Keiner kennt sein wahres Gesicht. Aber für alle ist er der capo di tutti capi, der Boss aller Bosse. Der Unsichtbare. Seit er in den Untergrund abgetaucht ist, irrlichtert er wie ein Gespenst über die sizilianische Insel und lässt die seit Jahrzehnten nach ihm fahndende Polizei orientierungslos im dunkeln tappen. Den konkretesten Hinweis auf seine Identität liefert eine verblichene Fotografie, mittlerweile über dreissig Jahre alt. Ein Fahndungsbild, das in jedem Polizeibüro Italiens hängt und einen noch jungen Burschen zeigt. Schmales Gesicht. Schwarze, dichte Haare, dünner Schnurrbart. Eiskalte Augen. Der Boss ist von kurzem Wuchs, was ihm den Spitznamen Totò u curtu (Totò der Kurze) eingetragen hat. Früher war er ein einfacher Hirte und Freund von Luciano Liggio, dem ehemaligen Capo der Corleonesi, heute ist er selbst der Mächtigste: Salvatore Riina, Kommandant des gefürchtetsten Mafiaheeres, Regent des berüchtigsten Clans.
Die biographischen Informationen über den Boss der Bosse sind damit bereits weitgehend erschöpft. Der Mann an der Spitze der Cosa Nostra gleicht einem Phantom. Als gesichert gilt allein: Aus dem Untergrund hat Salvatore Riina in den letzten zehn Jahren einen blutigen Zweifrontenkrieg gegen andere Mafiabanden und den italienischen Staat geführt - und ist als grosser Sieger daraus hervorgegangen. Alle kapitulierten vor den Kalaschnikows von Riinas Männern, vor den Schachzügen des Capos, die in der langen Geschichte der Mafia ohne Beispiel sind. Mit Waffengewalt und Hinterlist hat sich Salvatore Riina an die Spitze der Mafia geputscht: Er sprengte das traditionelle Führungsgremium, die cupola; er dezimierte die alten Familien samt ihrer Klientel, den Verbündeten und Helfershelfern, auf denen mafiose Macht aufbaut. Die alte Mafia gibt es nicht mehr. Die lose Organisation mit ihren ungeschriebenen Gesetzen und Spielregeln, in der die über hundert verschiedenen Clans für ein Jahrhundert eine gewisse Autonomie genossen, ist von den Corleonesi in einem blutigen Machtkampf zertrümmert und zu einem straff organisierten Syndikat umgebaut worden, das äusserst effizient arbeitet und weniger anfällig ist auf Geständnisse von pentiti und grossangelegte Aktionen von Justiz und Polizei.
Strassenkämpfe, Prozesse mit reuigen Mafiosi, welche die intimen Geheimnisse der Clans enthüllten, und unzählige Aktionen der Polizei waren in den letzten Jahren die wichtigsten Nachrichten aus Sizilien, der Insel der «Ehrenwerten Gesellschaft». Aktuelle Meldungen als Fragmente des Kampfes Mafia gegen Mafia, Justiz gegen Mafia und Mafia gegen Justiz. Was sich hier abgespielt hat, ist nicht bis in alle Einzelheiten erklärbar, zu verstehen ist es nur, wenn man sich die Mühe nimmt, tiefer in die Geschichte der Mafia, ihrer Familien, Clans und ihrer capi einzudringen.
Blenden wird deshalb kurz zurück ins glückliche Sizilien vor 15 Jahren. Palermo ist eine ruhige Stadt, vielleicht die friedlichste Grossstadt in ganz Italien. Die Mafia? «Ach, das ist doch nur Literatur, Geschwätz in den Zeitungen», pflegen sich Anwälte, Politiker und durchaus integre Richter bei diesem Thema zu entrüsten. Und tatsächlich gleicht Palermo in dieser Zeit einer Oase: Während die italienische Halbinsel vom Terrorismus der Roten Brigaden erschüttert wird, liegt Sizilien ungestört im Schlaf des Südens. In Palermo herrscht die pax mafiosa. Die Clans halten das Zepter fest in der Hand. Sie regieren ohne Lupara und Pistole, aus dem einfachen Grund, weil sie Waffengewalt zur Erhaltung ihrer Macht nicht benötigen. Nur ab und zu kommt es zu Gewalttaten; doch bleiben dies Einzelfälle. In Palermo, auf ganz Sizilien kontrollieren die capi-decina, die Unterbosse der Mafia, das Geschehen. Die Fäden ziehen indessen die grossen Bosse in Mailand, Turin oder im Veneto, wohin sie ein zweifelhafter Entscheid der Justiz verbannt hat.
Praktisch die gesamt cupola konnte sich in den sechziger Jahren, gewissermassen auf Geheiss der Behörden, auf dem Festland niederlassen: Luciano Liggio aus Corleone; Stefano Fidanzati, der Schieber aus Acquasanta; Gerlando Alberti, der Boss der Danisinni; Gaetano Badalamenti, der Patriarch von Cinisi; die Gebrüder Rimi aus Alcamo; die Buccellatos aus Castellamare del Golfo; die Coppolas aus Partinico; Tommaso Buscetta, der spätere grosse Ankläger und pentito - kurz: die crème de la crème der Mafia siedelte nach Norditalien um, derweil man Sizilien bereits erobert hatte. Das Baugeschäft florierte, die öffentlichen Aufträge sprudelten, die Beziehungen zur politischen Klasse waren bestens.
In den siebziger Jahren setzt sich die Mafia das Ziel, die mächtigste Verbrecherorganisation der Welt zu werden, und konzentriert sich nach einem strategischen Entscheid vor allem auf das Heroingeschäft, das alles Bisherige sprengt. Über Verwandte in den Vereinigten Staaten, in Long Island oder Brooklyn, findet die Mafia schnell Zugang zum amerikanischen und kanadischen Markt. Auf der anderen Seite nimmt sie Kontakt mit den Opiumproduzenten in Südostasien auf. Es ist dies der Anfang des grossen Wirtschaftsbooms und gleichzeitig der Beginn des Niedergangs der alteingesessenen Organisation, aufgeteilt in Familien und Clans und regiert von der cupola mit ihren eigenen Gesetzen.
Innert weniger Monate gelingt es der sizilianischen Mafia, den internationalen Drogenhandel unter ihre Kontrolle zu bringen. Zu den Feudal- und Schutzherrschaften, Bauspekulationen und anderen Schiebereien kommt das Geschäft des Jahrhunderts hinzu. Die Cosa Nostra greift mit ihren Tentakeln nach der ganzen Welt; aber ihr Kopf bleibt in Palermo, wo zumindest offiziell weiterhin die cupola regiert. Alle zwei Jahre wird in einem ordentlichen Verfahren ein Vorsitzender bestimmt. Einmal heisst er Gaetano Badalamenti, ein anderes Mal Stefano Bontade, dann Michele Greco. Äusserlich funktioniert die Organisation wie bisher. Doch der Eindruck täuscht. Mit dem Einstieg ins Heroingeschäft geraten auch die beiden Flügel der Mafia in Widerstreit miteinander: Auf der einen Seite stehen die Gemässigten, die schnell viel Geld verdienen wollen, aber wenn möglich ohne Blutvergiessen; auf der andern die Skrupellosen, die zu allem fähig sind. Zwei Fraktionen, die sich während zehn Jahren bekämpfen werden, zuerst versteckt, dann in einem offenen Krieg, in dem die Gemässigten vernichtet und aus dem die Corleones um Riina als Sieger hervorgehen werden.
Der zweite Mafiakrieg (der erste entzündete sich Anfang der sechziger Jahre zwischen den Grecos und den Barberas) sollte als längste und schrecklichste Fehde innerhalb der Cosa Nostra in die Geschichte eingehen. Die Bilanz spricht für sich: 150 Opfer zählte man im Jahre 1981, 120 im Jahre 1982, 130 im Jahre 1983. Dazu kommen 500 Entführte, die nie mehr zurückkehrten; sie wurden umgebracht, ihre Leichen versteckt, eingemauert oder in tiefe Schluchten im Landesinnern geworfen (lupara bianca wird diese Technik im Mafiajargon genannt). Palermo wird jetzt zum Schlachtfeld, zum Schauplatz eines Machtkampfs zwischen zwei Gruppen, unterteilt in 40 Fraktionen.
An einem schon sommerlich-warmen Frühlingstag im Jahr 1981 fällt der erste Boss: Stefano Bontade, genannt «Fürst von Villagrazia», Sprössling einer der mächtigsten Familien der Insel. Bontade gehört zu den Mafiaexponenten der alten Schule. Er steht ein für Ordnung innerhalb und ausserhalb der Organisation. Gute Beziehungen zu den Spitzen in Politik und Wirtschaft sind ihm wichtig; er rühmt sich seiner vielen Verwandten in den Vereinigten Staaten und hat natürlich eine Menge «dicker Freunde» auf Sizilien, die Di Maggios aus Bellolampo, die Gambinos aus Passo di Rigano, den Bauunternehmer Spatola und die Inzerillos aus Cruillas. Alle sind sie alteingesessene, einflussreiche Mafiafamilien. Stefano Bontade ist umgeben von der Aura des Mächtigen, was den Clan aus Corleone jedoch keineswegs beeindruckt. Bontade stirbt an seinem 40. Geburtstag auf dem Weg zu seinen Zitronengärten; ein Verräter hatte ihn in einen Hinterhalt gelockt, wo die Mörder, erstmals mit dem selbst Panzerglas durchschlagenden Sturmgewehr Kalaschnikow AK 47 bewaffnet, auf ihn warteten.
Bloss zwei Wochen später schreiten Riinas soldati zur nächsten Exekution. Am Stadtrand von Palermo stirbt in seiner gepanzerten Alfetta der beste Freund Bontades, Salvatore Inzerillo, im Kugelhagel aus der AK 47. Die gleiche Waffe wird eineinhalb Jahre später auch den Polizeipräfekten Carlo Alberto Dalla Chiesa töten. Mit seinen Todeskommandos hat der Clan der Corleonesi den ersten Schritt zur Machtübernahme getan. Die Technik, die sie dabei anwenden, entspricht der Tradition der Mafia, erinnert aber in gewissen Fällen auch an das Vorgehen von Terrororganisationen. Eine explosive Mischung, die Palermo innert weniger Monate in die Hauptstadt des Verbrechens verwandelt, gegen die das Chicago der dreissiger Jahre als Paradies und der erste Mafiakrieg als harmloses Scharmützel erscheinen. Der Clan der Corleonesi beseitigt einen Konkurrenten nach dem andern. In Cinisi fallen die Männer der Familie Badalamenti, in Alcamo die Rimis, bei Trapani die Plajas und Magadinos und in Palermo die übriggebliebenen männlichen Mitglieder der Bontade-Familie.
Der Krieg weitet sich bis in die Vereinigten Staaten aus, wo er im Sommer 1981 sein erstes Opfer fordert. Auch hier haben sich Riinas Männer zuerst einen grande capo aus einer der fünf grössten New Yorker Familien vorgenommen: Carmine Galante, der wegen seiner Vorliebe für dicke Havanna-Zigarren von allen «Lillo the Cigar» genannt wird. «Lillo» stirbt vor einem Teller Spaghetti al pomodoro in seinem Lieblingsrestaurant «Joe and Henry». Das Motiv? Er galt als Verbündeter der Bontades, als einer, der mit dem «Fürsten von Villagrazia» Geschäfte in den Vereinigten Staaten machte. Nur wenig später wird ein weiteres Mitglied dieser Familie in Miami tot im Kofferraum eines Cadillac aufgefunden. Ein anderes endet am Stadtrand von Las Vegas in einem Kehrichtcontainer. Ein drittes unter dem Tischchen einer Bar in Atlantic City. Ein Mitglied der Inzerillo-Familie, Santino, kehrt in einem Mahagonisarg nach Sizilien zurück. Als der Sarg geöffnet wird, bemerken die Totengräber einen Zehndollarschein zwischen den Zähnen des Toten. Santino hatte sich in ein Geschäft eingemischt, das die Corleonesi selbst machten wollten.
Ebenso skrupellos wie mit seinen Konkurrenten im Heroinbusiness räumt der Clan aus Corleone mit jenen auf, die sich ihm im Auftrag von Polizei und Justiz in den Weg stellen. Der erste, der die von der Drogenmafia ausgehende Gefahr erkennt, ist der Polizist Boris Giuliano, Chef der Fahndungspolizei in Sizilien. Er weiss, dass die Mafia zahlreiche Heroinraffinerien auf der Insel eingerichtet hat, und dennoch gelingt es ihm nicht, auch nur eine einzige aufzuspüren. Und so versucht er die Mafia an ihrer Achillesferse zu packen, indem er den aus den Vereinigten Staaten zurückfliessenden Narcodollars nachgeht. Eines Tages beschlagnahmt Giuliano auf dem Flughafen Punta Raisi in Palermo zwei Koffer voller Dollarnoten. Eine Woche später wird er im Café, das sich beim Eingang zu seiner Wohnung befindet, von hinten erschossen.
Boris Giuliano war der erste Mann im Dienste des Staates, der im zweiten Mafiakrieg sterben musste, der erste auf einer langen Liste von Magistraten, Polizisten, Beamten und aufrichtigen Politikern. Einen Monat später wird der Richter Cesare Terranova umgebracht, sechs Monate später der Präsident der Region Sizilien, Piersanti Mattarella. Dann der Sekretär der Democrazia Cristiana der Provinz Palermo, Michele Reina, der Erste Staatsanwalt Gaetano Costa, zwei Polizeioffiziere, der Chefkommissar Ninni Cassarà und der stellvertretende Polizeichef Beppe Montana, der Untersuchungsrichter Rocco Chinnici, der Polizeipräfekt Dalla Chiesa und der Sekretär der Kommunistischen Partei, Pio La Torre.
Riinas Feldzug, der sowohl die staatlichen Institutionen als auch die traditionellen Mafiafamilien ins Mark trifft, ist schliesslich auch der Anlass für eine völlig neue Allianz von Mafia und Staat. Erstmals laufen Mafiabosse zur Polizei über und arbeiten als pentiti mit der Justiz zusammen. Den Anfang machen Tommaso Buscetta und Salvatore Contorno, die dem Richter Giovanni Falcone die Geheimnisse der «Ehrenwerten Gesellschaft» enthüllen. Ihre Aussagen führen zum ersten grossen Maxiprozess gegen die Mafia. Fast 500 Angeklagte stehen schliesslich vor Gericht. Aus Sicherheitsgründen werden die Verhandlungen in einem Bunker abgehalten, und nach zwei Jahren fällt die erste Instanz ihre Verdikte: 19 Angeklagte werden zu lebenslänglichen Haftstrafen verurteilt; insgesamt werden Zuchthausstrafen in der Höhe von 3000 Jahren ausgesprochen. Allein: Die Cosa Nostra ist noch lange nicht geschlagen. Sie ist im Gegenteil stärker denn zuvor. Mafiaexperten sind übereinstimmend der Meinung, dass der Einfluss des von Riina dirigierten Clans durch die Maxiprozesse eher noch gewachsen ist. Denn der Prozess wurde, von wenigen Ausnahmen abgesehen, jener Mafia gemacht, die sich bereits auf die Verliererseite gedrängt sah. Den Corleonesi dagegen konnte jetzt erst recht kein anderer Clan mehr die Stirn bieten.
Wie die Corleonesi in ihrem Innern strukturiert sind, ist für Aussenstehende kaum zu durchschauen. Noch immer gibt es den alten capo, Luciano Liggio, der von Palermos ehemaligem Bourbonen-Kerker Ucciardone aus praktisch ungehindert in das Geschehen eingreift. Wer dem ergrauten Mann, der sich die Zeit im Gefängnis mit dem Malen von farbenfrohen Bildern vertreibt, auf der Strasse begegnen würde, hielte ihn auf den ersten Blick kaum für einen besonders skrupellosen Mafiaboss. Die Akten jedoch sprechen eine klare Sprache: Luciano Liggio, eigentlich Leggio, wurde 1925 in Corleone geboren, dem Grabsteinstädtchen, umgeben von einer archaischen Landschaft mit Olivenhainen, Getreidefeldern, von der Sonne versengten Reben und Mandelbäumen. Liggio, bald zärtlich Lucianeddu genannt, beginnt seine Karriere als Gutsverwalter und wird, kaum zwanzig, ein uomo d'onore, ein «Ehrenwerter Mann». Ein erstes Mal gerät er ins Visier der Polizei, als in Corleone der Gewerkschafter Placido Rizzotto ermordet wird. Der Verdacht fällt sofort auf Liggio. Er wird des Mordes angeklagt - und freigesprochen. Es sollte dies die erste von unzähligen Absolutionen sein, die ihm die Justiz halb Italiens erteilen wird.
In seinem Dorf, wir schreiben das Jahr 1958, ist Lucianeddu indes bereits ein capo. Nur ein Mann ist noch mächtiger als er: Dottore Michele Navarra, der Boss von Corleone. Und so entzündet sich ein weiterer Machtkampf: «Liggiani» gegen «Navarriani». Nachdem Liggio sich einigen Fallen hat entziehen können, gelingt es ihm, sich zum neuen alleinigen Capo aufzuschwingen; Michele Navarra stirbt, durchlöchert von den Kugeln aus einer Lupara. Der Weg für den neuen «König von Corleone» ist frei, und so steigt Liggio im Verlauf der sechziger Jahre in den Kreis der zehn mächtigsten Mafiabosse auf.
Nach seiner Rückkehr aus der Verbannung tauchte Liggio unter; in Sizilien wird er verraten, festgenommen und im Jahre 1974 wegen Mordes zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt. Auch mit diesem Verdikt sind dem Mafiaboss die Hände allerdings nicht gebunden: Aus seiner Einzelzelle organisiert der mächtige Liggio weiterhin munter seinen Clan, wie ehedem, als er in der Verbannung in Norditalien weilte. Zum neuen capo di tutti capi bestimmen die Clans mit seinem Segen den bisher unbeschriebenen Landnotabeln Michele Greco, den «Papst von Ciaculli». Greco verfügt über hervorragende Beziehungen zur Kirche, zur Aristokratie und zur Polizei. Er gilt als angesehener Mann, der später von Tommaso Buscetta schwer belastet wird: Greco wird für insgesamt 141 Verbrechen angeklagt. Später stellt sich allerdings heraus, dass Greco von den Corleonesi bloss als Strohmann eingesetzt worden war, eine Art «Marionettenboss», der vom Aufstieg Salvatore Riinas und seines damaligen Gefährten Bernardo Provenzano ablenken sollte.
Während des Maxiprozesses 1986/87 wird dann Luciano Liggio erklären: «Bernardo Provenzano ist ein guter Freund, aber Totò Riina werde ich stets in meinem Herzen tragen.» Die verschlüsselte Botschaft ist das unmissverständliche Zeichen dafür, dass Riina der neue alleinige Chef der Corleonesi geworden ist.
«Sie haben die ehrenwerten Prinzipien der Mafia kompromittiert», kommentierte Tommaso Buscetta den Aufstieg der Corleonesi während des Maxiprozesses. «Die heutige Mafia ist nur noch grausam; sie tötet Frauen und Kinder.» Buscetta streifte damit die Frage, die in Sizilien seit zwanzig Jahren diskutiert wird: Gibt es eine «gute» und eine «schlechte» Mafia? Für den, der sich von romantischen Verklärungen löst, gibt es freilich nur eine Antwort: Die Mafia war schon immer erbarmungslos; sie hat vor Waffengewalt nie zurückgeschreckt, um ihr einziges Ziel, den höchsten Profit, zu erreichen. In den achtziger Jahren hat sie in den Strassen Palermos ein Blutbad angerichtet. Ein halbes Jahrhundert zuvor war Sizilien friedlicher, gewiss. Aber nur weil die Mafia das Geschehen ungehindert kontrollieren konnte. Ruhig verhielt sich die Mafia auch in den siebziger Jahren, aber nicht weil sie von edlerem Charakter war, sondern weil der italienische Staat die Gefährlichkeit der Cosa Nostra noch nicht erkannt hatte. Damals konnte man Auseinandersetzungen zwischen den Clans noch mit einem erleichterten Seufzer abtun: «Solange sie sich gegenseitig umbringen . . .»
Trotzdem gibt es in der langen Geschichte der Mafia Bosse, die als Wohltäter des Volkes zur Legende wurden. Capi, die galante Ehrenmänner gewesen sein sollen - obschon sie im Grunde nicht viel anders waren als die Bosse von heute. Da gab es den berühmten Calogero Vizzini, Bürgermeister von Villalba, einer der Bosse der sizilianisch-amerikanischen Mafia, der von einem selbständigen Sizilien träumte. Und natürlich Lucky Luciano, der den Amerikanern gegen Ende des Zweiten Weltkrieges die Landung in Sizilien organisierte - nicht ohne Gegenleistung: Nach der Ankunft in Gela erliess die Justiz Luciano, der eigentlich Salvatore Lucania hiess, 36 Jahre seiner auf 40 Jahre angesetzten Haftstrafe.
Lucky Luciano, Calogero Vizzini, Vito Genovese, Joe Maranzano waren alle Exponenten einer alten Mafia, die dabei war, sich ins Drogengeschäft einzulassen. Die Sitten wurden roher, und die Mafia passte ihre Strukturen der neuen Dimension dieses Geschäftes an. Sie durchlief Kriege, verwickelte sich in gegenseitige Anschuldigungen, schloss zweifelhafte Abkommen mit der Justiz. Sie kontrollierte das Glücksspiel, die Prostitution, die öffentlichen Bauausschreibungen, kassierte Schutzgelder und landete schliesslich beim Drogengeschäft und bei Luciano und Salvatore Riina aus Corleone.
Von den alten Capi, die die Lehensgüter und die Interessen der Grossgrundbesitzer verteidigten, konnte sich allein Giuseppe Genco Russo, der in den fünfziger Jahren an die Stelle von Calogero Vizzini getreten war, retten. Berühmt ist sein Ausspruch: Quannu ci sunnu cani inturnu a un ussu beatu cu ci sta arsassu. Was etwa soviel heisst wie: «Wenn zu viele Hunde sich um einen Knochen streiten, ist glücklich, wer abseits steht.» Der Knochen, den er meinte, war das Drogengeschäft, und die Hunde die Mafiabosse, die in dieses Business drängten. Genco Russo hatte es vorgezogen, abseits zu stehen. Und vielleicht ist dies der einfache Grund, weshalb er - als einer der wenigen Paten - betagt aus dem Leben schied, achtzigjährig, im Lehnstuhl auf der Veranda seines Anwesens.
Attilio Bolzoni ist Korrespondent von «La Repubblica» in Palermo.