NZZ Folio 10/03 - Thema: Im Büro   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- Reich, arm und verwaist dazu

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Von Wolf Schneider

ALSO WIRKLICH: Wenigstens ein so trauriges und klares Wort wie «Armut» sollte ausgenommen bleiben von jener Begriffszertrümme- rung, die an dieser Stelle sonst mit Lust betrieben wird. Einverstanden – soweit «Armut» Hunger, Elend, Erbärmlichkeit bedeutet. Aber schon wenn wir die behördlich definierte Armut anleuchten oder gar die subjektiv empfundene, ist alle Klarheit dahin. Obendrein begegnet uns die öffentliche Armut in vielen reichen Ländern (verwahrloste deutsche Schulen, die verschmutzte U-Bahn von New York); und jene Armut, die den Reichen willkommen ist (aus zwei eher peinlichen Gründen); die seelische Armut auch noch, und von der kommt das Wort her; schliesslich jene «geistliche» Armut, die nach Matthäus 5, 3 das Tor zur Seligkeit aufstösst.

Die Armut im Sinne nackter Not hat 1997 die Weltbank so definiert: Arm ist, wer pro Tag weniger als einen Dollar zum Leben hat, und das sind mindestens eine Milliarde Menschen, zumal in Afrika. Der Betrag klingt noch erschreckender, wenn wir ihn zu den Subventionen in Beziehung setzen, die die EU jeder Kuh gewährt: 800 Euro pro Jahr und Euter, mehr also als einen Dollar pro Tag.

Wenn in einer Studie von 1997 fünf bis zehn Prozent der Schweizer als arm eingestuft worden sind, muss dem ein anderer Massstab zugrunde liegen. Der englische Ethnologe Nigel Barley sagte es im NZZ-Folio so (Mai 2002): «Die heutigen Armen verfügen zwar über Waschmaschine und Zentralheizung, haben aber trotzdem noch eine ganze Reihe von Herzenswünschen offen, die von Sozialarbeitern zu ‹Bedürfnissen› erklärt werden.»

Mit einem polemischen Schlenker wird da auf eine politische Grundsatzentscheidung angespielt, die die meisten wohlhabenden Länder getroffen haben: Armut heisst nicht nur physische Not – als arm gilt auch der, der aus dem Lebensstil seiner Umgebung ausgegrenzt bleibt. Ein Schulkind, das zu Hause nicht fernsehen und in der Schule keine der regierenden Kleidermoden mitmachen kann, wird gehänselt und ist «sozial stigmatisiert». Schon richtig. Aber wo ist die Grenze, und wer soll sie ziehen?

In den USA haben die Behörden für jeweils ein paar Jahre einen absoluten Betrag festgesetzt: Zurzeit ist eine vierköpfige Familie dann arm, wenn sie weniger als 17 000 Dollar im Jahr zur Verfügung hat; das sind knapp 12 Dollar pro Kopf und Tag, das Zwölffache dessen also, was die Weltbank als Minimum fordert.

Die Europäische Union hat dieser Grenze 1981 eine Eigendynamik verliehen, menschenfreundlich, aber mit kuriosen Folgen: Der noch heute gültigen Richtlinie gemäss ist der arm, der weniger als halb so viel verdient, wie es dem Durchschnitt in seinem Land entspricht. Damit wird nun ein merkwürdiger Automatismus in Gang gesetzt: Indem die reicher Werdenden den Durchschnitt heben, ziehen sie die amtlich definierte Armut mit nach oben; sie wird unausrottbar. Die «Armut» gerät so in die Mühle einer Begriffsverwirrung, die dem tätigen Mitleid mit den Hungerleidern der Dritten Welt nicht dienlich sein kann.

Das Abendland tut ja was für sie: Immer mal wieder Entwicklungshilfe, und internationale Grossproduzenten wie Ikea oder Nike verhelfen ihren billigen Arbeitskräften in Asien wirklich zu höheren Löhnen. Das wiederum ist einer der beiden etwas peinlichen Gründe, warum die Reicheren letztlich nicht wollen, dass es den Ärmeren allzu gut geht: Verhelfen die ihnen nicht zu billigeren Produkten, womit sie die Kaufkraft des eigenen Geldes erhöhen? Und was macht der kalifornische Millionär ohne seine mexikanischen Gärtner? Was Europas Luxusgastronomie, was die Kreuzfahrtindustrie ohne die billigeren, willigeren Inder, Filipinos und Chinesen?

Der andere ungern diskutierte Grund für die verbreitete Zufriedenheit mit dem herrschenden Sozialgefälle liegt in einer psychologischen Ur-Tatsache: Als reich empfindet sich ja nur, wer Ärmere in Sichtweite hat. Die Cornell-Universität im Staat New York hat dazu vor kurzem ein enthüllendes Experiment gemacht: Würden die Testpersonen lieber 100 000 Dollar verdienen, wenn alle ihre Mitbürger 80 000 bekämen – oder 150 000 Dollar, also 50 000 mehr, wenn die anderen es auf
200 000 brächten? Die Mehrzahl entschied sich für den ersten Weg: Lieber verzichteten sie auf die 50 000 Dollar, als unter Reicheren der Ärmere zu sein.

Wenn wir nun hören, dass in Kalifornien eine Klinik für depressive Millionäre regen Zulauf findet, so sind wir beim Ursprung des Wortes angelangt: «Arm» heisst dem Wortstamm nach verwaist, allein gelassen, Mitleid heischend: «Was hat man dir, du armes Kind, getan?» An Mignon richtet der Harfner im «Wilhelm Meister» diese Frage, und das nicht, weil das Mädchen materielle Not gelitten hätte, sondern weil es unter Seiltänzern elternlos aufgewachsen war. Millionen Reiche auf Erden sind arm dran, wenn sie alt geworden und oft vereinsamt sind; ein Schicksal, das im Abendland eine tragische Zuwachsrate hat. Ist die Armut – in ihrer doppelten Bedeutung als körperliche und als seelische Not – am Ende eine konstante Grösse auf Erden? Nimmt die andre zu, wenn die eine sinkt? «Da steh ich nun, ich armer Tor», spricht Faust, und Geldmangel hat Goethe ihm gar nicht nachgesagt.




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