Mit dem Wein verhält es sich ein bisschen wie mit der Musik, der Literatur, der Malerei, wie mit all den schönen Künsten, die mit verwirrender Vielfalt dem Laien Respekt einflössen und ihn Zuflucht beim Populären oder zumindest Klassischen suchen lassen. Persönliche Präferenzen, der Mut zum speziellen Leckerbissen entwickeln sich erst im Laufe der Zeit, mit wachsendem Wissen.
Auf den Wein bezogen heisst das: Ein Schweizer verlässt sich am Anfang seiner Geniesserkarriere in der Regel vornehmlich auf einheimische Gewächse, auf Weine aus der Chasselas-, Gamay- oder Riesling×Sylvaner-Traube. An festlichen Anlässen traut er sich vielleicht einen roten Pinot noir aus dem Burgund oder einen Cabernet-Sauvignon-betonten Bordeaux zu, und irgendwann fährt er dann ins Elsass, wo er den Riesling degustiert, nach Spanien, wo es nicht nur Sangria gibt, ins Piemont, die Heimat des königlichen Barolo. Meist als Autodidakt erlernt er so die Partitur der verschiedenen Provenienzen, der guten und der weniger guten Jahrgänge, der Traubensorten; er bemerkt beispielsweise, dass Weine von der Sorte Cabernet-Sauvignon nach Johannisbeeren oder Zedernholz duften, derweil das Bouquet des Pinot noir ihn eher an gekochte Randen erinnern mag.
Der Einfluss der Rebsorte auf den Charakter des Weins gehört zu jenen Elementen der Weinbeurteilung, die relativ einfach sensorisch zu erfahren sind. Je nach Rebsorte ist ein Wein von eher nobler oder rustikaler Art. Zum vornehmeren Gewächs adeln ihn gemäss allgemeiner Sprachregelung die vier grossen, klassischen Rebsorten: Cabernet Sauvignon, Riesling, Pinot und Chardonnay. Es folgen diesem Quartett die Varietäten Merlot, Muscat, Gewürztraminer, Chenin blanc und Sauvignon blanc, alles Arten, die ebenfalls in aller Herren Ländern angepflanzt werden und Spitzenqualitäten von geradezu sinfonischer Komplexität ergeben können - sofern die Bodenbeschaffenheit und die Klimaverhältnisse stimmen. Werden diese Voraussetzungen nicht erfüllt, fällt das Resultat indes eher zwiespältig aus: Der Chardonnay beispielsweise, der Wein von der gleichnamigen Traube aus dem Burgund, gedeiht vielerorts; zum Spitzengewächs entfaltet er sich aber - so unsere Einschätzung - nur in Frankreich und bei ausgewählten Produzenten in Kalifornien und Norditalien. Chardonnay aus Spanien oder aus Süditalien löst hingegen kaum je Begeisterungsstürme aus, weshalb man sich bei diesen Provenienzen mit Vorteil an bodenständigere Erzeugnisse hält, die die Eigenarten eines Anbaugebietes besser zum Ausdruck bringen.
An Auswahl fehlt es dabei nicht. Denn fast jede Weinbauregion kennt neben den erwähnten, gewissermassen internationalen Sorten eine ihr eigene Varietät der Weinrebe, der vitis vinifera, dieser einst wilden Waldpflanze, die sich in Europa und Ostasien um die Baumwipfel schlang. Neue Sorten werden gezüchtet, andere verschwinden. 4000 verschiedene Arten dürfte es heute noch geben, darunter einige Raritäten, die eine Entdeckung allemal wert sind.
Zu erinnern ist hier an erster Stelle an die fast vergessene Rotweintraube Mourvèdre aus Südfrankreich und die Weissweintraube Viognier aus dem Rhonetal, den knochentrockenen Arneis aus dem Piemont, den Freisa. Und schliesslich die Trouvaillen aus helvetischen Weingärten: Wer kennt noch die Walliser Spezialitäten Arvine, Amigne, Humagne und Heida? Den Elbling und den Räuschling aus der Ostschweiz? Den Completer?
Speziell und zuweilen rar geworden wie eine alte Flasche Pétrus sind diese Weine allesamt. Vom Completer - sein Name rührt davon, dass ihn die Mönche des Stifts Chur nach dem Abendgebet (Complet) zu trinken pflegten - ist oft nur mit Glück und Beziehungen eine einzelne Flasche zu ergattern. Ein wahrhaft einzigartiger Wein: Die Traubensorte, aus der er gekeltert wird, ist eine Bündner Exklusivität - für den Kenner eine Wohltat, wenn er der massenhaft produzierten Chasselas-, Riesling×Sylvaner- oder Chardonnay-Weine überdrüssig geworden ist!