Gar manche Menschen wissen mit den Schlangen im Grunde nicht viel anzufangen. Die meisten graust's oder gruselt's, wenn ein erschrecktes Reptil kriechend den Weg unseres stolzen, weil aufrechten Ganges kreuzt.
Neben der beinlosen Fortbewegung, der schuppigen Bekleidung und dem starren Blick der Augen, denen die beweglichen Lider fehlen, ist es vor allem die nervös aus geschlossenem Maul hervorschiessende Zunge, die uns irritiert.
Jedoch: Gerade diese spitze, gespaltene Zunge, die uns Menschen als Symbol der Unaufrichtigkeit gilt, ist für die Schlangen ein wichtiges Sinnesorgan, ja sogar ein Überlebensinstrument.
Für Tierarten, die darauf angewiesen sind, Beute zu machen, ist die Leistungsfähigkeit der Sinnesorgane von wesentlicher Bedeutung. Weil nun aber bei den Schlangen weder der bloss für das Sehen auf kurze Distanz eingerichtete Gesichtssinn noch das rudimentär entwickelte und ohne äusseres Ohr funktionierende Gehör - das Innenohr reagiert vor allem auf Vibrationen des Bodens - optimale Instrumentarien sind, ist der Geruchssinn ihr wichtigster Sinn. Konstruiert ist er als ein chemischer Fernsinn, bei dem die Zunge die Aufgabe eines Vehikels übernimmt. Für uns Menschen, die wir Augentiere mit bescheidenem Riecher sind, ist schwer zu verstehen, dass sich mit dem Geruchssinn Nahrung nicht nur beurteilen, sondern auch suchen lässt; ja dass man damit sogar den Weg finden, einen Feind erkennen und auf Brautschau gehen kann.
Doch nicht nur wir Menschen, auch die Fledermäuse und die Vögel haben ein schwaches Riechvermögen. Das ist nicht weiter tragisch, denn Geruchsspuren haften naturgemäss meist am Boden. Deshalb können sie von Zweibeinern mit ihrem aufrechten Gang oder den Vögeln, bedingt durch ihre Körperhaltung und durchs Fliegen, ohnehin nicht gut wahrgenommen werden. Anders die meisten übrigen Wirbeltiere. Sie sind gute Riecher und in der Lage, wie beispielsweise der Hund, die Nase in die Fährte zu hängen. Selbst niedere Wirbeltiere wie Fische, Lurche und Amphibien verfügen über ein starkes Riechvermögen; auch sie leben im Bereich der Geruchsspuren.
So entspricht denn das Züngeln der Eidechsen und Schlangen dem Schnuppern anderer Tiere. Hat beispielsweise eine Kreuzotter der gejagten Maus den tödlichen Biss verpasst, lässt sie sie davonrennen und sich verstecken. Erst nach geraumer Zeit, wenn das Gift seine Wirkung getan hat, folgt die Schlange züngelnd der Spur, welche sie sicher zur inzwischen verendeten Beute führt. Züngeln erfolgt bei Reptilien immer dann, wenn ihre Aufmerksamkeit erregt wird oder wenn sie unbekannte Gegenstände geruchlich «abtasten». Weil ihre Nase selber als Geruchsorgan relativ unwichtig ist (was mit der geringen Atemfrequenz zu tun haben mag), kommt einer Zusatzeinrichtung wesentlich grössere Bedeutung zu, die sich während der Embryonalentwicklung als untere Ausstülpung der Nasenanlage herausbildet und später davon abtrennt.
Dank ihr besitzen die Schlangen eine Art zusätzlicher «innerer Nasenlöcher» in der Maulhöhle. Es sind paarige Eindellungen ganz vorne am Gaumendach, dort wo beim Zurückziehen der Zunge deren zwei Spitzen zu liegen kommen. Diese kleinen Öffnungen enden in mit Sinneszellen versehenen Blindsäcken und haben nichts mit der Atmung zu tun. Sie sind vielmehr ein abgesonderter Teil des Geruchsorgans. Man nennt ihn das Jacobsonsche Organ.
Wenn nun also das züngelnde Tier mit den herausschnellenden feuchten zwei Zungenspitzchen Gegenstände berührt, befördert es damit Duftproben zwecks Analyse ans Riechepithel dieser «inneren Nasenlöcher» - eine Art «innerliches Nasenbohren». . .
Doch nicht genug der genialen Einrichtungen: Der Gang des Jacobsonschen Organs nimmt vor seiner Mündung in die Maulhöhle auch noch den Tränengang auf, durch welchen die Tränenflüssigkeit aus der neben dem Auge liegenden Tränendrüse, der sogenannten Harderschen Drüse, abgeleitet wird. Man vermutet, dass diese Flüssigkeit einerseits die Duftstoffe von der Zunge in das Jacobsonsche Organ befördern hilft und dass andererseits damit die Beutetiere für den Schlingakt angefeuchtet werden. Eine etwas ungewohnte Art, Tote zu «beweinen».
Spitze und gespaltene Zungen sind also eine ausgeklügelte, sinnreiche Erfindung der Natur, sofern sie aus Schlangenmäulern und nicht aus Menschenmündern züngeln. Ein besseres Verständnis ihrer Funktionsweise wird uns hilfreich sein, die Furcht vor Kriechtieren abzubauen.