DREI DINGE SIND ES, die die Welt im Stadtteil Unser Fritz bewegen: das Gespräch am Strassenkiosk, der Fussball im benachbarten Gelsenkirchen und die Arbeitslosigkeit. Wie hoch sie hier im Norden von Wanne-Eickel wirklich ist, weiss niemand genau. Das Auswertungsraster der kommunalen Statistik ist für eine präzise Aussage zu grob, und nicht jeder ohne Job tritt gleich den Weg zum Arbeitsamt an.
Dass die Quote aber irgendwo zwischen 20 und 25 Prozent liegt, gilt als unbestritten. Eine Folge des Strukturwandels, heisst es. Früher war das von Emscher, Rhein-Herne-Kanal und Emscherschnellweg durchschnittene Viertel eine Hochburg der Malocher. Reich, aber dreckig. Heute erinnern daran nur noch das Grau der Häuserfassaden, die wenigen Bauten der ehemals vier Schachtanlagen zählenden Zeche Unser Fritz sowie die arbeitslosen Männer vor der Trinkhalle in der Flöz-Hugo-Siedlung, die jahrelang in den Pütt eingefahren sind.
Der Bürgersteig vor dem Kiosk, der als Informationsbörse und soziokulturelles Zentrum in einem dient, ist bereits am frühen Nachmittag dicht bevölkert. Der Klön mit dem Nachbarn, der das eigene Schicksal teilt, macht den Alltag erträglicher. «Wat weiss ich», quittiert einer der Mittfünfziger lakonisch die Frage nach seiner Zukunft und führt die Flasche Bier zum Mund. «Dat is ebent so!» Auch der Hinweis, die Stadt Herne habe verlautbart, dass am nahegelegenen Wanner Hafen bald ein Güterverladezentrum mit neuen Arbeitsplätzen errichtet werde, macht den einstigen Kumpel nicht redseliger. «Hör doch auf mit Herne», poltert er.
IN DER BARSCHEN REAKTION liegt der noch immer nicht überwundene Ärger der Alteingesessenen, dass Wanne-Eickel seit über 22 Jahren «Herne 2» heisst. Darüber hinaus weiss man aber nur zu gut, dass strukturelle Innovationen, von denen es in Herne durchaus einige gibt, kaum etwas für die eigene Person abwerfen. So wird gerade auf einem 20 Hektaren grossen Gelände der ehemaligen Zeche Mont-Cenis in Herne-Sodingen die neue Forschungsakademie des nordrhein-westfälischen Innenministeriums errichtet. Der gesamte Baukörper soll von einer 12 500 Quadratmeter grossen, gläsernen Hülle umspannt werden, die Europas grösste Photovoltaikanlage überdeckt. Die moderne Akademie wird in erster Linie hochqualifizierten Arbeitskräften neue Anstellungen bringen, nicht aber den Industriearbeitern von einst. Sie sind die Verlierer des Strukturwandels im Ruhrgebiet, der sich schon früh andeutete, aber erst spät erkannt wurde.
DER STRUKTURWANDEL, jener vielbeschworene Prozess, der dem einstigen «Russ-Land» und seinen 5,6 Millionen Bewohnern einen blauen Himmel, aber auch eine mit fast 15 Prozent überdurchschnittlich hohe Arbeitslosenquote beschert hat, gab sich bereits vor vierzig Jahren zu erkennen. 1957, ein Jahr bevor der FC Schalke 04 zum letztenmal die silberne Schale des Deutschen Fussballmeisters in die legendäre Glückaufkampfbahn holte, begann schon das erste Zechensterben. 495 847 Kumpel förderten damals das schwarze Gold ans staubige Tageslicht. Heute, da die blau-weissen Kicker des Gelsenkirchener Traditionsvereins nach etlichen entbehrungsreichen Jahren den «Pott in den Pott» - will heissen: den Uefa-Cup - ins mittlerweile bereits 25 Jahre alte Parkstadion geholt haben, arbeiten nur noch rund 67 000 Bergleute unter Tage - gerade einmal ein Siebtel der einstigen Belegschaft. Im gesamten Montanbereich gingen zwischen 1960 und 1995 mehr als 480 000 Arbeitsplätze verloren. So jedenfalls die Angaben der fünf Industrie- und Handelskammern des Ruhrgebiets.
Je weiter nördlich man kommt, desto tiefer sind die Spuren dieses gewaltigen Umbruchs. Die deutlichsten Einschnitte zeigen sich dort, wo jüngst Schächte geschlossen wurden - in der Emscherzone mit riesigen Industriebrachen und Arbeitslosenquoten von über 20 Prozent nicht nur in Wanne-Eickel, sondern auch in Gelsenkirchen oder im Norden Dortmunds. Die nördlichste der vier Revierzonen, die Lippezone von Dorsten bis Hamm, ist bisher noch relativ glimpflich davongekommen. Allerdings war man hier, wo mit modernsten Methoden aus «Teufen» bis 1400 Metern immer noch Kohle gefördert wird, nie so stark auf den Montanbereich ausgerichtet wie im übrigen Kohlenpott.
In der Ruhrzone und am Hellweg musste man sich schon früher mit der Strukturkrise auseinandersetzen. Seit fast zwei Jahrzehnten gilt es hier, den Wandel vom Zweibeiner aus Kohle und Stahl zum Tausendfüssler zu vollziehen. Städte wie Dortmund, Bochum oder Essen haben schon lange keine Förderanlagen mehr, Stahl wird lediglich noch in Dortmund und Duisburg gekocht, und wer sich von Hagen das Ruhrtal abwärts nach Essen oder Mülheim bewegt, merkt kaum noch etwas davon, dass hier über Jahre hinweg das industrielle Herz der Republik schlug. Sattes Grün dominiert an dem Fluss, der der gesamten Region ihren Namen verlieh. Selbst das Baden im einst schwer belasteten Gewässer ist an geschützten Stellen gefahrlos möglich.
Der ökologische Wandel kann indes nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch an der Ruhr immer noch Beschäftigungsdepression herrscht und Phönix so schnell nicht wieder aus der Schlacke steigt. 13,5 Prozent Arbeitslose in Hattingen, 14 Prozent in Essen - das sind Zahlen, die immer noch deutlich über dem Bundesdurchschnitt liegen.
In beiden Städten trägt der Strukturwandel aber auch schon Früchte. So steht auf dem Areal der ehemaligen Hattinger Henrichshütte jetzt ein Gewerbepark mit mittelständischen Produktionsbetrieben. Dort, wo vor zehn Jahren mit der Schliessung des Stahlwerks 4500 Personen praktisch über Nacht in die Arbeitslosigkeit befördert wurden, sind heute mit erheblicher staatlicher Hilfe ähnlich viele Menschen in der Herstellung von Spielwaren und in der Fernmeldetechnik tätig. In Essen weist man stolz darauf hin, dass man nicht nur die Firmensitze von Europas grösstem Energiekonzern, den Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerken, und der Krupp AG vor Ort hat, sondern auch die Zentralen von Karstadt, Raab-Karcher und etlichen anderen Unternehmen.
EINES DER PROPEREN Unternehmenshochhäuser, die unmittelbar an der Südseite des Essener Hauptbahnhofs mit ihren glitzernden Spiegelfassaden an wirtschaftlichen Aufschwung appellieren, gehört der Ruhrkohle AG (RAG). Der Konzern, unter dessen Dach Anfang nächsten Jahres alle in Deutschland noch verbliebenen Steinkohleförderanlagen kommen sollen, hat den wirtschaftlichen Umbruch des Reviers wie kaum ein zweites Unternehmen erlebt. Noch 1970 machte der Bergbau 98 Prozent des Umsatzes aus, seit 1995 steuert das Untertagegewerbe nicht einmal mehr 50 Prozent dazu bei. Eine Tonne Ruhrkohle kostet heute 280 Mark - 200 Mark mehr als auf dem Weltmarkt. Dass dieser Preis alles andere als eine solide Grundlage für rentable Geschäfte bildet, wird bei der RAG auch nicht bestritten. Die Kohle sei jedoch über Jahrzehnte hinweg strukturbestimmend gewesen. Da könne man nicht von heute auf morgen die Förderung einstellen. Das gebiete auch die soziale Verantwortung.
Von den 67 000 Bergleuten, die heute an Emscher und Lippe noch nach Kohle schürfen, werden allerdings, so sehen es die «kohlepolitischen Vereinbarungen» vor, im Jahr 2005 nur noch 36 000 in den Pütt einfahren. Bei einem Durchschnittsalter der Männer von 34 Jahren steht dem Arbeitsmarkt damit ein weiterer Schlag bevor. Zwar will die RAG mit Frühpensionierungen und Umschulungen alle personalpolitischen Register ziehen, damit so wenig Kumpel wie möglich ins «Bergfreie» fallen. Doch an einen sanften Übergang zur neuen Beschäftigungszahl scheint in Essen keiner so recht zu glauben.
Ihre Zukunft sieht die RAG zwar immer noch im Bergbau - «Wir haben doch eine exzellente Technik!» -, doch die liegt nicht an den Gestaden des Rhein-Herne- oder des Datteln-Hamm-Kanals, sondern in den USA und in China. Im Inland sind andere Stoffe gewinnträchtiger als Kohle. So produziert die RAG-Tochter Rütgers den grössten Teil der Kunststoff-Innenverkleidung beim Airbus. Auch bei der Herstellung von Leiterplatten-Basismaterial hat sich das aus der Teerchemie kommende Unternehmen bereits internationales Renommee erworben. Die Fertigung der Verkaufsschlager wird jedoch nur zum Teil im Ruhrgebiet vorgenommen. Statt dessen lässt man vielfach in den USA oder an deutschen Standorten ausserhalb des Reviers produzieren.
Die Ruhrkohle AG ist ein typisches Beispiel für innerbetrieblichen Strukturwandel. «Ähnlich ist es auch bei Thyssen gelaufen», erklärt Frank Levermann. «Der Stahlbereich liefert dort mittlerweile nicht einmal mehr 40 Prozent des Umsatzes.» Der Pressesprecher des Kommunalverbandes Ruhrgebiet, eines Interessensverbunds, der elf Städte sowie vier Landkreise vertritt und als die Informationsquelle für das Ruhrgebiet schlechthin gilt, weist darauf hin, dass man von dem Strukturwandel ohnehin nicht sprechen könne. «Ich spreche lieber von verschiedenen Grundmustern. Zu ihnen zähle ich neben dem innerbetrieblichen Umbau die Industrieansiedlung sowie die Neugründungen.»
EINE KLASSISCHE ANSIEDLUNG war für Levermann das Opelwerk in Bochum, das 1961 rund 20 000 Arbeitsplätze brachte. Hierunter fällt aber auch eine von Siemens Mitte der achtziger Jahre in Witten errichtete Forschungs-, Entwicklungs- und Montageeinrichtung im Bereich der Telekommunikation. Die seit 1965 kontinuierlich auf- und ausgebaute Hochschullandschaft des Ruhrgebiets, die heute 14 Einrichtungen umfasst, machte sich bezahlt. So konnte in Witten eine dreistellige Zahl von frisch ausgebildeten Ingenieuren vor allem von den auf Elektrotechnik und Physik spezialisierten Universitäten Dortmund und Bochum sowie von der Fachhochschule Hagen eine Anstellung finden.
Was die Neugründungen betrifft, nennt Levermann gerne den Technologiepark Dortmund, eine Ansiedlung von kleinen und mittleren Betrieben aus dem Bereich der Elektronik und Medientechnik. Hier gibt es Starthilfe bei Firmengründungen - allerdings zu marktüblichen Konditionen und ohne Subventionen. Seit dem Start 1985 sind dort rund 3200 neue Arbeitsplätze entstanden, die noch einmal halb so viele ausserhalb des Technologieparks nach sich zogen.
FÜR DEN ERFOLGREICHEN wirtschaftlichen Umbau des Ruhrgebiets gibt es keinen Königsweg. Das wissen auch die Experten aus Wirtschaft und Technik. Dennoch entstehen hinter den Kulissen immer wieder Auseinandersetzungen, wie denn nun das Revier am besten wieder flottgemacht werden könne. Einer, der hier im klassischen Sinne argumentiert, ist Tillmann Neinhaus. Der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer zu Bochum wird nicht müde, immer wieder die seiner Meinung nach unabdingbare Stärkung des Dienstleistungssektors zu fordern. Dass dies Erfolg verspreche, veranschaulicht er gerne an den Bereichen Logistik und Lagerei. Am wichtigen Kamener Autobahnkreuz zum Beispiel hätten in den letzten Jahren Karstadt und der schwedische Möbelkonzern Ikea ihre Zentrallager errichtet. Und auch im benachbarten Dortmund sei die Ansiedlung von Grossauslieferungen der Lebensmittelriesen Tengelmann und Lidl gelungen. Die beiden letztgenannten Projekte hätten immerhin je 500 Stellen gebracht.
Der von Neinhaus beschworene Dienstleistungsbereich ist während der vergangenen Jahre zwischen Ruhr und Lippe deutlich gewachsen. Die rund 870 000 Personen, die dort nach einer Analyse des Gelsenkirchener Instituts für Arbeit und Technik tätig sind, stellen mittlerweile 57 Prozent der Gesamtbeschäftigten. Dass im Dienstleistungssektor heute mehr Menschen arbeiten als in der Industrie, ist nicht aussergewöhnlich. In ganz Mitteleuropa verlief die Entwicklung ähnlich. Im Vergleich mit Berlin, München oder Stuttgart entstanden im Ruhrpott prozentual sogar weniger neue Arbeitsplätze. «Man muss dabei bedenken, dass wir schlechtere Voraussetzungen hatten als andere Ballungsräume», hebt Tillmann Neinhaus die Anstrengungen im Ruhrgebiet hervor. Und fügt hinzu, dass mit Dienstleistung alleine die Wirtschaft nicht wieder florieren kann: «Die Ansiedlung und Förderung mittelständischer Industrie muss gestärkt werden. Wir brauchen neues Blut von aussen.»
Für Professor Franz Lehner vom Gelsenkirchener Institut für Arbeit und Technik, das sich seit fast einem Jahrzehnt wissenschaftlich mit dem Umbruch des Reviers auseinandersetzt, ist genau das der falsche Weg. Strukturfremde Mittelstandsansiedlung, so der geborene Zürcher, bringe angesichts der komplizierten Lage im einstigen «Russ-Land» nichts als ein ruhiges Gewissen, frei nach dem Motto: Wir haben immerhin etwas getan, und das hat schliesslich auch etwas gekostet. «Wenn wir nur die Rezepte verfolgen, die alle zur Ankurbelung der Wirtschaft empfehlen, laufen wir stets den Entwicklungen hinterher. Wir haben schon viel von aussen ins Ruhrgebiet hineingeholt, dabei jede Menge Geld ausgegeben, aber keine neuen Stärken entwickelt.» Die eigentlich zukunftsträchtige Perspektive für den Pott sieht Lehner in der innovativen Wandlung bereits vorhandener Potentiale. Seine Lieblingsidee lautet: Bauen mit Stahl.
«Das ist ein sehr flexibler Werkstoff, der gut zusammengefügt, aber auch wieder getrennt werden kann», erläutert der Fachmann für Industrieentwicklung, bevor er sein Zauberwort ins Gespräch wirft: «Baukasten». Denn das Prinzip der früher so beliebten Märklin-Stahlbaukästen sei nicht nur für Kinderzimmer, sondern auch in der Industrie tauglich. Mit wenigen Basiselementen, die auf vielfältige Weise an- und ineinandergesetzt werden könnten, lasse sich nämlich in hoher ökologischer Qualität eine Vielfalt ansprechender Gebäude errichten. «Im Grunde ist das wie beim Betonfertigbau. Stahl ist aber wesentlich leichter wiederzuverwerten», sagt Lehner und nennt als Beispiele die Erweiterung des Stuttgarter Flughafens, die Frankfurter Zeil-Galerie «les facettes» und den Neubau des sächsischen Landtags. «Wir haben ideale Voraussetzungen. Die verbliebene Stahlindustrie arbeitet qualitativ hochwertig.»
Lehners Vision vom erfolgreichen Umbau vorhandener Kapazitäten verwirklicht sich bereits in der Umwelttechnik. So bauten die ehemaligen Kleinunternehmen Bischoff in Essen und Hölter in Gladbeck einst Gasreinigungsanlagen für Kokereien und Stahlwerke sowie Staubfilter für den Bergbau. Heute entwickeln die beiden Konkurrenten in erster Linie Rauchgasreinigungsverfahren für Kohlekraftwerke, mit denen sie sich auf dem Weltmarkt ein gutes Image erworben haben. Bischoff beschäftigt mittlerweile knapp 170 Ingenieure, Hölter rund 500. Produziert wird allerdings nur zu einem Bruchteil im Ruhrgebiet.
SO VIELVERSPRECHEND die beiden Unternehmen aus der Not der Montanindustrie eine Tugend für das eigene Haus machten, so deutlich zeigt sich an ihnen das Dilemma der Region. Während hochqualifizierte Arbeitskräfte, besonders Fachhochschulabgänger, gute Chancen für eine erfolgreiche Zukunft haben, bleibt das Gros der einstigen Industriearbeiter weiterhin ohne Job.
Wie schwierig es letztlich ist, die Zahl der schlecht qualifizierten Arbeitslosen zu senken, veranschaulicht die sogenannte Neue Mitte der Stadt Oberhausen. Hier, auf dem Areal der ehemaligen Gutehoffnungshütte, steht seit Herbst vergangenen Jahres Europas grösstes Shoppingparadies, das CentrO. Wo früher in Zeche, Kokerei und Stahlwerk bis zu 30 000 Personen einen gutbezahlten Arbeitsplatz fanden, laden heute über 200 Fachgeschäfte, Kaufhäuser und Boutiquen zum Konsumieren ein. Rund 20 Restaurants sowie eine moderne Veranstaltungshalle mit 11 500 Sitzplätzen bieten den Besuchern, die aus einem Umkreis von bis zu 200 Kilometern kommen, Unterhaltungsmöglichkeiten bis Mitternacht.
Lange Zeit war das CentrO nach Berlin die zweitgrösste Baustelle der Republik. In Wirtschaftskreisen redete man davon, dass das Einkaufsland direkt an Deutschlands bekanntestem Industriedenkmal, dem Oberhausener Gasometer, ein Meilenstein in jeder Hinsicht werde. Während sich der Umsatz relativ gut entwickelte und die Geschäfte in den umliegenden Städten weniger Einbussen hinnehmen mussten als befürchtet, hat der Arbeitsmarkt bisher jedoch kaum vom neuen Einkaufstempel profitiert.
Nach Angaben des Arbeitsamtes Oberhausen entstanden im CentrO zwar 4415 Stellen, doch mehr als ein Drittel davon haben «geringfügig Beschäftigte» inne, für die keine Sozialabgaben entrichtet werden müssen. Die Zahl jener, die hier Arbeit fanden und vorher arbeitslos gemeldet waren, gibt die Behörde mit 820 an: ein Beschäftigungseffekt, der hinter den ursprünglichen Erwartungen zurückblieb. EIN NICHT MEHR zu übersehender Faktor bei der Schaffung neuer Arbeitsplätze sind die Initiativen der 612 000 Ausländer im Ruhrgebiet, von denen annähernd zwei Drittel aus der Türkei kommen. Ihre Arbeitslosenquote liegt zwar deutlich über jener der Deutschen, aber unter ihnen herrscht ein Trend zur Selbständigkeit. Allein in Duisburg gibt es rund 2000 türkische Betriebe mit insgesamt 8000 Beschäftigten. Um Eigeninitiativen zu erleichtern, hat das Essener Zentrum für Türkeistudien 1995 fünf sogenannte Transferstellen eingerichtet, in denen ausländische Bürger Informationen zur Existenzgründung einholen können. Drei der Transferstellen liegen im Ruhrgebiet.
«Besonders bei den Türken gibt es grosse Informationsdefizite und Hemmnisse im Umgang mit der deutschen Bürokratie», sagt Gülay Kizilocak, die das auf drei Jahre befristete Modell betreut. Die Nachfrage ist beachtlich. Während der vergangenen zwei Jahre wurden alleine im Transferzentrum Duisburg 240 Gespräche geführt, Telefonate und schriftliche Anfragen nicht mitgerechnet.
Das Vorzeigeprojekt türkischen Unternehmergeistes im Ruhrgebiet ist die Firma Bereket-Brot in Bochum-Wattenscheid. Den Lebenslauf der Eigentümer darf man als typisch bezeichnen: Nach einigen Jahren als Arbeiter eröffneten sie ein eigenes Lebensmittelgeschäft und bauten dann einen kleinen Brotvertrieb auf, der zur Firma gedieh. 30 000 Backwaren, hauptsächlich türkische Weizenbrote, werden täglich produziert und teilweise bis vor die Tore Hamburgs ausgeliefert. Neben der Wattenscheider Zentrale zählt zu Bereket noch eine Grossbäckerei in Duisburg. In beiden Betrieben stehen 110 Menschen im wahrsten Sinne des Wortes in Lohn und Brot, davon 10 Deutsche, unter ihnen der Backmeister und der hauseigene Elektriker.
BEI ALLEN VERSUCHEN, die schmerzlichen Folgen des Strukturwandels aufzufangen, kommt man an einer Erkenntnis nicht vorbei: Der Niedergang der Montanindustrie wurde zu lange verdrängt. Nicht nur, dass das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung schon 1953 «Wachstumshemmungen» ausmachte. Im Grunde war schon während des Dritten Reiches die Stagnation zu spüren. Zwar verzeichneten Industrielle wie Krupp, Duisberg oder Voegler, die ursprünglich kaum Berührungspunkte mit den Nazis hatten, mit diesen aber dennoch schnell und ohne grosse Bedenken besonders bei der Rüstung ins Geschäft kamen, nach 1933 zweistellige Wachstumsraten. Doch schon fünf Jahre später, als die Werte aus dem Vorkrisenjahr 1929 wieder erreicht worden waren, ging der Aufschwung seinem Ende entgegen. Noch prosperierte die Kokserzeugung, und 1939 wurde mit 130 Millionen Tonnen Kohle die grösste Jahresfördermenge in der Geschichte des Ruhrgebiets registriert; dennoch konnte die Produktion während der Kriegsjahre nur mit Mühe auf dem Vorkriegsniveau gehalten werden.
«Ohne Krieg und Wiederaufbau wäre das Ruhrgebiet vielleicht schon Ende der vierziger Jahre in die Krise geraten», sagen heute Experten. Doch zehn Jahre Nachkriegszeit mit Wachstumsraten von bis zu 25 Prozent reichten aus, um an eine neue Blüte glauben zu lassen, und diese Einschätzung prägte das Bewusstsein der Region nachhaltig.
Genau dieses Bewusstsein, das bis heute nachwirkt, hemmte auswärtige Investoren. Kein Wunder, dass vor wenigen Jahren einige Revierstädte in Anzeigenkampagnen das Wort «Ruhrgebiet» mieden wie der Teufel das Weihwasser. Duisburg, das sich jahrelang stolz «Stadt Montan» nannte, warb plötzlich mit dem Slogan «Duisburg am Rhein. Im Herzen Europas». Dortmund pries sich als «Oberzentrum Westfalens», verwies auf die kurzen Strecken ins grüne Münsterland, und Hagen betonte, das «Tor zum Sauerland» zu sein. Heute hat sich dieser Eifer ein wenig gelegt. «Zwar sehen die meisten Städte immer noch in erster Linie sich selbst und nicht die Region», sagt Frank Levermann vom Kommunalverband Ruhrgebiet, «doch man hat die Bedeutung sogenannter weicher Standortfaktoren erkannt.»
Auch wenn es immer noch seltsam klingt, zwischen Hamm und Hamminkeln setzt man mittlerweile auch auf den Tourismus. So locken mit «Starlight Express» in Bochum, «Les Misérables» in Duisburg und «Joseph» in Essen mittlerweile drei namhafte Musicals. Hinzu kommen sieben grosse Freizeitparks sowie der Filmpark der Warner Brothers in Bottrop. Und selbst das industrielle Erbe soll zum Aushängeschild werden: «Es gibt keine andere Region in Mitteleuropa, wo die Entwicklung der Industriekultur so gut zu beobachten ist wie hier», meint Levermann.
DEUTSCHLANDS anspruchsvollste Strukturverbesserungsmassnahme, die Internationale Bauausstellung (IBA) Emscherpark, baut auf diesem Erbe auf. Auf 800 Quadratkilometern soll von Bergkamen bis Duisburg bis zum Jahr 1999 eine Grünzone mit hohem Kultur- und Erholungswert entstehen. Die teilweise hochbelastete Landschaft will man auf ein ökologisches Fundament setzen, gleichzeitig Industriegebäude als Denkmäler erhalten.
Die einstige Kloake des Kohlenpotts, die Emscher, wird vom Beton befreit und renaturiert, der Rhein-Herne-Kanal soll in einen Erlebnisraum mit ansehnlichem Jachthafen verwandelt werden. Bereits heute kann man gelungene Objekte der IBA in Augenschein nehmen - den Landschaftspark Duisburg-Nord mit der stillgelegten Meidericher Hütte, die als Kulturzentrum genutzte Zeche Zollverein in Essen und das ehemalige Zechengelände Rhein-Elbe-Park in Gelsenkirchen mit Sitz des Wissenschaftszentrums Nordrhein-Westfalen.
Ob allerdings die vielgepriesene IBA den dringend nötigen Umschwung auf dem Arbeitsmarkt bringt, bleibt abzuwarten. Der nüchterne Frank Levermann zeichnet die Zukunft des Reviers eher verhalten: «Die hohe Arbeitslosigkeit gerade von geringqualifizierten Kräften wird uns wohl noch lange beschäftigen. Aber das ist nicht nur ein wirtschaftliches Problem, sondern auch ein sozialpolitisches.»
Ulrich Pick, Sindelfingen, ist freier Journalist. Davor war er für die «Stuttgarter Zeitung» und den Süddeutschen Rundfunk tätig.