NZZ Folio 10/05 - Thema: Reich und Schön   Inhaltsverzeichnis

Hallo Taxi -- Ich möchte Ambulanzfahrer werden

© Daniel B. Peterlunger
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Von Daniel B. Peterlunger

Phiwayinkosi Mntambo, Soweto, Südafrika, ist 23 Jahre alt und ledig. Seine Hobbies sind Gewichtheben und Joggen. Er fährt einen Nissan E 20, Jahrgang 1990, Zählerstand 169 997 Kilometer.
Die Stadt Soweto hat knapp 4 Millionen Einwohner und gehört administrativ zu Johannesburg, Provinz Gauteng.
Phiwayinkosi Mntambo verdient im Monat zwischen 600 und 800 Rand, das entspricht 120 bis 160 Franken. Er wohnt in einem Hostel. Die Miete für sein Zimmer beträgt 35 Rand (7 Franken).


Wie viele Stunden pro Woche fahren Sie?

Zu viele! Ich fahre jeden Tag, sieben Tage in der Woche; von morgens 6.00 Uhr bis am Abend um 20.30 Uhr bin ich als Angestellter unterwegs.

Wie regeln Sie Ihre Altersvorsorge?

Gar nicht. Eine Pension gibt es nicht. Und sparen kann ich auch kaum. Als Taxifahrer hat man in dieser Stadt keine Zukunft. Dieses Business ist nur für die Wagenbesitzer interessant, nicht für die Angestellten.

Wann haben Sie das letzte Mal Ferien gemacht und wo?

Bezahlte Ferien kenne ich nicht. Doch zweimal pro Jahr nehme ich frei und besuche meine Eltern, die in der Provinz KwaZulu-Natal leben, wo ich aufgewachsen bin. Vor drei Monaten war ich zum letzten Mal dort, zu Weihnachten werde ich wieder hinfahren.

Warum sind Sie Taxifahrer geworden?

Ich habe zwar die Schule abgeschlossen, jedoch keine weitere Ausbildung gemacht. Es war ziemlich einfach, diesen Job als Fahrer zu bekommen. Aber es ist ein schlechter Job. Eigentlich möchte ich gern Ambulanzfahrer werden. Deren Lohn sei viermal höher als meiner, habe ich gehört. Deshalb spare ich eisern, um meine Weiterbildung zu bezahlen. Letztes Jahr habe ich bereits den Erste-Hilfe-Kurs absolviert.

Wie viele Kilometer legen Sie pro Tag zurück?

Innerhalb von Soweto etwa dreissig. Es sind etwas mehr, wenn ich nach Johannesburg fahren muss. Aber das ist eher die Ausnahme.

Welches war Ihre längste Fahrt?

Nach Glen bei Johannesburg, das waren zufällig auch dreissig Kilometer.

Was tun Sie in den Wartezeiten?

Zeitung lesen, Radio hören oder – so wie gerade jetzt – meine Musikkassetten reparieren.

Wer war Ihr aussergewöhnlichster oder schwierigster Gast?

Ich hatte bisher keine speziellen Gäs-te. Und diejenigen, die Probleme machen, gehören hier zum Alltag. Entweder sind sie betrunken, oder sie wollen nicht bezahlen. Dann fühle ich mich immer ziemlich hilflos. Denn es ist ja trotzdem meine Pflicht, sie dort abzuliefern, wo sie hinwollen.

Wie hoch war Ihr höchstes Trinkgeld?

In den mehr als zwei Jahren als Taxifahrer erhielt ich noch nie ein Trinkgeld.

Was blieb in Ihrem Taxi schon liegen?

Meistens vergessen die Leute ihre Regenschirme im Wagen. Einmal war es eine Geldbörse mit 40 Rand. Fundgegenstände übergebe ich dem Queue-Mar-shal beim Taxistand, der in den Stosszeiten die Menschenmassen regelt.

Wie reagieren Sie im Stau?

Ich suche eine Abkürzung. Doch wenn ich erst mal im Stau feststecke, muss ich mich ganz auf den Verkehr konzentrieren.

Sprechen Sie mit den Fahrgästen?

Ich sage einfach «Guten Tag», und dann plaudern wir. Die meisten Leute interessieren sich fürs Taxigewerbe und seine Schwierigkeiten.

Wie hoch war Ihre teuerste Busse?

500 Rand! Das ist mehr als die Hälfte meines Lohnes in einem guten Monat. Mein Führerausweis war abgelaufen.

Welches ist der schönste Ort in Ihrer Stadt? Was kostet die Fahrt vom Bahnhof dorthin?

Das Carlton Center, ein Hochhaus mit vielen guten Geschäften. Die Fahrt kostet 60 Rand.

Haben Sie Angst vor Überfällen?

O ja! Wann immer etwas passiert, passiert es im Taxi! Innert fünf Monaten wurden elf Fahrer umgebracht. Deshalb fand heute Morgen eine grosse Demonstration der Taxifahrer statt. Wir verlangen mehr Sicherheit und bessere Arbeitsbedingungen.

Was war die bedrohlichste Situation, die Sie erlebt haben?

Ich hatte zwei Männer im Wagen. Als ich sie am Ende der Fahrt zum Bezahlen aufforderte, sagte der eine zu mir: Du bezahlst. Er zog eine Pistole und hielt sie mir auf die Brust. Ich gab ihm alles, was ich dabei hatte, 140 Rand. Dann sind sie abgehauen.

Womit verwöhnen Sie sich?

Ich höre gern R &B-Musik. Für alles andere fehlt mir das Geld.

Was würden Sie tun, wenn Sie viel Geld hätten?

Ich würde einen Laden für schöne Kleider eröffnen. Ich denke, das wäre ein gutes Geschäft.


Taxameter
Gibt es nicht. Sammelfahrten innerhalb Sowetos kosten 60 Rappen, nach Johannesburg 80 Rappen. Bei nur einem Fahrgast kostet die Fahrt 9 Franken, nach Johannesburg 12 Franken.

Südafrika
Einwohner: 45 000 000
BIP pro Kopf: CHF 4450
Benzin: 1 l CHF 0.86
Milch: 1 l CHF 1.20
Coca-Cola: 1 l CHF 1.20
Brot: 1 kg CHF 1 .80

Reis: 1 kg CHF 0.70

Kinobillett: CHF 2.00

Zigaretten: CHF 3.00


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