Ein Kiosk ist in Russland mehr als nur ein Kiosk. Denn der Kiosk ist womöglich das einzige Eiland der Stabilität in unserem unberechenbaren Land, in dem ewig getanzt, gesungen, aufgebaut und niedergerissen wird. Wie sie immer überall standen, «von Moskau bis zum äussersten Ende», so stehen sie noch heute, die Holz- und Plastic-Büdchen, sie haben lediglich das stolze Schild «Unionspresse» gegen das neutrale «Presse» oder, nach den Namen beliebter Zeitungen, «Moskauer Neuigkeiten», «Allgemeine Zeitung» und so weiter eingetauscht. Was ja auch das gesamte Riesenreich getan hat, das sich bis 1991 Sowjetunion nannte.
Die Leute, die in diesen Kiosken verkaufen, nennt man bei uns Kioskjor. Früher, als man in unserem Land der totalen Mangelwirtschaft die Zeitschrift «Amerika» einzig und allein über Beziehungen kriegen konnte, war der Kioskjor eine wichtige Figur. Dafür, dass er ein beliebtes Magazin beiseite legte, hob ihm der Metzger aus dem Laden nebenan die besten Stücke von dem Fleisch auf, für das sich schon frühmorgens eine Warteschlange gebildet hatte, und der Friseur machte ihm ohne jeden Aufpreis eine prächtige Frisur - falls natürlich der Kioskjor weiblichen Geschlechts war, was meistens auch zutraf.
Heute, da nur noch das Geld Mangelware ist, hat der Kioskjor an Bedeutung verloren. Jetzt verkaufen auch bettelarme alte Frauen Zeitungen in der Metro, flitzen auch Halbwüchsige wagemutig zwischen den im ewigen Moskauer Stau steckenden Autos herum und bieten den von der Verkehrshektik benommenen Fahrern Zeitschriften mit nackten Schönheiten an sowie die Königin der Boulevardpresse, nämlich die Zeitung mit dem für heutige Verhältnisse merkwürdigen Namen «Der Moskauer Komsomolze».
Völlig geändert hat sich das Warenangebot. Gab es früher die schwarzweissen Partei- und Regierungszeitungen «Prawda» und «Iswestija» und noch ein halbes Dutzend anderer trist totalitärer Zeitungen, findet man heute an den Kiosken die bunte Vielfalt Dutzender Hochglanz-Zeitschriften, angefangen von Illustrierten für Kinder im Vorschulalter bis hin zu den russischen Ausgaben von «Playboy» und «Soldier of Fortune». Dazwischen liegen zahllose Frauen- und Jugendmagazine und gemässigt erotische Zeitschriften. Pornographie gibt es hier keine. Auch keine faschistische Literatur. Obwohl gesetzlich verboten, wird sie zwar dennoch verkauft, doch an ganz anderen Orten.
Hinzu kommen natürlich Dutzende von Zeitungen der unterschiedlichsten Richtungen, vom bürgerlichen «Kommersant» bis hin zur kommuno-nationalistischen Zeitung «Sawtra», die tagtäglich «Jelzins Okkupationsregierung» brandmarkt.
Sogenannte ernste Literatur sollten Sie hier nicht suchen. Die früher bei den gebildeten Sowjetmenschen beliebten «dicken Literaturzeitschriften», die zu Beginn der Perestroika Auflagen von nahezu einer Million erreichten, jetzt aber auf ein paar tausend gesunken sind, werden nur noch in elitären Buchgeschäften verkauft, neben anderer Literatur für «Eierköpfe».
In den Kiosken findet man heute «alles für den Menschen, alles im Namen des Menschen», wie die Kommunisten seinerzeit deklarierten. Ausser Druckerzeugnissen kann man hier Zahnpasten und Zahnbürsten, Batterien, elektronisches Spielzeug, chinesischen Superkleber, türkische Bierflaschenöffner, Büroklammern, Ketten und anderen Schmuck, Slipeinlagen für Frauen, Papierservietten, Klopapier, Luftballons und eine Menge anderes kaufen, lauter im Alltag eindeutig nützlichere Dinge als Zeitungen und Zeitschriften, die am nächsten Morgen schon Altpapier sind.
«Ein Dichter ist in Russland mehr als ein Dichter» - diesen rätselhaften Satz prägte einst der berühmte Sowjetdichter Jewgeni Jewtuschenko, dessen Mutter ein bekannter Moskauer Kioskjor war; sie verkaufte in einem Kiosk am Rigaer Bahnhof, und um sie zu sehen, kamen die Fans ihres Dichtersohns aus dem ganzen Land angereist.
Ein Kiosk ist in Russland mehr als ein Kiosk - möchte ich als bescheidene Randbemerkung anfügen. Solange es in Russland Kioske gibt, steht es um das Land nicht so schlecht, wie es uns allen manchmal erscheinen will.
Gebe Gott, dass wir niemals mehr aufwachen und, wenn wir hinausgehen, im Kiosk nichts als wieder nur die «Prawda» erblicken und vor der Tür des Ladens nebenan eine Warteschlange.
Der Schriftsteller Jewgeni Popow lebt in Moskau. Sein Roman «Die wahre Geschichte der grünen Musikanten» erscheint Anfang August im Berlin-Verlag, Berlin.