NZZ Folio 12/99 - Thema: Jesus   Inhaltsverzeichnis

Vom Überhirten zum fernen Bruder

Wie man lernt, Christ zu sein trotz des Christentums.

Von Thomas Brunnschweiler

In meiner Kindheit war Jesus ein Gast, den der jüngere Bruder meines Vaters am Sonntag jeweils mitbrachte - sehr zum Leidwesen meiner Eltern, die zwar in agnostischer Toleranz die Kirche respektierten, von missionarischer Überzeugungsarbeit aber wenig hielten. Immer, wenn Kaffee und Schnäpse serviert waren, stand mein frommer Onkel auf, und alle wussten, was kommen würde. Gesenkten Blickes spielten wir mit den Brotkrümeln. Mein Onkel erhob die Stimme und hielt eine Ansprache, die die meisten peinlich berührte. Nachdem er seine Freude über das Wohlergehen der Familie kundgetan hatte, kam der unangenehmere Teil, bei dem der Tischprediger ernst wurde. Noch immer hätten nicht alle Anwesenden ihr Herz dem Herrn Jesus aufgeschlossen, und dabei schien er oft meinen Vater zu fixieren. Es sei nicht zu spät, fuhr mein Onkel fort, der Herr Jesus sei langmütig und warte voller Erbarmen auf unser aller Bekehrung; aber eines Tages werde es zu spät sein.

Mein Onkel hat - wenn meine Erinnerung nicht trügt - es stets unterlassen, die Qualen der Hölle zu schildern, wohl ahnend, dass er damit die Grenze zur Lächerlichkeit überschritten hätte. Aber die feinen Andeutungen waren für mein Gemüt fast schlimmer und gaben mir das Gefühl, bekehrungsbedürftig zu sein. So lernte ich Jesus als verstossenes Mitglied der Familie kennen, das man mit Herr anzusprechen hatte und das sich für seine Missachtung eines Tages fürchterlich rächen konnte. Obwohl mir die unsensiblen Einlagen meines Onkels auf die Nerven gingen, weil sie die familiäre Harmonie trübten, habe ich bis heute den Respekt für seine konsequente Haltung behalten, die er über das Familienidyll stellte. Er wäre dem Herrn Jesus und sich selbst etwas schuldig geblieben, wenn er nicht jede Gelegenheit zur Mission genützt hätte.

Das ist eine meiner ersten Erinnerungen an Jesus. Mein pietistischer Onkel führte einen Frömmigkeitsstil weiter, den mein Ururgrossvater väterlicherseits bereits in seiner 1829 verfassten Schrift «Väterlicher Herzenserguss an meine geliebten Söhne und Töchter» gepflegt hatte. Man war in der Familie seit jeher christlich und geschäftstüchtig gewesen, folgte dem pietistisch verklärten Herrn Jesus in der rechten Lehre, aber nicht dem historischen in seiner Armut. Kurz: Man war jesustrunken, ohne jesuanisch zu sein. Schon vor dem Bau einer Kirche gab es in unserm Dorf eine evangelische Versammlung, in der die pietistischen Industriellen dem Herrn Jesus huldigten, die liberalen Namenchristen verachtend, von den Katholiken ganz zu schweigen, die ohnehin der Irrlehre des Papstes anhingen. Dem latenten evangelikalen Klima konnte ich mich als Jugendlicher trotz des aufgeklärten Elternhauses nicht entziehen. Als ich vierzehn war, traf mich das Gerücht, im Juli würde die Welt untergehen, und das beunruhigte mich tief. Ich sprach mit niemandem über meine Angst, aber als mich mein bester Freund einlud, mit ihm eine Zeltevangelisation zu besuchen, hoffte ich auf Trost und Hilfe.

Mir erschien das Zelt riesig. Ich entsinne mich gut: schwüle Blechmusik, inbrünstiger Gesang und eine Erweckungspredigt, die so manchem einen Seufzer entlockte. Die Veranstalter wussten, wie man Seelen walkte und in moralische Verzweiflung stürzte, um sie gleich darauf wieder ins Licht der Hoffnung zu ziehen; meine Seele wusste schlagartig, dass sie verloren sein würde, wenn sie sich nicht hier und jetzt bekehrte. Ja, da war er wieder, der Herr Jesus, und mitten im Zelt, diesem Treibhaus der Schuldgefühle, schien er zu stehen, mich mit stahlblauen Augen traurig anzusehen und zu fragen: «Liebst du mich?» Am Ende des Abends, in fiebriger Erregung, nahm ich Jesus in mein Leben auf, wie es so schön heisst. Es war ein standardisierter Ablauf mit gemeinsamem Gebet, damit legte man sein Leben in die Hände Gottes. In den nächsten Wochen begann ich einen Bibelfernkurs. Aber als die Welt nicht unterging, erlahmte mein religiöser Eifer binnen weniger Monate.

Mit achtzehn verlor ich meinen Vater. Vielleicht bekehrte ich mich in einer Evangelisation drei Tage nach seinem Tode deshalb erneut, weil ich keinen Bruder hatte, mit dem ich über meine Schuldgefühle gegenüber meinem Vater reden konnte. Ich besuchte nun eine Jugendgruppe, die sich «Gruppe aktiv» nannte und der Organisation «Newlife» nahestand, ohne aber deren suggestive Methoden ganz zu übernehmen. Nun hatte ich einen neuen Vater, eine neue Familie, eine kleine auserwählte Herde gefunden, deren Hirt der Herr Jesus war.

Genau in dem Augenblick, in dem ich hätte Verantwortung übernehmen müssen, unterwarf ich mich dem Überhirten Jesus, oder besser gesagt: meinem eigenen Über-Ich, das sich begierig mit den Lehren vollsog, die ich damals für jene des Jesus von Nazareth hielt. Denn selbstverständlich war für uns der Jesus der Evangelien, die wir in bibeltreuer Manier interpretierten, der historische Jesus selbst. Jeder Ansatz historisch-kritischen Denkens war ebenso verpönt wie Liberalität, Toleranz und Ökumene, und bereits die Lektüre von Karl Barth bedeutete für einen Bekehrten und Wiedergeborenen beinahe den Abfall vom Glauben. Kurz: Es wurde dauernd von der Liebe gesprochen und ständig Zweifel am Eigenen gesät.

Es ist leicht, aus einer Position des aufgeklärten Glaubens die eigene Vergangenheit zu analysieren, leicht und auch ungerecht. Denn meine aufgeklärte Erinnerung, die ja paradoxerweise eine ganz getrübte ist, täuscht mich über meinen damaligen Seelenzustand, den mit evangelikalen Krücken durchlaufen zu haben keine Schande ist, sondern ein Umweg, den ich vermutlich brauchte. Obwohl man in fundamentalistischen Kreisen Jesus als Drohmittel benutzt, um Menschen in religiöse und moralische Geiselhaft zu nehmen, kann ich nicht behaupten, dass wir damals alle Gefangene waren. Die meisten waren wie ich auf der Suche. Sie schützten Gewissheit und biblizistische Linientreue oft nur vor, um nicht zu Aussenseitern zu werden, und sie entwickelten trotz teilweise problematischen Jesus- und Gottesbildern soziale und geistige Kompetenzen, die beachtlich waren. Trotz aller theologischer Enge: In Jesus besassen wir einen persönlichen Freund und Bruder, dem wir unsere innersten Gedanken anvertrauen konnten - und oft war unser persönlicher Jesus durchaus nicht identisch mit dem offiziell verkündigten.

Nachdem ich mein Studium der Theologie abgeschlossen und mich sukzessive vom evangelikalen Christsein abgewandt hatte, reagierte ich über Jahre hinweg gereizt auf alle fromme Psychagogik - eine Überreaktion, die sich heute in Gelassenheit verwandelt hat. Wenn ich am Glaubensstil meiner Jugendzeit etwas schlimm finde, so weniger die Naivität, die Aufklärungsfeindlichkeit und die Moralisierung des Evangeliums (Haltungen, die mich zwar um viele gute Bücher und Erfahrungen gebracht haben) als vielmehr das, was Emmanuel Lévinas als «die angemasste Vertrautheit mit Gottes -Psychologie?» bezeichnet hat. Schlimm finde ich auch die Arroganz, Jesus andern als ihr Schicksal aufzuschwatzen, dem entgehen zu wollen die ewige Verdammnis bedeute. Solche christliche Selbstgefälligkeit halte ich für schlimmer als jene, die dem pharisäischen Selbstbewusstsein nachgesagt wird; denn sie ist trotz den ausdrücklichen Warnungen, die Jesus selbst in den Evangelien ausspricht, blind für die eigene Blindheit. Unterdessen hatte ich andere Jesusbilder kennengelernt: Jesus, der erste integrierte Mann; Jesus, der ägyptische Magier; Jesus, der Essener; Jesus, der Kyniker; Jesus in schlechter Gesellschaft; Jesus, der Hippie; Jesus, der Sozialrevolutionär; Jesus für Skeptiker und Jesus für Atheisten; und schliesslich der Jude Jesus, der mich am meisten fasziniert und von dem ich - bei rudimentärer Kenntnis des jüdischen Glaubens - annehmen muss, dass er sich seiner Vergottung zur dritten Person einer göttlichen Trinität vehement entgegengesetzt hätte. «Ist er erst tot / der Jud, / bleibt seine Lehre nicht gut» - so bringt es Erich Fried in seinem Gedicht «Karfreitag» auf den Punkt.

Mit jeder neuen Begegnung rückte der Herr Jesus meiner Jugend weiter fort, zerbrachen Gewissheiten, wurde Distanzlosigkeit obsolet und wurden Projektionen zurückgenommen. Wie, dachte ich, habe ich überhaupt je zu Jesus beten können? Warum betete ich nicht einfach zu Gott, wie Jesus selbst es in einfachsten Worten getan hatte? Und wie finde ich durch den Dogmennebel zum historischen Jesus? Vielleicht können mir Filme Jesus wieder näherbringen? Aber die Jesus-Filme von Zeffirelli, Rossellini und Heyman sind im Grunde fundamentalistischer als die öligsten Winkelprediger, sie verraten Jesus durch ihre historisierende Übertragung an die Trivialität. Die blauäugigen, mild lächelnden oder dramatisch glotzenden Kerle mit den langen Haaren gingen mir furchtbar auf die Nerven. Vielleicht hält «Monty Python's Life of Brian» - der für viele blasphemischste Jesus-Film - am meisten Hintergründiges bereit. Ich kann einen meiner Freunde gut verstehen, der sagt, er stelle sich Jesus am liebsten als kleinen, dicken Mann mit Glatze vor.

So hatte sich Jesus für mich am Ende in hermeneutische und dialektische Sätze aufgelöst. Das war scheusslich, aber Medizin schmeckt meistens scheusslich. Die Phase des agnostischen Zweifels und der Hinterfragung war notwendig, und eines Tages begegnete ich Jesus erneut auf ganz unerwartete Weise. Ich lernte einen spanischen Kellner kennen, der Jesus hiess. Dieser Jesus hatte Frau und Kinder und interessierte sich für Nietzsche und Beethoven. Jesus war ein wunderbarer Mensch: offen, herzlich, gebildet. Später erfuhr ich, dass er mit einem Tumor im Spital lag. Nach der Operation war er nicht mehr der gleiche, magerte ab, mied das Gespräch. Am Abend eines Ostersonntags erfuhr ich, dass Jesus am Morgen gestorben war. Geboren an Weihnachten, gestorben an Ostern - war dies Zufall oder Notwendigkeit? Name als Schicksal? Der Spanier Jesus ist meine lebendigste Erinnerung an Jesus geblieben, und ich wünschte, der Nazarener hätte ihm geglichen.

Später lebte ich für zweieinhalb Jahre in der Lebensgemeinschaft «Kreuz Jesu» im Kloster Dornach. Im Gegensatz zu radikal-evangelikalen Gruppen herrschte dort kein Jesus-Gerede, sondern der Geist christlicher Freiheit. Aus der täglichen Liturgie, welche ich in ihrem Rhythmus als Gegenteil distanzlosen Plappergebets empfand, wuchs wieder Glaube. Glaube an Jesus? Nein, Glaube an Gott, der aber nicht mehr zu trennen war von Jesus, dem Christus. In der Gemeinschaft entdeckte ich, was Dietmar Mieth als «Christus, das Soziale im Menschen» bezeichnet, echte Spiritualität jenseits der Zwecke und des Schielens nach dem ewigen Heil.

Christsein bewegt sich in einer Spannung, die es auszuhalten gilt: Ohne die Botschaft vom auferstandenen Christus wäre die Erinnerung an den historischen Jesus verlorengegangen, und ohne historischen Jesus wäre christlicher Glaube Mythos und reine Gnosis. Alle Christologie - alles Reden über den Christus - muss sich am historischen Jesus orientieren, aber keine Christologie darf die vorurteilslose Suche nach ihm behindern - eine Suche, die auch im neuen Jahrtausend weitergeht.

Für mich ist der historische Jesus in respektvolle Distanz gerückt, und ich masse mir nicht an, auf vertrautem Fuss mit ihm zu stehen. Jesus ist bis zum Ende Jude geblieben; der Christus aber war von Anfang an eine Frucht der Interpretation. In seinem Namen blühte eine Spiritualität, der ich viel verdanke; in seinem Namen wurden Verbrechen begangen, die mein Verhältnis zum Christentum belasten und jede spirituelle Erfahrung gebrochen erscheinen lassen.

So bleibe ich Christ trotz des Christentums. Ein trotziger Christ eben, genauso trotzig gegenüber der Versuchung des Fundamentalismus wie gegenüber den Sirenengesängen vorschneller Versöhnung, die nichts anderes ist als das ethische Pendant zur Beliebigkeit. Zum Jesuaner reicht es mir ebensowenig wie meinen Vorfahren; aber wenn es darauf ankommt, versuche ich sie zu hören: die Stimme meines fernen Bruders Jesus.


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