NZZ Folio 08/10 - Thema: Patriotismus   Inhaltsverzeichnis

Kein besser Land

© Charles Dharapak /AP Photo / K...
Beschriften verboten, als Kleidung tragen verboten, verbrennen erlaubt: Der «Flag Code» ist skurril. Selbst Präsident George W. Bush kannte ihn nicht. Linktext
Kaum ein Volk ist so patriotisch wie die Amerikaner. Alles eine Frage der Erziehung: Sie dürfen sein, wer sie wollen, solange sie Amerika treu bleiben.

Von Peter Haffner

Es war im Herbst 2004 vor den Präsidentschaftswahlen, als sich eine deutsche Bekannte über Bruce Springsteen ereiferte, als sei er der Hofbarde des verhassten Amtsinhabers George W. Bush. Dass dessen Wiederwahl verhindert werden müsse, wie der Rockstar in einem Essay in der «New York Times» schrieb, war auch ihre Meinung. Was sie nervte, war Springsteens Plädoyer für «das Land, das wir in unseren Herzen tragen». Darin witterte sie «unsäglichen Patriotismus».

Gemäss Umfragen sind die Amerikaner das patriotischste, die Deutschen das unpatriotischste Volk der westlichen Welt. Letzteres zu erklären braucht nicht viel Geschichtskenntnis. Zwei Weltkriege, Hitler und der Holocaust haben viele Deutsche patriotischen Gefühlen gegenüber so misstrauisch gemacht, dass sie zuverlässig mit Empörung reagieren, wo auch immer sie solche registrieren.

Viele meiner amerikanischen Be­kannten tun sich jedoch auch schwer mit dem Patriotismus ihrer Landsleute. Er sticht ja wirklich ins Auge: die Fahne, die von so vielen Häusern flattert, die «God bless America»-Tafeln entlang den Highways, die «Proud to Be an Ameri­can»-Stossstangenkleber am Toyota-Truck, die Bücher mit Titeln wie «Flag, Faith & Family» von Autoren mit frisch geföhntem Bart, jungfräulichem Cowboyhut und beifallheischendem Zähneblecken.

In Salem, Illinois, sah ich einmal ein aufblasbares Sternenbanner in der Grösse einer Doppelmatratze, das aufrecht im Vorgarten einer gepflegten Villa stand. In einem Land, das sich mit Patriot-Raketen verteidigt und seine Bürger mit Gesetzen wie der Patriot Act überwacht, scheint das nur passend.

Doch auch eine Hypermacht wie die USA verdient Mitgefühl, will man denn verstehen, woher kommt, was einem nicht behagt. Zumal es Europa ist, das mit seinen Glaubenskriegen dem amerikanischen Patriotismus Pate gestanden hat. In der Neuen Welt, so die Gründerväter, sollte es mit den Querelen ein Ende haben, dank religiöser, politischer und kultureller Freiheit. Die Wiedergeburt des Europäers als Amerikaner, der Beginn eines von Altlasten befreiten neuen Lebens, wurde damit zum quasireligiösen Akt.

So will es der Mythos, der bis heute wirkungsmächtig ist. Dass Amerika «the last best hope of earth» sei, wie Abraham Lincoln sagte, lockt noch immer Immigranten aus aller Welt. Sie machen das Land zu dem, was es ist: eine multikulturelle Gesellschaft, in der jeder nach seiner Façon selig werden darf, solange er sich an den Gesellschaftsvertrag hält. Der Philosoph Michael Walzer hat in seinem Essay «What It Means to Be an American» die Besonderheit der USA als einer politischen Nation kultureller Nationalitäten dargelegt. Amerikaner haben eine «doppelte Identität», einerseits als Bürger Amerikas, andererseits als Einwanderer von anderswoher – als Deutsche, Italiener, Iren, Slawen, Asiaten, Mexikaner, Juden, Muslime und so fort.

Ihr Anderssein dürfen sie ausleben, eben weil sie Amerikaner sind: Im Unterschied zur französischen Doktrin der national-kulturellen Einheit ist es ihnen erlaubt, ihre ethnische Identität zu bewahren und die Sitten und Bräuche zu pflegen, die darin wurzeln. Assimilierung, wie sie die «Grande Nation» fordert, ist kein Thema, wohl aber die Verpflichtung auf die Verfassung und ihre Zusatzartikel wie die «Bill of Rights». Wie selbstverständlich das Amerikanern ist, zeigt ihr Erstaunen angesichts europäischer Debatten wie jener über das Tragen der Burka oder das Verbot, Moscheen mit Minaretten zu errichten.

Diese Freiheit des Anderslebenden ermöglicht das Nebeneinander, garantiert aber nicht das Miteinander. Dafür hat der Patriotismus zu sorgen, das Bekenntnis zu dem, was einen bei allen Unterschieden verbindet. Er ist die Klammer, die verhindert, dass die Gesellschaft auseinanderbricht – der ideologische Ausdruck einer politischen Einheit, die durch die kulturelle Vielfalt stets gefährdet bleibt. Sein Wahrzeichen ist die Fahne, eine Demonstration des Willens, die Gemeinschaft nicht den Gruppeninteressen zu opfern. Bemerkenswert bleibt, dass im amerikanischen Diskurs der Begriff Vaterland nicht vorkommt – «E pluribus unum», aus vielen Eines, statuiert das «Great Seal of the United ­States», das sich auf jeder Ein-Dollar-Note findet.

Die doppelte Identität – symbolisiert im Bindestrich etwa des «China-Amerikaners» – entschärft den Konflikt und hält ihn gleichzeitig am Leben. Patriotische Fieberschübe wie nach dem Terroranschlag vom 11. September 2001, die das Gemeinschaftsgefühl stärken, wechseln mit ethnischen Revivals, welche die Unterschiede bekräftigen. «Amerika ist immer noch eine radikal unfertige Gesellschaft», schreibt Walzer, «und dieses Unfertigsein ist eines ihrer charakteristischen Merkmale.»

So hilfreich diese historische Herleitung zum Verständnis des amerikanischen Patriotismus ist, als Rechtfertigung für alles kann sie nicht dienen. Wenn Amerikaner, die nie irgendwo anders waren, ihr Land als «bestes der Welt» preisen, bekommt die Rede von «God’s own country» und der «City upon a hill» aus der Bergpredigt etwas unfreiwillig Provinzielles. Amerika, der Motor der Moderne, pflegt das Vormoderne bisweilen mit besonderem Eifer, und es ist kein Zufall, dass dies gerade in den Fahnenritualen zum Ausdruck kommt. Sie sind in einem eigenen Gesetz, dem «Flag Code», festgeschrieben. Am 14. Juni, dem «Flag Day», der die 1777 erfolgte Annahme der «Stars and Stripes» als Nationalflagge feiert, rufen die Medien die so strengen wie skurrilen Vorschriften gern in Erinnerung.

Zu ihnen gehört, dass die Fahne – «Old Glory» im Volksmund – im Morgengrauen zügig aufzuziehen und bei Sonnenuntergang gemächlich zu senken ist, es sei denn, das Wetter sei rauh oder regnerisch, in welchem Fall sie gar nicht oder nur nachts gehisst werden darf, letzteres aber nur, wenn sie auch künstlich beleuchtet wird. Niemals darf sie den Boden berühren; diese Regel ist so strikt, dass Bürger, denen das passiert ist, immer wieder fragen, ob sie ihre Fahne nun vernichten und durch eine neue ersetzen müssen. (Sie müssen nicht.) Ausdrücklich verboten ist aber, das Sternenbanner zu Dekorations- oder Werbezwecken zu verwenden, als Kostüm zu tragen oder auf Gegenstände wie Servietten zu drucken, die hernach im Abfall landen – alles Bestimmungen, die gerade Jubelpatrioten bei Feiern generös missachten. Darunter auch hochrangige wie Präsident Bush der Jüngere, der mit dem Signieren einer Fahne gegen die Bestimmung verstiess, die ihr Beschriften untersagt.

Dass «The Star-Spangled Banner», Amerikas Nationalhymne, nach der Melodie eines alten englischen Trinkliedes gesungen wird, ist kritischen Geistern der Beleg, wie unvereinbar Nüchternheit und Patriotismus sind. Der unlängst verstorbene Philosoph Richard Rorty, ein gestandener Linker, erregte denn auch Aufsehen, als er 1994 in seinem Essay «The Unpatriotic Academy» in der «New York Times» den amerikanischen Intellektuellen vorwarf, unpatriotisch zu sein. Er hatte namentlich Richard Sennett im Visier, der vom «Übel einer gemeinsamen nationalen Identität» gesprochen und damit einer in Universitätskreisen verbreiteten Haltung Ausdruck gegeben hatte.

Was Sennett aufstiess, sei ein «absolut essentielles Element der Bürgerschaft», meinte Rorty. Gerade über die Missetaten seines Landes könne sich nur schämen, wer es auch als das seine empfinde; wo diese Identifizierung fehle, gebe es keine Hoffnung auf Besserung, weil man sich gar nicht erst darin versuche. So arrogant Nationalstolz manchmal daherkomme, oft sei er auch eine Form der Sehnsucht, den erklärten Idealen der Nation gerecht zu werden. Martin Luther King, der allseits respektierte Führer der Bürgerrechtsbewegung, habe vorgemacht, was man damit erreichen könne.

Rortys Plädoyer, Patriotismus als Wert nicht zu ver­achten, schlug Wellen, zumindest in Amerikas philo­so­phischen Kreisen. Mit ihrem Essay «Patriotism and Cosmopolitanism» gab Martha Nussbaum eine Antwort, die ­wiederum so viele Entgegnungen provozierte, dass daraus ein kleines Buch, «For Love of Country?», wurde. Nussbaum monierte, Rorty ziehe die Möglichkeit nicht in Betracht, dass es eine «internationale Basis für politische Emotion und Sorge» geben könnte, und meinte, man solle nicht in erster Linie für sein Land, sondern für die «weltweite Gemeinschaft der Menschen» einstehen. Viele störten sich am Entweder-Oder der Frage; mehrheitlich wurde Nussbaums Präferenz des Kosmopolitismus als gutgemeint, aber naiv kritisiert. Er fühle sich, schrieb etwa Michael Walzer, nicht als «Weltbürger», weil es keine Welt gebe, deren Bürger man sein könne. Die sogenannte Weltgemeinschaft, lautete ein wiederkehrendes Argument, sei ein ideelles Kon­strukt und keine politische Realität.

Die Debatte war insofern typisch amerikanisch, als nur eine Hegemonialmacht wie die Vereinigten Staaten, die seit 1945 ökonomisch, militärisch, politisch und kulturell den Ton angibt, das Privileg einer solchen Selbstkritik hat. Nussbaum hatte sich am Überlegenheitsgefühl ihrer Landsleute gestört, an ihrer Sicht des «Wir gegen die anderen» und der damit verbundenen Gefahr, dass Patriotismus zum Nationalismus und schliesslich Chauvinismus mutiert. Bei all ihrem Sendungsbewusstsein haben die Amerikaner jedoch nie jene Sorte perverser Selbstverherrlichung gekannt, die Europa zum Schlachtfeld mit Abermillionen von Toten machte. Ungeachtet aller Sünden des Impe­riums findet die Referenz auf das «bessere Amerika» immer wieder Anklang. Dass in ihrem Land, dem mächtigsten der Welt, ein Schwarzer Präsident werden konnte, hat für einen – wenn auch sehr kurzen – Moment selbst viele seiner Gegner mit patriotischem Stolz erfüllt.

Es sind diese zwei Seiten der USA, die den Einwanderer immer wieder verblüffen. So sehr ihn der Fahnenkult stören mag, so bald darf er feststellen, dass zu den Freiheiten, für welche die Fahne steht, auch das Recht gehört, sie aus Protest zu verbrennen. Versuche, das zu verbieten – der letzte kam von den Republikanern und scheiterte 2006 im Senat –, sind zweimal am Obersten Bundesgerichtshof gescheitert; er hat den Protestakt als Teil der verfassungsrechtlich garantierten Rede- und Meinungsäusserungsfreiheit geschützt. Gebrauch gemacht wird davon nicht mehr so oft wie zur Zeit des Vietnamkrieges; in der jüngeren Vergangenheit ist die Fahne meist verbrannt worden aus Protest gegen das drohende Verbot, sie zu verbrennen.

Heute ehren selbst erbitterte Gegner der Kriege im Irak und in Afghanistan die Soldaten, die dort kämpfen – eine Lehre aus der traumatischen Niederlage in Vietnam. Amerikaner lieben ihr Land, aber nicht ihre Regierung; sie haben Hochachtung vor ihren Institutionen, aber nicht vor denen, die sie repräsentieren. Ihr Patriotismus wie ihr Antipatriotismus ist zudem nicht frei von Ironie. So muss man im Geschenkshop des Capitols in Washington nicht lange nach patriotischen Souvenirs suchen, findet aber kaum welche, die nicht den Vermerk «Made in China» tragen.

An den Hunderttausenden von Mexikanern, die vor ein paar Jahren auf die Strasse gingen, um gegen ihren Status als Illegale zu protestieren, fiel auf, dass sie das Sternenbanner mittrugen als Signal der Loyalität zu ihrer Wunschheimat. Anders als meine polnischen Freunde in Los Angeles, die immer wieder gerne über «die Amerikaner» schimpfen und dabei ganz vergessen, dass sie mit ihrem dunkelblauen Pass schon mehr als ihr halbes Leben selber welche sind.

Gross an dieser Nation sei eben, dass man offen anderer Meinung sein dürfe, bemerkte Präsident Barack Obama einmal trocken, als ihm ein Protestler den Finger zeigte. Der Afroamerikaner wurde gewählt, obwohl er sich erst weigerte, den «Flag Pin» am Revers zu tragen, die Demonstration richtiger Gesinnung in einem Wahlkampf. Wie der Patriotismus ­von Bruce Springsteen, der an seiner Inaugurationsfeier aufspielte, gründet auch der Obamas in der Tradition jener, die dem Land nicht die Treue halten, weil es vollkommen wäre, sondern weil es den Mut zur Vervollkommnung hat. Niemand hat das schöner zum Ausdruck gebracht als Langston Hughes, ein Abkömmling afrikanischer, indianischer und europäischer Vorfahren, in seinen Versen: «O, let America be America again / The land that never has been yet».

In der Praxis hapert es manchmal damit. Zwar hatte unser Sohn als Ausländer keinerlei Schwierigkeiten, den amerikanischen Pfadfindern beizutreten, und sah auch bald ­seine Brust mit mehr Orden dekoriert als ein Fünfstern­general. Doch wie seine Kameraden musste auch er, ein schweizerisch-polnischer Doppelbürger, beim Antreten jedes Mal die «pledge of allegiance» leisten, das Treuegelübde auf die USA und ihre Fahne: «I pledge allegiance to the flag of the United States of America, and to the republic for which it stands, one nation under God, indivisible, with ­liberty and justice for all.» Als ich Leif, seinen Pfadiführer, darauf aufmerksam machte, dass unser Sohn nicht Amerikaner sei und in einem Krieg zwischen der Schweiz und den USA gegen die letzteren kämpfen müsste, sah er mich an, als käme ich von Alpha Centauri. So einen Fall haben die Boy Scouts of America nicht vorgesehen, und, nein, die «pledge of allegiance» nicht zu leisten, das gehe nun wirklich nicht. Schliesslich obliegt es auch den Pfadfindern, ausgediente Fahnen feierlich zu entsorgen, entweder durch Einäscherung oder Erdbestattung.

Ich fragte meinen Freund Hillel um Rat, der Sohn eines Rabbis und seinem Land gegenüber ultrakritisch eingestellt ist. Er empörte sich wie bestellt, allerdings bloss über die Behauptung, man sei «one nation under God», was ihn als Atheisten ausschliesse. Er flehte mich an, mit seinen Gesinnungsgenossen für die Streichung dieser Formulierung zu kämpfen, statt meine Energie auf so eine Bagatelle wie den transatlantischen Kriegsfall zu verschwenden.

Man kann überdies, lernte ich in der Folge, in der US-Armee dienen, ohne Staatsbürger sein zu müssen, was einer der Wege ist, Amerikaner zu werden. Es ist nicht zuletzt dieser aus Grundsatz widersprüchliche Pragmatismus, der einen das Land lieben lässt, dass man schon fast zum Pa­trioten werden könnte. Auch wenn man noch immer den offiziellen Status hat, der sich gut als Titel einer Horror­komödie machte: «Legal Alien».

Peter Haffner ist Reporter des «Tages-Anzeiger-Magazins»; er lebt in Kalifornien.


Leserbriefe:

Zu Kein besser Land - NZZ-Folio Patriotismus (08/10)

Ein sehr treffender Artikel, der sowohl die guten als auch die schlechteren und teils amüsanten Seiten des (amerikanischen) Patriotismus zeigt. Die Argumente, dass Amerika ein Einwanderungsland sei und daher jeder für sich schaue und man trotzdem zusammen sei, sind grösstenteils überzeugend; auch, dass das Land wandelbar bleibt. Jedoch wird vergessen, dass gerade Amerika (auch wenn das Land jetzt einen schwarzen Präsidenten hat) sehr lange brauchte, bis es die Diskriminierung der Schwarzen einigermassen überwunden hat.
Lukas Henny, per E-Mail



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