NZZ Folio 11/03 - Thema: Erben   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- Ein Raumschiff mit sechs Milliarden Passagieren

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Von Wolf Schneider

NICHT DAS schon wieder – «Globalisierung»! Wir hören es bis zum Überdruss: dass sie Volkswirtschaften durcheinanderwirbelt, mit McDonald’s-Filialen auf Tahiti prunkt und Millionen Arbeitsplätze überflüssig macht; ein Kultwort ist sie geworden, und Kultwörter sind die Grossmeister im Verwirren der Begriffe. Schauen wir uns also die Geschichte des Wortes an, vor allem aber die der Sache: Sie ist 500 Jahr älter als das Wort und ziemlich schlecht in ihm aufgehoben.

Am Wort hat Schiller schuld – mit seinem Einfall nämlich, globus (lateinisch: Kugel, Ball, auch Klumpen) nicht nur, wie vorher üblich, auf ein kugelförmiges Pappmodell der Erde anzuwenden, sondern auf die Erde selbst. Das war die Basis, aus der erst vor etwa fünfzehn Jahren die «Globalisierung» hervorschoss, wörtlich also das Zur-Kugel-Machen – nicht besonders schlau, doch langsam mit der Bedeutung angefüllt: von Einfluss auf die ganze Erde, sie beherrschend durch vernetzte Geld- und Warenströme, durch den Siegeszug vorwiegend amerikanischer Moden und Produkte; und dem können wir, schrieb die «Süddeutsche Zeitung», so wenig ausweichen wie dem Tod.

Ehe die Global Players – die Grosskonzerne vor allem – von der Weltwirtschaft Besitz ergreifen konnten, musste die Besitzergreifung der Erde durch den Menschen stattgefunden haben, und von der ist dabei erstaunlicherweise fast nie die Rede. Der Mensch ist ja das einzige Säugetier, das sich auf Grönland ebenso wohnlich wie in der Sahara eingerichtet hat, in Tibet und auf der Osterinsel. Als letztes grösseres Stück Land wurde im 14. Jahrhundert Neuseeland besiedelt. Damit war der Auftrag der Bibel ausgeführt: «Füllet die Erde und machet sie euch untertan», die erste Phase der Globalisierung also abgeschlossen. Doch die Menschen hatten keine Vorstellung von anderen Völkern oder gar davon, von welcher Art die Erde war.

Kurios genug, dass sich dies schon gut hundert Jahre nach der Einbeziehung Neuseelands in die Menschenwelt dramatisch zu ändern begann, auf den Tag genau lässt sich das bestimmen: Am 7. Juni 1494 leisteten sich Spanien und Portugal die ungeheuerliche Anmassung, die Erde, die ganze, zwischen sich aufzuteilen; unterschrieben unter Aufsicht von Papst Alexander VI. im Kloster des spanischen Städtchens Tordesillas. Zwei Jahre zuvor war ja Kolumbus für Spanien in Amerika gelandet (auch wenn noch niemand wusste, wozu diese scheinbar herrenlose Landmasse gut sein sollte), und portugiesische Karavellen hatten 1487 die Südspitze Afrikas umsegelt und schickten sich an, alle Küsten des Indischen Ozeans in Besitz zu nehmen. Das Kolonialzeitalter war eröffnet, der Globus als Einheit erkannt und zur Ausbeutung freigegeben. 1522 vollendete ein Schiff des Magellan die erste Umrundung der Erde, nach mehr als drei Jahren – damals, als die Globalisierung noch eine persönliche Leistung und eine Strapaze war.

Eine meist unterschätzte Zäsur in der Geschichte der Verfügungsgewalt des Menschen über seine Erde fand 1953 statt: Nein, nicht gerade im Auftrag von Coca-Cola wurde da der Mount Everest zum ersten Mal bestiegen, aber doch mit dem Effekt, dass es seitdem auf Erden keinen Punkt mehr gibt, den Coca-Cola nicht erreichen kann. 1961 dann ein seltsames Zusammentreffen: Juri Gagarin umkreiste als erster Mensch die Erde im Weltraum, in 90 Minuten. Und auf Neuguinea geschah es im selben Jahr zum letzten Mal, dass abendländische Forscher auf ein bis dahin unbekanntes Volk von Steinzeitmenschen stiessen.

Seitdem existiert keine grössere Menschengruppe mehr, die sich dem Anprall westlicher Produkte, Sitten, Touristen entgegenstemmen könnte (es sei denn um den Preis, den Nordkorea dafür zahlt). 1968 zeigte uns die amerikanische Raumfähre «Apollo» auf ihrem Heimflug von der ersten Umkreisung des Mondes die Erde als bläuliche, weiss umschleierte Kugel, einsam und ziemlich klein im All: ein Raumschiff mit sechs Milliarden Passagieren, die ihm und sich offensichtlich nicht entrinnen können.

Was danach noch kam, darüber ist genug geredet worden: das Internet vor allem, das unter Menschen und Kontinenten die totale Gleichzeitigkeit herstellt – so dass nun jeder Aktienmogul durch einen zweiminütigen Kursvorteil zwischen den Börsen von New York und Tokio ein paar Millionen verdienen kann. Und dann die Bush-Doktrin: Amerika nimmt sich das Recht, vor jedem Land auf Erden Angst zu haben und es folglich zu erobern oder auszulöschen; Tordesillas war nichts dagegen. Die amerikanische Weltherrschaft in Kinofilmen, Fernsehserien, Popmusik und Nietenhosen hinzugerechnet, bietet es sich folglich an, statt Globalisierung Amerikanisierung zu sagen.

Hilfsweise könnte man das Kultwort sprachlich säubern: Globalisierung ist ja ein Vorgang – und da der als annähernd abgeschlossen gelten kann, wäre eine Zustandsbeschreibung treffender: Globalität . Auch die freilich mit dem Nachteil, dass «global» eine ganz andere Bedeutung beibehalten hat: nicht ins Detail gehend, in groben Zügen («zunächst nur eine globale Vereinbarung treffen»). Um es also global genug zu sagen: Es wird eng auf der Erde, und ihre Anziehungskraft lässt allmählich nach. 








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