«ICH BIN HIER in einem der Zimmer des Hauses, das 1957 Frau Jung, eine Deutsche, nach dem Tod ihres Mannes in Dornach hat bauen lassen, als Gästehaus des Goetheanums. Als Ausländerin hätte sie sonst keine Baubewilligung bekommen. Sie war Anthroposophin und hatte vor, in dem Haus Gäste des anthroposophischen Zentrums aufzunehmen, bewohnte es dann aber weitgehend allein. Sie fühlte sich von fremden Leuten gestört.
Als Frau Jung vor drei Jahren mit fast neunzig starb, wusste das Goetheanum erst nicht, wie das Haus zu nutzen sei. Als ich es zum erstenmal sah, fand ich: was für ein phantastisches Haus, Gäste zu beherbergen! Erst sollte eine Familie mit vier Kindern einziehen, aber dazu hätte man ziemlich viel umbauen müssen. Mein Mann und ich haben der Familie dann das Haus angeboten, in dem wir wohnten und das ideal ist für Kinder.
Ich bin Finnin und war, bevor ich meinem zweiten Mann vor 6 Jahren in die Schweiz folgte, zuvor 17 Jahre in Lahti Mitarbeiterin in der Leitung eines heilpädagogischen Heims mit bis zu 100 Kindern. Nun war ich zum erstenmal in meinem Leben nur Hausfrau, ein schwieriger Zustand für mich. So begann ich, Gäste aufzunehmen, und suchte gleichzeitig eine Beschäftigung im Goetheanum, wo mein Mann administrativer Leiter ist. Erst verstand man dort gar nicht, was ich wollte; alle Stellen waren besetzt. Mir war aber einfach danach, durch die Räume zu gehen, da beim Streichen einer Wand zu helfen, dort die Blumen zu besorgen, in der Theatergarderobe Kleider auszubessern. Meine Aufgabe könnte man die einer Hausmutter nennen. Wenn Tagungen und Aufführungen sind, stehe ich an der Tür, heisse die Leute willkommen, zeige ihnen den Weg, bin ihnen sonstwie behilflich. Das mache ich gern. Und da begegne ich wieder Leuten.
Seit zwei Jahren wohnen wir nun in diesem Haus, zur Miete, und nutzen es gemäss seiner Bestimmung als Gästehaus. Ich räumte alles aus, alle Kleider von Frau Jung waren noch da. Manchmal glaubte ich, sie selber sei auch noch da, ihr Geist war so präsent. Das Haus hat im ganzen acht Zimmer, davon vier Gästezimmer mit je zwei Betten. Das hier ist das blaue. Ein anderes ist türkis, ein drittes rot. Das vierte, wir nennen es Gartenzimmer, hat alle Farben. Frau Jung hatte das Haus im anthroposophischen Stil gebaut und die besten Künstler mit der Ausgestaltung beauftragt. Der Tisch, die Stühle, die Betten, von denen die Gäste sagen, man fühle sich darin so geborgen wie in einer Wiege, die Lampen, alles hat der Bildhauer Reimar von Bonin gestaltet. Und Beppe Assenza und seine Schüler haben die Wände und Decken gemalt. Vermutlich waren die Farben, es sind Pflanzenfarben, ursprünglich kräftiger und sind mit den Jahren etwas verblasst. Die Möbel sind in jedem Zimmer aus einem anderen Holz. In diesem ist alles aus Birke.
Ich weiss noch, wie das Haus, als ich es zum erstenmal betrat, auf mich wie ein Museum gewirkt hat. Man muss darin leben, um die darin wirksame geistig-seelische Qualität zu spüren.
In Räumen ist mir die Stimmung wichtig, und die kommt von kleinen Dingen. Sehen Sie nur alle diese künstlerischen Details, die Farben und Formen. Die Vorhänge aus handgewobener indischer Seide. Frau Jung war eigens nach Indien gereist, um dort Seide zu kaufen. Die Lampen aus geschliffenem Rosenquarz. Die Wände, die nicht einfach im rechten Winkel in die Decke übergehen, sondern gestaltet weiterführen. Eine Stimmung, die Ehrfurcht weckt, weil alles mit so viel Liebe und Sorgfalt gemacht worden ist. Und diese Liebe möchte ich an die Gäste weitergeben. Ich denke oft nach, wie ich einen Raum für die Gäste noch verschönern könnte, mit Blumen aus dem grossen Garten, mit Früchten. Manchmal komme ich auch ganz ohne Zweck hier herein, einfach weil ich gern da drin bin.
Für uns allein haben mein Mann und ich nur ein Schlafzimmer, ein kleines Arbeitszimmer und ein Bad. Und eine Sauna, die haben wir uns einbauen lassen. Ich mache für die Gäste nur das Frühstück, Personal habe ich nicht. Gelegentlich koche ich aber auch abends für alle, oder einer der Gäste kocht. Manchmal ergibt sich daraus eine gesellige Runde. Oft ziehen sich die Gäste, müde von einer Tagung, früh in ihre Zimmer zurück. An Möbeln gehören uns im ganzen Haus nur unsere Betten und ein paar Stücke von Alvar Aalto, ein Tisch, ein Sofa, Stühle.
Die Gäste stammen von überall her; die meisten kommen zu Kursen ins Goetheanum. Letztes Jahr hatte ich 1290 Übernachtungen! Viele am Umbau des Goetheanums beteiligte Künstler haben hier gewohnt. Feste Preise gibt es nicht. Es ist jedem selber überlassen, wie er den Aufenthalt abgelten will. Zum Beispiel kommt oft ein Dirigentenschüler, der wohnt gratis, bügelt dafür aber am letzten Tag jeweils die Hemden meines Mannes. Obwohl die Miete des Hauses ziemlich hoch ist, bin ich bis jetzt gut so zurechtgekommen.
Die Ferien verbringen wir in Finnland. Wir haben dort ein kleines Häuschen an einem See. Mich würde es mehr nach Süden ziehen, aber mein Mann ist so gern dort. Letztes Jahr bin ich zum erstenmal allein hingefahren. Ich habe in Finnland acht Patenkinder und habe mit jedem einen Tag in dem Häuschen verbracht.
Mir ist unwichtig geworden, wo ich lebe. Mir geht es dort gut, wo ich eine Aufgabe und Menschen um mich herum habe. Ich liebe dieses prächtige Haus, fühle mich aber auch in einem einfachen Holzhaus wohl. Nur in Räumen mit ungepflegten und kitschigen Dingen mag ich nicht leben. Das würde nicht meinem Lebensgefühl entsprechen.»