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Seilziehen in Tokio
© Graphische Sammlung der ETH Zü...
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| Esto es peor (Noch ärger), aus Desastres de la Guerra: Radierung und Aquatinta von Francisco de Goya, um 1810/1820. |
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Die Samurai entwickelten Shibari, um ihre Gefangenen zu foltern. Heute findet man die Fesseltechnik in jedem Sado-Maso-Keller.
Von Christoph Neidhart
Gefesselte Schulmädchen, ihre Vulva mit Seilen abgeschnürt und riesig aufgeschwollen, die düsteren Sadisten als Sexobjekte serviert werden: Für den, der in Japan mit der U-Bahn zur Arbeit fährt, gehören solche Horrorszenen zum Alltag. Nicht in der Realität, sondern in den Porno-Manga, jenen populären Comics, die Japans fusselfreie, rechtschaffene Anzugträger auf dem Weg ins Büro verschlingen. Die Männer machen nicht einmal den Versuch, zu verstecken, was sie lesen.
Gewalt und Fesseln gehören fast obligatorisch zur japanischen Pornographie. Von der Fesselkunst (japanisch Shibari, genauer: Nawa Shibari) heisst es, die Samurai hätten sie einst zur Folter von Gefangenen entwickelt. «Shibaru» bedeutet festbinden, «Nawa» Seil. Schon früh hielt diese Fesseltechnik Einzug ins Kabuki-Theater, die hochstilisierte, oft bizarre, in ihren Anfängen schlüpfrige japanische Theaterform, die heute als Hochkultur gilt.
Tokio gilt als Welthauptstadt der Fessel-Erotik. Shibari-Live-Shows bieten allerdings nur wenige Clubs. Im «Studio Six» im Tokioter Stadtteil Ikebukuro knüpft sich Meister Osada Steve jeden Samstag eine junge Frau vor, legt sie in Fesseln und hängt sie an einem Haken auf. Das Studio ist eine jener Schuhschachteln, die in Tokio als Studio-Apartments vermietet werden, die Wände sind schwarz, und der Raum ist mit Fotolampen verstellt. Meister Osada trägt einen leichten blauen Judo-Kimono, putzt sich am Spülstein noch die Zähne, stopft sich das Eintrittsgeld lose in die Tasche und verteilt Wasserflaschen. Es werde heiss werden. Derweil macht sein Assistent die Kamera bereit. Die Fotos der Show sind gegen Gebühr auf Osadas Website zu sehen, auch die Filme kann man online abonnieren.
An diesem Abend heisst das Modell Kotone, eine pummelige junge Japanerin mit weisser Haut. In Japan gilt: je heller die Haut, desto edler. Kotone trippelt herein, züchtig in weisser Bluse und langem rotem Rocktuch. Der Meister nimmt ihre Arme, verschränkt sie ihr auf dem Rücken, legt das erste Seil über ihre Bluse, zurrt es fest, ein zweites, ein drittes. Nun eines unter der Brust durch. Kotone schliesst die Augen, die Spannung weicht aus ihrem Körper, sie scheint jetzt alles mit sich geschehen zu lassen. Es gibt den japanischen Ausdruck «Trunken vom Seil». Das Seil genüge, so Osadas Assistent, manche Japanerinnen in Trance zu versetzen; in andern Ländern brauche es dazu mehr.
Meister Osada ist ein Meister aus Deutschland; er hat den Namen seines 2001 verstorbenen japanischen Sensei angenommen: Osada Eikichi, ein Grosser des «Kinbaku». Das ist ein anderes Wort für Shibari, aber heute nennt man das Fesseln so, wenn es eine Kunstform sein will.
Kotone wird so zusammengeschnürt, dass sie sich nicht mehr bewegen kann – trägt aber noch immer Bluse und Rock. Der Meister legt ihre linke Brust frei, klaubt auch die rechte aus der Bluse. Nach und nach zerrt er das Mädchen aus seinen Tüchern, bis nur noch die Seile ihre Haut umgarnen. Von ihrem Rücken blinzelt ein bunter Vogel mit aufgefächerten Flügeln, die bis in die Schulterspitzen reichen. Der kleine nackte Geierkopf sitzt ihr im Nacken. Acht lange stachelige Beine, Schlingpflanzen gleich, umgarnen ihre Taille bis übers Gesäss.
«Tut das Fesseln weh?» fragen zwei japanische Zuschauer Kotone in der Pause. Sie lächelt verlegen, sagt nichts. Gibt es ihr gute Gefühle? «Ja.» Dann meint der eine, mit dieser Tätowierung können sie aber nicht schwimmen gehen. Tätowierungen sind in Japans Bädern verboten. Im Meer schon, antwortet Kotone scheu, nun ein kleines Mädchen vom Land, das fernen Verwandten Auskunft über die Schule geben soll. «Wie alt sind Sie denn, Kotone-chan?» fragt der ältere Japaner mit der Anrede, die für kleine Mädchen reserviert ist, Stars und die Geliebte. Kotone ist 22. Sich fesseln zu lassen, ist für sie ein Job. Die kleine Zuschauergruppe benimmt sich inzwischen, als gehöre man zusammen. Wie Reisende, die eine Nacht lang ein Zugabteil teilen, Proviant und Weinflasche kursieren lassen. Als der Meister erneut beginnt, kehren Ruhe und Konzentration zurück. Kotone stülpt sich ihre devote Persönlichkeit wieder über, fast möchte man sagen, sie gibt sich hin: Mir ist nicht klar, ob dem Meister oder den Seilen.
Schmerz und Lust seien verknüpft, schreibt Fetisch-Diva Midori. Beim Schmerzerlebnis würden Endorphine frei, Glückshormone, wie beim Orgasmus. Überdies könne sich ein straff gefesselter Körper völlig entspannen. Midori, eine umtriebige, in Tokio geborene Amerikanerin, früher Geheimdienstoffizierin der US-Army, hat sich mit diversen Publikationen als Expertin für Quäl-Sex etabliert. Ihr Buch «The Seductive Art of Japanese Bondage» wird als Handbuch für Freunde der erotischen Knüpfarbeit empfohlen. Bei Midori kommt es ab und zu auch vor, dass Frauen Frauen fesseln.
Kulturhistoriker meinen, beim Sadomasochismus wirke der Todestrieb: im Falle des Sadisten, der seinem Opfer Schmerz zufügt, nach aussen; beim Masochisten, der sich quälen lässt, nach innen. In vielen Kulturen – gerade in der christlichen – symbolisiert das Fesseln, das Auspeitschen und das Verstümmeln zudem eine Reinigung des Fleisches. Ohnehin ist Schmerz nur im Kontext «geniessbar»; er muss psychisch positiv besetzt sein, um physisch lustvoll erlebt zu werden, etwa als Verwirklichung einer lange gehegten Phantasie. SM-Sex ist eine Grenzüberschreitung: Hingabe bis zur Selbstaufgabe oder totale Macht über einen Menschen. Stimmen die psychischen Voraussetzungen, interpretiert das Gehirn den Schmerz – den Endorphin-Sturm – als Lust. Sexuelle Erregung und Schmerz verstärken sich wechselseitig. Das zumindest sagt die Theorie.
Auch sexuelle Praktiken, schreibt Diva Midori in einer ihrer vielen Publikationen, unterliegen der Mode. Shibari sei der jüngste Hit in Amerika. Vorbehalte gegen den mit Schmerzen verbundenen Sex hält sie für scheinheilig und kommentiert sie mit der Bemerkung: Wenn Mike Tyson und Evander Holyfield sich bis zur Bewusstlosigkeit verprügelten, rege sich niemand auf, wenn eine junge Frau als Krankenschwester verkleidet einen erwachsenen Mann ein bisschen auspeitsche, hingegen schon. Das Aufpeppen eines müde gewordenen Sexlebens mit Fesselspielen ist heute wohl vor allem ein Mittelstandsphänomen; Midori brachte ein bisschen japanische Exotik in die amerikanischen Vororte. Diese Mode hat die Fetisch-Diva selbst gemacht.
Meine japanischen Bekannten wollen von Shibari nichts wissen, wenn ich sie darauf anspreche. Eine junge Frau ist entsetzt, als sie hört, die raffinierte Fesseltechnik werde im Ausland als japanische Kunst betrachtet. In der Szene in Tokio, behauptet jemand, bewegten sich vor allem Europäer, Amerikaner und Australier, die sich in der Fremde gehen lassen. Das sei Unsinn, sagt Sensei Osada. «Shibari kommt nun mal aus Japan», ob es den Japanern passe oder nicht. Osada war lange in Indien, arbeitete in Tokio als Modefotograf, begann Osada Eikichi zu assistieren. Inzwischen ist er auf ein halbes Jahr im voraus ausgebucht, gibt auch in den USA und Deutschland Kurse. Paaren erteilt er Privatstunden; einzelnen Herren stellt er gegen Aufpreis eine junge Frau als Modell zur Verfügung.
Vor Zuschauern werden immer junge Frauen erotisch gefesselt. In Wirklichkeit gibt es auch in Tokio wohl mehr Studios, in denen sich wohlhabende Männer für gutes Geld in Fesseln legen und auspeitschen lassen. In einer Kurzgeschichte lässt die Schriftstellerin Amy Yamada eine routinierte Domina eine Anfängerin ins Gewerbe einführen; sie zeigt ihr, wie man einen Gefesselten auspeitscht, ohne dass die Peitsche Spuren hinterlässt – schliesslich muss der Kunde, ein Firmenchef, danach in den Alltag zurück. Der nächste Kunde bringt dicke Nähmaschinennadeln mit, die ihm die beiden Frauen in den Penis und ins Skrotum stecken sollen.
Dagegen wirkt Osadas Show geradezu unschuldig. Nach einer langen Umarmung – ein Ausdruck der Intimität zwischen «Sub» und «Dom», wie man die sich unterwerfende und die dominierende Person nennt – hilft der Sensei am Ende der Vorstellung Kotone in ihre weisse Bluse und hält ihr das Rocktuch hin. Sein Assistent eilt zu Hilfe: Der Sensei hat ein Tau um Kotones Fuss vergessen.
Christoph Neidhart ist Journalist; er lebt in Tokio.
Leserbriefe:
Zu Seilziehen in Tokio - NZZ-Folio Schmerz (01/07)
Habe eben diesen Artikel gelesen. Er ist mit der Inbrunst eines vertrockneten Busches und dem Verständnis eines ignoranten Pfostens geschrieben. Ehrlich, es zuckt, so etwas zu lesen, und sodann fragt man sich, was wohl passieren würde, wenn mit derselben kühl-coolen Ignoranz von oben herab über heute längst etablierte Randszenen, z.B. die Schwulenszene, geschrieben würde. Einen Sportjournalisten lässt man auch nicht eine Kunstkritik schreiben, es wäre wohl angemessen, über Themen wie BDSM, Bondage & Co. auch Sachverständige schreiben zu lassen. Marc Bull, per E-Mail
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