AUSSERHALB DES DORFES, wo ich aufgewachsen bin, steht eines der berühmtesten Geisterhäuser Europas. Seit hundert Jahren poltert es dort nicht mehr, aber die überlieferten Augenzeugenberichte lassen einem heute noch das Haar im Nacken sich aufrichten. Ich glaube nur aus Lokalpatriotismus an jene Ereignisse. Sie haben mir jedoch einst das Interesse an Geistergeschichten geweckt, und später schrieb ich ein Buch über E. T. A. Hoffmann, und die Gespenster in Hoffmanns Werk kann ich noch immer alle herzählen. Dass Verstorbene in Nebelgestalt durch alte Hallen schlurfen und leise von hohen Türmen heulen, ist dummes Zeug. Dass um gewisse Mauern und Orte aber die Vergangenheit in besonderer Weise webt, stimmt doch. Sie kann einen anblasen, bis man's kalt im Nacken spürt. Man wird gezwungen, immer wieder hinzugehen und zu schauen, und dann treibt es einen wieder weg, plötzlich, als wäre man von einer unsichtbaren Faust gestossen worden.
In Berlin, nicht weit von dem Haus, wo ich ächzend über einem Manuskript sitze, das ins Schiefe wächst, steht ein reizender kleiner Bahnhof. «Bahnhof Grunewald» heisst er und wurde in der Fontane-Zeit weitab von der Stadt in den schönen, flachen, märkischen Wald hineingebaut. Die Berliner sollten an sonnigen Sonntagen rasch in die freie Natur gelangen und sich doch, wenn sie aus der Dampfbahn stiegen, in vernünftiger Nähe zu jenen ländlichen Gasthäusern finden, die ihnen die Natur erst so ganz erschlossen. Was heute Grunewald heisst, das vornehme, baumdurchsetzte Villengebiet, gab es bei der Eröffnung der Station noch nicht. Die Gegend wurde erst ein Jahrzehnt später parzelliert und zur gesuchten Goldküste der Gründerzeit. Nicht alles, was Geld hatte, wohnt dort, aber was dort wohnte, hatte Geld. Und wollte es zeigen. Die Villen, die die Bomben überlebt haben, sind von einer kulturfrommen Verrücktheit. Früher Jugendstil verbindet sich mit allem, was an Venezianischem, Florentinischem und Pompejanischem nur denkbar ist. Kein Fenster und Terrässchen, das nicht von einem Loire- oder Brenta-Schloss abgekupfert wäre. Und am Rande des Ganzen dieses Bahnhöfchen. Zutraulich, mit tief herabgezogenem Dach und geschnitzter Vorhalle, steht es da. Bald denkt man an ein Berner Bauernhaus, bald an eine Illustration zu den Grimm-Märchen. Zugleich spielt es kindlich-prahlerisch mit den Elementen eines Tunnelportals. Wie so oft in Berlin steht man verblüfft und erheitert einem Gebäude gegenüber, das sich ausnimmt, als sei es zufällig hingestellt und dann vergessen worden. Ein versponnener Zauber, ein warmer Glanz von gutem altem Deutschland liegt darüber, etwas von Storms Wackerheit und Fontanes humaner Eleganz.
Und dann der kalte Hauch im Nacken. Irgendwann muss man zur Kenntnis nehmen, dass hier, an diesem idyllischen Ort, die Juden von Berlin zu Zehntausenden zusammengetrieben und in Viehwagen nach Auschwitz verfrachtet wurden. Hier standen sie, Frauen und Männer und Kinder, in den bittern Wintern 1942 und 1943, stumm und gedrängt und viele Stunden lang vor den Aufgängen zum Güterbahnhof. Auf Lastwagen hatte man sie aus der Stadt herangekarrt, und das bisschen, das sie mit sich führten, wurde nochmals auf die letzten Geldstücke hin gefilzt. Auch die Reichsbahn machte ihr kleines Geschäft. «Sie verlangte», heisst es in einem Bericht, «pro Person und gefahrenen Schienenkilometer vier Pfennige. Für Kinder berechnete sie zwei Pfennige.» Es soll alles überaus ordentlich und störungsfrei zugegangen sein. Die Abgerücktheit am Stadtrand kam den Massnahmen entgegen, und an den Fenstern der umliegenden Häuser habe sich kaum je ein Gesicht gezeigt. Nur selten wurden einige Leute hier schon erschossen. So etwa das junge Ehepaar Wohlmuth aus Berlin, Deutschmeisterstrasse 2. Sie hatten vorher noch eine kurze Reise gemacht. Aus dem Untergrund waren ihnen Papiere für die Emigration in die Schweiz zugespielt worden, und sie waren glücklich hingefahren und über die Grenze gelangt, und dort hatte man sie freundlich begrüsst und wieder über die Grenze zurückgestellt, ordentlich und störungsfrei. Ich war damals Kindergärtler und hüpfte unter den Augen einer langen Nonne täglich im Kreis herum, und einmal in der Woche musste ich in einer Kapelle am Stanserhorn ihr Lieblingslied singen: «Maria zu lieben, ist allzeit mein Sinn.» Die Verfügung betr. das Ehepaar Wohlmuth wurde getroffen im höheren Interesse der Landesbevölkerung, also auch der Kinder, also auch eines sechsjährigen Kindergärtlers in der Innerschweiz.
Ergo?
Hier, vor dem reizenden Bahnhöfchen, stand wohl auch Gertrud Kolmar, die mächtige Dichterin, irgendwann im Spätwinter 1943 und wartete auf die lange, kalte Fahrt in den Tod. Wie und wo sie ermordet wurde, weiss man nicht, zu vermuten ist Auschwitz, belegt ist nur der Abtransport aus Berlin. Sie hatte nicht wegwollen aus Deutschland, als ihre Schwester flüchtete. Sie wollte zum alten Vater schauen und packte ihm sorglich das Köfferchen, als die Uniformierten ihn abholten. Sie war eine stille Frau und schrieb die wildesten Gedichte, die heute wie Klippen aus dem Singsang ragen. Klänge trieb sie hervor und stürzende Bilder, ungezähmt und unbekümmert, dunkel, grausam und lieblich, oft schwer zu verstehen und oft zum Erschrecken unzweideutig.
Sie stammte aus jenen Kreisen, die auch die Villen des Grunewald besiedelten. Walter Benjamin war einer ihrer nächsten Verwandten. Auch er wohnte nicht weit vom kleinen Bahnhof. Sein Vater hatte sich dort 1912 eine majestätische Villa gekauft, eine halbe Burg, mit Türmen und Erkern und einem Wintergarten in der Beletage. Wenn man das Haus sucht, spürt man's wieder kalt im Nacken. Mitten unter stattlichen Gebäuden mit polierten Messingschildern findet sich da ein eingefriedeter leerer Ort, verwuchert, die wilden Bäume im Gestrüpp schon armdick. Ein alter Kittel liegt im vorjährigen Laub, da und dort eine Flasche, unter einem Holunder eine schwarze Strumpfhose. Von solchen Stellen sagten die Leute einst, als es noch Geisterhäuser gab, es sei dort nicht geheuer. Man steht da, starrt durch das Drahtgeflecht und muss an den verwilderten Acker in Kellers «Romeo und Julia» denken, über den Walter Benjamin eine seiner schönsten Seiten geschrieben hat.