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NZZ Folio 06/96 - Thema: Vom Reisen   Inhaltsverzeichnis

But never Mr. Baedeker!

Eine kleine Geschichte des Reiseführers.

Von Christoph Hennig

GIBT ES EIN BUCH, das mehr praktischen Einfluss ausübt als der Reiseführer? Er lenkt unsere Schritte und unsere Phantasie; er sagt uns, wo wir die romanischen Kapellen und die romantischen Kaschemmen finden; er redet zu uns von Denkern, von Malern und von Denkmälern; er umhüllt unsere Reiseexistenz mit sanfter Geborgenheit und stellt zugleich strenge Forderungen: Wir sollen uns nichts entgehen lassen von den Merkwürdigkeiten des besuchten Gebiets und auch nicht verstossen gegen die Landessitten, auf dass wir nicht Anstoss erregen bei unseren Gastgebern.

Der Baedeker, bis heute im deutschen Sprachraum Synonym für den Reiseführer schlechthin, erschien erstmals vor 160 Jahren. 1835 wurde die «Rheinreise» veröffentlicht; Dutzende weiterer Bände folgten in den nächsten Jahren. Mit unübertrefflicher Gründlichkeit trugen Karl Baedeker und seine Mitarbeiter Informationen über die beliebtesten Reisegebiete der Zeit zusammen. Postämter und Drahtseilbahnen, Konditoreien und Apotheken, Bäder und Banken, Spediteure und Zahnärzte - alles und jeder wurde detailliert und mit genauen Preisangaben aufgelistet. Über Hotels erfuhren die Leser: «von katholischen Geistlichen bewohnt», «Wirt Engländer», «im Innern der Stadt, aber meist mit Südzimmern nach dem Meere», «für Anspruchslose»; von Restaurants hiess es: «auch Gabelfrühstück, abends kalte Küche», «nicht teuer, oft überfüllt», «mit Münchner und Pilsner Bier». Tag- und Nachttarife der Droschken - getrennt nach Ein- und Zweispännern - waren angeführt. Im Band «Riviera» werden die elektrischen Strassenbahnen Genuas vorgestellt: «Die nach den Vororten fahrenden Wagen sind 6-7 Uhr abends von Arbeitern überfüllt  . . . Die Linie 6 (Sign. blau) führt z. T. durch kühle Tunnel.» Zum Schauspielhaus «Politeama» in der gleichen Stadt finden wir den lapidaren Hinweis: «Es wird geraucht.» Die Informationsmasse war so gross, dass manche Bände bis zu 700 Seiten umfassten - in kleiner Schrift und auf Dünndruckpapier veritable Reise-Bibeln auch im Erscheinungsbild.

Der Baedeker wurde zur Institution, sein Ruf drang bis auf die Theaterbühnen. Die Operette «La Vie Parisienne» aus den zwanziger Jahren erfreute das Publikum mit dem Lied: «Kings and governments may err / But never Mr. Baedeker.» So hatte es schon Kaiser Wilhelm I. gesehen. Pünktlich präsentierte er sich jeden Mittag zur Ablösung der Garde in seinem Palast Unter den Linden, denn, so soll er gesagt haben: «Es steht im Baedeker, dass ich den Wachwechsel vom Fenster aus betrachte, und die Leute sind dafür hergekommen.»

Ähnlichen Einfluss hatten die englischsprachigen Reisehandbücher von John Murray. Bereits acht Jahre nach dem Erscheinen der ersten Bände hiess es 1844 in einem Roman von Charles Lever: «Welcher Engländer geht morgens ohne ihn aus? Bringt man ihn nicht mit zur Kirche, um eine Beschreibung des Gebäudes zu lesen, wenn die Predigt langweilig wird? Ist er nicht der Führer an der table d'hôte, der sagt, was gegessen werden soll und was nicht? Ich kann mir nichts Furchtbareres vorstellen als das plötzliche Erscheinen eines Werks, das allem in dem Handbuch widerspräche. Der Staatsbankrott, die Niederlage in einer Seeschlacht, der Verlust der Kolonien wären noch erträglich; aber wenn wir eines Morgens erwachten, um zu hören, dass der Kontinent nicht mehr so ist, wie wir uns angewöhnt haben zu glauben - welch entsetzlicher Schock!»

Baedekers und Murrays Handbücher - so präzis sie auch waren - hatten allerdings Vorläufer mit noch grösserem, mit geradezu beängstigendem enzyklopädischem Anspruch. Die Apodemiken des 16. bis 18. Jahrhunderts - der Name leitet sich ab vom griechischen apothimeo (verreisen) - dienten als Anleitungen für die Grand Tour, die Europareise junger Aristokraten von oft mehrjähriger Dauer. Seit Hieronymus Turlers 1574 in Strassburg veröffentlichten «De peregrinatione et agro Neapolitano duo libri» bis ins ausgehende 18. Jahrhundert sind über dreihundert solcher Bücher erschienen. Sie enthielten detaillierte Beschreibungen der Reiserouten, hygienische und diätetische Ratschläge, Klugheitsregeln zum Betragen an fremden Orten, religiöse und moralische Anweisungen, geographische und statistische Daten - vor allem aber genaue Hinweise zur Beobachtung und Beschreibung der fremden Länder.

Nichts sollte dem Blick der jungen Reisenden entgehen. Ihre Aufgabe war, Land und Leute in jeder Einzelheit zu erfassen, sich für Sprache und Sitten, Rechtswesen und Umgangsformen, technische Erfindungen und Kunstwerke, Wirtschaft und Naturmerkwürdigkeiten zu interessieren. Systematische Fragenkataloge und Tabellen leiteten die Beobachtungen an. Ausgehend von abstrakten Kategorien, wurden die jungen Reisenden über Unterbegriffe zu konkreten Einzelfällen geleitet. Der situs, die Lage einer Gegend, musste beispielsweise unter den Aspekten Klimazonen, Berge und Bergbau, Gewässer, Wälder, Felder und Weiden, Städte betrachtet werden; der Unterpunkt «Städte» gliederte sich in «innere» und «äussere» Aspekte, diese wiederum in Namen, Befestigungen, Brücken, Plätze, Brunnen, Gärten und Gebäude. Das alles war gut gemeint, aber in der Realität konnte bald auch der aufmerksamste Schüler den schwierigen Klassifikationssystemen nicht recht folgen.

Der 1789 in London erschienene «Patriotic Traveller» von Leopold Graf Berchtold - krönender Abschluss einer zweihundertjährigen Tradition des Ordnens von Reiseeindrücken - enthielt nicht weniger als 2443 Beschreibungsrubriken in 37 Abteilungen. Mit solchen Anleitungen war auch der willigste Reisende überfordert. Der Historiker Justin Stagl schreibt treffend, die «frühneuzeitliche Reisebeschreibungstechnik» sei «unter ihrer eigenen Last zusammengebrochen».

Doch aus den Trümmern der Apodemiken wuchs eine neue Art von Reiseanleitungen: eine sanftere, geniesserischere, die bis heute den touristischen Blick prägt. 1770 unternahm der britische Geistliche William Gilpin die erste picturesque tour durch Grossbritannien. Auf Reisen im schottischen Lake District, in Wales und Südengland fand er «Traumlandschaften», die zugleich abwechslungsreich und wild, geordnet und rauh wirkten. Natur war für Gilpin vollkommen, wenn sie in diesem Sinn als «pittoresk» erschien - wenn sie wie gemalt aussah. Gewiss, nicht immer erreichte die Landschaft dieses hohe Ideal. Aber die Reisenden konnten ihre Mängel korrigieren, indem sie geeignete Aussichtspunkte wählten und sich so ein persönliches Landschaftsbild arrangierten. Reiseführer des späten 18. Jahrhunderts zeigen eine Abfolge von Standorten, von denen aus die Natur sich als «malerisch» darstellte. Thomas Wests «Guide to the Lakes» von 1778 rät beispielsweise: «Bei der Bootsanlegestelle achten Sie auf die beiden kleinen Eichen zu Seiten der Strasse. Hinter dem Baum an der Westseite steigen Sie auf die Spitze des nächstgelegenen Felsens, und von dort sehen Sie alle Schönheiten dieses wunderbaren Sees.» So ging es fort von Aussichtspunkt zu Aussichtspunkt: «Etwas oberhalb des Dorfs Nibthwaite öffnet sich der See in voller Ansicht. Vom Felsen links von der Strasse haben Sie einen Überblick über seinen oberen Teil.»

Die Sichtweisen der picturesque tour haben sich bis heute gehalten. Dazu zählt auch die Vorstellung, schöne Natur sei «unberührt» von menschlicher Tätigkeit. «In Landschaften höchsten Ranges», schreibt der polnische Kunsthistoriker Jacek Wozniakowski über diese Auffassung, «soll es weder eine Spur des Menschen noch seiner Wirtschaft geben, es sei denn in Form von Ruinen.» Die Landschaftsbilder heutiger Reiseführer und -zeitschriften, ebenso wie diejenigen der Tourismuswerbung, halten sich konsequent an diese im 18. Jahrhundert entstandenen Muster.

Schon immer stiessen Reiseführer auf die Abneigung der reisenden Individualisten. Der Schriftsteller Robert F. Kilvert hat diese Aversion 1871 auf den Punkt gebracht: «Es gibt nichts Schlimmeres, als gesagt zu bekommen, was man bewundern soll.» Ludwig Thoma karikierte die gläubigen Benutzer der roten Reise-Bibeln: «Es ist unglaublich, welchen moralischen Zwang dieser Baedeker mit seinen zwei Kreuzen ausübt. Er nötigt uns, minutenlang vor einem Bilde zu stehen und Mienenspiele zu treiben . . . Frau Kommerzienrat nimmt ihren Bleistift und streicht im Baedeker das erledigte Pensum durch; sie betrachtet das Geschehene mit frohen Gefühlen.»

Solche Kritik hat den Reiseführern nicht geschadet. Im Gegenteil: Sie blühen, gedeihen, werden immer bunter, und der Markt boomt. Längst sind die Zeiten vorbei, als eine Baedeker-Ausgabe so viel kostete, wie ein Handwerker in einer Woche verdiente, und die Auflagen bei wenigen hundert Exemplaren lagen. Mittlerweile können wir uns für neun Franken achtzig farbig und schnell über ein Reiseziel belehren lassen, ein Stundenlohn reicht schon für einen hochglänzenden Prachtband.

Trotzdem ist das Misstrauen geblieben. Führen die bunten Reisebücher zu einer bedenklichen Standardisierung der Wahrnehmung? Sehen wir alle das gleiche, wenn wir ihnen folgen? Hatte Charles Lever recht, als er schrieb: «Mit wessen Augen schaut der Engländer auf ein Gebäude, eine Statue, ein Bild, ein Manuskript? Mit John Murrays, das ist sicher!»

Gewiss wählen Reiseführer aus, sie gewichten und schaffen ihre eigene Ordnung der Dinge. Ihre farbige Welt bildet sich nach besonderen Gesetzen. Diese Regeln werden von jeder Epoche neu definiert. Die Pilgerhandbücher des Mittelalters, ehrwürdige Vorläufer der heutigen Führer, zählten zu den Sehenswürdigkeiten vor allem heilige Stätten und Reliquien; die Apodemiken nannten als besuchenswert Krankenhäuser und Raritätenkabinette, Bergwerke und Befestigungsanlagen, Gerichtshöfe und wildreiche Wälder.

Das alles interessiert heutige Reisende wenig. Wir suchen nach Kunst und Natur, nach «unverfälschtem» Volksleben und «typischen» Treffpunkten. In der Kombination solcher Elemente schaffen die Reiseführer ihre besondere Welt. Die Toscana besteht dann aus Rathäusern und Kathedralen, Ölbaumhainen und Zypressenalleen, Weingütern und Trattorien; in der Provence sehen unsere Reisebücher (und wir) Cézanne-Motive und romanische Landkirchen, Klöster, Lavendelfelder und farbenfrohe Märkte, Boule-Spieler und Bouillabaisse.

Viele der neueren Bücher geben zwar im Text aktuelle Informationen zu Wirtschaft und Politik, Alltagsleben und Umweltproblemen der beschriebenen Gebiete. Doch die Illustrationen zeigen konsequent Traumwelten - «unberührte» Landschafen, weitgehend autofreie Städte und freundliche Menschen, die, wenn sie überhaupt arbeiten, mit vorindustriellen Tätigkeiten beschäftigt sind: Fischer und Marktfrauen, Töpfer und Hirten, Priester und Bauern. Wer einmal mit Reisefotografen unterwegs war, weiss, welche Mühe es bereitet, all die Baukräne, Strassen, parkenden Autos, Hochspannungsleitungen aus dem Blickwinkel verschwinden zu lassen, die ständig die Harmonie der Aufnahme bedrohen. Aber die Anstrengung lohnt. Auf den Hochglanzfotos ziehen dann Schafherden durch grüne Weiten, schimmern Olivenbäume silbern im Gegenlicht, stehen einsame Zypressen als stumme Wächter des Landes. Da ist kein Lastwagen unterwegs, da kommt kein Mähdrescher ins Bild, sondern allenfalls einmal eine Vespa oder - besser noch - ein Ochsenpflug. Ungebrochen wirkt hier das zweihundertjährige Erbe der «pittoresken» Sichtweise.

Kein Zweifel: Diese Sichtweise ist nicht «realistisch». Der florentinische Angestellte und die Hausfrau aus Arles würden in unseren Büchern ihre Heimat nur sehr fragmentarisch wiederfinden - zuviel Alltag ist da weggelassen, zuviel Folklore eingeschmuggelt. Aber dennoch stellen die schönen bunten Welten der Reiseführer nicht einfach willkürliche Erfindungen romantischer Gemüter dar. In ihnen drücken sich vielmehr kollektive Traum- und Wunschvorstellungen aus, die als Gegenbilder zu unserem Alltag entstehen: Phantasien vom einfachen Leben, von unzerstörten Landschaften, von unbeschwerter Kommunikation. Reiseführer kombinieren ausgewählte Elemente der Wirklichkeit - Sehenswürdigkeiten und «ursprüngliche» Bevölkerung, Cafés und «intakte» Landschaften - zu Eindrücken, die unseren Vorstellungen von einem anderen Leben entsprechen.

Unser rationales Weltbild wird durchbrochen von den Strömen der Emotion und der Phantasie. Sie beleben und kolorieren die inneren Landkarten unseres Bewusstseins. Reiseführer, so realistisch sie sich auch geben mögen, spiegeln immer auch eine imaginäre Geographie. Das galt schon für die alten Baedeker-Bände. Zwar listeten sie detailliert Zimmerpreise und die Verfügbarkeit von Zentralheizungen auf. Aber ihre «Realität» bestand neben dieser praktischen Infrastruktur des Reisens ausschliesslich in kulturellen und landschaftlichen Sehenswürdigkeiten, hinter denen der Alltag der besuchten Länder verschwand.

Heutige Reisebücher zeigen meist mehr Sinn für die Gegenwart. Aber immer noch tummeln sich wettergegerbte toskanische Winzer und griechische Hirten als späte Nachfahren der edlen Wilden. Immer noch werden wir in irdische Paradiese geführt - die genausogut an tropischen Stränden liegen können wie im Idyll einer bukolischen Hügellandschaft. Diese Träume entsprechen, als Gegenbild zur städtischen Zivilisation, tief verwurzelten Bedürfnissen unserer Kultur. Insofern sind Reiseführer auch Handbücher auf dem Weg zum Heil - zu jener vorübergehenden Lösung von den Alltagssorgen, die das Unterwegssein verspricht.

Christoph Hennig, Soziologe und Publizist, ist Verfasser zahlreicher Reiseführer. Er lebt in München und Corniglia, Italien.


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