für Gäste kocht mein Mann.
Mit 21 schloss ich die Lehre ab und bin seither voll berufstätig. Solange unsere Tochter klein war, vermieteten wir die Dachwohnung. Heute ist Barla 20 und braucht Platz – genau wie ich. Seit fünf Jahren habe ich unter dem Dach einen zusätzlichen Raum für mich. Im Sommer wird es dort heiss, dafür entschädigt der Ausblick auf Eiger, Mönch und Jungfrau. Wenn das Wetter stimmt, ist die Terrasse unser erweitertes Wohnzimmer, sonst essen wir in der Küche. Die Hocker stehen nur ausnahmsweise beim Küchentisch, weil wir die richtigen Stühle für den ‹Welttag des Buches› in unseren Buchhandlungen brauchten. Uelis Geschäft ist nur wenige Meter von meinem entfernt. Strenggenommen, sind wir Konkurrenten – gut möglich, dass wir uns deshalb zu Hause lieber übers Leben als über Literatur unterhalten.
Kennengelernt haben wir uns 1967 an der Buchhändlerschule in Zürich. Nach der Lehre fuhren wir auf dem Velosolex nach Italien, Tunesien, an die libysche Grenze und nach Griechenland. Vier Monate waren wir mit Pfannen, Luftmatratze und Zelt unterwegs. Danach lebten wir in Bern in getrennten Mansarden, später zogen wir mehrmals gemeinsam um. Zuletzt wohnten wir oberhalb des Bärengrabens in der Wohnung Paul Klees, wunderschön, doch plötzlich sollte sie das Doppelte kosten.
Pro Woche lesen wir ein halbes Buch, zusätzlich viele Buchbesprechungen und sehr viel quer, um zu wissen, wie das Buch geschrieben ist. Uelis Welt ist seine Bibliothek. Hier stehen Bücher, die ihm besonders wichtig sind, wie Musils ‹Mann ohne Eigenschaften›. Ihn fasziniert, dass immer wieder Fragmente aus Musils Tagebuch auftauchen. Vor zwanzig Jahren etwa eine Textstelle, in der Musil über seine Liebschaft geschrieben hatte. Musils Frau schnitt sie nach seinem Tod heraus und nähte sie ins Ärmelfutter eines Mantels von Musil. Ohne Bücher könnten wir beide nicht sein. Bücher sind dickere Briefe an Freunde, sagte Jean Paul. Ob wir uns von Freunden trennen können? Das Hauptkriterium ist, ob wir ein Buch noch ein zweites Mal brauchen, bei einem Roman stehen die Chancen schlecht.
Die Liebe zu den Büchern entdeckten wir beide im Spital, Ueli mit sieben, er hatte Typhus, ich mit zehn und einem gebrochenen Bein. Ich schätze, er las damals schon Shakespeare. Mir als Bündnerin lag der ‹Schellenursli› näher. Mein Laden ist in Bern als Frauenbuchhandlung bekannt. Im Lauf der Jahre hat sich das Buchangebot aber aus dem Frauensegment emanzipiert. Unsere Buchsortimente sollten die Leute zum Nachdenken anregen.
In der Bibliothek sind die revolutionären Spuren am Bürostuhl aus der Bundesverwaltung zu sehen, dessen hässlichen Braunton mein Mann übermalte, auch der Glastisch – ein Prototyp – war in den 1980er Jahren avantgardistisch. Die Stücke von Eileen Gray sind unsere Hommage an die Architektin. Uelis Grossmutter lebte dreissig Jahre jeweils im Sommer in Roquebrune-Cap Martin im ‹E.1027 maison en bord de mer› von Eileen Gray. Als Jugendlicher sass Ueli bei Grossmutter auf den Originalen, heute stehen die in Museen.
Er hat diese Erinnerungen bestimmt schriftlich festgehalten. Mein Mann hat eine grosse Schreiblust. Seit er 16 ist, führt er ein Bücher- und Reisetagebuch. Irgendwie lähmt es den Partner, wenn der andere alles notiert und dokumentiert. Man kann es auch im Kopf haben. Zugegeben, kürzlich überlegten wir mit Freunden, mit denen wir in der DDR gewesen waren, welche Orte wir damals besichtigten, keiner wusste es, bis Ueli in seinen Tagebüchern nachschlug. Wir reisen sehr spezifisch. Auf die Reisen bereitet sich Ueli immer sorgfältig vor. Unsere Interessen sind gemeinsam gewachsen, da bildet sich auch in der Wohnung ein einheitlicher Stil heraus.»
Aufgezeichnet von Gudrun Sachse.
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