NZZ Folio 03/08 - Thema: Volksvertreter   Inhaltsverzeichnis

Kapitel 2 – Keiner schaffte es allein

© Domagoj Lecher, Zürich
Daniel Jositsch, 42: Jeden Tag zwanzig Stunden auf den Beinen. Linktext
Wer in den Nationalrat kommen will, braucht viele Helfer: Familie, Parteifreunde, Berater, Sponsoren. Bei den Wahlfeiern begiesst man gemeinsam den Erfolg.

Von Andrea Strässle, Andreas Heller und Daniel Weber

Brigit Wyss, Grüne: Eine neue Garderobe

Am Freitagabend nach der Wahl schaut Brigit Wyss beim Wahlapéro von CVP-Nationalrat Pirmin Bischof vorbei. Auch wenn die beiden nicht immer gleicher Meinung sind, ist ihnen eines gemeinsam: Sie wollen mit Anstand politisieren. Vor dem Eingang des «Landhauses» trifft sie auf einen Fotografen der «Solothurner Zeitung». «Ich brauche ein Foto mit dir und Pirmin, okay?» sagt er. Brigit Wyss nickt. Während ihrer ersten Jahre im Gemeinderat ärgerte sie sich oft darüber, wie stiefmütterlich die Presse die Grünen behandelte. «Für gewisse Redaktoren bin ich ein rotes Tuch: Frau, grün und erst noch eine laute Röhre.»

Danach trifft sie sich mit ihren Ladies im Restaurant Industrie: sechs Frauen, die seit zwanzig Jahren einmal pro Monat zusammen ausgehen und sich samstags auf dem Markt treffen. Die meisten sind wie Brigit Wyss in Lüsslingen-Nennigkofen aufgewachsen. Eine der Freundinnen drückt Brigit einen üppigen Blumenstrauss in den Arm, der Wirt spendiert eine Runde Prosecco, Gäste treten an sie heran und schütteln ihr die Hand. Eine der Ladies streckt einen Fuss vor. «Schaut, ich habe der Nationalrätin zu Ehren extra die Lackschuhe angezogen.» Grosses Gelächter. Brigit Wyss schaut an ihren Jeans herunter und runzelt die Stirn. «Ja, ich muss wohl meine Garderobe aufrüsten.» Als Angestellte einer Umweltorganisation habe sie doch nichts Passendes im Schrank. Doch eigentlich sind es andere Fragen, die ihr in den ersten Nächten nach der Wahl den Schlaf geraubt haben. Was wird der Chef sagen, der ebenfalls kandidiert hat, aber nicht gewählt wurde? Um wie viel soll ich mein Pensum reduzieren? Kann ich meine Mandate im Kantonsrat und im Gemeinderat fortführen? FDP-Nationalrat und Stadtpräsident Kurt Fluri empfahl ihr dringend, für Sekretariats- und Recherchearbeiten einen Assistenten anzustellen. «Wenn ich so etwas höre, wird mir schon ein bisschen mulmig», gesteht sie ihren Freundinnen. Gleichzeitig kann sie es kaum erwarten, sich in die Arbeit zu knien. «Mrs. Nobody wurde in den Nationalrat gewählt – diese Chance will ich unbedingt nutzen.»

Daniel Jositsch, SP: Beim Essen eingeschlafen

Der Wahlapéro von Daniel Jositsch findet passend zum Anlass im Stockwerk J der ETH statt. Im gediegenen Dozentenfoyer, der ringsum verglasten Kantine für die Professoren der Uni und der ETH. Tagsüber bietet das Foyer eine gewaltige Rundsicht über Zürich, aber auch jetzt ist der Blick über die glitzernden Lichter der Stadt und den dunkel daliegenden See atemberaubend. Daniel Jositsch hat etwa 200 Leute eingeladen: Familie und Freunde, Kollegen von der Universität und aus der Politik. Die Politiker sind längst nicht alle aus der SP – sein Netzwerk umspannt alle Parteien. «Als Präsident der Schulpflege in Stäfa war er un­bestritten, die anderen Parteien haben nicht einmal einen Gegenkandidaten aufgestellt!» sagt ein ergrauter Sozi aus seiner Heimatgemeinde begeistert. «Er war der erste Schulpräsident der SP Stäfa seit Menschengedenken!»

Umsichtig bewegt sich Daniel Jositsch unter seinen Gästen, begrüsst jemanden hier, wechselt ein paar Worte da. Zu einem Kollegen aus dem Kantonsrat sagt er grinsend: «Weisst du, was ich dir voraushabe? Wenn ich morgens aufstehe, kann ich zu mir sagen: Ich bin alt Kantonsrat.» Anfang November hat er sein Rücktrittsschreiben abgegeben, sechs Monate nachdem er gewählt worden war. «Wenigstens kann mir niemand vorwerfen, ich sei ein Sesselkleber.»

In seiner Rede dankt er Chantal Galladé, mit der er einige Wahlveranstaltungen durchführte, seinem Wahlkampfteam Julia Gerber und Mario Fehr, seiner Frau und seinem dreijährigen Sohn. Was er nicht erzählt, ist, wie er nach zwei harten Wahlkampfwochen, in denen er jeden Tag zwanzig Stunden auf den Beinen war, in eine Pizzeria zum Essen ging und während der Vorspeise am Tisch einschlief. Heute bringt er die Leute zum Lachen, die Strapazen sind nur noch Anekdoten. Und er verspricht, auch weiterhin sein Bestes zu geben, damit er in vier Jahren wieder 44 Stimmen Vorsprung hat. «Er ist der bedingungsloseste Wahlkämpfer, den ich kenne», sagt sein Parteikollege Mario Fehr. «Wochenlang stand er morgens um sechs irgendwo im Kanton Zürich am Bahnhof und verteilte Flugblätter, er machte Standaktionen, bestritt Podiumsgespräche – er ist immer im Vorwärtsgang, immer mit Vollgas, man kann ihn nicht bremsen.»

Andrea Geissbühler, SVP: Etwas Zeit zum Reiten

Auf einem Hof ausserhalb von Möriswil in der Gemeinde Wohlen bei Bern führt Andrea Geissbühler ihre Pferde Galaxie und Iltschi aus den Boxen ins Freie und bindet sie fest. Sie spricht leise mit den ehemaligen Concourspferden und hält jedem einen Apfel hin. Es ist ein eisig kalter Novembertag, auf den Wiesen liegen Reste von Schnee. Ein Vater bringt seine 10-jährige Tochter zur Reitstunde. «Hoi, Livia», begrüsst Geissbühler ihre Schülerin. «Du kannst gleich bei Galaxie die Hufe säubern, wenn du magst.» Der Vater des Mädchens schaut zu, wie die beiden die Pferde für einen Ausritt herrichten.

«Hast du es streng, Andrea?»

«Ja, schon, seit der Wahl.»

«Es kostet halt Zeit, wenn man etwas bewegen will.»

«Solange für das, was mir neben Politik und Arbeit auch noch wichtig ist, etwas Zeit bleibt, für das Reiten zum Beispiel, macht es mir nichts aus.»

«Du reduzierst aber schon bei der Polizei, oder?»

«Ich will ein Gesuch um Reduktion auf 50 Prozent stellen.»

Die Dezembersession muss sie noch mit ihrem vollen Pensum durchstehen. Deshalb arbeitet sie die nächsten zwei Wochen durch und macht Wochenenddienst. Die Sonne hat eine Lücke in der Wolkendecke gefunden. Geissbühler hilft Livia in den Sattel und klettert auf den Rücken ihrer Iltschi. «Iltschi ist so, wie ich Pferde mag», sagt sie, «ein wenig wild, rassig, aber nicht zu gross für mich.» Livia winkt ihrem Vater zu, dann trotten die beiden Reiterinnen davon.

Pius Segmüller, CVP: Die Ehefrau als «Federung»

Pius Segmüller hat seine Wahlfeier sorgfältig geplant. Wer ihn im Wahlkampf speziell unterstützte, hat eine schriftliche Einladung bekommen, auf der Rückseite ein Dankesbrief, in dem er verspricht, er werde «mit Charakter sowie mit Anstand» politisieren. «Sicher werde ich das Mögliche tun, um die Zukunft unseres Landes sicher zu gestalten.» Um die 50 Wahlhelfer haben sich im Säli des Restaurants Goldener Sternen in Luzern versammelt. Das gutbürgerliche Lokal war Segmüllers Stammbeiz, als er noch Kommandant der Stadtpolizei war. Am runden Tisch vor dem Buffet pflegte er sein Mittagessen einzunehmen, und an diesem Tisch sitzt er auch heute Abend mit seiner Ehefrau, mit alt Korpskommandant Beat Fischer, mit einem ehemaligen Lehrer vom Seminar in Hitzkirch und Gattin sowie mit dem Präsidenten der CVP-Fraktion im Kantonsrat. An den weiteren Tischen sitzen Luzerner Persönlichkeiten wie der frühere Verkehrsdirektor Kurt H. Illi und der Unternehmer Otto Bachmann, Arbeitskollegen aus der Verwaltung und eine ganze Truppe ehemaliger Schweizergardisten.

Segmüller fühlt sich wohl. Zum Apéro trinkt er ein Bier, schon bald zieht er Jackett und Krawatte aus und erhebt sich für eine Rede. In den USA hätten die Präsidentschaftskandidaten Wahllokomotiven, er hingegen habe ein Wahlauto gehabt. Es hatte ein Chassis (die Partei), Räder (die Wahlhelfer) und einen Motor (Frondienst leistende Ex-Gardisten). Ausserdem brauchte das Auto Benzin (Wahlspenden) und einen Fahrer. «Nicht ich war dieser Fahrer», stellt Segmüller klar. «Es war mein PR-Mann, Stefan Egli. Ich bin bloss der Beifahrer gewesen, der ab und zu korrigierend eingegriffen hat.» Schliesslich richtet er das Wort an die «Federung», an seine Ehefrau. «Ich bin froh, dass ich dir wenigstens auf einem Plakat begegnet bin», habe sie ihm einmal gesagt. «Ich bin froh, dass du das alles ertragen hast», sagt er.

Segmüller habe einen intensiven Wahlkampf geführt, sagt der Fraktionspräsident, alles sei generalstabsmässig geplant gewesen. Er investierte 50 000 Franken aus dem eigenen Sack, betonte seinen christlichen Glauben und fokussierte sein Programm streng auf den Bereich Sicherheit. «Luzern wählt sicher – sicher Segmüller», lautete sein Slogan Das kam gut an, nicht nur bei den Stammwählern der CVP.

Die Gruppe an Pius Segmüllers Tisch ist gut gelaunt. Der Lehrer erzählt, wie kontrovers Segmüllers Diplomarbeit für das Sekundarlehrerpatent – Thema: «Das Mutterbild von Pestalozzi» – am Seminar beurteilt worden sei. Eine Kollegin bewertete die Arbeit, in der der junge Seminarist ein Loblied auf die fürsorgende, sich ganz ihren Kindern widmende Mutter sang, mit einer ungenügenden Note, er hingegen mit einer 6. So gab es wenigstens eine 5. Von der Schule wechselt das Gespräch zur bevorstehenden Fasnacht und schliesslich zum Militär. Der ehemalige Korpskommandant hofft, dass die Politiker die Schweizer Armee nicht noch weiter demontieren werden. Bei Pius Segmüller muss er das nicht befürchten.

Brigit Wyss, Grüne: Feier mit Rockband

«She’s got it, yeah, Baby, she’s got it», rockt die Solothurner Frauenband Donne im selben Säli des Restaurants Kreuz, in dem die Grünen um ihren Sitz gebangt haben. Nationalrätin Wyss zieht ihren Blazer aus. Nach einer Solorunde auf der Tanzfläche pflückt sie sich Kantonsrat Thomas Woodtli aus dem Publikum. Zusammen mit einem weiteren Dutzend Verwegener bringen sie das Parkett zum Knarren. In der Bar stösst man derweil über die Parteigrenzen hinweg mit einem Glas Roten auf die Wahl der Grünen an. Kinder wuseln zwischen den Beinen der Erwachsenen herum, auf dem Sofa im Foyer wird genüsslich geraucht.

Brigit Wyss lässt sich glücklich seufzend auf einen der Holzstühle fallen. Ihr Sohn tippt ihr im Vorbeigehen auf die Schulter und fragt mit Unschuldsmiene: «Du zahlst, oder?» Sie lacht. «O nein, du zahlst schön selber.» – «Aber bist du heute nicht offiziell die Gastgeb…» – «No chance, mein Lieber.» Während im Säli ein DJ die Band ablöst und sich die Discokugel an der Decke zu drehen beginnt, verschwindet Wyss kurz in einem Nebenräumchen. Neben Jacken und Taschen liegen dort auf einem Tisch die Geschenke und Mitbringsel der Gäste. Zwischen Honig, Blumen und Duftessenzen findet sich eine selbst­gebastelte Notfallapotheke für Nationalräte: Das Schizophrenie-Medikament Zyprexa wird empfohlen bei «schwerem Realitätsverlust und Wahnvorstellungen wie SVP-Verschwörungstheorien». Zoldorm, das Schlafmittel, kann auch «durch parlamentarische Reden ersetzt» werden.

Andrea Geissbühler, SVP: Brunch in der «Heubüni»

Am Sonntag vor Sessionsbeginn treffen sich Familie, Freunde, Arbeitskollegen und Wahlhelfer der Geissbühlers zu einem währschaften Brunch in der «Heubüni» Ortschwaben. Efeu und Hufeisen schmücken die Tische, auf den Tischsets sieht man Andrea Geissbühler mit ihrem Pferd Iltschi beim Sprung über ein Hindernis. Die Eltern zeigen auf ­einer Leinwand Bilder aus dem Fotoalbum der Tochter: Andrea an ihrem ersten Schultag, mit ihren Brüdern beim Wasserspringtraining, mit ihren Pferden, als Kindergärtnerin, als Handballschiedsrichterin, mit ihrem langjährigen Freund Micha auf Reisen, bei der Festnahme eines Demonstranten am vergangenen 6. Oktober in Bern. Auch ein paar Bilder vom Wahlkampf sind dabei. Mutter und Tochter Geissbühler tourten per Tandem durch den ganzen Kanton. 1385 Kilometer legten sie zurück.

Dann tritt ihr Bruder Matthias auf die Bühne. Er hat kürzlich sein Débutalbum veröffentlicht. Nach einer Handvoll eigenen Songs schliesst er mit Mani Matters «Ballade vom Nationalrat Hugo Sanders». Dessen Schicksal ist tragisch: Er werkelt so lange an seiner grossen Rede herum, die alles ändern soll, dass darüber seine Amtszeit abläuft. «Ich hoffe, meine Schwester wird kein Hugo Sanders», sagt Matthias.Darauf steigt sie selbst auf die Bühne. «Ich habe während der letzten zehn Monate genug geredet, und in den nächsten vier Jahren wird es noch viel mehr sein – deshalb halte ich keine grosse Ansprache.» Sie dankt für die Unterstützung und verteilt gelbe Rosen. Ihrem 89-jährigen Grossvater, der im Rollstuhl sitzt, legt sie das Röslein in den Schoss. «Schön, Grossvati, dass du da bist.» Vor der Bühne stimmt Mutter Geissbühler ein Lied an, dirigiert den ganzen Saal: «Hab oft im Kreise der Lieben / in duftendem Grase geruht / und mir ein Lied gesungen / und alles war wieder gut.»

Am Nachmittag desselben Tages steht Andrea Geissbühler am Weihnachtsmarkt in Burgdorf an einem Stand der SVP. Es nieselt und beginnt einzudunkeln. Zwei Parteikolleginnen schenken Punsch und Glühwein aus. Flugblätter mit weissen und schwarzen Schafen, Infobroschüren zur SVP und Unterschriftenbogen zur Minarett-Initiative liegen auf. Den Marktbesuchern steht der Sinn nicht nach politischen Diskussionen. Also unterhält sich Geissbühler mit dem Solothurner SVP-Nationalrat Walter Wobmann über die bevorstehende Session. Sie erzählt ihm, dass sie sich gleich in der ersten Woche zur Hanfinitiative äussern will. «Sehr gut», lobt Wobmann. Wenn das so sei, verzichte er auf ein Votum. «Du wirst schon das Richtige sagen.» Wie das eigentlich sei mit der Begrüssung, wenn man ans Rednerpult trete, fragt Geissbühler. Wobmann erklärt: «Also, normalerweise fängt man an mit ‹Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen›, und dann kommt das Votum.» Und wenn ein Bundesrat im Saal anwesend sei, dürfe man den natürlich auch nicht vergessen. «Ist das so vorgeschrieben?» will sie wissen. «Sonst sage ich nämlich einfach ‹Liebe Anwesende› und fertig.»



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