NZZ Folio 06/07 - Thema: Meine erste Million   Inhaltsverzeichnis

Wer wohnt da? -- Knochen für Kenner

© Heinz Unger
Wohnen mit Ausstellungscharakter: Bitte nicht berühren. Linktext
Eine Kunsthändlerin? Eine Einzelgängerin mit Hang zu toten Haustieren?
Wen eine Psychologin und ein Innenarchitekt anhand der Bilder in diesen Räumen vermuten.

Von Gudrun Sachse

Die Psychologin

Eigentlich würde man sich in so grosszügigen, offenen und hellen Räumen mit Büchern, Musik und moderner Kunst gerne umschauen und darin verweilen. Aber irgendwie fühlt man sich mehr als Betrachter denn als Gast. Selbst der stilvoll akkurat gedeckte Tisch erscheint eher als Einrichtung denn als Einladung.


Die stapelbaren Stühle erinnern an Vorträge im Kunst- oder Literaturhaus. Das ganze Wohngeschehen hat einen gewissen Ausstellungscharakter, homogen von einer Person geprägt und gestaltet.

Das Sofa mit Zebrafell – die Ballerinas assortiert daneben – scheint die Relaxzone der Hausherrin zu sein. Allzu intim dürfte hier eine Plauderei allerdings nicht werden. Nirgendwo erhält man einen Einblick in intimere Gemächer: Kein Zipfel Bettdecke, keine Badewonnen, kein Küchendunst sind uns hier vergönnt. Immerhin ein saftiger bunter Tulpenstrauss neben schiefem Kaktusgebilde und einem filigranen Akrobaten, hoch oben die Vogelgalerie. Alles ein bisschen wie im Museum: Bitte nicht berühren.

Die rote Sofaecke scheint zwar ganz gemütlich, der Knochenhaufen davor lässt aber kaum Wohligkeit aufkommen. Liebäugelt hier jemand mit dem Morbiden, kokettiert mit dem Makabren? Aber vielleicht ist das ja auch ganz im Sinne der Bewohnerin, die in ihrem loftmässigen Wohnraum letztlich lieber mit sich und klassischer Musik allein ist?

Bestimmt hat sie einen spannenden Beruf, bewegt sich in einer Welt mit interessanten Leuten, besucht Kunstausstellungen oder verdient sogar ihr Geld mit der Kunst. Gepflegte Einladungen macht sie, aber ob da manchen Gästen der Appetit angesichts des wuchtigen Glaskubus, gefüllt mit Gebeinen, nicht vergeht?

Ingrid Feigl


Der Innenarchitekt

Drei geschosshohe Fenster an der Längsachse und ein weiteres an der Querseite schaffen einen lichtdurchfluteten Raum. Die Fensterteilungen sind in postmoderner Art etwas üppig formuliert, wodurch der Rahmen, der die Fenster trennt, im Sitzen unglücklich auf Augenhöhe ist und die Aussicht – sind wir hoch oben in den Bergen? – stört.

Ungewöhnlich für einen Wohnraum ist die Tragstruktur dieses Hauses. Mittels Säulen, die vor der Innenfassade stehen, werden die Lasten nach unten abgetragen, was das Aufstellen von Möbeln und das Aufhängen von Bildern erschwert oder gar unmöglich macht. Dennoch ist der Raum, was die Möblierung betrifft, gut organisiert. Vor den Fensterachsen spannen sich drei Bereiche auf; im vordersten Teil eine Sitzgruppe mit einem Hocker von Max Bill als Salontischchen, kombiniert mit zwei Moser-Freischwinger-Fauteuils aus den 1930er Jahren. Die Bezugsstoffe, die Kissen, das Zebrafell und die Kunst im Hintergrund, alles in Schwarzweiss gehalten, bauen auf dem soliden Eichenparkett eine gekonnte Stimmung auf.

Durch die Reduktion auf wenige kontrastierende Farben und Materialien erreichen die Bewohner ein spannungsvolles Raumklima. Im mittleren Teil, abgetrennt durch ein filigranes Regal, befindet sich der Essbereich. Im hintersten Teil mischt die Sitzgruppe auf sympathische Weise Biedermeier, Neue Sachlichkeit und 1950er-Jahre-Stil.

Belebt werden diese drei Bereiche mit unterschiedlichen tierischen Motiven, wie dem ausgestreckten Zebrafell, dem ausgestopften Vogel oder dem würfelförmigen transparenten Ossarium. Auch eine Art, das Thema Haustiere zu behandeln.

Stefan Zwicky


Reto Sommerau und Corina Rüegg, Kommunikationsberater

«Vor den Knochen im Glaskubus hat noch kein Gast Reissaus genommen, einzig Jäger haben Mühe damit, vermutlich, weil für sie Knochen als Trophäen an die Wand gehören und nicht in ein Kunstwerk. Es sind die Gebeine eines Rinds, einer Geiss und eines Schafs aus einem Schlachthof im Appenzell.

Ob wir Tiere lieber tot als lebend mögen? Ich hätte sehr gerne Katzen, aber meine Wohn- und Geschäftspartnerin Corina möchte einen Hund, und den will ich nicht, folglich stehen wir uns gegenseitig im Weg, was lebende Tiere betrifft. Ich empfinde diese Knochen, den ausgestopften Vogel, das Zebrafell als sehr ästhetisch, vielleicht ist es auch eine Freude am Morbiden.

Den Birkhahn schenkte mir Corina zu Weihnachten, wir sind seit zehn Jahren enge Freunde, sie weiss, was mir gefällt. Das Zebrafell stammt aus einem kontingentierten Abschuss aus Afrika. Wir haben es bei einem Engadiner Jäger bestellt, nachdem wir das Fell eines Stiers, den wir drei Jahre lang unter unseren Fenstern weiden sahen, nicht bekommen konnten. Der Bauer hatte uns das Fell versprochen, doch dann verkaufte er den Stier noch lebend.

Unsere Wohnung ist auch unser Büro. Das 400-Quadratmeter-Loft befindet sich in Samaden ausserhalb des Dorfes in der Industriezone. Wir liegen auf über 1700 Metern. Die Wetterstation, die die Daten des zweitkältesten Ortes der Schweiz liefert, ist nur wenige Meter Luftlinie von der Wohnung entfernt. Für Radiomoderatoren sind morgendliche Temperaturen von minus 32 Grad immer wieder Anlass für einen Scherz, den ich nicht nachvollziehen kann, ich mag es lieber kalt als warm. In einem Rekordsommer liegt bei uns die Höchsttemperatur bei 26 Grad, da begebe ich mich gerne ins Haus, weil es mir zu warm ist.

Im Engadin bin ich durch einen Auftrag hängengeblieben. Hier eine Werbeagentur zu haben, ist anders als in der Stadt: kein Drängen im Nacken, der Schönste und Tollste zu sein, man konzentriert sich auf die Sache. Wenn ich über den Julier ins Engadin fahre, schalte ich innerlich zwei Gänge zurück. Nein, hier kommt keine Endzeitstimmung auf, im Gegenteil, auf dem Flugplatz auf der Wiese vor unserer Haustür landen sie aus aller Welt, hauptsächlich sind es Privatmaschinen, ab und zu auch eine Boeing 737. Mein Traum ist es, einmal mit dem Köfferchen in der Hand die 200 Meter über die Wiese zu gehen, in einen Jet zu steigen und sieben Stunden später in New York zu landen. Für so eine Reise benötige ich sonst dreimal so lange. Allein von unserer Wohnung bis zum Flughafen Zürich fahre ich mit dem Zug vier Stunden.

Das Haus ist eine Art Betonbunker, eine Bausünde, die vor dreizehn Jahren entstand und wohl auch in fünfzig noch stehen wird. Die jetzige Wohnung war einst eine Schriftenmalerei, die vor fünf Jahren zu Wohnzwecken umgenutzt wurde. Über die Fensterrahmen auf Augenhöhe ärgern wir uns fast täglich. Diese Balken stören die unverbaubare Aussicht in die Berge – Richtung Bernina, St. Moritz, Unterengadin und Albula.

Auf den 400 Quadratmetern kommen wir als Wohn- und Arbeitspartner ideal miteinander zurecht. Es gibt Tage, da begegnen wir uns ein einziges Mal. Zudem sind wir beide oft unterwegs. Ich flüchte gerne nach Mailand oder nach Venedig, weil die Enge des Engadins närrisch machen kann. Derjenige, der zu Hause bleibt, muss dann Burgfräulein spielen.

Im Erdgeschoss ist ein portugiesischer Fussballclub eingemietet, dessen Mitglieder gern Rambazamba machen. Dadurch ist Leben im Haus. Oft aber treiben sie es auf die Spitze. Dann muss ich hinunter und mahnende Worte sprechen, deren Wirkung leider nicht allzu lange anhält. Passend zum Club gibt es einen portugiesischen Lebensmittelladen, was sehr praktisch ist, wenn ich gerade koche und merke, dass ich etwas vergessen habe. Die verkaufen einen ausgezeichneten Cognac.

Sollte ich Gäste haben, die Corina nicht mag, bewirte ich die, wenn sie auf Reisen ist. Das ist aber die Ausnahme. Wie in einer Wohngemeinschaft üblich, sitzen wir meist mit unseren Freunden bis in die Morgenstunden beisammen. Möchte sich von denen einer ein Buch aus dem Regal holen oder den Glaskubus inspizieren, darf er das ungeniert tun, ‹Bitte nicht berühren› gilt bei uns zu Hause nicht.»

Aufgezeichnet von Gudrun Sachse.




Leserbriefe:

Zu Wer wohnt da? -- Knochen für Kenner - NZZ-Folio Meine erste Million (06/07)

Eine spannende Rubrik. Schade nur, dass der Innenarchitakt zwar eine schöne Beschreibung der Wohnung liefert, jedoch meist (?) nicht auf die Frage eingeht, wer da nun wirklich wohnen könnte. Machen Sie ihn doch darauf aufmerksam!
Hans Dünki, Zürich



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