In der Mitte die goldene Kuppel des Felsendoms, 691 von dem arabischen Kalifen Abd al-Malik erbaut, und weiter westlich darunter die mächtige Westmauer, Überrest des im Jahr 70 zerstörten Tempels, die seither als heiligste Stätte des Judentums gilt - diese berühmte Ansicht in der Altstadt von Jerusalem nimmt für mich jedesmal konkrete Gestalt an, wenn ich das Grab meines vor zehn Jahren verstorbenen Vaters auf dem alten sephardischen Friedhof am Abhang des Ölbergs besuchte, von dem man die Altstadt aus östlicher Richtung überblickt.
Mein Vater hatte diesen verlassenen Friedhof gewählt, weil er im Tod mit den Vorfahren vereint sein wollte, jenen sephardischen Juden, die Anfang des 19. Jahrhunderts nach Jerusalem gekommen waren, um dort zu leben und nicht nur, wie viele andere Juden, dort begraben zu werden.
Wenn ich an dem weissen Grabstein stehe, umgeben von den uralten, zerborstenen dunklen Grabplatten dieses öden, seit Jahren stillgelegten Friedhofs, mustere ich erneut in ruhiger Betrachtung diese strenge, schwierige Stadt, in der ich vor fünfundfünfzig Jahren geboren wurde und die ich vor dreissig Jahren verlassen habe. Meine Entscheidung, nicht wieder dorthin zurückzukehren, war teils auch Ausdruck eines persönlichen ideologischen Protests gegen die, wie ich meine, gefährlich übertriebene Bedeutung, die Jerusalem seit dem Sechstagekrieg von jüdischer Seite beigemessen wird.
Trotz meinem Weggang spüre ich jedoch stets, dass Jerusalem mir, zum Guten wie zum Bösen, unauslöschlich im Blut steckt. In jeder Erzählung, jedem Roman, jedem Theaterstück aus meiner Feder ist diese Stadt in Teilen oder in ihrer Gesamtheit gegenwärtig.
Ich betrachte die Stadt von dem absoluten Blickpunkt des Ölbergs aus, auf dem die Bestatteten nach dem Volksglauben bei der Ankunft des Messias als erste aus ihren Gräbern aufstehen und zum Leben erwachen werden. Erkenne in den rötlichen Farben der alten türkischen Mauer, der gelben Schroffheit des Hinnomtals und der trockenen, klaren Luft Vorboten der judäischen Wüste, die bereits wenige hundert Meter entfernt gen Osten und Süden zum Toten Meer abfällt. Sehe Türme, Minarette und Kuppeln zwischen den engstehenden Häusern herausragen, ein Gewirr heiliger Stätten des Judentums, des Islams und der Christenheit aller Konfessionen, die sich gewaltsam zusammendrängen, ja einander fast überdecken.
Neben staunender Bewunderung für die kristallene Schönheit dieser heiligen Stadt empfinde ich letzthin auch Angst und Beklemmung vor meiner herben, schwierigen Vorstadt, in deren Gassen so viele Minen unter den Pflastersteinen verborgen liegen. Denn die vielfältigen Hoffnungen, Träume und Phantasien, die in diese Stadt investiert werden, und die Fülle an Lobliedern, die ihr durch alle Generationen hindurch auch Dichter gesungen haben, die nie Fuss in sie setzten, erzeugen eine ungeheure Spannung, die manche Touristen beim ersten Besuch fast um den Verstand bringt.
Im Gegensatz zu den alteingesessenen Jerusalemern - Israeli und Palästinenser, die ihren persönlichen Jerusalemer Wahnsinn zur militanten nationalen Weltanschauung und Politik umschmieden - stehen die Touristen nämlich betroffen und ungeschützt vor dieser «wahnsinnigen» Stadt, die oft mehr Frustration als Befriedigung bringt, da sie zu viele wichtige Elemente in sich vereint, die noch nicht zur Integration gelangt sind, sich bestenfalls gegenseitig ignorieren können, einander in Krisenzeiten aber sofort feindlich gegenüberstehen.
Nehmen wir etwa diese jüdische Westmauer, eine nackte Steinwand des Tempels, zu der Juden in aller Welt zweitausend Jahre lang sehnsüchtig die Augen aufgehoben haben, während nun, seit der Wiederbegründung jüdischer Unabhängigkeit, die starke militärische, staatliche und demographische Macht israelischer Juden hinter ihr steht.
Betrachtet man diese Mauer aus Gesamtjerusalemer Perspektive, wird sie zum Randdetail neben dem mächtigen Moscheenkomplex - in der Mitte der herrliche Felsendom -, der vor dreizehnhundert Jahren den Platz des zerstörten jüdischen Tempels einnahm und nicht nur das (bisher) staatlicher Souveränität ermangelnde palästinensische Volk, sondern dank seiner religiösen Bedeutung noch eine Milliarde Moslems in aller Welt hinter sich stehen hat. Auch die Grabeskirche, um deren Schlüssel die christlichen Glaubensgemeinschaften erbitterte Kriege gegeneinander ausgefochten haben, steht zwischen Moscheen und anderen Gotteshäusern eingekeilt, die sie von allen Seiten bedrängen.
Die wahren Wohlmeinenden dieser Stadt gegenüber, diejenigen, die sich von der «Jerusalem-Romantik» zu befreien versuchen, betrachten die wunderschönen Ausblicke, die diese und andere Ansichtskarten zeigen, auch mit erheblichem Misstrauen. Sie wissen sehr wohl, dass die verblüffende Vielfalt religiöser und nationaler Elemente, die diese Stadt beherbergt, nur dann eine Quelle des Friedens - anstelle ewigen Konflikts - sein kann, wenn sie mit innerem Verzicht auf messianische Phantastereien und der Verwandlung der Träume in geistiges Schaffen, nicht Gebietsstreitigkeiten um Häuser und Steine, verbunden ist.
Für dieses vereinigte Jerusalem braucht man viel Humor, ähnlich dem toleranten Witz meines Vater, eines echten Jerusalemers, der nicht nur die Juden kannte, über die er zahlreiche folkloristische Bücher verfasst hat, sondern auch die einheimischen Araber, Christen und Moslems, mit denen er sich in ihrer Sprache unterhalten konnte. Wenn ich zu seinem Grab hinaufsteige, suche ich daher bei ihm auch humoristische Inspiration.
Ja, sage ich mir, Jerusalem ist wunderbar, fast dreitausend Jahre alt, voller Sehnsüchte und Träume und natürlich heiliger Stätten, aber man darf sie nicht zu ernst nehmen und gewiss nicht übertrieben heilig halten. Denn Steine, Kuppeln und Türme, so alt sie auch sein mögen, sind niemals wichtiger und heiliger als wirkliche, lebende Menschen hier und jetzt, deren Menschlichkeit uns und ihnen jeglichem Nationalgefühl und aller Religiosität vorgehen muss.
Abraham B. Jehoshua lebt als Schriftsteller in Haifa. Auf deutsch erschien zuletzt sein Roman «Die fünf Jahreszeiten des Molcho» (Piper 1989).