Baron Pierre de Coubertin wurde am 1. 1. 1863 in Paris geboren und litt von dem Moment an unter dem Vorwurf, immer Erster sein zu wollen. Mit einunddreissig Jahren hatte er die Nase voll davon und gründete die modernen Olympischen Spiele, die er unter das Motto stellte: mitmachen ist wichtiger als siegen. Auf diese Weise bewältigte er sein Problem - eine vorbildliche Art, seine Kindheit aufzuarbeiten.
Selbstverständlich hat der Baron den Satz nicht erfunden, sondern nur aufgelesen und für seine Zwecke benutzt. Doch sind wir froh, wenn wir einem Satz einen Urheber zuschreiben können - das adelt den Satz, macht ihn gesellschaftsfähig und enthebt uns der Sorge, aus Versehen irgendeine dahergelaufene Lappalie in den Mund genommen zu haben.
Coubertins Motto wird seither gebeugt und missbraucht. Es schlingert in dieser und ähnlichen Übersetzungen zwischen hohem Blödsinn und niedrigem Stumpfsinn dahin, dümpelt im Volksmund und muss überall dort herhalten, wo ein Hoch auf die Gemütlichkeit oder ein Hurra auf die Geselligkeit angestimmt wird. Ein Satz für Schmunzler. Ein Satz, der vom Glück des Mitlaufens handelt und mit der Wärme der Konventionen lockt. Ein Satz gegen Verweigerung und Auflehnung, aus der er, wie jeder, irgendwann entstanden ist. Ein Satz gegen das Denken.
Endgültig dahin umgemünzt wurde er lange vor Coubertin von den ewigen Olympiern, die jeden Satz, kaum ist er einem Mund entwichen, zu einem brauchbaren, nützlichen ummünzen. Eine alte, immer neue Geschichte: Die Trägen mit ihrem Halbwissen liegen in den Wiesen und langweilen sich, die Flinken mit ihrem Besserwissen erfinden Spiele, mit Regeln, die ihnen das Siegen ermöglichen - sie lieben es zu siegen, brauchen Verlierer dazu, ein Wort ergibt das andere, und irgendwann ist der Satz da mit dem seit Menschengedenken die unendlich vielen Trägen und Halbwissenden immer neu angetrieben werden, gepeitscht aufzustehen, mitzuspielen, weiterzumachen, weil es ohne sie kein Siegen gibt, und siegen halten die Sieger für wichtig.
Anfangs beschränkte sich das erbarmungslose Treiben auf sportliche Wettkämpfe, doch die Olympier wurden vom Siegen berauscht, sie konnten nicht genug kriegen davon, alles gerann ihnen unter der Hand zum Wettkampf, zum Kampf, und so gilt es inzwischen überall zu siegen, und überall gilt es, die Legionen von Verlierern bei der Stange zu halten, um sie besiegen zu können. Überall lachen Sieger von den Litfasssäulen runter, überall wird den Verlierern versprochen, dass auch sie die Möglichkeit haben, den Rausch des Siegens zu erfahren, und überall wollen es die Regeln, dass sie dann doch verlieren, worauf ihnen gesagt wird, sie sollen den Kopf nicht hängen lassen, denn wichtiger als zu siegen sei es mitzumachen.
Und so verlieren sie, verzagen darüber, werden älter, die Möglichkeiten zu siegen nehmen ab, laufen können sie nicht mehr, springen können sie nicht mehr, singen können sie nicht mehr, und zuletzt bleibt nichts als das Leben, das Leben, in welchem es nichts zu siegen gibt, wo wir schafsgut aufs Ende zutrotten. Aufs Ende zu, das kein Ziel ist und durch das keiner besser, schneller oder eleganter läuft, das im Gegenteil jeder mehr oder weniger kopfschüttelnd und achselzuckend überstolpert -, und plötzlich ertappen wir uns dabei, wie wir uns selbst diesen Satz heiss und blutunterlaufen zuflüstern, mindestens dessen erste Hälfte, die uns Mut macht: mitmachen ist wichtig . . . Denn das ist der Trick mit den Sätzen: zu unserem eigenen Gebrauch dürfen wir sie ruhig zu Hilfe nehmen, schliesslich ist jeder Satz ursprünglich für den eigenen Bedarf erfunden worden, sinn- und sieglos, laut ausgesprochen in der Finsternis, wo die eigene Stimme etwas Tröstliches hat, etwas Vertrautes, etwas Poetisches.
Darum liebes Severinchen, nimm die Sätze und versteh sie auf deine Weise; lass dich von ihnen nicht lähmen; folge keinem; wird dir einer vorgesagt, dann such auf der Stelle nach dessen Gegensatz; Sätze sind dazu da, bedacht und danach entlassen zu werden; bau dir stets frische, und wirf sie gleich wieder um; verhöhne keinen dafür, dass er da ist - er wurde in seine Form gepresst und möchte nichts lieber als sich auflösen; Sätze wollen nicht dastehn, sie wollen entstehn und vergehn. Werden sie fixiert, entflieht ihr Sinn, sie stehen hohl und leer, Leichen, geflügelte Worte. Erröte, wenn andere, geschweige denn du selber, solche Gemeinplätze in den Mund nehmen - es ist unappetitlich, Leichenfledderei.
Gerade zu Zeiten, da Grenzen fallen, olympische Schunkelseligkeit grassiert und die Einheitskatastrophen über uns hereinbrechen, dröhnen solche Monster von Einfalt und Grösse durchs Land, schamlos, und versuchen, unter ihrer betörenden Schlichtheit jeden Zweifel zu ersticken - die Ohren möchten einem vom Anhören welk werden und abfallen. Nimm dich in acht. Selbst der Baron Pierre de Coubertin war seiner Sache nicht so sicher und hat es schliesslich vorgezogen, seinem Motto zum Trotz an einem Ersten zu sterben, 1937 in Genf. (Einer andern Quelle gemäss starb Coubertin an einem Zweiten, verbittert und verkannt. Selbst das Motto wird ihm abgesprochen; ein Bischof aus Pennsylvania soll es als erster formuliert und beim Gottesdienst zur Eröffnung der Olympischen Spiele 1908 in London gebraucht haben.) Glaub keinem, sei auf der Hut, hör schlecht.
Und noch etwas, Severinchen, versprich mir, dass du nie mitmachst, wo es ums Siegen geht, und umgekehrt, mach nur mit, wo du siegst . . . Ich seh' schon, du bis eingeschlafen. Du hast recht, schlafen ist siegen.