ES IST die «Armutsgrenze», an der sich der Reichtum der Sprache, die Macht des Wortes besonders faszinierend zeigt. Wie wir einerseits fähig sind, politische Probleme per Definition zu lösen (zum Beispiel indem wir «Gerechtigkeit» so definieren, dass sie in einer Weihnachtsansprache als erreicht bezeichnet werden kann) - so sind wir andrerseits imstande, politische oder gesellschaftliche Notstände dadurch erst zu schaffen, dass wir Wortbedeutungen willkürlich fixieren. Was ist denn das, «Armut», und wer fühlt sich stark genug, sie mit einer Grenze zu versehen?
Das unverbildete Gemüt neigt zu der Ansicht, arm sei, wer Hunger leidet oder frieren muss über lange Zeit oder gar sein Leben lang, wer also in Schmutz und Elend vegetiert. Solche Armut gibt es massenhaft, zumal in Afrika und Asien; ja, die Uno schätzt, dass alljährlich an die 40 Millionen Menschen verhungern oder an den Folgen dauernder Unterernährung sterben. Wo Armut nackte Not ist, sind wir zum Handeln aufgerufen und haben keine Definitionsprobleme.
In Europa, mindestens westlich der Oder, ist Armut in diesem Sinne erfreulicherweise rar geworden. Aber unaufhaltsam steigt bei uns die Zahl der Armen, und das auch in den reichsten Ländern. Stossen wir denn unsere Mitbürger in die Not hinab? Nein, so nicht. Die Armut wächst kraft Definition.
Es geschah 1981, dass die Europäische Kommission jene Grenze festlegte, an der sich bis heute die Statistik orientiert: Arm ist, wer weniger als halb so viel verdient, wie es dem Durchschnitt in seinem Land entspricht. Natürlich, es hat Vernunft, dass man in einer Wohlstandsgesellschaft nicht nur die Hungerleider als arm einstuft, sondern auch eine zumutbare Wohnung für jeden fordert und, warum nicht, den Besitz eines Fernsehapparats. Nur kann daraus eine Situation mit kuriosen Zügen entstehen.
Lothar Späth, Chef von Zeiss in Jena und früher Ministerpräsident von Baden-Württemberg, hat kürzlich die Rechnung aufgemacht: Warum ist die Zahl der Armen in Ostdeutschland binnen fünf Jahren von drei Prozent auf neun gestiegen? Ist denn ihr Einkommen oder dessen Kaufkraft gesunken? Nein, das nicht; nur das Durchschnittseinkommen in der ehemaligen DDR hat sich im selben Zeitraum nahezu verdoppelt. «Wir sind also um so mehr mit Armut bedroht, je besser es uns geht», sagt Späth. Sollte eines fernen Tages das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen in einem Land auf zwei Millionen steigen, so würden die einfachen Millionäre sich unterhalb der Armutsgrenze wiederfinden.
Ja, es ist menschenfreundlich und politisch legitim, dafür einzutreten, dass die Wenigerverdienenden, die Arbeitslosen, die Sozialhilfeempfänger in ihrem Lebensstil nicht zu weit hinter ihren Mitbürgern herhinken - auch wenn bei uns noch die Ärmsten in Verhältnissen leben, die der halben Menschheit als Reichtum erscheinen. Aber bis zu welchem Grad von Wohlstand will man dafür das Wort «Armut» strapazieren? Hört es nicht langsam auf, einen vernünftigen Bezug zur Realität zu haben? Und die «Grenze»! Ist sie nicht nur deshalb nötig, weil es ohne sie keine Statistik geben könnte, und die Statistik wiederum, weil sich mit grossen Zahlen mehr Entrüstung produzieren und mit Entrüstung so mancher Wahlkampf gut bestreiten lässt?
«Begriffe besetzen» heisst die politische Parole, Lenin hat sie ebenso gepredigt wie Kurt Biedenkopf, Ministerpräsident von Sachsen, Parteifreund und Intimfeind von Helmut Kohl. Wörter wie Freiheit oder Solidarität solle die CDU für sich vereinnahmen und so «die Wortführerschaft an sich reissen», fordert Biedenkopf. Dass die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher würden, heisst ein Schlagwort der SPD.
Für die USA mag dieser Satz korrekt sein; für Deutschland wie für Österreich und die Schweiz ist er allenfalls zur Hälfte wahr: Die Armen haben nicht weniger zu essen als zuvor, aber die Reichen schieben jene Grenze nach oben, auf die die Politiker sich geeinigt haben - so dass die Armut unsterblich ist.
Wir sollten den Unterschied wachhalten: Arme Teufel gibt es überall, und ihnen zu helfen ist Menschenpflicht. Die politische Definition von Armut aber ist dabei, uns den Blick auf die Wirklichkeit zu verstellen. «Man muss zuweilen die Wörter untersuchen», schrieb vor mehr als 200 Jahren Georg Christoph Lichtenberg, «denn die Welt kann wegrücken, und die Wörter bleiben stehen.» Weggerückt ist die Welt von Wörtern wie Heldentod und Majestätsbeleidigung, von der Artigkeit, wie Goethe sie verstand («ein artiges Vorgebirge» war's, das er bei Stans entdeckte), vom Biedersinn, den Gottfried Keller lobte - und in Mitteleuropa von der Armut eben. Auch Begriffe sollten sich bewegen.
Dem aber steht oft nicht nur ein politischer Wille entgegen, sondern auch die uralte Unlust, sich die Mühe des Nachdenkens über unseren Wortvorrat zu machen oder gar umzulernen und Schlüsselwörter im Licht neuer Einsichten oder Entwicklungen neu zu definieren. Wir halten es lieber mit einer Sitte, die ebenfalls Lichtenberg trefflich beschrieben hat: «Bloss der Unstudierten wegen merke ich an, dass man es mit dem Verpacken von Begriffen hält wie mit dem Verpacken von Waren: Wenn alles in der Kiste ist, was eigentlich hineingehört, und es schlottert noch, so steckt man etwas anderes dazwischen.»