NZZ Folio 11/97 - Thema: Hund und Katz   Inhaltsverzeichnis

Entkorkt -- Die vollmundigen Variationen der Syrah-Traube

Von Philipp Schwander
DIE SYRAH-TRAUBE gehört zu den uralten Sorten, die sich ihre ursprüngliche, manchmal geradezu unbändige Kraft über die Jahrhunderte hinweg bewahren konnten. Ihre Heimat wird in Iran in der Nähe der Stadt Shiraz vermutet, aber bereits zur Römerzeit wurde sie in Frankreich an der Rhone kultiviert. Interessanterweise war sie nicht immer so begehrt wie in der heutigen Zeit, da man ihren generösen, manchmal fast etwas ausladenden Charakter besonders zu schätzen scheint. Noch vor zwanzig Jahren beschränkte sich ihr Anbau vorwiegend auf das Rhonetal in Frankreich und auf Australien, wo man sie seit Mitte des letzten Jahrhunderts zur Herstellung von Portwein-Imitationen verwendete, in den letzten Jahren nun aber auch mehr und mehr zur Kelterung einzigartiger Rotweine. Gerade im Süden Frankreichs, etwa im Midi, erfreut sich die Syrah-Traube immer grösserer Beliebtheit, und ihre Anbaufläche wuchs dort innert zwanzig Jahren von weniger als 5000 Hektaren auf heute etwa 30 000 Hektaren. Die Qualität der Weine leidet allerdings empfindlich, wenn die Erträge nicht eingeschränkt werden.

Ein kürzlich durchgeführter Tour d'horizon demonstrierte auf eindrückliche Art die Vielseitigkeit dieser Rebsorte: würzig, gerbstoffbetont und weniger massiv in der Regel die Weine aus Frankreich; vielversprechend, von mittlerem Gewicht die südafrikanischen Syrahs der Produzenten Saxenburg und Stellenzicht; überaus wuchtig und fast süsslich, mit viel Frucht und geschmeidigen Tanninen die Konkurrenten aus Australien.

Der noch jugendliche 95er Hermitage «La Chapelle» mit einer Medizinalnote und eher strengem, konzentriertem Körper war in der Verkostung ein Bilderbuchbeispiel für die Syrahs der nördlichen Rhone. Der 90er «La Chapelle», von einem amerikanischen Weinguru mit der Maximalnote 100 beglückt, zeigte sich daneben noch erstaunlich verschlossen und wird wohl noch längere Zeit im Keller seinem Höhepunkt entgegenschlummern müssen. Bereits in Hochform präsentierte sich dafür der Domaine l'Aiguelière «Côte Rousse» 1995 aus dem Languedoc: trotz seiner virilen, gerbstoffbetonten Art verströmte er ein ausserordentlich nobles Syrah-Aroma. Für ein seltenes Weinerlebnis sorgten auch die beiden von Marcel Guigal gekelterten Côte-Rôties: überraschend vielschichtig, jedoch von mittlerer Kraft der aus einem schwierigeren Jahr stammende 86er «La Turque»; intensiv, langanhaltend, mit der feinen Süsse von vollreifen Trauben und einer köstlichen Finesse der 90er «La Mouline».

Einen scharfen Kontrast dazu bildeten die wuchtig-süsslichen Syrahs aus Australien, dort Shiraz genannt. Den Auftakt bildete ein 94er Vasse Felix, der zum Besten aus Westaustralien gehört, eine Region, die noch beweisen muss, ob ihr Potential an Südaustralien heranreicht. Bis heute ist Südaustralien nämlich das Zentrum des Shiraz; eine Region, wo die Reblaus noch nicht ihr Unwesen treibt und die Reben nicht mit amerikanischen Unterlagsreben gepfropft werden müssen. Die Weinstöcke werden deshalb mindestens doppelt so alt wie in Europa, und knorrige, über hundertjährige Exemplare sind keine Seltenheit. Diese Methusalems bringen weniger und kleinere Trauben hervor, doch solche von bester Qualität.

Zu den schönsten Weinen unter diesen Spezialitäten gehörte der mintartige, fruchtig-intensive «Mount Edelstone» 1991 von Henschke. Der durch die Lagerung wesentlich leichter gewordene 86er «Basket Press» von Rockford demonstrierte wiederum, dass australischer Shiraz so gut wie französischer reifen kann. Überwältigend auch der vom Weinfanatiker Roman Bratasiuk im französischen Stil geschaffene «Astralis». Wild und unbändig der 94er, ähnlich, aber mit deutlich mehr Finesse der 95er. Und schlicht grandios in seiner Komplexität und Dichte der 83er «Grange Hermitage» von Penfolds. Der «Grange» gilt zu Recht als Australiens «Premier Cru».


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