NZZ Folio 06/10 - Thema: Die Ärzte   Inhaltsverzeichnis

Der gute Arzt von Flühli

© Suzanne Schwiertz, Zürich
«Dahinter könnte sich eine Polycythaemia vera verbergen.» Der Hausarzt Paul ­Affentranger, 63, eröffnete seine Praxis in Flühli vor 32 Jahren. Linktext
Paul Affentranger ist Tag und Nacht für seine Patienten da. Wer ihn begleitet, ­versteht, warum er ­Mühe hat, einen Nachfolger zu finden – und welche Lücke er hinterlassen wird.

Von Alan Niederer

Eine Freundin hatte ihn kennengelernt, als ihr Sohn in den Ferien in Sörenberg akut erkrankte. Weil der Skiort zur Luzerner Gemeinde Flühli gehört und Paul Affentranger der einzige Arzt weit und breit ist, landete sie in seiner Praxis. Die Fachärztin für Onkologie war von seiner medizinischen Betreuung derart begeistert, dass sie sich einen Moment lang fragte, ob sie nicht auch lieber Hausärztin geworden wäre. «Und stell dir vor», erzählte sie, «am Schluss hat er dem Bub auch noch die Windeln gewechselt und ihn angezogen. Welcher Arzt macht das noch?»

Kurz vor acht Uhr komme ich an einem Mittwoch in Flühli an. Drei Tage und zwei Nächte will ich Paul Affentranger begleiten, um den Alltag eines ­typischen Allgemeinpraktikers auf dem Land mitzuerleben. Flühli im Entlebuch zählt knapp 2000 Einwohner, ist aber die grösste Gemeinde im Kanton Luzern. Zu beiden Seiten erheben sich sanfte Hügelzüge, und ganz hinten im Tal thront das Brienzer Rothorn. Paul oder Päuli, wie ihn hier alle nennen, hat bereits ein halbes Dutzend Pa­tienten verarztet. Angefangen hat er um sieben, und sein Arbeitstag wird erst nach Mitternacht zu Ende sein, Mittagspause eine halbe Stunde.

Er arbeite bis zu 120 Stunden pro Woche, sagt der Facharzt für Allgemeinmedizin. Wie das geht? In den sechs Wintermonaten mit vielen Skiunfällen in Sörenberg «schaffe» er durch, sieben Tage pro Woche. Und auch in der Nacht ist er für seine Patienten da. Diesen Rhythmus hält er seit 32 Jahren durch, seit er 1978 seine Praxis, die erste in Flühli, eröffnete. Er brauche nur drei bis vier Stunden Schlaf, um am nächsten Tag wieder topfit zu sein, sagt der stattliche, schnauzbärtige Mann.

Seit kurzem wird Affentranger in den strengen Wintermonaten von Nicoletta Bonzanigo unterstützt. Zwischen ihren Einsätzen auf dem Land arbeitet die Allgemeinmedizinerin als Assistenzärztin im Spital Wolhusen. Ob sie einmal die Landarztpraxis übernehmen wird, ist noch nicht klar. «Sicher nicht allein», sagt die Tessinerin. Das wäre für sie unmöglich.

Die nächsten Patienten an diesem Tag sind Sepp und Martha*, ein Paar um die sechzig. Sie kämen immer zu zweit, sagt Paul Affentranger, das sei für sie «gäbiger». Sepp und Martha trinken beide zu viel Alkohol, aber darum geht es heute nur am Rande. Martha hat kürzlich eine «Streifung» mit halbseitiger Lähmung erlitten, einen Vorboten eines Hirnschlags. Inzwischen ist die Lähmung wieder verschwunden, aber die Frau kämpft noch immer mit Wortfindungsstörungen. Deshalb übernimmt Sepp das Reden für sie.

Paul – wir sind inzwischen ebenfalls per du – kontrolliert bei der Frau den Blutdruck, «135 auf 80, das ist sehr gut.» Dann geht er die neuen Laborwerte durch, erklärt, welche Medikamente Martha einnehmen muss: «Aspirin gegen Blutgerinnsel, den Betablocker für den Blutdruck und den Cholesterinsenker.» Aus­serdem braucht Martha Eltroxin, weil die Schilddrüse nicht richtig arbeitet. «Das müssen wir im April wieder kontrollieren», sagt der Hausarzt, «bis dann nimmst du das Eltroxin nur noch am Morgen und am Mittag, keine Tablette mehr am Abend.»

Martha nickt, und Paul leitet nahtlos zu Sepp über. Bei ihm finden sich im Blut zu viele Zellen. Das ist schon länger so, sagt der Arzt und zeigt Sepp die Werte auf dem Laborblatt. «Dahinter könnte sich eine Polycythaemia vera verbergen», erklärt er, «das ist eine Blut­bildungsstörung, bei der alle drei Sorten Blutzellen im Übermass gebildet werden.» – «Aber viel Blut ist doch gesund», wirft Sepp lachend ein. «Es kann auch zu viel sein, dann fliesst es nicht mehr gut», antwortet der Arzt. «Wenn die Werte weiter ansteigen, könnten wir einen Aderlass versuchen.» – «Was ist das?» fragt Sepp, jetzt leicht nervös. «Wir würden dir 400 Milliliter Blut abzapfen.» – «Was?!» ruft der Patient ungläubig. «Aber sicher nicht heute, jetzt will ich ein Bier trinken gehen.» Und grinsend fügt er hinzu: «Ein alkoholfreies, natürlich.»

Weitere Patienten warten draussen: Da ist die Bäuerin mit den «Halsschmerzen bis in den Magen hinunter», die nicht mehr richtig schlafen kann und den «Moralischen» hat; der Metzger mit den chronischen Rückenschmerzen mit Nervenbeteiligung, der von der IV nur zögerlich abgeklärt wird; die 12jährige Schülerin und ambitionierte Schwimmerin, die sich im Skilager den Vorderarm gebrochen hat und nun um die Teilnahme beim nächsten Schwimmturnier fürchtet; die ehemalige Fixerin, die vom Schlafmittel Rohypnol nicht loskommt.

Was Paul in den drei Tagen an Patienten, Krankheiten und Schicksalen erlebt, ist überwältigend. Das ganze Spektrum der Hausarztmedizin ist dabei, vom Säugling bis zur 98jährigen. Von einem Sprechzimmer zum andern wechselnd, versorgt er Wunden, sieht sich Röntgenbilder von Lungen und Knochen an, kontrolliert den Entwicklungsstand eines Kleinkindes, untersucht eine Prostata durch den Enddarm, macht einen Hörtest.

Ein «Herz-Notfall» und ein Kleinkind, das wegen einer Darminfektion vom Austrocknen bedroht ist, müssen mit der Ambulanz ins Spital in Wolhusen eingeliefert werden. Danach wieder Routine: Schmerzen in der Schulter, im Knie, Schlafmittel verschreiben, Salbe auftragen, Überweisungsschreiben an den Orthopäden. Früher, als es in Flühli noch keinen Zahnarzt gab, zog Paul auch noch Zähne.

Die Arztpraxis liegt im Dorfkern, in einem Mietblock der Raiffeisenbank. Der zweite Stock ist Pauls Reich, die Praxis hat den Charme einer gemütlichen Wohnung. Auf 165 Quadratmetern gibt es drei Sprechzimmer, je einen Raum für Labor und Röntgen sowie das «Nass-Zimmer», in dem Wundversorgungen und kleinchirurgische Eingriffe vorgenommen werden.

Das Zentrum der Praxis ist aber zweifellos der Empfang, der Bereich der «Fräuleins», wie Paul seine sechs medizinischen Praxisassistentinnen (MPA) nennt. An der hölzernen Theke nimmt jeder Arztbesuch seinen Anfang und sein Ende. Hier stehen immer ein paar Patienten herum. Sie schwatzen und lassen sich von den MPA den nächsten Termin auf ein Kärtchen schreiben, nehmen ihre Medikamente in Empfang oder lassen sich von Paul nach der Konsultation einen Apfel oder – im Fall von Kleinkindern – ein Holztierchen schenken.

Im grossen Hauptsprechzimmer teilt ein Holzmöbel den Raum in zwei Bereiche. Vorne steht der Schreibtisch, hier spricht Paul mit seinen Patienten. Im hinteren Teil werden die körperlichen Untersuchungen vorgenommen. Dafür stehen drei Liegen zur Verfügung, eine für Säuglinge und Kleinkinder, eine für Erwachsene. Die dritte ist in der Höhe verstellbar und für Patienten mit schmerzhaften Arthrosen reserviert.

Die beiden anderen Sprechzimmer sind kleiner und einfacher ausgestattet. In einem steht ein Gynäkologiestuhl, im anderen gibt es ein EKG-Gerät und einen Apparat zur Bestimmung der Lungenfunktion.

Paul Affentranger ist das, was man einen guten Arzt nennt. Er will bei jedem Patienten verstehen, woher seine Beschwerden kommen, will den Krankheiten auf den Grund gehen und Zusammenhänge aufdecken. «Das Fachwissen ist das A und O für die Glaubwürdigkeit vor dem Patienten», sagt der Mediziner, der sich auch in der Ausbildung junger Hausärzte engagiert. Für den medizinischen Erfolg ebenso entscheidend sei die Erfahrung. «In der Anfangszeit weiss man sehr viel, hat aber wenig Erfahrung», sagt Paul. «Heute habe ich sehr viel Erfahrung, weiss aber vielleicht etwas weniger als früher. Wichtig ist, dass die Summe von Wissen und Erfahrung stimmt. Denn das spüren die Leute.»

Bei Patienten mit neuen Symptomen führt Paul eine gründliche körperliche Untersuchung durch. Er schaut in den Mund, in die Ohren, tastet die inneren Organe ab und hört mit dem Stethoskop Herz und Lungen ab – je nach Beschwerdebild. Im Kopf geht er dann die verschiedenen Möglichkeiten durch, die als Ursache für das vorgebrachte Leiden in Frage kommen.

Was ihm dabei am wahrscheinlichsten scheint, steht zuoberst auf dieser imaginären Liste von Erklärungen. Diesen Ursachen geht er als erstes nach. Dabei setzt er auch Zusatz­untersuchungen ein, insbesondere Blut- und Urintests sowie Röntgenuntersuchungen, die er grösstenteils in der ­eigenen Praxis durchführen kann. Bringt das alles keine plausible Antwort, schickt er den Patienten zum Spezialisten oder ins Spital zur weiteren Abklärung.

Finden die auch nicht mehr heraus als er, empfindet Paul eine gewisse Genugtuung. Er nimmt es als Bestätigung, dass die günstige «Urwaldmedizin», wie er seine Arbeit im Vergleich zur hochtechnisierten und teuren Spitalmedizin nennt, in den allermeisten Fällen ausreicht.

Er ist aber auch deshalb ein guter Arzt, weil er seinen Patienten zuhört und sie in ihren Stärken und Schwächen erkennt. Zu jedem sucht er einen persönlichen Zugang. Ihn interessieren nicht nur die Krankengeschichten, sondern auch die Familienverhältnisse. Er weiss, wer an der Arbeitsstelle Sorgen hat und wem was Freude macht. So schwärmt er mit Margrit über das Tessin, und mit Theo, der schon bald wieder auf die eigene Alp zieht, fachsimpelt er über das Zäunebauen.

Der 63jährige Mediziner, der in Hitzkirch im Seetal aufgewachsen ist und auf einen Zeitungsbericht hin («Dorf sucht Arzt») nach Flühli kam, hat im Kontakt zu seinen Patienten keine Berührungsängste. Als Arzt sei er zum Helfen da, sagt er. Wenn einer eine Salbe braucht, dann reibt er ihm das Bein oder den Rücken gleich selber damit ein. Seinen Pa­tienten hilft er in die Kleider und bindet ihnen auch mal die Schuhe. Diese Fähigkeit, zu erkennen, wann jemand Hilfe braucht, verlangt er auch von seinen Mitarbeiterinnen.

Paul sei wie ein guter Vater zu seinen Patienten, sagt Franz, ein älterer Mann. Darauf angesprochen, meint der Arzt: «Das ist vielleicht etwas hoch gegriffen. Aber eine Medizin ohne Liebe zu den Menschen, das geht nicht.» Paul sei ein Arzt, der für seine Patienten noch Zeit habe, ergänzt Agie, eine 60jährige Patientin. «Er fühlt sich in den Patienten hinein, nimmt an seinem Schicksal teil.» Aber sind nicht alle Ärzte so? «Nein», meint die Frau, «die Ärzte im Spital sind zwar auch nett, aber die Anteilnahme von Paul haben sie nicht.» Bei ihm komme neben dem Medizinischen immer auch etwas Persönliches dazu. «Das stellt den Patienten auf.»

Dass Paul sich Zeit nimmt, zeigt sich auch ausserhalb der Praxis. Jeden Tag besucht er seine Patienten im Alters- und Pflegeheim in Schüpfheim, und er macht mehrere Hausbesuche – oft bis tief in die Nacht hinein.

Diesen Mittwochabend schaut er noch kurz bei Frieda vorbei, einer 89jährigen Patientin, die am Morgen aus dem Spital entlassen wurde. Auf dem Weg zu dem abgelegenen Bauernhof erklärt Paul, was es für ihn heisse, Hausarzt zu sein: «Wenn ich um zwei Uhr nachts, ohne Licht und fremde Hilfe, den Patienten in seiner Wohnung finde, dann kann ich mich Hausarzt nennen.» Bei Frieda ist das nicht schwierig, sie sitzt im Wohnzimmer. Die alte Frau ist sichtlich froh über den Besuch; die neuen Medikamente, die sie im Spital bekommen hat, überfordern sie. Geduldig legt ihr Paul die Tabletten für die nächste Woche parat.

Gegen Mitternacht wird der Arzt noch notfallmässig zu einer 84jährigen Frau gerufen. Rösi hat Fieber, Schüttelfrost, bellenden Husten und musste schon mehrmals erbrechen. Die alte Frau liegt geschwächt auf dem Sofa, ihre Tochter und deren Partner stehen hilflos umher. Paul diagnostiziert eine Pneumonie und spritzt das Antibiotikum gleich in die Vene. Andere Ärzte hätten die Frau wahrscheinlich ins Spital eingewiesen. Darauf angesprochen, meint der Hausarzt: «Heute haben viele Mediziner Angst, allein eine Entscheidung zu fällen.» Das komme daher, dass im Spital alles im Team besprochen werde.

Beim Kontrollbesuch am nächsten Abend ist Rösi kaum wiederzuerkennen. Das Fieber ist weg, und die alte Frau kann wieder lachen und scherzen.

Wenn der Landarzt in seinem geländegängigen Wagen unterwegs ist, grüsst und winkt er ständig. Die Bewohner schätzen seine bodenständige Art, die so gut zu ihrer eigenen passt. «Paul ist ein Gewöhnlicher, man fühlt sich mit ihm auf einer Ebene», bringt es eine Patientin auf den Punkt.

Gleichzeitig ist der Arzt aber auch eine Persönlichkeit im Dorf, eine Autorität. Die Leute begegnen ihm mit Respekt, seine Meinung ist gefragt. Und dennoch hat Paul manchmal das Gefühl, die «Gemeindeväter» von Flühli könnten mehr auf Leute wie ihn hören. Schliesslich kennt er das Dorf wie kein anderer, sieht hinter die Fassaden der Menschen und weiss, was im Dorf nicht rundläuft. Aber vielleicht hat seine Frau recht, wenn sie sagt: «In ganz grundsätzlichen Fragen werden wir wohl immer Auswärtige bleiben.» Kommt dazu, dass Paul ein Querkopf ist, wie er selber sagt. Fünf von sechs Assistenzarztstellen habe er frühzeitig abgebrochen, wegen Ungerechtigkeiten und Feigheiten seiner Chefs. Er ist einer, der sagt, was er denkt. Dem ungeliebten Bundesrat Couchepin hat er seine Meinung ebenso geschrieben wie dem ehemaligen Helsana-Chef Manser. Und die Schweinegrippe­impfungen bezahlte er für seine Patienten aus der eigenen Tasche, um dem von Luzern aus geforderten bürokratischen Aufwand zu entgehen.

Paul Affentranger kann auch laut werden, wenn es in der Praxis nicht so läuft, wie er sich das vorstellt. Wer bei ihm arbeiten will, muss teamfähig und belastbar sein. Im Gegenzug erhalten die Praxisassistentinnen eine ausgezeichnete Ausbildung. «Wer hier gearbeitet hat, kommt überall unter», sagt eine der jungen Frauen. Ausserdem sei Paul ein grosszügiger Chef, der sie auch mal nach Hause schicke, wenn es nicht so viel zu tun gebe.

Ja, Paul müsse sein eigener Herr und Meister sein, sonst gehe es nicht, bestätigt seine Frau Ursula, die in der Praxis für die Rechnungen zuständig ist. «Und er braucht Leute um sich herum, um die er sich kümmern kann.» Das erklärt vielleicht auch, warum er sich nach dem Hausbesuch bei der 84jährigen Rösi mit der Lungenentzündung wiederholt bedankt hat – bei den Angehörigen und bei der Patientin. «Wer muss sich da bei wem bedanken?» fragte darauf die Tochter von Rösi leicht irritiert. Paul bedankt sich wahrscheinlich dafür, dass er helfen kann. Es macht ihn glücklich, wenn er als Arzt gebraucht wird.

Am Donnerstag fährt er zweimal zu Thomas nach Hause. Der 38jährige hat Krebs im fortgeschrittenen Stadium. Zum Atmen braucht er Sauerstoff aus der Flasche. Jetzt ist auch noch Verstopfung dazugekommen, und die Krebsmedikamente haben einen Diabetes ausgelöst. Paul bringt Feigensirup gegen die Verstopfung und misst bei dem gezeichneten Patienten, der im Rollstuhl sitzt, den Blutzucker. Die Eltern von Thomas sind da, ebenso seine Schwestern. Es sieht nicht gut aus, das wissen alle. Thomas wird bald sterben. Dennoch ist die Stimmung im Raum gelöst, die Menschen wirken gefasst. Sie sind froh und dankbar, dass Paul gekommen ist, auch wenn er keine Wunder mehr bewirken kann. Ihr Hausarzt steht ihnen in ihrer Not bei, das ist alles, was jetzt zählt.

In diesem Augenblick wird klar, warum Paul nie anklopft oder läutet, wenn er auf seinen Hausbesuchen eine Wohnung betritt. Er macht einfach die Tür auf, ruft «Hallo!» oder «Wo bist du, Liebes?» und geht auf direktem Weg ins Wohnzimmer oder ins Schlafzimmer zu seinen Patienten. Was man als Grenzüberschreitung empfinden könnte, ist in Wahrheit Ausdruck dafür, dass es zwischen ihm und seinen Patienten keine Grenze gibt. Wie ein Familienmitglied gehört der Arzt dazu, nur dass seine Familie das ganze Dorf ist.

Tragische Schicksale wie jenes von Thomas, der wenige Wochen nach unserem Besuch stirbt, gehören zum Alltag eines Hausarztes. In solchen Situationen, wo er medizinisch nichts mehr ausrichten kann, ist Paul froh um seinen Glauben. «Gerade beim Sterben bringt die Religion echte Hilfe», sagt der ehemalige Klosterschüler von Disentis, der im Hauptsprechzimmer ein modernes Kruzifix aufgehängt hat. Paul ist überzeugt, dass mit dem Tod nicht alles fertig ist. Er betet deshalb mit sterbenden Patienten und ihren Angehörigen, aber nur, wenn dies gewünscht wird. Seit Flühli keinen eigenen Pfarrer mehr habe, komme das häufiger vor.

Pauls Glaube hat auch Astrid geholfen. Die 77jährige Bäuerin kommt an diesem Tag zum Verbandswechsel nach einer Krampfadernoperation. Innerhalb von vier Jahren verlor sie zwei Söhne im Alter von 23 und 19 Jahren. Beide kamen bei Autounfällen auf der Strecke zwischen Flühli und Schüpfheim ums Leben. In beiden Fällen war Paul an die Unfallstelle gerufen worden.

In einem berührenden Bericht hat Astrid ihre traumatischen Erlebnisse später niedergeschrieben: «An diesen beiden Unglücksabenden verbrachte er nahezu drei Stunden bei uns und half uns organisieren. Er kam am Tag darauf wieder vorbei, um zu schauen, wie es uns gehe. Ohne Medikamente, aber mit guten Gesprächen und Anteilnahme konnten wir diese erste Zeit überstehen. Aber er liess uns auch später nicht im Stich, ab und zu überraschte er uns am Abend mit einem kurzen Besuch, auch noch nach einem Jahr und länger, ohne Honorar versteht sich.»

Am zweiten Abend, es ist bereits elf Uhr, hat Paul endlich etwas Zeit, um grundsätzliche Fragen der medizinischen Versorgung zu diskutieren. «Gute Medizin», sagt er, «ist eine Medizin, die permanent verfügbar ist, vor allem im Notfall. Eine gute Medizin ist nicht die teuerste, davon bin ich überzeugt. Ich betreibe eine patientenbezogene Medizin, die mit einfachen diagnostischen Mitteln zum Ziel kommt. Dazu braucht es aber eine gute Spürnase.»

Kann diese Versorgung auch durch einen hausärztlichen Notfalldienst am Spital gewährleistet werden?

«Für eine ländliche Gegend wie das Entlebuch habe ich Vorbehalte, da wir zu weit weg vom nächsten Spital sind. Es gibt aber auch noch einen anderen Grund: Wenn wir Ärzte den Notfalldienst vor Ort aufgeben, dann geben wir das Kernstück der medizinischen Versorgung ab, nämlich dann da zu sein, wenn der Patient in Not ist. Das ist für mich die nobelste Aufgabe des Arztes.»

Immer wieder wird eine humanere Medizin gefordert. Was versteht er darunter?

«Eine humane Medizin ist nur in der Hochachtung und Wertschätzung des Patienten möglich. Und das geht nur, wenn man sich Zeit nimmt. Der Faktor Zeit wird von den Patienten sehr geschätzt. In der Medizin geht immer dann etwas schief, wenn man Zeit einsparen will und pressiert. Zeit zu geben, Zeit zu schenken, das ist in der Medizin aber schwieriger geworden, seit alles auf fünf Minuten genau abgerechnet wird.»

Wie wichtig Hausbesuche sein können, zeigt die Geschichte von Theres: «In Langnau habe ich es erlebt, dass der Arzt nicht zu einem nach Hause kam. Ich hatte eine Nierenkolik und wählte die Notfallnummer. Da wurde mir gesagt, ich solle ein Taxi ins Spital nehmen. Das war schlimm. In dieser Situation sich anzuziehen, die Treppe hinunter und ins Taxi zu steigen war sehr schmerzhaft. Wenn in einem solchen Moment der Arzt nach Hause kommt, fühlt man sich als Mensch angenommen. Man erwartet doch von einem Arzt, dass er merkt, wenn ein Pa­tient seine Hilfe braucht.»

Das braucht man Paul nicht zu sagen, bei ihm dreht sich alles um die Patienten. Das drückt sich auch in seinem Berufsverständnis aus: «Für den Hausarzt kommt der Patient als erstes. Und an zweiter und dritter Stelle kommt ebenfalls der Patient.» Und die Familie? «Die kommt als viertes, aber nur, wenn als viertes nicht der Patient kommt.» Dieses Credo hat er von einem alten Hausarzt aus Entlebuch übernommen. Danach lebt er. Sein berufliches Engagement komme von innen, sagt seine Frau. «Man kann sich nicht über Jahre zusammenreissen, das geht nicht.»

So zu arbeiten sei nur möglich, wenn die Familie mitmache, betont Paul. Wie aber sieht Ursula Affentranger, die in Flühli die Spitex aufgebaut hat, ihre Rolle als Arztfrau? «In erster Linie bin ich die Mutter unserer vier Kinder und für die Familie zuständig. Meine Hauptaufgabe besteht darin, ein ruhiges und ausgeglichenes Umfeld zu schaffen, damit Paul seine Arbeit bewältigen kann.» Ist es als Frau einfach zu akzeptieren, dass die Patienten stets Vorrang haben? «Das war für mich ein Lernprozess. Als die Kinder noch klein waren, ist Paul jeweils am Abend kurz nach Hause gekommen, um sie ins Bett zu bringen. Das war für mich wichtiger als ein gemeinsames Mittagessen.»

Hat sie nie Angst, dass ihr Mann sich übernimmt? «Früher nicht. Aber seit er sechzig ist, sagt er manchmal, er sei müde. Er legt sich auch mal schnell aufs Sofa, das hat er früher nie gemacht. Andererseits: Solange ihm der Beruf so grosse Freude macht, kann es nicht so schlimm sein.»

In Flühli fragen sich viele, was passieren wird, wenn Paul seine Praxis aufgibt. Was kommt danach?

Wie lange er noch praktiziere, hänge davon ab, ob und wann er einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin finde. Das sei ganz schön schwierig, denn heute wolle keiner mehr eine solche Praxis im Alleingang führen. «Es müssten schon zwei Ärzte sein», sagt er. Und dann zitiert der passionierte Einzelkämpfer den berühmten Satz, den Ständerätin Simonetta Sommaruga an der ersten Ärztedemonstration am 1. April 2006 gesagt hat: «Die Einzelpraxis ist tot, es lebe die Gemeinschaftspraxis!»

Falls sich keine Nachfolge finden lässt, müssten sich die Flühler in Schüpfheim nach einem Hausarzt umschauen. Gerade für ältere, nicht mehr mobile Patienten wäre das eine Katastrophe; viele von ihnen könnten dann nicht mehr in ihrer gewohnten Umgebung betreut werden.

Warum aber ist es für junge Ärzte so unattraktiv, auf dem Land zu praktizieren? Paul braucht nicht lange zu über­legen: «Zu viel Arbeit für zu wenig Geld und zu wenig ­Anerkennung», fasst er die gegenwärtige Misere in der ­Hausarztmedizin zusammen. Sein eigenes Einkommen vergleicht er nach Berücksichtigung des enormen zeit­lichen Aufwands mit dem Gehalt eines Primarlehrers. Das sei nicht zeitgemäss, erklärt er, die jungen Ärzte wollten das nicht mehr.

Ist Paul Affentranger also ein aussterbender Dinosau­rier? «Ja», sagt er und lächelt.

Er erzählt von seinen Kindern, die sich beruflich alle gegen die Medizin entschieden hätten. Der älteste Sohn, der in St. Gallen Volkswirtschaft studiert, habe einmal zu ihm gesagt: «Weisst du, Papa, ich würde gern gleich viel verdienen wie du, aber nur halb so viel arbeiten.» Er könne seinen Sohn verstehen, sagt Paul, der als Idealist die Zeichen der Zeit akzeptiert. Er ist auch überzeugt, dass er in Flühli rasch in Vergessenheit geraten wird, sobald er sich nicht mehr Tag und Nacht um seine Patienten kümmert. In diesem Punkt allerdings könnte er sich irren.

*Alle Namen der Patienten geändert.

Alan Niederer ist Arzt und NZZ-Wissenschaftsredaktor.

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