Im Vierertram begegnen die letzten von gestern den ersten von heute. Frau Baumgartner öffnet die Tür zum Kiosk neben der Tramhaltestelle Limmatstrasse, schaltet die Alarmanlage aus, nimmt das Gitter von der Tür, das ihn vor Einbruch und Vandalenakten schützen soll und das auch tut. Drückt auf den Knopf der Kaffeemaschine, damit die parat ist, wenn die ersten Kunden zur Zeitung auch noch einen Kaffee haben wollen, holt aus dem Tresor die Kasse mit dem «Stock»: 800 Franken Wechselgeld. Legt die Sandwiches, an denen der Kiosk nicht mehr viel verdient, seit die Kioskfrauen sie auf Grund einer gesundheitspolizeilichen Verordnung nicht mehr selber machen dürfen, ins Kühlgestell: Butterbrezeln für drei neunzig, dick gefüllte Brote für sechs fünfzig. Legt die Gipfeli und Semmeli in den Korb neben der Kasse, tut das, bevor sie die Zeitungen aus dem abschliessbaren Container holt, wo man sie nach 5 Uhr angeliefert hat. Sonst hätte sie schwarze Hände.
Den «Blick» (47 Stück. «Martina: Bruch mit Mutter Melanie!») und die 25 Stück «Tages-Anzeiger» placiert Frau Baumgartner vorn bei der Kasse, die 7 Exemplare NZZ, von denen dennoch erst nach neun Uhr das erste weggehen wird, eigentlich auch nicht so viel schlechter. Aber vielleicht ist das hier nicht so die Gegend für die. Um zehn vor sechs, Frau Baumgartner hat noch nicht einmal das Licht angemacht, kommt der erste Kunde und kauft eine Schachtel Marlboro Gold, geht über die Strasse zur Tramhaltestelle, steckt sich eine Zigarette an und schickt den Rauch in den Morgen. Daneben gähnt einer, was genau gleich aussieht, denn es ist am Tag nach Sommeranfang zwar schön, aber so kalt, dass sein Hauch in der Luft kondensiert.
Eins sechzig die türkische «Ozgur», eins neunzig die albanische «Koa», als noch Krieg in Kosovo war, ging die weg wie nichts. 23 fremdsprachige ausländische Zeitungen führt der Kiosk in dieser Gegend, in der viele fremdsprachige Ausländer, aber fast keine Italiener und Spanier mehr sind, wie Frau Baumgartner mit etwas Bedauern sagt. «Sabath», «Rilindja», «Milliyet», «Zeri Ditar», «Bota Sot», «HOBOCTN». Drei Stück «Hürriyet» sind falsch geliefert worden, die gehören einem anderen Kiosk.
Jetzt muss sie sich mit einem Passwort beim Lotto anmelden, der Lottokasten ist nachts ausser Betrieb, damit nicht einer einbrechen und Unfug treiben, Dutzende von Lottozetteln durchlassen kann. Lohnen könnte sich das schon, im Jackpot sind heute 2,7 Millionen. Dann die Klimaanlage aus, die nachts läuft, damit die verderbliche Ware nicht verdirbt, die Schokolade zum Beispiel. Das Radio an, Frau Baumgartner braucht das, Frau Schmid, die nachmittags kommen wird, hat das nicht gern, aber die ist auch schon dreiundsiebzig. Holt nun die Heftli herein, die heute neu hereingekommen sind, und klebt mit einem Gerät, das klemmt (vor ein paar Jahren hätte sie das noch an die Wand geschmissen, aber man werde ruhiger mit der Zeit), kleine Preisetiketten drauf.
Regal rechts von der Kasse, nebst tausend anderem: Ragusa, Munzli, Mars, Snickers, Bounty, Nussini, Kägifret, Balisto, Twix, Chokito, Daim, KitKat, Maltesers, m & m sowie Dubler Mohrenköpfe, die besten der Welt.
«Steffi Graf: Hochzeit in Weiss und dann ein Baby!» So nah liegen also im Tennis Unglück und Glück beisammen. Die andern Heftli haben fast alle Elizabeths Jüngsten und seine Sophie auf dem Titelblatt. So auch «Frau aktuell» und «Frau im Spiegel». Und «Echo der Frau» (was um alles in der Welt mag das für ein Echo sein?) und «Bild der Frau». Und «Das neue Blatt» und «Das goldene Blatt». Und Frau mit und Frau ohne Herz. Ach, da möchte man sich einmal eine Nacht lang einschliessen lassen. Heftli anschauen und dazu Caramel Bouchés essen. Und ganz viel rauchen.
Früher hat Frau Baumgartner mehr Kunden beim Namen gekannt als heute, da konnte sie noch auf den Lottozettel gucken. Heute muss da kein Name mehr drauf, jetzt sind die anonym. Von denen, die tagtäglich kommen, weiss sie den Namen aber schon.
Guten Tag, Herr Gretler, doch, Ihre «Aktuell» ist da.
Um viertel nach sieben kommt ein Knirps, der erste von vielen an diesem Tag, mit Schultasche aus Kuhfell am Rücken. Er erkundigt sich nach dem Preis eines batteriebetriebenen Schleckstengels: unten Barbie, oben Lollypop. Mega, der dreht sich im Mund, wenn man auf den Knopf drückt, da muss man bloss noch die Zunge dranhalten. Sicher für den Schwarm auf dem Pausenplatz, bei der dann aber wahrscheinlich ein anderer das Rennen macht: das Alphatier, der Trendsetter, derjenige, der bestimmt, was angesagt ist. Was der am Kiosk kauft, das kaufen alle anderen auch. Im Moment die elektrische Barbie und Two to One, den Lolly, in dem sich ein Spielzeug verbirgt. Und seit neuem die bunten Kaugummikugeln zu fünf Rappen aus dem grossen Glasbehälter auf dem Tisch, wie es sie vor zwanzig Jahren schon gab. Ein Restposten: die neuen kosten dann zehn Rappen das Stück. Vielleicht müsste man in Kaugummikugeln investieren: womit sonst macht man so schnell 100 Prozent Gewinn. Oder in Fünfermocken: Die kosten jetzt schon zehn Rappen und schlagen demnächst auf zwanzig auf.
Doch, doch, sagt Frau Baumgartner, manchmal klauen die Kinder schon. Aber sie stellen sich fast immer so ungeschickt an, dass man sie erwischt: gucken vorher eine halbe Stunde lang auf das Objekt der Begierde.
Kunden: Junge Frau in lila Overall kauft Energy Milk für 1 Fr. 70, legt 2 Fr. hin und sagt: «Stimmt so.»
Zwei freundliche alte Frauen vom katholischen Altersheim kaufen Hefte mit Kreuzworträtseln, «um die Zeit totzuschlagen».
Halbwüchsiger mit Knopf im Ohr kauft Mini-Los für 1 Fr., geht hinaus, kommt zurück und zieht die 2 Fr. ein, die er mit dem Los gewonnen hat.
Pickliger Jüngling kauft Telefontaxkarte für 5 Fr.
Pickliger Jüngling mit nassem Haar kauft Kent Box.
Ein grosser schwarzer Hund kommt herein und steuert hinter den Ladentisch, wo er, schnapp!, ein Weggli verschlingt. Streia ist sozusagen auch Stammkundin. Eine Frau sagt: Jetzt packen sie bei uns drüben gerade wieder ein paar Neger ein. Vier Wohnungen haben die ausgeräumt. Eine andere Frau, die drei Wochen nicht da war, sagt: Mein Mann ist gestorben. Frau Baumgartner kondoliert. Ihr ist nicht recht, dass sie das nicht wusste. Sie wusste nur, der Mann war krank. Aber seit die Leute nicht mehr Schwarz tragen, sieht man ihnen nicht mehr an, dass sie in Trauer sind.
Gestell neben der Tür, neben tausend anderen Dingen: Sugus. Vick's blau, Vick's zuckerfrei. Fishermen's gelb, Fishermen's grün, Fishermen's blau, Fishermen's zuckerfrei. Halter Melon, Honig, Polar, Citro, Mint, Cola. Darunter: Läkerol gelb, Läkerol blau, Läkerol rot, Läkerol hellgrün, dunkelgrün, mittelgrün, Tictac, Frisks, Mentos, Dextro. Hubba Bubba, Boomer, Smarties. Darunter: Ajax, Solo, Lenor, Flupp, Vif, Sun, Fun.
Um halb neun hat die Sonne, die durch die offene Tür scheint (bei offener Tür kommen mehr Kunden), die schwindenden Stapel von «Blick» und «Tages-Anzeiger» hinter sich gelassen und ruht jetzt auf den sieben Exemplaren NZZ. Was sind da nicht alles schon für Leute hereingekommen und haben sie nicht gekauft: Mann in Nadelstreifen, Mann im Hugo-Boss-Jackett, Mann mit Hermes-Krawatte, Frau mit Seidenfoulard.
Aber nichts da mit Vorurteilen: die erste NZZ, und zwar nicht die oberste, die zweitoberste, als wär' sie was Tiefgekühltes aus der Tiefkühltruhe, wird von einem interessanten androgynen Wesen erstanden, mutmasslich weiblich, das die 2 Fr. 20 in Kleinmünz aus der Tasche der viel zu grossen Hose klaubt, die über knabenhaft schmalen Hüften hängt. Und immer wieder der «Blick»: «Blick» mit Gipfeli, «Blick» mit Marylong, «Blick» mit Energy Milk, dem Renner der Saison, DJ Bobo, dem Promoter der Kraftmilch, sei Dank. «Blick» mit «Gazzetta dello Sport». Und jede Menge frischgebadeter junger Männer mit nassem Haar.
Frau Baumgartner ist ans Stehen gewöhnt. Absitzen und Aufstehen würde sie mehr ermüden, sagt sie. Stillstehen sowieso. Darum schaut sie, dass sie immer in Bewegung bleibt. Alles andere wäre, scheint einem, hier aber auch eine Kunst. Immer gibt es etwas aufzufüllen oder abzuwischen oder aufzuschreiben. Und kaum einmal eine Viertelminute ohne Kunde im Laden, oft sind mehrere da. Nur Mitte Vormittag, ehe es dann mit den Sandwiches und anderweitigem Proviant von neuem losgeht, ist es vielleicht einmal ein bisschen ruhiger. Wenn sie auf die Toilette muss, guckt Frau Baumgartner kurz vor die Tür, ob jemand kommt, und macht dann ganz schnell. Einmal wurden ihr, als sie im Lager beim Auffüllen war, 900 Franken aus der Kasse gestohlen.
Frau Baumgartner musste das weggestohlene Geld nicht ersetzen, sie ist an einem guten Kiosk, sie arbeitet auch schon seit 13 Jahren hier. Wenn sie einmal zu wenig Geld in der Kasse hat, dann sind das kleine Beträge. Und einmal waren es auch 62 Franken zuviel. Da wusste sie, sie hatte falsch getippt, und das Geld gehörte dem Kiosk. Frau Baumgartner, verheiratet, zwei erwachsene Kinder, ist gern Kioskverkäuferin, sie hat den Verkaufsberuf auch erlernt. Sie macht vier Schichten in der Woche, zwei frühe und zwei am Nachmittag, 26 Stunden im ganzen.
Der Bub mit der Schultasche in Signal-Grün schaut sich suchend im Gestell neben dem Ladentisch um.
Haben Sie Ticki?
Nein, haben wir nicht. Ticki läuft nur mit Cola-Geschmack, die anderen laufen nicht.
Mann fragt: Ist die «Weltwoche» schon da?
Die «Weltwoche» kommt erst morgen.
Frau mit Pudeli kommt und sagt: Er hat schon sein Stinkli gemacht. Und mein Mann sollte längst zum Arzt, jetzt hat er schon zum zweitenmal das Leintuch verblutet. Aber man weiss ja, wie Männer sind: haben Angst vor dem Arzt.
Vier kleine Mädchen schauen sich nur mal schnell nach Nouveautés um und gehen wieder.
Wie viele Heftli im ganzen? Um die 500 schon, sagt Frau Baumgartner. Eigentlich dürfen die Kioskfrauen sie nicht lesen, sie haben die Zeitungen und Zeitschriften nur in Kommission. Natürlich blättern sie aber, wenn sie dazukommen, schnell die Tageszeitungen durch, um mitreden zu können, bei der Fussballweltmeisterschaft zum Beispiel. Und dann und wann schneuggen sie auch in einem der Tratschheftli.
Es wäre ja verrückt, wenn wir sie kaufen müssten, sagt Frau Baumgartner. Die Kunden blättern schliesslich auch drin, vor allem in den Sexheftli.
Da sagt Frau Baumgartner schon einmal etwas wie: Wir sind im Fall keine Bibliothek.
Um 9 Uhr kommt der Mann von der Toni-Molkerei mit dem Joghurt, dem Bifidus, der Milch. Dann bringt der Weinhändler den Wein: Féchy, Fendant, Beaujolais. An manche Kioske kommt ab und zu der Kioskbetreuer eines Verlags, um zu sehen, wie gut man seine Produkte präsentiert. Da kann man, wenn man es gut macht, auch einmal einen Hunderter gewinnen. «Nur zu uns kommt nie einer, dabei geben wir uns wirklich Mühe.»
Nach 10 Uhr kommt der Mann von der zentralen Auslieferungsstelle in Schlieren und holt die Zeitungen ab, die gestern nicht verkauft worden sind. Früher mussten die Kioskfrauen die Zeitungsköpfe abschneiden und konnten nur diese schmalen Papierstreifen zurückgeben. Jetzt nimmt man ihnen die ganzen Zeitungen zurück. Um 10 Uhr kommt Frau Castel. Sie kommt, solange Frau Baumgartner sich entsinnnen kann, macht freiwillige Botengänge, geht Bananen posten oder Büroklammern oder was sonst noch gerade fehlt.
Heftli- und Zeitungsgestell, neben tausend anderem: Häuser. Wohnen. Baden. Bauen. Bauen und Wohnen, Wohnen und Essen. Chuchi. Kochen. Backen. Schlank. Home & Garden. Latin Inches! Blond. Men. Freshmen. Upperclass Girls. Schlüsselloch. Top Girls, Peep. Pfiff. Glückspost, Gala, Bunte. Rätselkiste, Rätselbazar, Superrätsel, Köpfchen, Köpfchen. WoZ, TaZ, SoZ, SAZ.
Murphy, the tumbling Gorilla, ein Plasticgorilla, der Purzelbäume schlägt, ist im Ausverkauf: 15 Fr. 80 statt regulär 29 Fr. 90. Hinten im Lager sind noch 100 Stück davon. Früher gab es noch viel mehr Geschenkartikel als jetzt. Herr Ehrler, der neue Kioskbesitzer, hat da etwas abgebaut. Der Patterning Toaster, der «I love you» auf das Toastbrot schreiben kann oder auch «Guten Morgen, Ihre Müller & Co.», lief an Weihnachten sehr gut, ruht jetzt aber schwer im Gestell. Ganzjährig gut laufen die kleinen Dinge gleich neben der Tür: der Luftballon, der einen Helikopter antreibt; die Wasserballons; die «Mexican Finger Trap, also known as the Girlfriend Trap», der Tornado Tube («Great exciting Action in a bottle»). Um 13 Uhr sind alle Sandwiches weg. Sind bis halb sechs noch welche da, verkaufen die Kioskfrauen sie jeweils zum halben Preis. Ein Kunde weiss das und kommt extra deswegen her.
Heute wird er Pech haben. Er wird statt dessen einen Landjäger kaufen müssen, zum vollen Preis.
Frau Baumgartner ist auch weg, Frau Schmid ist jetzt da und bei ihr die Kundenbetreuerin einer Zigarettenfabrik, eines Tabakkonzerns, genauer gesagt, eines von im Augenblick noch vier. Bald sind es noch drei, weil zwei gerade am Fusionieren sind. Die Zahl der Zigarettenarten hat sich in die exakt andere Richtung entwickelt. Es befinden sich unter den Lebenden noch Leute wie mich, die wissen noch von ganzen zwei Ausgaben Marlboro zu berichten: den Marlboro Box und den Marlboro soft. Und jetzt nehmen allein die Marlboro einen halben Meter im Gestell ein. Box, soft, light, ultra, ultra-extra, ultra-ultra. Die nächsten muss man dann wahrscheinlich als Ganzes inhalieren und nicht bloss den Rauch, damit man überhaupt noch was merkt.
Daneben gibt's aber immer auch noch anständige Schlöte wie die Frégate oder die Parisienne carrée mit 1 g Nikotin und 15 mg Teer. Die kannte die 73jährige Frau Schmid, die ihr Leben lang nie ein Päckli Zigaretten gekauft und ihrem zwölfjährigen Enkel gesagt hat: «Nicht wahr, du rauchst nie?», schon als Kind. («Ja chasch dänke, Oma», sagte der.) Aber natürlich müsse das Geld für die AHV ja irgendwo herkommen. Auch Süssigkeiten isst sie kaum - wenn's hoch kommt, vielleicht einmal ein Schoggistengeli. Und das, obwohl sie als Kind eine Schleckbase war. Die NZZ hat aufgeholt: noch vier. «Tagi»- und «Blick»-Stapel sind längst nicht im gleichen Mass geschmolzen. Frau Schmid hat die «Glückspost», die heute neu gekommen ist, auf den Ladentisch gelegt («Es ist Liebe») und auch die «Schweizer Illustrierte», die sie nachbestellt hat, weil sie so gut lief («Sophie und Edward im Glück»). Da mache nämlich noch mancher, der gar kein Heftli kaufen wollte, einen Griff, sagt sie.
Kunden (nebst tausend andern): Bub kauft Gauloises bleu. Frau Schmid sagt: «Aber nicht für dich, gell!»
Bänkler, hellblaues Hemd, Goldbrille, nasse Haare (um 15 Uhr!), kauft Servelat, Senf, Chips und ein Stück Linzertorte für 7 Fr. 20 und zwei Marocaine für 8 Fr. 40.
Eine Traube Kinder kauft jede Menge Schleckzeug, auch für Cédric und Monika zu Hause.
Alter Mann mit Strohhut zahlt für 16 Fr. Lotto ein.
Frau, hennarotes Haar (war am Morgen schon da) kauft Werther's Echte und sagt: «Ach, bin ich müde.»
Kundin ruft aus dem Spital an und sagt Frau Schmid, jemand anderer komme die bestellten Heftli abholen.
Freundlicher älterer Mann kauft Schnupftabak und zieht sich gleich an Ort und Stelle einen Schnupf hinauf oder hinein oder wie man dem sagt. Ich niese. Er nicht.
4 - 5 - 12 - 25 - 37 - 38. Zusatzzahl 11. Früher war Lotto viel aufregender: Wie man mit der Nase auf dem Lottozettel die Zahlen einkreiste, die man richtig geraten hatte. Wie sich nach zwei Richtigen der Puls beschleunigte und nach drei Richtigen erst recht. Wie es dann aber halt immer bei drei blieb. Das war doch wenigstens ein bisschen Spannung für die zwei oder vier oder sechs Franken. Und jetzt reicht man einfach noch Frau Schmid den Zettel über den Tisch, die lässt ihn einfach schnell durch die Maschine, guckt einfach drauf und sagt: «Nichts». Die Desillusionierung könnte getrost ein wenig langsamer gehen.
Tabakgestell: Cortos, Merit, Select, Frégate, Dunhill, Benson, Hedges, Cartier, Davidoff, Pall und Mall, HB, R6, R1, R 486, Lord, Lady, Kent, Kim, Krumm. Doppelfilter, Multifilter. Fresh, light, soft, extra-soft, extra-light, extra-lang, ultra-light, extra-mild, simply blue.
Bis halb sieben, wenn der Kiosk schliesst, will Frau Schmid den Laden in Ordnung gebracht, die Gestelle aufgefüllt, den Boden aufgewischt, den Teppich staubgesaugt haben und was noch alles dazukommt; heute bleibt ihr aber kaum einmal auch nur der Bruchteil eines Moments zwischen zwei Kunden. Es sind dann immer noch die nicht verkauften Zeitungen und Heftli einzutragen und im Container draussen zu deponieren. Und die Kasse abzurechnen, was sie wirklich erst nach dem allerletzten Kunden tun kann. Heute kommen nach dem letzten aber noch drei allerletzte, die ihr Glück mit dem Lotto-Jackpot versuchen wollen. Nun entfernt Frau Schmid draussen die Zeitungsplakate, die morgen Schnee von gestern sein werden; die Heftliplakate kann sie lassen, Edward und Sophie sind noch die ganze Woche im Glück. Dann Gitter vor die Tür. Air-condition an. Alarmanlage an. Und aus.
Morgen wieder. Selbe Zeit, selber Ort.