DIES IST, IM 99. FOLIO, die 99. Sprachlese; die letzte. Man sollte aufhören, ehe man alles gesagt hat. Fast alles war ja schon da: die Sprache der schweizerischen Bundesverfassung, der Zürcher Jugendmusikschule und der Konkursamtzweigstelle Oberuzwil; die Sprache der NZZ (19mal), vor der «Frankfurter Allgemeinen» und dem «Tages-Anzeiger»; die Sprache von Goethe (24mal), vor Schiller, Heine, Lichtenberg, Thomas Mann und Robert Walser; die Sprache des Internet, der E-Mails und der Übersetzungscomputer; die Sprache der Festreden, der Feministinnen, der Heiratsanzeigen («Zweisam, bauchlos und verschmust») und die der Stellenangebote.
Auch ist 99 eine hübsche runde Zahl, vorgeprägt durch die zweimal 33 Sprachlesen, die als NZZ-Folio-Bücher erschienen sind («Der vierstöckige Hausbesitzer» und «Dem Kaiser sein Bart»); in aller Munde überdies, weil die 99 das Ende unseres Jahrtausends markiert. Jene Leser, die darauf hingewiesen haben, dass das neue erst am 1. Januar 2001 beginne, hatten natürlich recht - mathematisch; und völlig unrecht obendrein, denn kein Rechenkünstler kann die Menschheit daran hindern, den Jahrtausendwechsel am 1. Januar 2000 zu feiern.
Bei den vielen Lesern, die mir geschrieben haben, möchte ich mich bedanken, und bei den meisten muss ich mich entschuldigen, weil ich keine Zeit für eine Antwort fand. Beeinflusst haben mich alle, durch Anregung, Ermutigung, Kritik und mehrmals durch einen klaren Themenvorschlag, den ich dankbar aufgegriffen habe. Was die Kritik angeht, so lautete sie am häufigsten, ich sei pedantisch, puristisch und konservativ.
Zur Pedanterie bekenne ich mich - in der eingeschränkten Form: Einem Berufsschreiber sollte man, wie einem Tennisprofi, zumuten dürfen, dass er die Regeln seines Spiels beherrscht, zumal da keine Tücke der deutschen Grammatik schwerer zu begreifen ist als im Tennis die Zählweise «love - fifteen» oder im Fussball die Abseitsregel.
Ein Purist: Ja, der bin ich auch; insofern, als ich glaube, es lohne sich, die Sprache vor dem Unrat zu schützen, der wie eine Lawine auf sie niederbricht: dem Imponierjargon der Soziologen, Pädagogen, Linguisten; den Verknöcherungen und Versteinerungen, die aus den Türen der Behörden poltern; dem Jargon der Werbetexter und der Computer-Freaks, die ihre Muttersprache allesamt zu hassen scheinen; dem modischen Gestammel, das bei vielen jungen Leuten nur noch als Nebenprodukt des Gummikauens entsteht.
Aha - erzkonservativ also! Wie man's nimmt. Zehntausende von Jahren haben unsere Vorfahren, Hunderte von Jahren haben die Dichter an der Sprache gebaut und gefeilt - und wenn sich nun seit Donnerstag ein Springteufelchen aus dem Silicon Valley oder aus der Diskothek von nebenan in der deutschen Sprache mausig macht, so müssen wir davon überhaupt nicht beeindruckt sein. Auch wird man Vorbehalte haben dürfen gegen die «Spasspädagogik», die an vielen Schulen regiert und so die «Gefühlsgrammatik» begünstigt.
Aber die Sprache entwickelt sich doch! Warum gegen Windmühlenflügel kämpfen? Nein: «Die Sprache» ist kein abgehobenes Medium, das «sich» entwickelt - sondern wir entwickeln sie, wir, die fast hundert Millionen Menschen deutscher Muttersprache. Lehrer, Journalisten, Fernsehplauderer und Werbetexter entwickeln sie sogar erheblich, und wenn diese Berufsstände sich ausnahmsweise einig wären, so könnte sich mit ihnen fast alles entwickeln und gegen sie fast nichts. 99mal hat diese Sprachlese versucht, zur Entwicklung des Deutschen beizutragen, und da ihr Autor ausserdem mit sechs Sprachbüchern auf dem Markt vertreten ist, wird er sagen dürfen: Grösser als Null ist mein Einfluss durchaus.
Und woher, Herr Schneider, nehmen Sie das Recht, auf die Sprache ausgerechnet Ihren Einfluss auszuüben? Zunächst schon daraus, dass mir die Sprache nicht ein blosser Zweck für andere Mittel ist, zum Beispiel dafür, mehr Deodorant oder mehr Microsoft-Produkte zu verkaufen. Zum zweiten daraus, dass ich nicht Marotten hätschele, sondern dass ich die Quersumme aus allen Stilfibeln gezogen habe, die auf deutsch und englisch je erschienen sind; dass ich mich über die junge Wissenschaft der Verständlichkeitsforschung auf dem laufenden halte und dass ich vor fünfzig Jahren begonnen habe, grosse Literatur zu lesen.
Und wohin soll dieser Einfluss gehen? Zu redlichem, farbigem, kraftvollem Deutsch in klar dahinströmenden Sätzen - weg von Watte, Wichtigtuerei und den giftigen Nebeln des Jargons. Wer vom aufrechten Gang des Menschen redet, sollte uns die akademische Protzerei der «habituellen bipeden Lokomotion» ersparen, und wer uns «innovative Aktivitäten» verspricht, dem sollten wir sagen, dass sein Wortschleim kein Körnchen Substanz enthält, denn tätig sind wir alle und neu ist jede Tat.
Schön und gut - aber gibt es nichts Wichtigeres als solche Nörgelei? Nicht viel. Es ist die Sprache, die dem Denken die Chancen öffnet und ihm die Grenzen zieht. Es sind die Wörter, die geballten Erfahrungen und Erinnerungen unserer Ahnen, die uns, je nach Gebrauch, in Vorurteile einmauern oder unseren Gedanken Flügel geben.