NZZ Folio 09/01 - Thema: Europa   Inhaltsverzeichnis

Vier Fragen zu Europa an . . .

Von Thomas Fischer

. . . José Manuel Fernandes, Chefredaktor von «Público», Portugal.

1. Woher kommt der Widerstand gegen die Osterweiterung in Ihrem Land?

Die Leute haben Angst vor dem Verlust der Strukturfonds. Angst vor dem Verlust von Industrien durch Produktionsverlagerung. Angst vor dem Zustrom unerwünschter Einwanderer. Angst vor der stärkeren Randlage in einem Europa, dessen Mittelpunkt sich in östliche Richtung verschiebt. Diese Ängste finden vorerst wenig politischen Ausdruck, aber die europäisch orientierten Parteien tun zu wenig dagegen.

2. Wie sieht die EU im Jahr 2010 aus?

Grösser und demokratischer, hoffe ich. Aber heute erscheint es mir nicht möglich, Erweiterung mit Vertiefung zu vereinbaren. Man sollte aus Europa nicht eine politische und militärische Grossmacht machen wollen, die Kulturen seiner Völker sind nach wie vor sehr verschieden und die Prioritäten auch. Für den Durchschnittsbürger ist Brüssel weit weg, und um das demokratische Defizit zu beheben, reichen Wahlen und mehr Befugnisse für das Europäische Parlament nicht aus.

3. Wie lange dauert der wirtschaftliche Aufholprozess in Portugal? Droht bei einer Verlangsamung eine neue Emigrationswelle?

Die Regierung spricht von einer Generation, als Pessimist meine ich, dass dies nicht reicht. Aber eine neue Emigrationswelle wird es nicht geben: Emigranten aus ärmeren Teilen der Welt werden die Plätze in den Ländern einnehmen, in die früher die Portugiesen auswanderten.

4. Hat Portugal wegen der EU seine historischen Beziehungen zu Afrika und Südamerika vernachlässigt?

Nein, die sind eher ein Mythos. Schon vor der EU war unser Handel und waren die Emigranten auf Europa ausgerichtet. Die nächste Generation von Portugiesen wird Angola so viel Bedeutung beimessen wie heute die Deutschen Namibia.

Die Fragen stellte Thomas Fischer, NZZ-Korrespondent in Lissabon.


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