ES IST SCHON ERSTAUNLICH, da raten uns die Psychologen, den Kindern das Kriegsspielzeug aus den Händen zu nehmen, um die lieben Kleinen vor dem Gedanken zu bewahren, Töten und Getötetwerden sei etwas ganz Normales - ein Gedanke, an den sie sich im Erwachsenenalter tunlichst nicht erinnern sollten, wenn es um die Lösung von Konflikten geht -, und die Erwachsenen führen ihnen dennoch Tag für Tag vor Augen, dass es offenbar gar keine andere Vorgehensweise gibt, wenn nationale, ethnische oder religiöse Interessen aufeinanderstossen.
Freilich, jeder Krieg weckt auch Bedauern, fordert die moralischen Instanzen der Völkergemeinschaft heraus, zum Frieden aufzurufen und Vermittlungsausschüsse einzuberufen, die menschliche Behandlung der Zivilbevölkerung anzumahnen und selbst die todbringende Gegnerschaft der Soldaten in Regeln zu fassen, um den Verlust von Leben auf ein Minimum zu drücken. Doch es gibt eine Ausnahme.
Seit einem guten Jahrhundert existiert ein Kriegsschauplatz, auf dem wir uns so richtig austoben dürfen, auf dem die Ausrottung des Gegners anerkanntes Ziel ist, ohne dass sich eine Gegenstimme erhebt und dem Schlachtfest Einhalt gebietet. Ein Weltkrieg ist das mit millionenfachen Opfern auf beiden Seiten, der nicht nur vier oder sechs Jahre dauert, sondern permanent vonstatten geht und der notwendig und somit gerechtfertigt ist. «Dieser Krieg», so belehrt die «Süddeutsche Zeitung» ihre Abonnenten, findet «in unserem Körper» statt. «Focus» vermeldet sogar ein «tägliches Massaker» und weiss um «entsetzliche Gemetzel» mit «heimlichen Sabotageakten, versteckten Verbündeten und der Suche nach der Wunderwaffe». Gewinnen die Guten, das sind die Antikörper, unterstützt von Biochemie und Chirurgie, dann ist ein Menschenleben gerettet. Behalten die Bösen, das sind die Killerzellen, die Viren, Bakterien und andere Mikroorganismen, die Oberhand, dann ist ein Menschenleben verloren.
Um hier den Sieg zu erringen, ist jedes Mittel recht, das ansonsten längst der Ächtung internationaler Abkommen unterliegt; eine biologische Kriegsführung, so erläuterte «Time» das Problem den Lesern, ist das Mittel der Wahl. Ungehemmt befleissigen sich auch Medien, die ansonsten eher auf der Seite der Friedensförderung zu stehen vorgeben, einer von martialischen Metaphern durchsetzten Kriegsberichterstattung, reden dem Superkill das Wort. So empfindet es die «Zeit» nicht unter ihrer Würde, der nachdenklichen Leserschaft die komplizierten Vorgänge aus bestimmten Bereichen der Immunologie regelmässig mit wahren Feuerwerken an Sprachbildern zu verdeutlichen, die die antike Heroen-Mythologie, das Liedgut von «Ein Jäger aus Kurpfalz» und die Prosa neuzeitlicher Werbeprospekte für modernstes Waffengerät zu vereinen suchen.
Seit dem Beginn der bakteriologischen Variante moderner Medizin gegen Ende des 19. Jahrhunderts und verstärkt noch durch die Erkenntnisse der Immunologie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, besitzen wir das Feinbild par excellence. Wer wollte etwas Gutes sagen über Retroviren, Lepra- und Tuberkulosebazillus, die Tse-Tse-Fliege oder gar den Erreger der Kinderlähmung? Wer wollte Mitleid fühlen, wenn diese Scheusale auf ewig verschwänden? Als die Pocken zum letztenmal im Jahre 1977 in dem somalischen Koch Ali Malow Maalin gesichtet und danach von der Weltgesundheitsorganisation in unverhüllter Siegespose für ausgerottet erklärt wurden, da weinte dem nach einer mehr als zweitausendjährigen Geschichte menschlicher Niederlagen vernichteten Gegner keiner eine Träne nach, fanden weder Ökologen noch Theologen ein gutes Wort für eine Lebensform, die die einen als zwar unangenehmen, aber dennoch unabdingbaren Teil der Ökologie, die anderen als Gottes Schöpfung hätten werten können.
Es ist diese weltumspannende Übereinstimmung, die erstaunen lässt. Weder die strenggläubigen Hindus, die doch mit dem Besen ihren Fussweg säubern, um buchstäblich keiner Fliege etwas zu Leide zu tun, noch die Buddhisten, die den radikalen Wahlspruch «Kein Leben töten, um anderes Leben zu bewahren» formuliert haben, sind zur Rettung der Pockenerreger auf die Barrikaden gestiegen, haben die Forschungslabors oder High-Tech-Hospitäler als Tempel der modernen Medizin in der Weise gebrandschatzt, wie sie es in ihrem Glaubenskampf um Ayodhya für unerlässlich hielten.
Dabei hat sich das Abendland, sonst durchaus nicht zurückhaltend in der Anwendung militärischer Machtmittel gegen unliebsame Völkerschaften, erst verhältnismässig spät dieser Feldschlacht angeschlossen, die doch in Ostasien bereits seit zwei Millennien tobt. Da das antike China ein und dieselbe Terminologie auf die Politik und auf die Heilkunde anwandte, bestand kein Unterschied zwischen den Feinden, die die Harmonie der Gesellschaft bedrohten, und den üblen Elementen, die die Gesundheit des Individuums gefährdeten. In jedem Fall war es das «Böse», das es vom Körper (oder von der Gesellschaft) fernzuhalten, und wenn es denn schon eingedrungen war, zu lokalisieren, einzukreisen, abzutöten oder zumindest auszutreiben galt.
Eine erzkonservative Grundhaltung prägte die chinesische Medizin seit Anbeginn. Systemveränderung ist die Ursache des Krankseins, und Kranksein führt zum Tode. Daher greift der Weise, so heisst es in den ältesten, bis in die Gegenwart gerne zitierten Schriften, mit gesellschaftspolitischen Massnahmen dort ein, wo noch keine Unruhe solche Veränderung andeutet, und er behandelt nicht diejenigen, die bereits leiden, sondern therapiert dort, wo sich die Krankheiten erst andeuten. So verlockend präventiv dies klingen mag, wenn es um die Behandlung akuter Krankheiten ging, führten die antiken Chinesen eine andere Sprache. Zwei Jahrtausende lang wurde die Anwendung von Arzneien der Anwendung von Soldaten gleichgesetzt, galt es für den Arzt wie für den Heerführer, das eigene und das Terrain des Feindes zu erkunden, um letzteren schliesslich in die Falle zu locken, vom Nachschub abzuschirmen, einzukesseln und endlich zu vernichten.
In erstaunlichem Gegensatz zu China hat das Abendland seine gesellschaftliche Kriegsführung bis in die Neuzeit nicht auf die Medizin ausgedehnt. Zwar haben bereits im antiken Alexandria Wissenschafter in Sektionen an Toten und wohl auch an Lebenden die möglichen Orte des Krankseins in Augenschein genommen, haben Mediziner nach der Zwangspause der Spätantike und des frühen Mittelalters die Leichenschau wieder aufgenommen und dann mit Vesal im 16. und Morgagni im 18. Jahrhundert die Grundlagen für Morphologie und Pathologie gelegt. Doch auf die Idee, irgendwelche feindlichen Wesen könnten in den Körper gelangt sein und dort Unheil und Zerstörung anrichten, kamen nur wenige und fanden keinen Glauben, wie etwa der italienische Arzt Fracastoro im 16. Jahrhundert mit seiner Vorstellung von krankheitsverursachenden animaculi.
Lange Zeit über die Erfindung des Mikroskops hinaus bis weit in das 19. Jahrhundert hinein kannten die europäischen Mediziner allein eine harmonische Sicht von Leben und Gesundheit, war das Bemühen um Einbindung in eine weltumspannende Gesetzmässigkeit die vermeintliche Grundlage allen Wohlbefindens. Mit der Entdeckung des Choleravibrio und der unwiderlegbaren Beweisführung durch Robert Koch, dass dieser Mikroorganismus und zahlreiche weitere Erreger für die Entstehung spezifischer Krankheiten verantwortlich seien (und nicht umgekehrt, wie man anfangs glaubte), änderte sich die Einstellung westlicher Heilkunde dann allerdings grundlegend. «Feinde» wurden allerorten gesichtet und zunehmend namentlich bekannt; die «Schlacht» konnte beginnen. Das Böse, das sich im Körper einnistet, wird entweder von der Chirurgie oder von der Biochemie beseitigt. Kranksein ist nicht länger das Ausscheren aus der grossen Harmonie, um die ein Hippokrates, ein Galen und viele andere nach ihnen zu wissen glaubten, sondern eine vorübergehende und, so die neue Utopie, eine letztlich gewiss einmal behebbare Konsequenz der grossen Freiheit. Krankheit ergibt daher keinen Sinn, es ist wie im Krieg, jeden kann es einmal treffen. Pech gehabt.
Nein, ganz so unberechenbar ist der Krieg, den wir gegen die Mikroben führen, doch nicht. Es gibt eine Moral im Umgang mit den Erregern, die uns schützt. Lange Zeit hiess diese Moral Sauberkeit; heute heisst sie safer sex. Das Furunkel am Hals rührte von den schmutzigen Hemdkragen und verschwand mit der Waschmaschine. Wasser und Seife gaben dem Körper die Sicherheit, die er brauchte, um keimfrei und somit gesund zu bleiben. Kranksein, so hatte es in den Anfängen der Bakteriologie den Anschein, bedeutete auch ein Eigenverschulden, ein wissentliches oder unbedachtes Nachlassen im hygienischen Bemühen um Keimfreiheit.
Wir wissen heute, dass dieses Bemühen nur teilweise gerechtfertigt ist; ein psychisch und physisch starker Organismus wird auch von alleine mit manchen Keimen fertig, die den Schwachen in die Knie zwingen. Fatale Konsequenzen hatte die anfängliche Überbetonung der Hygiene für den einzelnen Menschen dennoch nicht. Erst die Übertragung des allgemeinen Sauberkeitswahns auf die Reinheit eines vermeintlichen Volkskörpers, erst die Schaffung des Sprachbildes «Rassenhygiene» durch Alfred Plötz 1895 und zeitgleich die Gründung einer Pseudowissenschaft gleichen Namens bereitete den Boden für ein beispielloses Morden, das seine rechtfertigende Metaphorik bewusst in der modernen, zunehmend wissenschaftlich untermauerten Heilkunde fand.
Rudolf Virchow hat die verheerenden Folgen der wissenschaftlichen und moralischen Gleichsetzung der Bedrohung des individuellen und des gesellschaftlichen Organismus um die Jahrhundertwende mit erschreckender Hellsicht vorausgesagt, doch wer wollte dem Seher glauben, solange es keinen Präzedenzfall gab? Dieser Präzedenzfall existiert nun in aller Deutlichkeit.
Zugegeben, die Stigmatisierung lebensbedrohlicher Krankheitserreger und die Erläuterung immunologischer Erkenntnisse durch Metaphern aus dem gesellschaftlichen Bereich ist plausibel; sie eignet sich, bestimmte Mechanismen zu beschreiben, die der Gefährdung menschlichen Lebens durch Mikroorganismen einerseits und der «Abwehr» dieser Gefährdung durch den menschlichen Organismus und medizinische Hilfsmittel andererseits zu Grunde liegen. Dennoch, die Erfahrungen in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts mögen Anlass genug sein, die Immunologie und verwandte Wissensbereiche mit einer adäquaten, das heisst gesellschaftlich neutralen, Sprache zu erläutern. Die Plausibilität der rigorosen Vernichtung der «Feinde» in uns kann ohne weiteres eines Tages wieder einer Plausibilität der Vernichtung der «Feinde» in unserer Umgebung den Boden bereiten. Dieses Sprachbild bietet zunächst dem Unterbewusstsein und schliesslich auch dem Bewusstsein die Rechtfertigung gleichen Vorgehens gegen als schädlich empfundene Lebewesen, die zufällig unsere Mitmenschen sind.
Kein Beweis ist bekannt, dass unsere Vorfahren deshalb so kriegerisch gesonnen waren, weil sie schon früh Säbel und Pickelhaube neben die Wiege gelegt bekamen. Im Gegenteil, andere Zivilisationen haben nie Kriegsspielzeug gekannt und dennoch nicht weniger Schlachten geschlagen als die Europäer. Wer davor warnt, Kindern Panzer und Pistolen unter den Weihnachtsbaum zu legen, der sollte eine viel grössere Gefahr in der bedenkenlosen Anwendung der Tötungsmetaphorik auf all das erkennen, was uns als schädlich erscheint.
Es gibt freilich noch andere Gründe, diese Sprachbilder in Frage zu stellen. Der Patient, der einen Krankheitserreger in sich trägt, wird sich freuen zu erfahren, dass es ein Mittel gibt, den Unheilbringer abzutöten. Weltweit verdanken die Antibiotika und andere Pharmaprodukte dieser Freude ihre Akzeptanz. Und doch sind da die Gesunden, die zugleich Nachdenklichen und Harmoniebedürftigen in dieser Welt der ewigen Disharmonie, von denen ein Teil genug hat von der andauernden Töterei und vom Schlachtgeschrei. Bei ihnen trifft die Metapher vom Krieg in unserem Körper auf Ablehnung, wird gleichgesetzt mit High-Tech und Chemienähe modernster Medizin.
In derselben Weise nämlich, wie Grosstechnik und Chemie - obwohl alle Annehmlichkeiten heutigen Lebens ohne sie nicht mehr denkbar wären - zunehmend in den Ruf des Zerstörerischen gekommen sind, ist auch die kriegerische Medizin der Neuzeit - obwohl viele Millionen ihr das Leben verdanken - in den Ruf des Bedrohlichen gekommen. Die Protagonisten der chinesischen Medizin haben die Zeichen der Zeit als erste erkannt, haben alles Militaristische aus ihrem Vokabular gestrichen und führen die Akupunkturnadel allein noch mit den Samthandschuhen der Yin-Yang-Doktrin. Nicht etwa die therapeutische Leistung dieser für den abendländischen Markt neugestylten Heilkunde überzeugt hier eine wachsende Klientel, sondern die Harmonielehre ihrer theoretischen Grundlagen.
Nun besteht kein Anlass, den Anwendern der chinesischen Medizin ihren Zulauf zu neiden; jeder, der wahres oder vermeintliches Kranksein heilt, sei willkommen. Das Problem besteht darin, dass die moderne Medizin sich zunehmend einem Zeitgeist gegenübersieht, der zwar im Ernstfall die Möglichkeiten der Chemotherapie und der Antibiotika, der Molekularbiologie und der Chirurgie in Anspruch nimmt, der jedoch in den langen Jahrzehnten der Gesundheit, die dem Ernstfall zumeist vorausgehen, kaum Verständnis für die entsprechenden Forschungen und Entwicklungen aufbringt. Nicht im Sinne eines Sprachdiktats der political correctness, sondern im eigenen Interesse der medizinischen Wissenschaft wäre es daher ratsam, die martialische Metaphorik abzulegen.
Paul U. Unschuld ist Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin an der Universität München.