NZZ Folio 01/03 - Thema: Angst   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Nur weil sie kein Engelskleid tragen

Von Herbert Cerutti

ES GIBT VIELE GRÜNDE, warum Menschen gewisse Tiere nicht mögen. Bei der Viper fürchten wir uns vor den Giftzähnen, beim Löwen macht das Raubtiergebiss Angst. Der Wespe verschafft der Stachel Respekt, bei der Wildsau sind es die spitzen Hauer. Und den Mäusen und Schnecken nehmen wir übel, dass sie sich ungeniert in der Vorratskammer und im Hausgarten bedienen. Warum aber haben Fledermäuse seit je ein miserables Image?

Sie gelten als unheimlich und falsch, als Dämonen der Nacht, als Ausgeburten der Hölle. Sie flattern im Zickzack lautlos durch das Dunkel. Und wer eine Fledermaus von nahem sieht, ist entsetzt über ihr hässliches Gesicht. So wurden die Biester zum Dekor der Hexenküche, kamen ins Stamminventar der Unterwelt. Folgerichtig auch, dass Drachen und Teufel mit Fledermausflügeln durch die schwefligen Lüfte brausen.

Dies hat schon Dante gewusst, der in seiner «Göttlichen Komödie» den gefallenen Engel Luzifer «mit Schwingen grösser als Schiffssegel ausstattete, die keine Federn hatten und wie Fledermausflügel gemacht waren». In Shakespeares «Macbeth» gehört in den kochenden Hexenkessel neben Natternzunge und Schierlingswurzel auch die Wolle der Fledermaus. Und Fledermausblut kommt in die Salbe, die sich die Hexe auf den Körper schmiert, damit sich das geheimnisvolle Talent, selbst im Stockdunkeln ohne Kollision zu fliegen, auch auf den Besenluftverkehr übertrage.

Zwar haben aufgeklärte Tierfreunde und Zoologen viel unternommen, um die Fledermäuse in sympathischem Licht erscheinen zu lassen. Die Abscheu vor den «Flattertieren» steckt jedoch derart tief, dass falsche Meinungen noch heute kursieren. So bleibt bei mancher Frau die Angst, eine Fledermaus könnte sich im Haar verfangen, was eine brutale Sanierung mit der Schere nötig mache. Dabei ist mittlerweile hinlänglich bekannt, dass Fledermäuse dank einer radarähnlichen Echoortung sogar einem dünnen Draht behende ausweichen können.

Wo immer man Fledermäuse in Dachstöcken und Höhlen fand, hat man sie verfolgt und ausgerottet. Es soll in ländlichen Gegenden nach wie vor den Brauch geben, zum Schutz vor Dämonen Fledermäuse über die Tür zu nageln. Auch in der englischen Sprache wird die Fledermaus noch immer diskriminiert. So ist ein böses altes Weib «an old bat», ein Bordell wird «bat-house» genannt, «to have bats in the belfry» heisst wörtlich «Fledermäuse im Kirchturm haben» und meint «verrückt sein». Von besonderer Ignoranz zeugt «as blind as a bat» als Synonym für «stockblind». Denn die Orientierung der Fledermäuse mit Ultraschall und mit den Augen gehört zu den grossartigen Sinnesleistungen im Tierreich.

Das Schlechtmachen der Fledermaus hat besonders im angelsächsischen Raum Tradition. Edward Topsell, ein britischer Pfarrer und Naturforscher aus dem 17. Jahrhundert, machte der Fledermaus zum Vorwurf, sie könne weder gut fliegen wie die Engel, noch sei sie gut zu Fuss wie der Mensch. Und die Fledermaus gleiche in ihrem Lebensstil dem Sünder, denn auch dieser vollführe seine Missetaten im Dämmerlicht.

Wie gewisse Vorurteile über Tiere biblische Wurzeln haben, zeigt die amerikanische Anthropologin Elizabeth Lawrence im Aufsatz «Die heilige Biene, das schmutzige Schwein und die Fledermaus aus der Hölle». Im dritten Buch Mose erfahren die Israeliten, wie «alles kleine Getier, das Flügel hat und auf vier Füssen geht, ein Greuel und unrein ist». Im ersten Brief des Paulus an die Korinther stossen wir auf die mögliche Quelle der weiblichen Fledermausphobie: «Im Gottesdienst soll die Frau einen Schleier auf dem Haupt haben um der Engel willen.» Dass nun solche Vorkehrung ebenfalls in Gegenwart flatternder Dämonen angezeigt sein könnte, war für die fromme Frau wohl naheliegend. Faszinierend, wie das archaische Bild noch im Jahre 1992 haargenau gilt: Im Film «Batman Returns» wird die verführerische Eisprinzessin auf hoher Warte von Fledermäusen attackiert, wobei sich die Biester im üppigen Haarschopf verfangen und die Lady vor Schreck in die Tiefe stürzt.

Im scharfen Kontrast zur Verteufelung der Fledermaus in der christlichen Welt steht die chinesische Tradition. Dort bringt das fliegende Säugetier Segen, und das Schriftzeichen «fu» bedeutet zugleich Fledermaus und Glück. Und in Legenden aus den pazifischen Inseln spielen Fledermäuse die Rolle von Helden. Auch gab es schon früh alemannische und germanische Seelen, denen die Fledermaus überhaupt nicht fürchterlich schien.

So lobt Friedrich von Tschudi im Jahre 1853 in seinem «Thierleben der Alpenwelt» die Nachtschwärmer: «Es ist sonderbar, dass der Mensch einen tiefen Widerwillen gegen so viele Geschöpfe hegt, die ihm durchaus nützlich sind. Er flieht oder verfolgt die Fledermäuse, die seine wahren Wohltäter sind. Ähnlich den Schwalben sind sie höchst wichtige Vertilger der Insekten und verzehren mit fast unersättlichem Appetit Millionen von Käfern, Baumraupen, Kohl- und Nachtschmetterlingen.»

Um 1883 widmet «Brehms Thierleben» den «Flatterthieren» nicht weniger als 60 Buchseiten und beschreibt Körperbau und Verhalten mit Akribie. Die Beobachtungen münden auch hier in ein Plädoyer: «Der vorurtheilsvolle Mensch hat diesen harmlosen Thierchen mancherlei Verleumdungen zu Theil werden lassen, anstatt sie im eigenen Nutzen zu hegen und zu schützen. Ein allgemein verbreiteter Aberglaube, dass sich die Fledermäuse in die Haare verwickeln und nicht mehr daraus zu entfernen seien, entbehrt aller Begründung.»

Die frühen Fledermausforscher wussten auch, dass in den absonderlich geformten Nasen und Mündern das Geheimnis des wundersamen Orientierungsinns begründet sein müsse. Dem Rätsel auf die Spur kam schliesslich der Engländer Hamilton Hartridge, der 1920 vermutete, die Fledermäuse benutzten seit Jahrmillionen just jenes Sonar (Sound Navigation and Ranging), das die Royal Navy soeben erfunden hatte.

Die Zwittererscheinung der Fledermaus zwischen Vogel und Säuger ist kein Zufall. Vor 50 Millionen Jahren entwickelte sich aus der Gesellschaft der frühen Säuger eine Variante, die den Vögeln das Monopol auf die vielen Insekten im Luftraum streitig machen wollte. Diese Tiere bauten die Hand zu einem flügelartigen Gebilde mit langen Fingern als Gerüst und einer dünnen Hautbespannung um. Da ausgespannte Häute jedoch weniger flugtüchtig sind als Flügel aus Federn, konnten die Fledermäuse auf der Insektenhatz mit den Vögeln schlecht mithalten. Den flatternden Säugern blieb als Nische die Nacht, was jedoch eine speziell angepasste Technik der Objekterkennung nötig machte.

Wenn man die Ernährungsweise der 950 Arten von Fledertieren (Fledermäuse und Flughunde) betrachtet, findet man zu fast jedem tagaktiven Vogel das im Dunkeln agierende Pendant. Der Grossteil der Fledertiere hält sich an fliegende Insekten. Man kennt aber auch Fledermausarten wie die Mausohren, die Laufkäfer und Spinnen vom Boden holen.

Der Grosse Abendsegler sucht Insekten in Höhen bis weit über hundert Meter; die Wasserfledermaus jagt nur fingerbreit über dem Wasserspiegel. Die Langohren wiederum rütteln wie Falken am Himmel und pflücken im Sturzflug ein auf dem Blattwerk ruhendes Insekt. Die Hasenmaul-Fledermaus in Mittelamerika fängt sogar Fische, indem sie kleinste Wellenänderungen an der Wasseroberfläche ortet und dann die Beute mit den Krallen holt.

Fast ein Drittel der Fledertiere ernährt sich von Früchten, Nektar, Pollen oder Blättern. In Afrika konsumieren Flughunde auf den Bäumen Mangofrüchte, Feigen und Bananen. Im tropischen Regenwald Amerikas leben die Langzungen-Fledermäuse. Sie schwirren wie Kolibris vor einer Blume und lecken den Nektar mit präzisem Zungenspiel aus dem Blütenkelch.

Dass es im weiten Spektrum nun in der Neuen Welt auch drei Arten gibt, die sich auf das Trinken von Blut spezialisiert haben, war für Fledermaushasser ein willkommenes Argument. Dabei behandeln solche Vampirfledermäuse ihre Nahrungsspender mit grösster Zuvorkommenheit, denn die sättigende Quelle soll ja auch noch in den folgenden Nächten verfügbar sein. Menschen, die von Vampiren besucht wurden, berichten von einem schmerzlosen chirurgischen Biss. Dann lässt sich die Fledermaus den roten Saft über eine schmale Rinne in der Zunge direkt in den Schlund fliessen.

So haben sich die Fledermäuse im Laufe der Evolution wie die Vögel an die Vielfalt pflanzlicher und tierischer Nahrung angepasst. Aber während wir schon immer dem Rotkehlchen sein Käferchen, dem Storch den Frosch und dem Adler das Murmeltier gönnten, stempelten wir die Fledermäuse allesamt zu Dämonen – nur weil sie kein Engelskleid tragen und in der Nacht zur Arbeit fliegen.


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