ES GIBT LÄNDER, für die das Thema vergangener Kolonialmacht nicht existiert, die Schweiz zum Beispiel. Sie sind in einer Hinsicht gut dran: sie können ihre Beziehungen zum Rest der Welt gleichsam frei definieren. Allerdings sind sie auch in Versuchung, in der Not der fehlenden historischen Beziehungen die Tugend des Blicks ganz nach innen, eine Art aussenpolitische Autarkie, zu suchen.
Dann gibt es Länder, die einmal Grossmächte waren, von deren Geschichte sich aber nur Spurenelemente in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts gerettet haben, Portugal und Holland zum Beispiel. Solche Länder bleiben geprägt von ihrer weltweiten Vergangenheit. Vielleicht werden Historiker eines Tages Portugal für die Macao-Methode preisen, die Grossbritannien in Hongkong nicht gefunden hat. In Holland fällt vor allem die Leichtigkeit auf, mit der Politiker und die Botschafter, die deren Kunde in die Welt tragen, «mondialistisch» denken, also natürlicherweise Internationalisten sind.
Frankreich und Grossbritannien sind in einer anderen Lage. Hier ist von Britannien die Rede, wo noch viele leben, die in der Schule Landkarten gesehen haben, auf denen grosse Teile der Welt in blassem Rot verzeichnet waren. Die Länder im britischen Imperium waren in der Tat gross, und die Mercator-Projektion verzerrte ihre Grösse noch mehr; Indien zum Beispiel, dann Australien, Kanada. In manchen Fällen liegt die direkte Herrschaft, das Dominion, weit zurück; aber noch immer lacht das Publikum, wenn nach dem Dinner ein Redner von der «Kolonie» der Vereinigten Staaten spricht, die «leider» viel zu früh in die Unabhängigkeit entlassen (entlassen?) wurde. Erst die Thatcher-Generation hat wirklich bohrende Fragen gestellt, als der Falkland-Krieg zwar die Traditionalisten an grosse Zeiten erinnerte, aber für die immer zahlreicheren Modernisten ein schwieriges Dilemma schuf. Sind diese Siedler aus dem ländlichen Sussex mit ihren Schafen im fernen Südatlantik wirklich das Blut britischer Soldaten wert?
Diese Weltkarte illustrierte nicht nur Herrschaftssphären. Jedenfalls nicht im deutschen Sinn des Kolonialismus, der immer beschränkt blieb auf kaiserlichen Gehorsam und seine Symbole. Grossbritannien hatte sozusagen seine Gründe für weltweite Herrschaft, und diese haben viel zu tun mit dem Vakuum, das deren Ende hinterliess. Die Perücken der Speaker afrikanischer Parlamente, oder auch der Richter an den Obersten Gerichten früherer Kolonialländer, sind nicht nur Symbole. Zwar hat das Westminster-Modell nur an wenigen Orten wirklich Wurzeln geschlagen, aber es war wenigstens ein Modell für neue Staaten. Kein anderer Kolonialstaat hat je so viel für die Ausbreitung des Parlamentarismus getan wie Grossbritannien. Deutschland ohnehin nicht; Frankreich war selbst nie eine wirkliche parlamentarische Demokratie und hat vor allem die Haushaltsdisziplin der Inspecteurs des finances in der Welt verbreitet; und die Vereinigten Staaten haben eher dem Kirkpatrick-Prinzip gehuldigt - «wer nicht für uns ist, verdient unsere Zuneigung nicht» -, als ihre zu Hause so erfolgreichen Institutionen zu verbreiten.
Es ist übrigens, dies als Randbemerkung, eine eher kuriose Begleiterscheinung der Ausbreitung der britischen politischen Kultur in die blassroten Länder der Welt, dass dabei auch rechtliche Institutionen geschaffen wurden, die es in Grossbritannien nicht gibt. Dasselbe Land, das der Europäischen Menschenrechtskonvention mit viel Energie zu widerstehen sucht, hat in seinen Kolonien Oberste Gerichte installiert, die in aller Regel auch verfassungsgerichtliche Funktionen haben.
Doch zurück zum Hauptstrang dieser Argumentation. Für Grossbritannien ist die Weltpräsenz, wenn schon nicht die Weltherrschaft, nach wie vor greifbare Realität. Die Tatsache, dass die politische Klasse wenn nicht mit dem Empire, so doch mit dem Commonwealth gross geworden ist, verfehlt ihren Einfluss auf das Denken der Mehrheit nicht. Eine Reihe von Schlüssen folgt daraus:
Britische Aussenpolitik beruht nach wie vor auf der Annahme, dass das Land eine Weltrolle hat; die ständige Mitgliedschaft im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen ist kein Zufall. Britische Politiker, die nach China fahren, sind nicht belustigt über die Fähigkeit der Chinesen, höchst unterschiedliche Gewichte - «China und Malta», «China und Luxemburg» - zu vergleichen. Ein britischer Aussenminister sieht sich in Beijing als Gleicher unter Gleichen.
Britische Aussenpolitik ist «mondialistisch». Nicht nur die Vereinten Nationen, sondern alle weltweiten Organisationen sind ihr näher als regionale Kooperation. Dabei spielt der Freihandel eine besondere Rolle; die Welthandelsorganisation (WTO) ist eine Institution des britischen Interesses.
Grossbritannien sieht noch immer die unmittelbaren Nachbarn in Europa als eine Umwelt von zweitrangiger Bedeutung. Gewiss sind die Länder jenseits des Kanals wichtig; in der Tat haben sie zweimal in diesem Jahrhundert Kriege verursacht, deren Spuren auch in Grossbritannien unverkennbar bleiben. Aber dieses Europa ist nur eines von mehreren Interessen des Landes. Das Land ist zu gross, zu wichtig, um in diesem Europa aufzugehen. Hier vor allem zeigt sich der Unterschied zur Selbsterfahrung von Ländern wie Holland und Portugal.
Dann ist da all das, was unter der Perücke der Richter und Parlamentssprecher liegt. Es hat etwas mit Souveränität zu tun, mit der sovereignty of the Queen in Parliament. Dass niemand dem Land diesen Anspruch nehmen darf, bleibt ein Merkmal seiner Tradition, ja seiner Einmaligkeit. Es mag kurios scheinen, aber eben jene Einstellungen und Institutionen, die die britische Herrschaft weltweit gekennzeichnet haben, hindern das Land daran, seine neue Rolle in einer veränderten Welt zu akzeptieren.
Denn die Welt hat sich verändert. Alles hier Gesagte stimmt in gewisser Weise nicht mehr. Auch für Grossbritannien stellt sich die Frage, was eigentlich bleibt, wenn die alten Beziehungen ihren Sinn verlieren. Die special relationship mit den Vereinigten Staaten ist schon seit längerer Zeit ein Märchen. Die USA wissen wohl, wer ihnen wirklich helfen kann in Europa, nämlich Deutschland. Die Länder des Commonwealth mögen das regelmässige Treffen mit der Königin geniessen, aber der britische Charakter des Unternehmens verliert zusehends an Gewicht. Die verbleibenden Kolonien können sich nicht viel von ihrem Mutterland erhoffen; die Probleme der 30 000 Bewohner Gibraltars mit den Ansprüchen Spaniens sind nur ein Beispiel. In der Tat ist das andere, dramatischere Beispiel Hongkong, die von einem verschüchterten Mutterland preisgegebene Kolonie, die nun einem totalitären Staat einverleibt wird.
Für Grossbritannien in der Welt sind das alles schwierige Prozesse. Bald wird der 50. Jahrestag der Unabhängigkeit Indiens gefeiert. Trotz aller Schrecken der Kolonialherrschaft sind Indien und seine Unabhängigkeit eine Erfolgsgeschichte. Indien ist die grösste Demokratie der Welt, und das auch wegen der britischen Tradition der Institutionen. Zugleich hat die Attlee-Regierung Indien seine Unabhängigkeit gegeben ohne die inneren und äusseren Folgen etwa von de Gaulles Algerienpolitik. Dennoch bleiben unberechenbare Nachwirkungen. So einfach war und ist es nicht, die blassrot getönte Weltkarte gegen eine zu vertauschen, auf der die Britischen Inseln nur ein kleiner Fleck sind.
Manchmal habe ich das Gefühl, dass die grossen Veränderungen des letzten halben Jahrhunderts erst jetzt das Bewusstsein der meisten erreichen. Im House of Lords - dessen einmalige Funktion auch darin liegt, dass die Geschichte des Landes in ihm präsent ist - gibt es Mitglieder, die das Empire noch nicht verloren geben wollen. Es gibt auch diejenigen, die sich mit der Unabhängigkeit Indiens und den «Winden des Wandels» in Afrika abgefunden haben, aber die Sonderstellung Grossbritanniens beharrlich verteidigen. Und dann sind da die relativ wenigen, die von einer neuen Zukunft des Landes überzeugt sind, einer Zukunft in Europa.
Wer solche Entwicklungen bedenkt, mag sie verwirrend finden. Sie sind es. Grossbritannien ist ein Land im Zustand beträchtlicher Verwirrung. Diese wird am Europa-Thema deutlich. Vor hundert Jahren verfocht der charismatische Politiker aus Birmingham, Joseph Chamberlain, eine Politik des Imperialismus. Das hiess damals Protektionismus für die Insider, die Mitglieder des Empire. Damit verärgerte - und spaltete - er sowohl die Freihändler mit weltweiter Perspektive als auch die Sozialpolitiker vornehmlich lokaler Orientierung. Heute nimmt Europa im britischen Bewusstsein die Rolle des Empire vor einem Jahrhundert ein, jedenfalls was die Präferenzen der Parteien betrifft. Europa spaltet alle, weil das Land nicht weiss, wohin es gehört.
Wenn ich Aussenminister wäre, würde ich solchen Thesen gewiss - und mit einigem Recht - widersprechen. In der Tat ist die Wahrheit komplizierter. Das Land, Grossbritannien, hat seinen Platz in der Welt noch nicht gefunden. Es ist verwirrter als andere europäische Länder, mit der möglichen Ausnahme Frankreichs. Im Unterschied zu Frankreich ist es nicht bereit, seine Niederlage gegenüber den Ansprüchen Deutschlands und der von Deutschland beherrschten Zone zuzugestehen. Also bleibt es gespalten, halb europäisch und halb weltweit, in diesem wie in jenem Fall der Versuchung ausgesetzt, sich auf die eigenen vier Wände, die Insel, zurückzuziehen und den Rest der Welt sich selber zu überlassen.
Das ist keine sehr glückliche Lage der Dinge. Die Hoffnung muss auf einer jüngeren Generation von politischen Führern ruhen, für die die Tradition nicht Quelle der Nostalgie, sondern Anreiz zu neuer Verantwortung ist. Denn wie schwierig auch das Verhältnis Grossbritanniens zum Rest der Welt geworden sein mag, die Welt braucht das Land mitsamt den Perücken der Parlamentssprecher und der Richter.
Lord Ralf Dahrendorf, vormals Direktor der London School of Economics, ist heute Warden des St Antony's College in Oxford; er lebt in Oxford und London.