MAN KANN DEN Beginn der menschlichen Regenwurmliebe auf das Jahr genau datieren. Noch im 19. Jahrhundert galten die «Erdwürmer» als Schädlinge, die sich von den Wurzeln der Pflanzen ernährten und deshalb auszurotten seien – eine Verleumdung, denn die zahnlosen Wesen können weder abbeissen noch kauen.
Mit dem Buch «Die Bildung der Ackererde durch die Tätigkeit der Würmer mit Beobachtungen über deren Lebensweise» attackierte der englische Naturforscher Charles Darwin 1881 die vorherrschende Meinung und etablierte die Regenwürmer als Wohltäter der Landwirtschaft: «Es ist ein wunderbarer Gedanke, dass sämtlicher Humus der oberen Bodenschichten durch die Regenwürmer gegangen ist und wiederum innert einiger Jahre die Körper der Würmer passieren wird. Der Pflug ist eine der ältesten und wertvollsten menschlichen Erfindungen. Doch lange bevor der Pflug existierte, wurden die Böden regelmässig gepflügt, und sie werden immer und fortwährend durch die Regenwürmer gepflügt.»
In jahrelangen Beobachtungen und Experimenten hatte Darwin untersucht, wie viel Erde und organisches Material die Würmer verarbeiten und damit laufend neuen Humus schaffen. Er konnte auch nachweisen, dass eine 40 Zentimeter dicke, schützende Humusschicht auf dem Fussboden einer 1500 Jahre alten römischen Villa allein durch die Tätigkeit der Regenwürmer entstanden war, weshalb die Regenwürmer zudem Freunde der Archäologen wurden.
Wenn wir von Regenwürmern reden, ist meist Lumbricus terrestris, der Tauwurm oder Gemeine Regenwurm, gemeint. Bis zu 30 Zentimeter lang, ist er bei uns der grösste Regenwurm. Weltweit gibt es über 3000 Arten; mit Megascolides australis lebt im australischen Busch sogar ein drei Meter langes Monster. In Europa tummeln sich etwa 400 Arten, in der Schweiz und in Deutschland jedoch nur knapp 40. An der geringen Artenvielfalt in unseren Breiten sind die Eiszeiten schuld, die für die Regenwürmer tödlich waren.
Unsere einheimischen Regenwürmer bewohnen im Boden verschiedene Etagen und lassen sich nach drei Lebensformen unterscheiden. Nahe der Oberfläche leben die kleinen und agilen Streuformen, die in Wiesen oder im Wald zwischen abgestorbenem Pflanzenmaterial und Blättern der Streuschicht hausen. Dazu gehören der Rotwurm und der Kompostwurm.
Der landläufige «Regenwurm», der viel kräftigere Tauwurm, gräbt sich dagegen in lehmigen Sandböden senkrechte Wohnröhren, die zwei bis drei Meter tief reichen. Zum Einsammeln von organischem Material kommt er vorwiegend im Dunkeln an die Erdoberfläche, denn der hintere, bleiche Teil des Körpers ist nur schlecht gegen UV-Strahlung geschützt. Auch muss er seine Haut immer feucht halten, weshalb er für Ausflüge, etwa für die Partnersuche oder für einen Wohnortswechsel, Regenwetter bevorzugt.
Praktisch nie an die Oberfläche kommen die am ganzen Körper durchscheinend hell gefärbten Mineralbodenformen wie der Grauwurm. Diese Regenwürmer leben im Wurzelbereich der Pflanzen, wo sie sich von toten Wurzelresten ernähren.
Moderne Untersuchungen haben die Nützlichkeit der Regenwürmer bestätigt und eine noch grössere Produktivität festgestellt als von Darwin berechnet. Im gesunden Wiesland arbeiten bis zu 500 Regenwürmer pro Quadratmeter, die bis zu 60 Kilogramm Humus pro Jahr produzieren. Was im Darm der Regenwürmer passiert, ist hochwertiges Rezyklieren von Pflanzen- und Tierresten.
Doch die Würmer können weder kauen, noch verfügen sie über Enzyme, um die Zellulose und das Lignin der pflanzlichen Zellwände aufzulösen und so an den nahrhaften Inhalt zu kommen. Vielmehr saugen sie sich an dem auf dem Boden liegenden Blatt oder Halm fest, ziehen die Beute in die Wohnröhre und lassen dort Bakterien und Pilze die Zellen knacken.
Erst nach der Vorarbeit der Mikrohelfer saugen die Würmer mit den starken Muskeln des Schlundes die Nahrung ein – inklusive der nährstoffreichen Mikroorganismen. Mit der Nahrung aufgenommen werden auch Mineralteilchen des Bodens, die dann im Muskelmagen wie Schleifpulver wirken und so die Nahrung zu einem feinen Brei zerreiben. Eine chemische Zersetzung im Darm ermöglicht dem Wurm schliesslich, Nährstoffe durch die Darmwand ins Blut aufzunehmen. Alles Unverdaute wird, in Schleim verpackt, durch den After ausgeschieden und am Eingang der Wohnröhre als Kothäufchen deponiert.
Der Regenwurm kann der Nahrung nur fünf bis fünfzehn Prozent der Nährstoffe entziehen; der Grossteil kommt im Kot wieder an die Erdoberfläche. Dort machen sich umgehend Bakterien, Insektenlarven und Springschwänze über das nahrhafte Angebot her und setzen weitere Nährstoffe frei. Für den Regenwurm eine Einladung, sich den veredelten eigenen Kot erneut einzuverleiben.
So geht der gleiche Nahrungsbrei wieder und wieder durch den Regenwurmdarm, laufend ergänzt durch neue Mineralien, Pflanzenreste und Mikroorganismen. Der Regenwurmkot wird zum hochwertigen Gemisch aus organischen und mineralischen Stoffen, die Pflanzen in dieser Form leicht aufnehmen können. So ist es nicht verwunderlich, dass es Hobbygärtner gibt, die die Häufchen auf dem Rasen sorgfältig einsammeln und den Pflanzen im Gemüsebeet als Leckerbissen offerieren.
Regenwürmer sind nicht nur als Humuslieferanten, sondern auch als Tunnelbauer nützlich. Pro Quadratmeter Boden können bis zu tausend Regenwurmröhren in grosse Tiefe führen – man hat schon acht Meter lange Röhren gemessen. Dadurch entsteht ein hervorragendes Belüftungssystem, das reichlich Sauerstoff und Stickstoff in den Boden bringt. Entlang den Röhren siedeln zudem grosse Populationen von Bakterien, die Stickstoff binden, was wiederum den Pflanzen zugute kommt.
Die Wurmröhren sind ein effizientes Drainagesystem, denn starker Regen kann wie in einem Schwamm versickern. Von Regenwürmern durchlöcherte Böden nehmen vier- bis zehnmal so viel Wasser auf wie Böden ohne Würmer. Deshalb schützt solche natürliche Drainage das Kulturland vor Oberflächenerosion.
Damit die Wände der nur wenige Millimeter dicken Wohnröhren nicht einstürzen, werden sie von den Würmern mit Kot verputzt. Wo durch das monatelange Auf und Ab des Bewohners eine Röhre ausgeleiert ist, passt der Regenwurm das Tunnelprofil mit neuen Kotschichten wieder seinem Körper an.
Denn nur in einer massgeschneiderten Wohnröhre kann sich das Tier hochstemmen, indem es mit seinen Längs- und Ringmuskeln die einzelnen Körperabschnitte abwechselnd dick und kurz oder lang und dünn macht und sich mit solchen Kontraktionswellen vorwärts schiebt. Damit der Wurm nicht zurückrutscht, trägt er an jedem der etwa 200 Körpersegmente acht kurze Borsten, die wie Spikes in die Röhrenwand stechen.
Nicht mehr bewohnte Röhren werden umgehend von Pflanzenwurzeln als kommode Wege in die feuchte Tiefe genutzt, wobei die Tapetenschicht aus Wurmkot der hungrigen Pflanze besten Dünger liefert.
Was das bodenbiologische Potpourri der Regenwürmer für das Pflanzenwachstum bedeutet, zeigten Versuche in den Niederlanden, wo man in neu gewonnenen Poldern (eingedeichtes Land) gezielt Regenwürmer ansiedelte. Dank Regenwurmsupport steigerte sich der Ertrag beim Winterweizen auf das Doppelte und beim Klee sogar auf das Zehnfache gegenüber neuen Feldern ohne Regenwürmer. Bei Obstanlagen zeigten Untersuchungen acht Jahre nach dem Aussetzen der Würmer eine Zunahme der Grobwurzeln um 140 Prozent und des Feinwurzelwerks um 50 Prozent.
Auch in Neuseeland versuchten Farmer, die Qualität von wurmarmen Tierweiden zu verbessern, indem sie europäische Regenwürmer aussetzten. Mit durchschlagendem Erfolg, denn nach nur vier Wurmjahren war die Grasproduktion um 72 Prozent gestiegen.